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Jüdische Rundschau · 1919-08-05 · Heft 54 (5.8.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 54 (5.8.1919)
Date
1919-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion a. Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag■ u. Freitag־. Abonn.bei d.Exp. u. d. Postämtern viertelj. M. 6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12, i Ausland M. 10,— An * el זו «B*Verwal t un g: 1 Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postsdieckkonto: Berlin Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. I ^392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, I 2'ir• 1560Ja Redaktionsschluß Sonntag u, Mittwoch nachm. Nummer 54 | Berlin, 5. Vfll. 1919 Anzeigenpreis für die lechsgespaltene Nonpareillezeile I 1n . u ,,.,n 1 vvn, . . 75 Pf., Teaerangszuschlag 20%. | 10. Ab 50/9 g XXIV. Jahrg. Opfer Der Zionist befindet sich in diesem Augenblick in einer keineswegs leichten Situation. Er erlebt den kühnsten Aufschwung seiner Bewegung. Aus einer Zusage nach der andern erführt er, daß die Veitmächte entschlossen sind, die Frage des jüdisehen Volkes im zionistischen Sinne zu lösen. Palästiiia soll zur nationalen Heimstätte der Juden werden, der Friedensvertrag mit den Polen stellt die jüdische Minorität unter den Schutz des Völkerbundes und gewährleistet ihr weitgehende Rechte. Die schwierige Lage der Juden in Ostgalizien *wischen zwei sich bis aufs Blut bekämpfenden Völkern soll besonders berücksichtigt werden. Und der Friedensvertrag mit Rumänien wäre schon fertig, wenn nicht die Mächte darauf beständen, der Judenfrage darin eine Lösung zu geben, die cs auch einem rumänischen Ministerium1 unmöglich machen soll, sich seinem gegebenen Wort zu entriehen. Der Zionist kann mit Stolz und Befriedigung die Tatsache verzeichnen, daß es der Zionismus ist, der an der Wende zweier Zeiten die Zu- Icunft des jüdischen Volkes bestimmt. Aber alle Zusagen und Verträge hindern nicht, daß das jüdische Volk eben jetzt die fürchteriichsten Tage seiner Geschichte durchlebt. Hunderte jüdischer Städte und Dörfer sind zerstört, tausende jüdischer Häuser sind verbrannt, zehntausende jüdischer Existenzen vernichtet. Und inehr als fünfzigtausend Judenleichen sind nach glaubhaften Berichten die Zeugen des neuen Geistes, in dem die Polen, die Ukrainer, die Rumänen die nationale Befreiung ihrer Völker durchführen. Wie soll sich der Zionist dazu, stellen? Soll er, unbekümmert um׳ die bitteren Erscheinungen der [Gegenwart, sich und seine Brüder auf die nahe [bessere Zukunft vertrösten, oder soll er seine Zu- Iversicht fahren lassen »md an der Friedenskonfe, [renz verzweifeln, die es nicht vermocht hat, das »jüdische Volk, dem sie die nationale Heimstätte I verhieß, vor gemeiner Abschlachtung zu schützen? Die Juden erleben jetzt die ersten schweren Stunden, die ihnen ihre Anerkennung als Volk | verursacht. Richtig gesehen hat sich auf der Debet- [ seite unseres Schicksals nichts geändert. Daß in I einem Weltkriege die Juden das letzte Opfer der »entfesselten Instinkte der Völker werden, gehört I schon fast zu den elementaren Grundlagen unserer I Geschichte. Geändert hat sidi die Kreditseite. Das I Versprechen Balfours, die Zulassung zur Friedens- I konferenz, die Anerkennung unserer Forderungen I seitens der Großmächte, das Verständnis für die I nationalen Notwendigkeiten des Juden