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Jüdische Rundschau · 1919-08-01 · Heft 53 (1.8.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 53 (1.8.1919)
Date
1919-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion u. Verlag• W, 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden Dienstag «.Freitag, Abonn.bei d.Exp, a. d, Postämtern viertelj, M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12,!.Ausland M.10,— Nummer 53 |".1י Berlin,"111• VIII. 1919 Anielgea-Verwtltnng: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, DorotheenstraBe 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillereile 75 Pf., Teaernngszusdilag 20%. Der Zionismus in der Türkei Die jetzige Lage — Die Bedeutung Konjiantinopels und der türkischen Judewheit Seit dem Zusammenbruch des türkischen Reiches hat sich unter den Juden der Türkei eine starke zionistische Bewegung entfaltet. Das kann niemand wundernetanen, der die türkischen Juden kennt. Es :sind ausgesprochene Nationaljuden, freilich in einem 1etwas anderen Sinne, als man das Wort in Europa gebraucht. Die Juden der Türkei konnten niemals einen Zweifel daran haben, daß sie Glieder des jüdischen Volkes sind. Sie sprachen und sprechen spanioliseh, sie sind staatsrechtlich immer als eine Nation betrachtet worden — genau wie die Griechen, Armenier oder Araber — und es fehlte ihnen — genau wie allen anderen der türkischen Herrschaft!unterworfenen Völkern — der Wille zur kulturellen Assimilation an das herrsehende Staatsvolk; dies aus dem einfachen Grunde, weil es — trotz gegenteiliger Versicherung von Kriegs- Journalisten und anderen ״Sachverständigen“ keine türkische Kultur gibt, an die sich jene nichttürkischen Völker des ehemaligen osmanischen Reiches assimilieren!könnten oder wollten. Mit der Furcht vor den Türken schwand dem-!nach da* äußere Hindernis für die Juden der Türkei, ihrem Nationalgefühl lebendigen Ausdruck zu geben. Von einer kleinen Gruppe Konstantinopler Juden abgesehen, die sich an das Franzosen tum annuliert und dadurch den Zusammenhang mit dem Judentum verloren haben, schlossen sich die geistig regsten Kräfte |dem Zionismus an. Gegenwärtig sind alle zionistischen Vereine der |Türkei in einer Federation vereinigt, die bereits 3000 Mitglieder zählt. Man muß dabei berücksichtigen, daß es sich im wesentlichen um die Juden Konstantinopels und seiner nächsten Umgebung handelt. Die anderen türkischen Gebiete, in denen Juden wohnen, sind unter jden Kriegsverhättnissen nicht zu erreichen und. die Juden Päpstin» haben littürlich Itas: eigenen^ örganJ-j ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer SffeniUch-redhilich gesicherten Heimstätte in Palästina," Baseler Programm. mit der zionistischen Leitung, all dies bedeutete eine gewaltige Arbeit für den jungen Verband. Daß diese Arbeit geleistet wurde, ist vor allem das Verdienst von Dr. Caleb, der mit den! jugendlichen Feuer, das er sich aus seinen Studentenjahren ins Mannesalter gerettet hat, ans Werk ging. Mit Takt und Geschick fand er den Weg zu den politisch maßgebenden Instanzen, mit unermüdlichem Eifer schuf er die Grundlägen einer neuen zionistischen Federation, die in unserer künftigen Arbeit eine bedeutsame Rolle zu spielen berufen ist. Zu Max Nordaus 70. Geburtstag Aufruf des Actions-Comitäs. Am 29. Juli 1919 feiert die Zionistische Organisation Max Nordaus 70. Geburtstag. Nach jahrzehntelanger