Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 50 (22.7.1919)
- Date
- 1919-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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iUDAICA Redaktion «.Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Ersdbeint jeden Dienstag u. Freitag, Abonn.bei d, Exp. a. d. Postämtern viertel), M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12, i, Ausland M, 10,— Nummer 50 Berlin, 22. VII. 1919 A«1 »ei gen »Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 «.4815, Anseigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareilleseile 75 Pf., Teuerungstuschlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschlufi Sonntag u. Mittwoch nachm. 24. Thatnmus 5679 j XXIV. Jahrg. Pogrome und Politik Von Leo Rosenberg. Die Naturgeschichte der polnischen Pogrome zu ergründen, ist auch für denjenigen nicht leicht, der mit Menschen und Dingen jenseits der Grenzpfähle einigermaßen vertraut zu sein glaubt. Die blutigen Vorgänge in Polen, die wilden Ausbrüche des Hasses und des Verfolgungsgeistes bildeten auch für alle jene eine Ueberiaschung, die die seit zwei Jahrzehnten von emsigen Sämännern in alle polnischen Herzen gestreute Drachensaat des Hasses und des Verfolgungsgeistes heillos gedeihen;und einer Ernte entgegenreifen sahen, deren Vor-;.eichen sie schon mit Schrecken erfüllten. Auf diese Ernte des Blutes war aber niemand gefaßt, diese Bhitorgien konnte niemand erwarten, der dem polnischen Volkscharakter sowohl wie der Eigenart und dem Werdegang der gegen jüdischen Bewegung in Polen Verständnis entgegenbrachte. Ausgeprägt materiellen und nicht ideellen Momenten entsprungen, auf wirtschaftliche und soziale und nicht auf geistige oder politische Ziele gerichtet, 9chien der neupolinisChe Antisemitismus sich ausschließlich gesellschaftlicher, friedlicher Kampfmittel bedienen zu wollen. Dem polnischen Volksleharakter, der immerhin von Elementen westlicher [Gesittung und westlichen Kulturbewußtseins ge-!tränkt und von Östlicher Primitivität frei war, waren [russische, allzurussische Methoden der judenver- |folgung kaum zuzutrauen. Die ״klassischen“ russi- [sehen Pogromepochen waren am polnischen Volke [spurlos vorübergegangen; weder in den achtziger [Jahren des vorigen Jahrhunderts, noch in der nach- [revolutionären Aera von 1906/07 hat dieses Volk, [aller Lockung und Verhetzung ungeachtet, eine [Blutschuld auf sich geladen, ein Umstand, worauf [volksfreundliche polnische Intellektuelle sich nicht jwenig zugute hielten. Und nun Lemberg, ‘Mn«K und'Wilna, mm dieser Rekord*üaäfSdfe [Scher Bestialität, Taten, wogegen die Pogrome [des Zarismus wahrlich Zu harmlosem Treiben herab- (sinken. Die Pogrome des Zarismus waren bekannt- ]!ich von höchster Staatsraison eingegebene, wohl- [arrangierte ״elementare“ Volksempörung, und die [gegenwärtigen polnischen Pogrome wären allenfalls [einigermaßen begreiflich, wenn sie zielbewußte ab- [sichtsvolle Aktion und Ausfluß neupolnischer Staats- [weisheit wären. Indessen spricht nichts dafür und [alles dagegen. Nidit als ob dies nicht dem Zuge [des Herzens und dem Tatwitlen der gegenwärtigen [polnischen Machthaber — das sind nicht die [Herren Pilsudski und Paderewski, die bei [aller SCheinherrlidikeit armselige Popanzen der [nationaldemokratisdien Hintermänner sind, sondern [eben die nationaldemokratisehe Kamarilla und das [nationaldemokratische Beamtentum — nicht ent- [sprechen ‘würde. Für diese ist Judenblut längst ״besonderer Saft“ mehr, und es ist ihre Schuld [nicht, daß die polnischen Massen bislang vom [Blutrausch verschont blieben. Allein es hieße wahr- [lieh diesen klugen Männern alle Klugheit, diesen [mit allen Wassern gewaschenen Politikern jeden [politischen Sinn absprechen, wollte man annehmen, [sie hielten diesen Zeitpunkt für die Veran- [stalfung von Pogromen für geeignet. Das ist die [augenblickliche politische Situation Polens ganz [und gar nicht. Die polnischen Wortführer in Paris [haben daran glauben müssen. Judenpogrome in [Polen in einem Moment, in dem Men das Freiheits- [geschenk aus den Händen der Welt empfangt und [in dem ihm die Freiheit anderer Völker an vertraut [werden soH, wäre der Sache des neuen Reiches, nd wenn Herr Paderewski mit Engelzungen redete, [und willfährige Mietschreiber sich die Finger [wundschrieben, höchst abträglich, das mußten die [Herren in der Gefolgschaft eines Dmowski genau [wissen. Der Schaden für die politische Sache [war denn auch sehr groß, und