Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 51 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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/ '״ £ W JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion 0. Verlag W. 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag n,Freitag. Abonn.bei d. Exp. u. d. Postämtern viertel], M.6,— in Deutschland, m Oesterreich Kr. 12, i. Ausland M.10,— Nummer 51 I Berlin, 25 VII. 1919 Angel gen-Verval tung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareiüexeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkaseenamt Schedekonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u, Mittwoch nachm, 27. Thammus 3679 T XXIV. Jahrg. Das Problem der Kleinsiedlung in Palästina Von Dr. S. E. S o s k i n ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Sffenflhla-reciiiUd* gesidserien Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Wir dürfen nicht Kinder;in der palästinischen Tradition gedauklidi kleben. Tun wir das, so kommen wir zu einer Vergeudung von Land und Sonne. Was den Befürwortern der großen Parzellen — sowohl für inten - sive als auch für extensive Bodennutzung — fehlt Indem wir die nachstehenden Ausführungen Dr. So skins veröffentlichen., weisen wir in diesem Zusammenhang auf einen in dieser Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ im Auszug wietiergegebenen Aufsatz desselben Verfassers in den ״Hamburger Nachrichten“ über ״Nationalisierung des Bodens“ hin. In der Frage der Aufnahmefähigkeit Palästinas für neue Siedler ist der Sachverstand wiederholt zu Worte gekommen. Es wird mit Recht angenommen, daß Palästina, eine allseitige Erschließung des Landes vorausgesetzt, mindestens 5 Millionen Menschen aufnehmen und ernähren kann. Uneinig׳ ist man sich über das Tempo der Besiedlung. Die sogenannten Minim allsten sprechen von einer Einwanderung von 20—60 000 Mensehen im Jahr als nächstes erreichbares Ziel (Lichtheim, Ru pp in, Weizmann). Ruppin gibt vorsichtigerweise die von ihm geschätzte Gesamtzifferder neuen Einwanderer am Ende des ersten Jahrzehnts mit 300 000 an und geht somit wenigstens dem Fehler der Angabe einer größeren Einwanderungszahl schon für die ersten Jahre aus dem Wege. Die Maximalsten kennen keine Grenzen für die jährliche Einwanderung. Den Rekord schlug Trietsch, als er auf dem Palä- *täna-Delegiertentag die verheißende Lockung in die Versammlung warf: ״Ich wähle als Beispiel eine Ein- Wanderung von 100000 im Jahre, bemerke aber ausd rücklich, daß es mir durchaus fern liegt, mich etwa mit einer solchen oder ähnlichen Ziffer zufrieden zu geben. Ich. glaube, es wird ein Vielfaches — zum mindesten ein Mehrfaches — dieser Ziffer werden.“ Alle diese Versuche, dem Problem mit Zahlen beizukommen, müssen rundweg abgelehnt werden. Der Voraussetzungen für die Einwanderung sind gar viele. Kein Prophet wäre in der Lage, auch nur annähernd anzugeben, in Welchem Tempo die allgemeinen Erschließungsarbeiten, von deren Gange die Auf- «lahmefähigkeit eines Landes für Einwanderer abhängt, gerade In ״Palästina vor ״sieht geben weiden. :Wir sind so gänzlich unerfahren und zum großen^, Teil auch so herzlich unwissend in der Kunst des Staatenbaus, daß es vermessen scheinen müßte, in diesen Fragen mit Zahlen zu jonglieren. Sie sind irreführend, da sie falsche Hoffnungen erwecken, müßig, da sie nur auf durch keine Erfahrung belegten Annahmen beruhen, überflüssig, da sie ohne Wirkung bleiben, und gar schädlich, wenn sie einzelne, geschweige denn Massen, zu überalten Schritten verleiten würden. Erforderlich ist es, das Ziel zu kennen und sich über die Methode zu seiner Erreichung zu einigen. Dieses Ziel ist die Verpflanzung nach Palästina in einer möglichst kurzen Zeit einer solchen Zahl von Juden, die uns die