Arbeit, nach großen, mit Aufbietung aller Kräfte geführten Kämpfen hat die zionistische Organisation die politische Unterstützung der Kulturwelt für die ReaJisiertmg des zionistischen Programms gewonnen. ln diesen historischen Tagen gedenkt die zionistische Organisation in tiefer Dankbarkeit des Altmeisters der zionistischen Bewegung, des Freundes und Mitkämpfers Theodor Herzls, des Mitbegründers der zionistischen Organisation, Max Nordaus, des größten jüdischen Volkstribunen, dessen sprachgewaltiges Wort von der Tribüne des zionistischen Kongresses aus in unvergeßlieh er Meisterschaft dem um seine Anerkennung ringenden Zionismus Losung und Richtung gab und das Gewissen der Kulturwelt durch Mahnung und Anklage erschütterte. Aus der Periode der vorbereitenden Arbeit treten wir in die Periode großzügiger Verwirklichung unteres Ideals auf dem Boden van Ercz Israel. 1 von Erez Israg|j|1ij|ije;!iBiiRisdM [ding* '.ln '‘JufeÄerelSSt^'lSn " KÄtafl nopel wH unter dem neuen Verhältnissen zu einem [der wichtigsten zionistischen, Zentren werden! Dam sollte die Leitung unserer Organisation beizeiten [Rechnung tragen. Hier haben wir eine an Zahl be [deutende, wirtschaftlich aufstrebende, durchaus national [gesinnte Judenheit. Wohl gibt es viel Armut und Unwissenheit in den Judeiwierteln von Haskieny und Balat, aber das nationale Bewußtsein ist ungebrochen, und hier finden, wir, daß, — mehr als an irgendeinem anderen Punkte der Weh ־־״ auch die gebildete und wohl• habende Schicht mit wenigen Ausnahmen nichts von der bewußten Assimilationssucht des modernen Juden zeigt. Aus diesen Kreisen, deren! Jugend bisher kehren festen Rückhalt an einem bewußt gepflegten nationalen [ Zukluiftsideal hatte und sich (Gott sei Dank!) kein solches Ideal von seinem ״Wirtsvolk“ borgen konnte, | kann der Zionismus künftig sehr bedeutende Kräfte an Menschen und Mitteln gewinnen. Und noch aus einem anderen Grande kann Konstantinopel für uaS ein Platz erster Ordnung werden: Hier ist die gegebene Stelle für eines jener Emigrationsämter, | die die Einwanderung nach Palästina zu dirigieren haben. Ein großer Teil der Emigration aus Rußland und Rumänien — vielleicht der größte Teil — wird über Konstantinopel gehen. Hier müssen Auskunftsstellen, Unterkunftshall en, Sanitätsstationen geschaffen werden. Schon jetzt kündigt sich in Konstantinopel1 die Aus- Wanderung aus Rußland und Rumänien immer dringender an, und die Leitung der zionistischen Federation ist deshalb in schwieriger Lage. Diese Leitung befindet sich zurzeit in den Händen von Dr. J. Caleb, einem unserer ältesten Vor■ kätnpfer. Dr. Caleb hat in Wien Medizin studiert gehörte dort zu den ersten Mitgliedern der Kadimah und hat seit vielen Jahren als treuer Anhänger unserer Sache in Konstantinopel, wo er als Arzt ansässig ist, aufrecht und unerschrocken gewirkt. Er ist italieni scher Staatsangehöriger. Die zionistische Organisation war vor und während des Krieges in Konstantinopel durch besondere Be auftragte vertreten. Es waren dies — in zeitlicher Reihenfolge — Dr. V. Jacobson, R. Lichtheini und Dr. Ruppin. Als diese Herren Konstantinopel verlassen hatten, wurde die Vertretung der zionistischen Interessen Herrn Dr. Caleb übergeben. Inzwischen waren die Alliierten in Konstantinopel eingezogen und damit ergaben sich ganz neue Aufgaben. Die Versorgung der Kriegsflüchtlinge und der Vertriebenen aus Palästina, der Rücktransport dieser