die gesamte pob [nisehe Presse der letzten Wochen meint es mit [ihrer Warnung vor weiteren Pogromen und ihrem [nachdrücklichen Hinweis auf deren Schädlichkeit [fär die polnischen Interessen sicherlich ebenso trnst, wie die antisemitische Mehrheit des pol- [nischen Landtages, die in der Sitzung vom 28. Juni |*n einer besonderen, Interpellation die Verfolgung ״er Ausschreitungen gegen die Juden forderte, letzten Endes diesen blutigen Ereignissen ״Der Zionismus erstrebt für du jüdtidw Volk die Schaffung einer dffeniiid!»redütlid) gelidierten Helnuiätte in Palästina." Baseler Programm. haben es die Polen selbst und haben es auch w i r zu verdanken, daß der Zusatzvertrag mit Polen, in dem die Postulate einer nationalkülturelkm Autonomie im wesentlichen verwirklicht sind, sich ungeachtet aller Gegenströmungen so rasch durchsetzen konnte. Auf die Forderung nationalkultureller Autonomie sind nun logisch offenbar besonders erfindungsreiche Köpfe in ihrer Suche nach Pogrom- Ursachen verfallen. Da die polnischen Pogrome offenbar weder Staatspogrome noch Volkspogrome sind, so müssen sie eben — Parteipogrome sein. ״Die Pogrome haben einen ausgesprochen polit isch e n Charakter und sind von einer bestimmten politischen Partei herbeigeführt und organisiert worden,“ meint Herr Binjamin Segel in der letzten Nummer des grünen Mosseblattes. Er kamt sich dabei auf einen Kronzeugen berufen, auf ein Mitglied der polnischen Friedensdelegation nämlich, das auf die Aufforderung Nahum So ko- 10 ws, den Pogromen Einhalt zu tun, erwidert haben soll: ״Sie wünschten den Krieg und haben ihn; Sie suchen unsere nationale Einheit durch Ihre nationalen Forderungen zu zerstören. Jetzt haben Sie das Resultat. Die Unruhen sind das unvermeidliche Resultat Ihrer antinationalen Politik.“ ״Hier liegt der Hase im Pfeffer!“ ruft Herr Segel triumphierend. Hier ist der Hase, der von nichts weiß, könnte man ebenso geistreich parieren. Die ״nationalen Forderungen“ bedeuten natürlich die ״nationale Autonomie“, d% am heftigsten und ,nachdrücklichsten von den Engländern, und Amerikanern vertreten werden; ״die galizisehen Juden waren mit der bürgerlichen Glcichberechtigung und der Autonomie der Kultusgemeinden, ״,deren . sie sich... unter .österreichischer HepschWt erfreuten, vollkommen Zufrieden. Die Massen der galizisChen Juden haben keine Ahnung, was die ,nationale Autonomie‘ eigentlich bedeutet; diese wurde nur von geräuschvollen und betriebsamen poalezionistischen Politikern gefordert.“ Man sieht, idie eigenartige Logik »wird von einer überwältigenden Tatsachenkenntnis noch übertroffen. Die Massen der galizisChen Juden, die mit der bürgerliehen Gleichberechtigung und der Autonomie der Kultusgemeinden vollkommen zufrieden sind und von ״nationaler Autonomie“ keine Ahnung haben, haben nämlich in den österreichischen Reichsratswählen von 1907 unter schweren Opfern und im Kampfe mit einem polenhörigen übermächtigen und skrupellosen Assimiiantentum und WunderrabbikRingel in großer Mehrheit (30000 von insgesamt 57 000 auf jüdische Kandidaten entfallenen Stimmen) die nationaljüdischen Kandidaten gewählt, deren Programm eben die ״nationale Autonomie“ war. Die Hunderte von jüdischen Städten und Städtchen, die aus gleichem Anlaß für die Anerkennung der jüdischen Nationalität bei der Reichsratswahlreform sehr lebhaft demonstrierten, taten es ebenfalls aus purer ״Ahnungslosigkeit“. In gleicher Weise das heutige polnische und galizisehe Judentum, das eben in seiner erdrückenden Mehrheit autonomlelüsterne nationaljüdische Abgeordnete in den polnischen Landtag entsandt hat. Die jüdischen Massen Galiziens haben auch bei den amtlichen Erhebungen Hunderttausende an Strafgeldern dem galizischen Fiskus eingebracht, dieweil sie Jidisch als ihre Sprache bezeichneten. Was ״nationale Autonomie“ bedeutet, weiß der letzte jüdische Wasserträger des galizischen Marktfleckens, der an seiner jüdischen Schule, seinem jüdischen Recht und seiner jüdischen Innung hängt, offenbar besser als der ehemalige galizisehe Jude Segel. Daß die jüdische Autonomieforderung ausschließlich von den Poale-Zionisten vertreten wird, ist uns ganz neu; sie wird nämlich außer von der zionistischen! Gesamt Organisation — ihre klassische Fonnuliej rnuig hat die Autonomieforderung bekanntlich im j ״Helsiugforser Programm“ sowie auf der Petersburj ger Konferenz der russischen Zionisten von 1917 gebinden, während sie die polnischen Zionisten bei den Wahlen zum Warschauer Stadtrat