Volkes, das I in Paris in so zukunftsbestimmender Weise zum i Ausdruck kommt, ist allerdings etwas grundlegend I Neues, ein wesentlicher schicksalsbedeutender Fort- I schritt. Was uns stört und verstört, ist die Tat- I sache, daß nicht mit dieser Wendung, mit dieser I enormen Errungenschaft der Gegenwart die I fürchterlichen Ueberliefemngen der Vergangenheit I geschwunden sind, daß nicht die neue Zeit die I »he sofort beseitigt hat, und daß es möglich ist, I daß sie beide nebeneinander bestehen können. Zum I ersten Mal seit dem Verlust unserer nationalen I Selbständigkeit stehen wir jetzt wieder in dem I Auf und Nieder einer politischen Entwicklung, wie I sie jedem Volke in seiner Geschichte begegnet. I Wir sind an das Auf noch nicht gewöhnt. Wir I vermögen es noch nichtrecfht zu! begreifen, daß I es nur langsam vor sich geht, und daß eine Wen- I düng, wie sie die Unterstützung unserer nationalen I Forderungen durch die Mächte darstellt, ttnmög- I lieh gleich eine Wendung auf der ganzen Linie I bedeuten kann. Wenn wir erst einmal wieder eine I längere politische Entwicklung und Geschichte I hinter uns haben, wird es jedem Juden selbst- I verständlich sein, daß eine Katastrophe einem Volke I *1«eh nicht das Recht gibt, an seiner Zukunft I öa verzweifeln, und daß eine noch so feierliche Zu- I *age ein Volk noch nicht der Pflicht entbindet, I sie sich zu verdienen. Wir brauchen nur auf Frank- I reichs Leidensweg und endlichen Triumph: zu I *chauen, um uns bewußt zu werden, mit welcher I Hingabe ein Volk auf seinen Forderungen bestehen I Und sich ihnen opfern muß, um zu seinem Rechte I *» gelangen. ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Sdbaffang einer öifcnälidwedillldi gesicherten Heimsiäiie in Palästina." Baseler Programm. Wir Zionisten haben dadurch eine hohe Verantworturig auf uns geladen, daß wir das jüdische Volk wieder in die Weltpolitik eingeführt haben. Wir dürfen die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, nicht im Stich lassen, wenn ihre furchtbaren Schwierigkeiten und Komplikationen zutage treten. Wir haben das Versprechen Balfours und die Haihing der Friedenskonferenz mit tiefster Dankbarkeit empfunden und als entscheidenden Wendepunkt unserer Geschichte gefeiert. Wir haben weder Recht noch Ursache, von der Politik des Glaubens an den guten Willen der Konferenzmächte uns gegenüber abzugehen, trotz aller Pogrome. Ntyir sind nicht das einzige Volk, das schwer darunter leidet, daß der Fanatismus der Völker sieh blutig gegeneinander entlädt, und daß die Großmächte heute nicht inehr über die militärische Gewalt verfügen, die allein diese wilden Instinkte in Zaum halten könnte. Wir wissen, daß der Druck, den die Friedenskonferehz ausüben konnte, uin die Pogrome zu verhindern, ausgeübt worden ist, und wir wissen auch, daß die Polen bereits beginnen einzusehen, wie sehr sie ihre Interessen morden, wenn sie Juden morden. Diese Erkenntnis darf uns nicht hindern, unsere Forderungen zu erheben, unsere Beschwerden vorzubringen, unsere Anklagen zu schleudern, und unsere Rechte zu verteidigen. Darf uns aber vor allem nicht hindern, selbst an unserer Zukunft als Volk schaffend und aufbauend zu arbeiten. Die Zukunft des jüdischen Volkes ruht nicht auf den Spitzen der englischen Bajonette, sie ruht in unserer eigenen Brust. Wir müssen wissen, daß die Zustimmung der Friedenskonferenz zu unsem Posftfliten uns eist recht