Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 52 (29.7.1919)
- Date
- 1919-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU ^mm₪₪₪₪₪₪m₪₪₪₪₪₪₪mmm₪₪₪₪₪₪₪₪"₪₪t"₪₪tm₪₪₪₪₪₪mK₪₪m Redaktion n. Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag־ u. Freitag־, Abonn.be! d. Exp. u. d. Postämtern viertel], M.6,— in Deutschland, m Oesterreich Kr, 12, i. Ausland M.10,— Nummer 52 I Berlin, 29. VII. 1919 Anzeigen-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeilc 75 Pf., Teuerongizuschlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktion;sch!uß Sonntag u. Mittwoch nachm, 31 Thammus 5679 I XXIV. Jahrg. Polen Die Biestimmungen, die der Vertrag der alliierten 1Großmächte mit Polen über deii Schutz der nationalen und religiösen Minoritäten trifft, sind rwar mehr als ein Rahmen, aber sie sind keineswcgsiein ganz ausgeführtes Bild. Es wird zu einem hohen Maße erst in späterer Zeit zu entscheiden sein, wie weit die getroffenen Vorschriften einen ausreichenden Schutz für das nationale und bürgerliche Leben der Juden Polens darstellen. Erst die Praxis wird zeigen, ob die getroffenen Be- Stimmungen den berechtigten Wünschen der polnischen Juden und den auf der anderen Seite ebcnfalls-ai berücksichtigenden Wünschen der polnischen Regierung i!1 der Weise entsprochen haben, daß ein harmonisches Zusammenleben beider Bevölkerungsgruppeu, ein Erstarken des polnischen Staates und ein gesichertes nationales Leben der Juden Polens verbürgt wird. Diese Erkenntnis darf uns aber heute nicht hindern, rückhaltlos anzuerkennen, daß die zionistische Arbeit nunmehr auch auf dem Felde der üiasporapolitik einen Erfolg von allergrößtem Ausmaß errungen hat. Das sollte auch der ״Israelit“ «gestehen, der statt dessen den vergeblichen Verach macht, cs so dar'zusteHen, als seien unsere Forderungen labgclehnt, die der Orthodoxie dagegen iurchgesetzi worden. Davon kann gewiß keine Rede sein; von Forderungen der Orthodoxie ist bisher nichts bekannt geworden. Die gesamte polifische Arbeit ist von den Delegierten der ostjüdischen Nationalrätc und des amerikanisch-jüdi- *eben Kongresses geleistet worden unter entschei- ,endem Einfluß der Zionisten, die den größten Teil er genannten Delegierten ausmachen. Der Vertrag mit Polen ist ein historisches Dokument. Die bisher nur in der Theorie vertretenen Äb®hauj»^n.■, wni. Schwte der nationalen Minoritäten sind* Mer zum ersten Mate' in die Wirk-: Schkeit umgesetzt worden. Nicht nur die Bürgerliehe Gleichberechtigung, was eine Selbstverständbchkeit gewesen wäre, sondern auch weitgehender Schutz der religiösen, ethnischen 'und nationalen Eigentümlichkeiten wird in den Bestimmungen gewährleistet. Gewiß ist die deutliche Anerkennung der jüdischen Nationalität als eines politischen Körpers in den Bestimmungen nicht mit der gewünschten Klarheit ausgesprochen worden. Aber besonders aus den Paragraphen über die von den jüdischen Gemeinden einzusetzenden lokalen Schulkomitees folgt die Anerkennung des jüdischen Organismus *is einer Minorität, der gewisse nationale Rechte eingeräuint werden müssen. Getrachtet man die Bestimmungen des Verträges• nicht als den Abschluß einer Entwicklung und nicht als die endgültige Regulierung der Miooritätenfrage, sondern vielmehr, wie *es richtig ist, als Basis, als Grundlage für die weitere Entwickk!ng, so wird man erkennen, wieviel dieser erste Schritt bedeutet und wie ..berechtigt die Freude ist, die das Bekanntwerden des Vertrages in allen *ationaljüdisch gesinnten Kreisen ausgelöst hat. Um es noch einmal zusanunenzufassen, so scheinen die wichtigsten Ergebnisse dieses Verträges besonders in drei Punkten zu liegen. Vor allen Dingen erkennt der Vertrag wenigstens grundsätzlich die Juden als eine nationale Minderheit an, deren nationale Rechte geschützt werden müssen. Es ist der erste Vertrag in der europäischen Geschichte, der die Juden nicht nur für eine religiöse Gruppe erklärt, 4er freie Religionsausübung und bürgerliche Gleich- *tellung gewährt werden muß, sondern der die Juden als eine geschichtlich gewordene nationale Gemeinschaft mit eigentümlicher Kultur und Sprache konstituiert und den Schutz dieser Werte vertraglich fe stiegt. Von ebenso großer Bedeutung ist die BerechtigiingderMächteunddesVölkerkünde