Flüchtlinge (hierbei wirkte noch Dr. Ruppin entscheidend mit), die Einleitung einer öffentlichen Propaganda für den Zionismus, die Begründung der Vereine und der Fede■ ration, endlich die Anknüpfung der- Beziehungen zu ־den Vertretern der Ententemächte, die Fühlungnahme Israels verbunden sein. Das Actions-Comitd der Zionistischen Organisation hat beschlossen, den Jüdischen Nationalfonds mit der Schaffung eines Werkes in Par lästina zu beauftragen, das Max Nordaus Namen in würdiger Weise verkörpert. Der Jüdische Nationalfonds hat die Ausführung des Planes übernommen. Wir wenden uns an die gesamte Zionistische Organisation, an das gesamte jüdische Volk mit der Aufforderang, die Mittel für die Ausführung des Planes zu schaffen. Max Nord.au, auf dessen volle Mitarbeit die Zionistische Organisation auch für die Zukunft rechnet, soll sich an dem Gelingen erfreuen. Das Actions-Comite der Zionistischen Organisation. Sokolow. Weizmann. Aufruf des Jüdischen Nationalfonds Die ״Korrespondenz des JüdischenNatiomalfonds“ veröffentlicht einen Aufruf, dem wir folgendes entnehmen: Wenn jetzt der Traum zweier Jahrtausende Leben wird, so verdanken wir das in erster Linie neben Theodor Herzl unserem Altmeister Max Nordau, der am 29. Juli 1919 sein 70. Lebensjahr vollendet. Was Nordau dem Zionismus gewesen ist, was er für die Heimkehr seines Volkes nach Erez Israel gewirkt hat, gehört der Geschichte an und wird aus unserer und unserer Nachkommen Erinnerung niemals schwinden. Wenn Herzl, ein neuer Moses, dem Judentum wieder den Weg wies, aus der Wüste des Gohrs in die sonnige Heimat, so war Nordau der Rufer zum Streit, der sprachgewaltige Meister der Rede. Mit weisem Rat hat er Theodor Herzl und seinen Nachfolgern zur Seite gestanden, als ein Mann von weitem Blick und starkem Willen, und in unermüdlicher Treue hat er sein geniales Können und sein persönliches Ansehen für die Wiedergeburt seines Volkes eingesetzt. So steht er vor uns als der große Volksfühirer und als der opferfreudige Sohn des Judentums, das ihm unendlichen Dank schuldet. Wie könnten wir Nordau besser ehren, als durch eine Schöpfung im Lande unserer Zukunft, als wenn wir einen Teil des uns teuren Bodens, in dem die Geschlechter unserer Vorfahren ruhen, mit seinem Namen verbinden! Dieser Boden, der für alle Zeit pationaler Besitz bleiben ,wird, soll uns aber nicht nur Erinnerungen am eine große und unvergeßliche Vergangen►■ heit geben, sondern er soll eine neue Blüte unseres Volkstums erzeugen. Deshalb wollen wir die neuesten Errungenschaften, europäischer Lebensführung nach dein Osten tragen in die neue, alte Heimat, nach Altneuland. Unsere Volksgenossen sollen wieder die Fühlung mit der Natur finden. Das Heimatgefühl muß mächtig Telephon: Amt Uhland 845 «. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u, Mittwoch nachm, 6. Ab 5679 j XXIV. Jahrg. erblühen durch die Liebe zur Scholle. Und diese Liebe wollen wir nicht nur den Söhnen der Bauern einpflanzen, sondern auch den Kindern der Städte, die lebendigen Erdgcruch atmen werden. Der Jüdische Nationalfonds kann Nordaus Namen nicht besser ehren, als wenn er den Boden für eine solche Oartensiedlung, die ״Nordau-Stadt“ erwirbt, auf dein, zu volkstümlichen Preisen erbaut, Wohnungen für eine große Menge von glücklich nach Palästina Heimgekehrten sich erheben sollen. Zionisten, Juden aller Länder! Es gilt, den notwendigen Betrag von 10 Millionen