dringend benötigte Präponderanz vor den anderen Volksstammen sichern. Oe von der Natur gegebenen Vorzüge des palästinischen Klimas, geschweige seiner günstigen geographischen Lage, drängen direkt zu der intensivsten Nutzung des Bodens, wobei seine eigene Beschaffenheit dort, wo das in den subtropischen Gebieten besonders wertvolle Naß in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht, nur noch wenig ins Gewicht fällt. Wer in Aegypten gesehen hat, wie fast steriler Wüstensand am Rande der Wüste dank der Intensität der Sonnenstrahlen mittelst Bewässerung und Düngung in reich tragendes Kulturland umgewandelt wird, der wird den für die gemäßigten Zonen gewiß ketzerischen Ausspruch, auf den Boden käme es gar nicht an, sondern auf Wärme, Licht und Wasser, billigen müssen. Die Sonnenwärme und das Sonnenlicht, die das ganze Jahr hindurch die pflanzliche Zelle zu intensiver Arbeit zwingen, sind ein so wertvolles Gut, daß es in den Gebieten, wo sie mit Sicherheit zur Verfügung stehen, sich verlohnt, das etwa fehlende Wasser mit dem Aufgebot von größten Kosten herbeizuschaffen. Während schlechter Boden sich durch Düngung verbessern, das mangelnde Wasser auf künstlichem Wege zuführen läßt, können die Sonnenstrahlen in einem für die landwirtschaftliche Produktion eines ganzen Landes ausreichendem Umfange nicht ersetzt werden. Dies mag zur Erklärung der Vorzüge des subtropischen Klimas genügen. Diese außerordentlichen Vorzüge des palästinischen K'imas schieben gebieterisch die Wasserfrage in die erste Linie. Die wichtigste Aufgabe muß es sein, jeden, * aber auch jeden Tropfen Wasser in diesem Lande auszunutzen; die Wasserwirtschaft wird die größte Sorgfalt der Regierung beanspruchen. Denn wo Wasser ist. in den Subtropen, da ist auch Brot und Wohlstand. Ein besonderes Wasseramt — irrigation department — muß alle BewässerungsmögMchkeiten studieren und für die Beschaffung von Wasser aus Flüssen, Quellen, Seen, Brunnen, für die Aufsammhing von Regenwasser — nicht ein Tropfen dürfte!ungenutzt versickern — in Behältern und für seine Zuführung an die Nutznießer sorgen. Denn die Produktionskraft des bewässerten Bodens ist in den subtropischen Gebieten ungeheuer, Fleiß und Arbeit vorausgesetzt. Die vorteilhafteste und ergiebigste Nutzung des Wassers erfolgt im Kleinbetrieb . beim Gemüse — und Obstbau. Die Voraussetzung für eine intensive Gartenkultur ist die Möglichkeit der Verwertung der erzeugten Produkte. Sie ist in Palästina schon jetzt überall gegeben. Bei der Kleinheit des Landes verfügt es schon gegenwärtig über reichlich viel Bahnen — der Krieg in Palästina wirkte wenigstens nach dieser Richtung aufbauend: Beide Gegner, die Türken unter deutscher Leitung und besonders die Engländer haben in Palästina neue Bahnen und Straßen gebaut Was noch fehlt, sind Zufuhrbahnen, die mit der gesteigerten Einwanderung, ja ihr voranseilend, in Angriff genommen werden müssen. Ueber die Absatzmöglichkeiten der Erzeugnisse des Gemüsebaus und der Obstkultur ist viel gesprochen worden, wie überhaupt auch über die besondere Eignung Palästinas für intensiven Gartenbau. Aber ich finde bei Niemandem — mit Ausnahme von Trietsch — eine richtige Auswertung dieser Möglichkeiten. Oettinger spricht in recht warmen Ausdrücken von dem Gemüsebau als Haupterwerbszweig in Palästina, empfiehlt aber Parzellen von 20 Dun am bewässerbaren Bodens. Auch Ruppin akzeptiert im Großen und Ganzen diese Parzellengröße. Die von Oettinger befürwortete arbeitsintensive Bodennutzung wird von ihm selbst durch die Empfehlung viel zu großer Flächen desavouiert. Eine Familie aus fünf Köpfen, die wir allgemein als Durchschnitt an nehmen müssen, kann einfach nicht 20 Dunam bewässerbaren Bodens intensiv ausnutzen. Sie ist durch die Größe der Parzelle gezwungen, extensiv