Verpflichtet, uns selbst daran zu setzen, daß aus diesen Postulaten Wirklichkeit wird. Die Friedenskonferenz kann uns Palästina nicht ״geben“, ihre Deklaration kann uns nur den Weg freimachen, auf dem wir aus eigener Kraft Palästina zu unserer nationalen Heimstätte machen. Und unser Martyrium ist noch nicht zu Ende damit, daß die Friedenskonferenz sich für uns erklärt. Verbrecherische Bosheit und irrsinniger Fanatismus werden auch weiter nach unserm Blute schreien. Wir weiden erst Ruhe vor den Verholgungen haben, wenn wir die Stellung ausfüllen werden, die wir jetzt im Begriffe sind einzunehmen. Wenn wir auf Grund der Zusagen und der Deklarationen saus eigener Kraft Enezrlsrael aufgebaut haben werden, wenn wir uns stark gezeigt haben als Volk, und in der Reihe der Völker unsern Platz wieder eingenommen haben werden, wird es keiner Bajonette mehr bedürfen, um uns unseres Lebens zu versichern. Seien wir uns klar darüber, daß wir noch nicht so weit sind. Noch׳ sind wir eine in sich gespaltene Masse, noch stehen weite Kreise unseres Volkes fern unserm nationalen Verlangen, und noch bilden wir Nationalen selbst nicht die geeinte Gemeinschaft, die allein die Stoßkraft besitzt, um durdmidringen, und es ist unsere Aufgäbe, nicht die fremder Mächte, zu dieser Stoßkraft zu gelangen. Es ist eine vereinsmäßige Auffassung, wenn wir alles von einem hohen Prptektorat erwarten und maulen, wenn nicht gleich alles glatt von statten geht. Es ist die Pflicht der Zionisten, sich bewußt zu Gliedern eines politischen Organismus umzubilden, dem in der heutigen Zeit außerordentliche Möglichkeiten der Entwicklung gegeben sind, der aber gerade heute auch außerordentliche Lasten und Verpflichtungen verlangt. Erst wenn wir uns gewöhnt haben zu opfern, brauchen wir nicht mehr zu fürchten, geopfert zu werden. Wenn der Zionist sich dieser Zusammenhänge bewußt ist und der Folgen, die daraus zu ziehen sind — Zionistensteuer! Zionistensteuer! — dann weiß er auch, welcher Standpunkt in dem furchtbaren Wirrwarr dieser Tage der einzig würdige, der einzig politische, der einzig nationale ist. Julius Berger. Polen Der polnische Friedensvertrag ratifiziert Der Polnische Landtag hat den Vertrag der Entetiie mit Polen ratifiziert. Damit sind die Bestimmungen über den Minoritütenscbutz in Polen Gesetz geworden. Morgenthau in Polen Dementi der polnischen Pressemeldungen In Nr. 53 der ״Jüdischen Rundschau“ haben wir polnische Pressemeldungen wiedergegeben, in denen Morgenthau sieh in abfälliger Weise über die im Vertrage mit Polen enthaltenen Bestimmungen über den Minoritätenschutz geäußert haben sali. Wir bemerkten sofort, daß zum mindesten die Aeußeruaigen Morgenthaus, die der ״Przeglad Weczomi“ publiziert hatte, so unwahrscheinlich klingen, ״daß sie wohl nur alt ein höchst tendenziöser Kommentar ..... atizi* sehen sind.“ Inzwischen hat Morgenthau in der polnischen Presse sämtliche ihm ztilgeschriebe 11 en Aeußerungen kategorisch dementiert. Wir werden auf diese Angelegenheit noch zurückkommen. Morgenthau‘s Empfang in Warschau Morgenthau wurde von der jüdischen Bevölk*- rurig Warschau mit großer Freude empfangen und auf» herzlichste begrüßt. Sein erster Besuch galt den» zionistischen Büro. Morgenthau hat bereits eint große Anzahl Abordnungen empfangen, die ihre Wünsche vorbrachten. Unter ihnen befanden sich auch die Herren R.