Francs so schnell als möglich aufzubringen. Zeigt, wie ernst es Euch um unsere Sache ist, um die Wiedergeburt und Kräftigung unseres Volkes. Zeigt, daß es Euch ernst darum ist, die Männer zu ehren, die ihr Bestes ein Menschenalter hindurch einsetzten, für unsere große Sache. Ein Volk ehrt sich selbst in seinen großen Söhnen! — Darum zeigt durch Opfer- Willigkeit Eure Liebe und Eure Dankbarkeit für Max Nordau, für den Altmeister des Zionismus. Das Verwaltungskomitee des Jüdischen Nationalfond•. Jean Fischer, J. H. Kann, Nehemia de Lieme, Max Schlö*Singer. Den Haag, Tamus 5679. Polen Die Fremdenregistrierung (Dr ah t me Idung des Londoner Zionistisehen Zentralbüros) Eine jüdische Deputation ersuchte den polnische» Minister des Innern, die zahlreichen hohen Geldstrafe■ gegen die russischen Juden aufzuheben, die versäumt! ..tebea« ׳#יי®!®;Twtndfe,r^f*triere*,a» lassen. Die Deptp äpw«f. feut dem Vertrage mit den Alliierten d'i! bürgerliche Gleichberechtigung aller russischer Einwohneranerkannthabe. ״Gazetta Polska“ bemerkte hierzu, daß die Auffassung der jüdischen Delegation eine falsche sei, da im Vertrage nur diejenigen Einwohner gemeint seien, die in de« Büchern der ständigen Einwohner eingetragen sindi Ebenso bemerkt ״Kurier Polski“, daß laut Informationen, die ihm von Regierungskreisen zugegangen sind, sich der Paragraph nur auf die ständigen Einwohne r Polens beziehe. Man könne zu dieser Kategorie nicht die Personen rechnen, die, obwohl sie lange Zeit in Polen wohnen, ständige Einwohner anderer, Länder sind, die nicht zu Polen gehören. Hierzu bemerken die jüdischen Zeitungen: ״Da zurzeit der zaristischen Herrschaft nur sehr wenige Juden die Möglichkeit hatten, sich in Polen als ständige Einwohner eintragen zu lassen, werden die vielen Zehn tausende* von Litwaken wiederum als Fremde betrachtet werden.“ Das Schicksal der Wilnaer und Pinsker Geiseln Einige hundert Juden, die seinerzeit von den Polen in Pinsk und Wilna interniert worden waren, befinden sich in Lagern in Kali sch und S lupein, wo sie unter den fürchterlichsten Verhältnissen leben. Trotz der Intervention der zionistischen Führer und des jüdischorthodoxen Verbandes, die beide Loyalität der Verhafteten garantierten, wurden sie bisher nicht freigelassen. Sie erwarten dringend eine Intervention. Aus Bialystock. BegrüßungsadresseandieAmerikaner Der jüdische Gemeinderat in Bialystok sandte anläßlieh des amerikanischen Freiheitsfestes am 4. Juli 1919 in hebräischer, jüdischer und englischer Sprache eine Begrüßungsadresse, in der er dem amerikanischen Volk und seiner Regierung für die den jüdischen Volke stets erwiesene Gastfreundschaft und Unterstützung dankte und die Hoffnung aussprach, daß Amerika auch in Zukunft den zur Auswanderung gezwungenen Juden seine Tore nicht versperren werde. Untersuchung der Pogrome Der polnische Kriegsminister teilte der jüdischen Par- Famentsgruppe mit, daß die Regierung die Verbrechen der Posener Soldaten, die diese während der Haussuchungen an Juden in Bialystok begangen haben, durch das Feldgericht untersuchen lassen werde. Gegen die Führer und mehrere Soldaten würden Untersuchungen eingeleitet: werden. Die Regierung werde die Schuldigen schwer bestrafen. Bevor wir zu dieser an sich erfreuliche«, leider nur vereinzelten Tatsache Stellung nehmen, wollen wir da* Urteil de• Feldgericht• abwarten.

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