zu arbeiten. Denn die Arbeit, die in einen sachgemäß angelegten und betriebenen Garten, besonders in den Subtropen, hineingesteckt werden muß, ist ungeheuer 1 in Deutschland füllt «de Bebafiung von tlur 400 *qm — wovon 200 qm intensiv und 200 qm extensiv bearbeitet werden — nach Leberedht M i g g e die Arbeits» kraft einer fünfköpfigen Familie aus, deren Ernährer im Hauptberuf Industriearbeiter ist, deren sämtliche Gliejder aber intensiv im Garten arbeiten. Dabei wird noch nicht der Intensitätsgraid erreicht, wie er in Palästina dank seiner Sonne möglich ist. Auch die Bewässerung der intensiv angebauten Parzelle — also 200 qm ׳— geschieht nur mit den Abwässern der Hauswirtschaft. Diese 400 qm versorgen die Familie mit dem ganzen Gemüse- und 'Obstbedarf fürs Jahr — daher Migges Devise ״Jedermann Selbstversorger“ —- im Werte von 400 Mark. Ei« Hektar so angebauten Landes würde somit jährlich 10 000 Marie abwerfen können, wenn er in seiner ganzen Ausdehnung so aiusgenufzt werden könnte, wie di« 400 qm. Aber das wäre ja gar nicht möglich, auch wenn der Ansiedler selbst, der Ernährer der Familie, im Hauptberuf sich dem Gartenbau widmen würde. IWjrd ein sich ausschließlich! dem Gartenbau widmender Ansiedler, einem Gartenbau, wie ich ihn mir denke und wie er in Palästina unbedingt geboten ist, einen halben Hektar, d. i. 5000 qm bewältigen können? Ich möchte es nicht ohne weiteres bejahen. Dies wäre erst noch zu beweisen; zweifellos würden ihn aber eine solche Parzelle glänzend ernähren! Die kleinste von Oettinger als Heimstätte empfohlene Parzelle, die sein Häusler n ebenberuf 1 ichbebauen soll — W^rüm diese Ansetzung von Kolonist und Häusler nebeneinander? Wozu die künstliche Züchtung von Neidgefühl hei dem mit einer kleineren Parzelle Bedachten? —- Diese Parzelle ist gerade groß genug für unscsrn Großgärtn e r! Auch da wird er schon Schwierigkeiten haben, diese Parzelle richtig zu düngen, denn Dünger ist ja für diese Art intensiver Bodennutzung neben Wasser und Arbeit das dritte Haupterfordernis! Wie trefflich apostrophiert doch Migge in seinem ״Grünen Manifest“*) die deutschen Landwirte: ״Was nur eine Ernte Ihr Bauern? Was, zwei kleine Erträge, Ihr Schreber, Pächter und Siedler? Was, Mißernten? Aber Ihr duldet ja noch schlechten Boden, rauhe Lage, Frost und Wind, Ihr kennt noch ״Klima“. Ihr mit Eurem Rüstzeug an Mauern, Glas und Heizung, mit Regenanlagen und Erdfabrik. Laßt Euch vom Bulgaren und Flamen, von Genf und Paris beschämen,' Drei Ernten jährlich, hört, soll Euer Anfang sein und zehn das Ziel!“ Ja, werden die Zweifler fragen, ist denn so was in Palästina möglich. Warum denn nicht? Wir müssen doch einmal aufhören, nur ״palästinisch“ zu denken, <L b. auf •die bisherige Erfahrung in Palästina zu pochen. •) Die literarische Gesellschaft, Hamburg 1910, Seite 89. ist der gedankliche Schwung, die Fälii ,:.eit, sich von den: in Palästina schon ״Erprobten“ zu emanzipieren, Wer kennt in Palästina die Maxime, drei Ernten jältrlieh soll der Anfang und zehn das Ziel sein? Nein, wir müssen es anders, ganz anders machen als bisher. Kleine Parzellen ist nunmehr di« Forderutig des Tages, groß genug um die volle Arbeitskraft des Ansiedlers und seiner Familie - keine Großbauern und keine Häusler — auszunutzen. Audi beim Getreidebau sind die bislang empfohlenen Parzellengroßen viel zu umfangreich. Wenn der Ackerbau kt der Tat in Palästina nach zehnjähriger Kultivierung des- Bodens nur zwei Prozent abwerfen soll, so wäre es ja ein Wahnsinn, ihn zu empfehlen. Aber es braucht ja ir. Zukunft nicht so zu sein. Denn auch da wird intensiver Anbau auf kleineren Parzellen bei richtigen• Auswahl der Saat, guter Bodenbearbeitung Wunder tun. Nur los von der früheren Konzeption! Nur kein Hinweis auf die ״palästinische