-A. Kollenscher und Oberrabbiner Freymiann- Posen. Ein polnischer Intellektueller über die Morgenthausche Kommission Herr Nemojewski ist ein polnischer Intellebtueller. Also wind sich auch sehne Polemafc auf einem entsprechenden Niveau bewegen, wird sich frei - ־toi» kSschehaften Phrasen halten und mit kluger Sachlichkeit begründen, was gesagt^ werden! soll. Und was gesagt werden soll, ist selbstverständlich auch klug, kan« allerdings auch einmal dumm sein, wie ja die größten Geistigen bisweilen irren, wenn ihr Geist durch Leidenschäften unfrei geworden ist. So geschah es mit Hem» Nemojewski als er von der Morgenthausehen Kommission härte und Leidenschaft seinen Geist i!n Banden schlug. Er sucht sich das Blatt der ,,Geistigen“ den Mysl Nepodlega“, und klagt an: Zunächst sei an derSpitzedieser ״prorokatori sehen Kommission“ kein Unparteischer, nämlich Herr Henry Morgenthau. Es scheint doch in Polen völlig unbekannt zu sein, daß vor der Morgenthauschen Kommission schon ziemlieh viel andere Kommissionen dort gewesen sind, die die Wahrheit der Pogrommeldiuigcn nachgewiesen haben. Wenn die Polen ein so reines Gewissen haben, was haben sie den vom entrüsteten amerikanischen (nicht etwa jüdischen) Volk beauftragten Herrn Morgenthau zu fürchten? . Nach dieser wenigstens noch widerlegbaren Einleitung senken sich aber vollends die Schatten einer ungezügelten Leidenschaft um den Geist des Verfassers und er bricht in ein last hysterisches Gekeife gegen Wilson aus, der ״sich auf seiten des Schulchan arudi - Volkes (unter Hinzufügung aller erdenklichen Schiimpfattribute) statt auf Seiten des Volkes von Kosduszko und Mizkewicz (trieft vor Heldentum und Edelmut) stelle“. ״Verschwörung der Juden, Deutschen, Ruthenen und russischen Bolscbewiki gegen die Polen und gegen die Entente.“ Bei der großen Judenfreundschaff der genannten Völker eine besonders wahrscheinliehe Tatsache. Nun aber: ״Die Juden schießen auf die Polen.“ Herr Nemojewski, Sie sind selbst ein Dilettant! wie Sie es Wilson varwerfen. Derartige Verleumdungcn wirkten 1914, nicht aber 1919. — Da es antisemitische Ehrenpflicht ist, von den jüdischen Millionen zu reden, folgt nun eine längere Abhandlung ini bekannten Stil über das jüdische Geld und das ״Weiß« Haus“. Schließlich macht Herr Nemojewski die interessante Mitteilung, daß sich Polen am Vorabende eines Krieges mit den Juden befinde — bei dem die Polen vermutlich die Waffen haben würden, und die Juden sich totschlagen lassen dürften. ־— Aber ganz darf man es natürlich init den Amerikanern doch nicht verderben, folglich erklärt der Verfasser, daß die arnerikaiaschen Journalisten, die nacli Polen kämen, sicher, ״ganz ehrliche Menschen“ wären, daß sie aber, da sie die Sprache des Volkes nicht verständen, doch nur wie ״sympathische Touristen wirkten.“ Sollten die Amerikaner wirklich kein Wort polnisch verstehen, so hätte diese Bemerkung־ eine gewisse Berechtigung, wenn es sich darum handelte, Land und Leute der Polen kennen zu lernen; da dach aber festgestellt werden soll, in welchem Umfange sich die Pogrome abgespielt haben, so dürften auch geringere Kenntnisse der!»!nischen Sprache ausreichend sein. Am• Schluß hält der Verfasser eine längere pftrasenreiche Rede an die amenkanischen Journalisten, die darin gipfelt, daß die ״Kon»- iii'ission ihrer ungeeigneten Zusammensetzung wegen eine Provokation des polnischen Volkes“ darstellte.

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