s, die Durchführung der Be st im - «ungen ru überwachen, die Regelung der Maßnahmen, die der Völkerbund treffen kann,, um die Durchführung sicherausteilen, und die Zuständigkeit des Gerichtshofes des Völkerbundes in diesbezüglichen Streitigkeiten. Das Prinzip der Nicht- *Btervention in innere Angelegenheiten ist zum ersten Male durchbrochen. Die polnischen Juden ״Der Zionismus eriircbi für das jfidisdie Volk die Schaffung einer &ffeni!idh-rechiliÄ gesicherten Hcfmsifilfe in Paiäiiina." י Baseler Programm. werden, wenn alle Stränge reißen, wenn der gegebene Weg direkter Verhandlung mit der polnischen ,Regierung zu keinem Resultat führt, nicht mehr ohnmächtig auf eine Verfolgung der eigenen Rechte verzichten müssen, sondern sie werden die Möglichkeit haben, sich an eine der Mächte zu wenden, die dem Rat des Völkerbundes angehören weiden und auf diese Weise den Schutz des Völkerbundes für sich in Anspruch nehmen können. Gewiß ’wird dieser Weg nur dann eingeschlagen werden, wenn jeder andere unmöglich gemacht worden ist, und es ist gewiß zu hoffen, iaß Polen einsichtig genug sein wird, das Verhältnis zu den Juden so zu gestalten, daß das Anrufen des Völkerbundes den Juden erspart bleiben wird. Aber die Möglichkeit, diesen Schritt zu tun, gibt der Vertrag, und darin liegt seine außerordentliche Bedeutung. Die dritte wichtige Neuregelung scheint uns in dem Paragraphen zu liegen, der den jüdischen Schulen in Gegenden, wo eine beträchtliche Anzahl von Juden wohnt, das Anrecht auf proportionalen Anteil an den staatlichen Mitteln sichert. Wir haben sofort mit unseren Bedenken gegen diesen Artikel nicht zurückgehalten. Er ist derartig verklausuliert, gibt durch die unklare Wendüng von der ״beträchtlichen Anzahl“ »viel Möglichkeiten zum Ausweichen und macht endlich durch die Tatsache, daß er die Schulkomitees von den Gemeinden ernennen läßt, das Wahlrecht in den Gemeinden zu einer so wichtigen Voraussetzung, daß seine Bedeutung in der Praxis sich unmöglich schon heute übersehen läßt. Auf alle Fälle ist aber die Verpflichtung des Staates im Rrinzip anerkannt, cjgnv.pajj^^^ am zn gewähren. Was der Vertrag im übrigen enthält, ist zum großen Teil selbstverständlich oder hätte es wenigstens sein sollen. Dazu gehören alle Artikel über die staatsbürgerliche Eigenschaft und über die Gleichberechtigung auf bürgerlichem und politischem Gebiet. Was die Anerkennung des Sabbaths anbetrifft, so werden die hier getroffenen Bestimmungen sicherlich vom den polnischen Juden dankbar begrüßt werden. Aber es läßt sich nicht übersehen, daß das wichtigste Problem hierbei ungelöst geblieben ist: die Frage der wirtschaftlichen Betätigung der sabbathtreuen Juden am Sonntag. Schwerer als Gerichtsdienst und öffentliche Wahlen am Sabbath drückt es die polnischen Juden, wenn das Verbot absoluter Sonntagsruhe auch ihnen gegenüber gilt, wenn sie gezwungen sind, zwei Tage in der Woche das Geschäft zu schließen und damit den christlichen Konkurrenten einen Vorsprung zu gewähren, der verhängnisvoll werden kann. Unsere Freunde in Polen werden nicht ruhen dürfen, bis es ihnen gehingen sein wird, die Anerkennung des Sabbaths dahin auszudehnen, daß diejenigen Juden, die am Sabbath ihr Geschäft geschlossen halten, dafür berechtigt sind, es am Sonntag zu öffnen. Auch die Bestimmungen, die die Anerkennung der jüdischen Sprache und des jüdischen Privat- Schulwesens involvieren, müssen als selbstverständliehe Forderungen am jeden modernen Staat gestellt werden. Natürlich haben gerade sie eine besondere praktische Bedeutung. Vergegenwärtigt man sich so noch einmal die Hauptbedingungen des Vertrages, so wird man sehen, welch eine große Aufgabe dem polnischen Judentum noch bevorsteht. Die Arbeit der jüdisehen Delegationen in Paris hat ihnen eine erfolgversprechende Grundlage gegeben, auf der sie nunmehr die Möglichkeit haben, weiterzubauen. Das polnische Judentum birgt in sich große kulturelle und moralische Kräfte. Es Wird die Aufgabe haben, sie zu organisieren, sich den Einfluß zu sichern, der seiner Zahl, seiner •wirtschaftlichen Bedeutpng und seinen kulturellen Fähigkeiten zukommt, und wird in unablässigem Kampf dafür einzutreten haben, daß die Bestimmungen des Pariser Friedens- Vertrages zur Wahrheit werden