Erfahrung“. Wir müsse# es anders machen,!anders und besser! Bailod meint, daß die Oettingersche Auffassung ein Ausfluß seiner argentinischen Erfahrung ist. Da tut er-ihm Unrecht: Es ist palästinensisches Produkt. So wird es in Palästina gemacht. Was noch nicht gemacht wird, muß de» ״Erfahrungen“ angepaßt werden. Ich sehe im Geiste ein gärtnerisches Industriedorf in Palästina. Dorf reiht sich an Dorf. Die Indi«• strie ist Gartenbau; die Fabrik der Garten unter freiem Himmel. Die bewegende Kraft der Mensch. Der Kraft- Spender die Sonne! Auf hundert Hektar bewässerbare« Bodens sitzen 200 Siedlerfamilien. Sie haben eine genossenschaffliehe Gemüse-Konserven-Fabrik, in der die schönsten ״petits pois“ und״ ׳hazrioots verts“ wie 6it Potin liefert, die feinsten! Artischockenböden, Tomate#- püree usw. hergestellt werden. Später kommt eine Marmeladen- und Fruchtkonservenfabrik hinzu, in der die sdiöasten kalifornischen Früchte und besten englischen Jams gemacht werden. Die genossenschaftliche Organisation! sorgt auch für dm Absatz sowohl der Konserven, wie der frisch zu verkaufenden Gemüse. Sind doch Großabnehmer wie Port Said, Kairo, Alexandrien, Beirut, die Hotels im Libanon, und noch näherliegend Damaskm so schnell und leicht zu Wasser und per Bahn erreichbar. Das Industriedorf hat Mustergärten, in welehern erfahrene Gärtner — Deutsche, Flamen, Bulgaren — den Siedlern die Sache gewissermaßen ״vormachen“. Handelsgärtnereien sorgen für die Lieferung von bester Saat, für die Anzucht von Stecklingen. Versuchsgärten unter Leitung von Fachleuten machen sich an die Zücktung der feinsten, dem, Klima zusagenden Sorten heran, sie sorgen für die Einführung neuer, im Lande unb«- kannter Frucht- und Gemüsearten. In den Schulgärte« verbringen die Kinder die Hälfte ihrer Schulzeit und lernen alle die Hantierungen, die sie so vorteilhaft iw Betriebe ihres Vaters verwerten können. Auf 100 ha 1000 Menschen, ja mit den Nebenberufen bis zu 1500! ja, das ist möglich, das ist erreichbar. Nur müssen wir uns von der palästinischen Tradition lossagen. Ballod schätzt die Ausdehnung der bewässerbaren Flächen in Palästina auf 300 (WO ha — seine ״landwirtschaftliche Fabrik“, in der auf 1000 Großgüte nt 50- bis 60000 Arbeiter den ganzen Bedarf einer sechs Millionen Bevölkerung an Nahrungs- und Bekleidung-sstoffen decken, während die so versorgten Einwohner auf den Hügeln und Bergen was anderes treiben, muß ich entschieden abiehnen! Wozu das? Lassen wir doch die Leute in den Ebenen auf kleinen Parzellen die höchsten Erträge dem Boden abringen. Auf 300000 ha bewässerbaren Bodens können viereinhalb Millionen Menscheu leben und produktiv tätig sein! Aber wir können noch mehr bewässerbaren Boden schaffen, wenn wir alle Möglichkeiten ausmitzen Unerörtert muß ich die Frage lassen, in welcher Spanne Zeit dieses Ziel erreichbar ist. Wie ich eingangs dieser Ausführungen sagte, ist es eine undankbare und auch überflüssige Aufgabe, hier einen Propheten spielen zu wollen. Wer kann auch nur mit annähernder Genauigkeit sagen, wann wir die Ent- und Bewässerungsarbeiten, sagen wir allein der Huleebene vollendet haben werden? Für die große Be- Siedlung, d. h. für die Verpflanzung der tausenden von ' neuen Siedlern, kommen doch gerade die ßodenkomplexe in Frage, die vorher hierzu ״aptiert“ werden müssen. Inzwischen aber haben wir Wichtiges zu tun: Die Musterdörfer — 2 bis 3 — in verschiedenen Teilen des Landes ins Leben zu rufen, in denen wir alle die angeregten und noch viele andere Vorschläge durahführen, Mustergärten H andelsgärtnereden, Versuchsgarten usw." an legen und «Me ersten Siedler an setzen. Warum ich nur von «ten bewässerbaren Böden spreche und die anderen zahlreicheren, übergehe? W«il gerade bei künstlicher Bewässerung dte~ Vorzüge des