und daß sie in dem Maße ausgebaut werden, um allen Lebensnotwendigkeit•« der jüdischem Bevölkerung zu entstaatlichen sprechen. Die jüdischen Abgeordneten, deren inutiges und kluges Auftreten im polnischen Sejm wir so oft bewundert haben, werden nunmehr umfassende Aufgaben vor sich sehen. Nicht nur der Schutz gegen plündernde Pogrom borden, nicht nur die Verwahrung gegen antisemitische oder antisemitisch wirkende Bestimmungen wird in Zukunft ihre Aufgäbe sein, sondern die Sicherung und der Ausbau der nationalen Rechte des jüdischen Volkes in Polen. Der ״Manchester Guardian“, das führende liberale englische Blatt, schreibt in einer Betrachtung überden polnischen Friedensvertrag: ״Der Vertrag zwischen den Alliierten und Polen geht im Schutz der kulturellen Rechte der nationalen und religiösen Minoritäten ziemlich weit. Wie weit die auf dem Papier garantierte volle politische Gleichheit zur Wirklichkeit gemacht werden kann, ist die Frage. Das hängt größtenteils von der Verwaltungspraxis ab.“ In diesem Satze ist ausgesprochen, was über den Vertrag zu sagen ist: verheißungsvolle Grundlagen, die durch energischen Kampf der polnischen Juden Ifuszubauen sein werden. Wie sich die polnische Praxis entwickeln wird, wissen wir nicht. Im Augenblick hat, wie die polnische Presse zeigt, der Vertrag eine neue antisemitische Pressekampagne hervorgerufen. Der Pariser Korrespondent des ״Courier Poranni“ behauptet, der Vertrag sei hur geschlossen worden, tun ״Jakob Schiff und Rothschild zu befriedigen“. Eine andere Zeitung, der ״illustrowani Courier Zodzienny“, wagt es, den Vertrag als ״fremde Diktatur“ zu bezeichnen und zu verlangen, daß der Landtag ihn ablehne, um eine Erbitterung der Majorität zu vermeiden. Diese Zeitung schreibt wörtlich weiter: ״Der Sejm fnuß sich den diktatorischen Gelüsten Lloyd Georges entgegenstellen und sein kategorisches Veto einlegen.“ Die antisemitische Warschauer Zeitung ,,Prawda Robot- %*ks׳*״b€hatpiet,‘־dal•־ über die־ Völker ■4« jetzt die* angelsächsischen Reiche find die ״jüdisehen Würmer“ ihre Herrschaft ausübten, daß aber einst der Tag kommen werde, da Polen seine Bedingungen diktieren werde. ״Wir können nicht dort Gefühle suchen, wo das business herrscht.“ So scheint nicht nur der Standpunkt der Presse zu sein. Jüdische Journalisten hatten eine Besprechung mit dem bekannten polnischen Politiker Grabski über den Friedensvertrag. Dieser meinte, daß der Vertrag vermutlich vom Sejm unterschrieben werden würde, daß aber in den jüdischen Bestimmungen Punkte enthalten seien, die unmöglieh wären. Diese Punkte würden die Delegierten nur gezwungen unterschreiben und dann vom Landtag zur Verantwortung gezogen *werden. Polen könne nicht ein zweites Palästina werden. Es sei nicht richtig, daß die Juden auch in anderen Ländern nationale Rechte erhalten hätten, denn in Tscheche- Slovakien und Jugoslavien gehe es so wenig Juden, daß die ihnen dort erteilten Rechte nur theoretischer Natur wären. Man müsse sich in Posen bemühen, die Juden ebenso zu poIonisieren, wie sie früher germanisiert worden wären. Die Juden müßten sich assimilieren, denn der Separatismus führe nur zum Antisemitismus. Solche und ähnliche Meinungsäußerungen braucht man nicht allzu tragisch zu nehmen. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß der polnische Landtag den Vertrag ratifizieren wird, den seine Delegierten in Paris unterzeichnet haben, und es ist auch nicht zu erwarten, daß die extrem judenfeindliche Stimmung, die bisher in Polen geherrscht hat, sich mit einem Schlage ändern wird. Daß diese Stimmung unverändert anhält, beweisen auch Ereignisse der neuesten Zeit. Wenn auch die offenen Pogrome in den letzten Wochen nachgelassen zu haben scheinen — hoffentlich werden aus dem neuerdings von den Polen eroberten Gebiete Ostgaliziens nicht neue Klagen zu uns dringen — so war doch die Aussprache über die Pogrome im polnischen Landtag überaus deprimierend, über die wir bereits berichtet haben. Neuerdings haben sich auch die beiden Führer der polnischen Sozialdemokratie, Daczyn ski und Perl, über die Pogrome geäußert. Sie warnten vor ihnen, weil sie der Entente sonst Gelegenheit geben würde, ״Polen wie ein Kind m behandeln“. Diese (Art der Begründung, die nicht um der pol-