rückhaltlos aufs Schild hoben — auch von der nichtzionistischen ״Volkspartei“ und sogar wenn ״Bund“ und von der ״Polnischen sozialistischen Partei“ aufgestellt (Die Vertreter die:!cr den sozialistischen Block im Stadtrat bildenden Parteien, des P.!P. S. und des Blindes, gaben in der Eröffnungssitzang des Warschauer Stadtrates vom 25. Juli 1916 eine Erklärung ab, in der i 111 Namen ,der jüdischen Arbeiterklasse für die Juden eine kurairell-nationale Autonomie - und Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache verlangt werden!). Doch dies nebenbei. Also die nationalkulturelle Autonomieforderung hat die Pogrome verschuldet. Wir wissen nicht, ob von den Pogromen auch diejenigen, die die nationalkuiture Ile Autonomie entschieden ablehnen, betroffen wurden. Wir wissen nicht, ob unter den Opfern von Lemberg und Wilna auch Assirnilanten waren; sie sind ja an Zahl kaum sichtbar, und namentlieh vom neuen polnischen Sport, dem Bärterupfen, sind sie, da sie keine Bärte tragen, sicherlich verschont geblieben. Was wir aber ganz genau wissen, ist, daß sich die polnische Judenhetze bisher in gleicher Schärfe und mit gleicher Wut auch gegen die polnische Assimilation gerichtet hat, der diese Autonomie ein Greuei ist. Und daß dieselbe polnische Partei, die sich heute hier und da auch des Vorwandes der jüdischen Autonomieforderung bedient, — die Hervorhebung dieses Punktes in der polnischen Hetzpresse ist meines Wissens kaum häufig; in der allgemeinen Hetzpropaganda spielt der letztere eine ganz untergeordnete Rolle —- in weit schärferer Weise gegen die etwaige Ueberfüllung polnischer Schulen mit Juden auftreten würde, was ja die nationalkulturelle Autonomie verhindern will. Die Assimilation, also das Gegenteil der nationalkulturellen Autonomie, würde die Juden in den polnischen Lebenskreis hineindrängen, sie in noch höherem Maße als im Westen zu ״Verwaltern des geistigen Schatzes“ des polnisehen Volkes und aller anderen nationalen. Schätze machen, würde ja die von der Partei des Herrn Dmowski so haßerfüllt bekämpfte ״Verjüdung“ des polnischen Lebens ins Maßlose steigern. Das wissen. .die (jf$ims£he!L. Judenfeinde ,ganz ^enM^ und darum richtet sich ihr Haß gegen die Ideologie und die Praxis einer nicht restlosen — ungetauften — Assimilation in nicht minderem Maße als gegen den jüdischen Nationalismus. Sie, die für den Ausschluß der Juden aus den polnischen Schulen, aus dem polnischen Heere, aus allen polnischen Lebensgebieten eintreten, wünschen die Assimilation der jüdischen Massen ganz und gar nicht, sondern im Grunde eben jenen Zustand der Sonderung und Scheidung, die Kulturautonomie ist. Ihr Judenhaß ist älter als die Autonomieforderung und nach Palästina haben sie die Juden bereits geschickt, als es noch kein Baseler Programm gab. Sie werden um Auskunftsmittel niemals verlegen sein; die nationatkulturelle Autonomie ist nur ein Giftpfeil mehr in ihrem Köcher. Es ist eine Engstirnigkeit und Torheit sondergleichen und es zeugt von einer geradezu rührenden Tatsachenfremdheit, wenn man die polnische Pogrombewegung so hinstellt, als wäre sie von einer Partei ־— der Nationaldemokratie — gegen die jüdischen politischen Forderungen ins Werk gesetzt. Eine ebenso völlig unbegründete, gedankenlose Behauptung ist es, daß die Verwirklichung der jüdischen Kutturautonomie die Beziehungen zwischen Juden und Polen •und die jüdische Situation verschlimmern könnten. Das mag der Oberflächlichkeit, der politischen Sehweite des Schlüsselloches einleuchten. Aengstliche Gemüter, die schon von jedem Theaterdonner und jedem Augenblicksgetöse benommen sind, mag das hier und dort aufzischende, in "der vieltönigen Kakophonie des polnischen Judenhasses wahrlich kaum hörbare Gekreisch gegen die nationalen Forderungen einschüditem. Die besonnene, nicht an Oberfläche und Schein haftende Betrachtung läßt sich dadurch in der Erkenntnis nicht beirren, daß es eine fortschreitende Assimilation des polnischen Judentums, also das Gegenteil eines vollentwickelten, gesicherten kulturellen Eigenlebe ns ist, von der die schlimmsten Gefahren nicht allein für den Bestand dieses Judentums, sondern auch für die künftige Gestaltung der polnischjüdischen Beziehungen drohen. Die Assimilation, die Polonisierung des jüdischen Elements, die ja niemals restlos werden kann, würde die Reibungsflächen nur ungeheuer vermehren, die einander fremden, auseinanderst rebendem Elemente fortwährend aufeinanderbringen, den haßerzeugenden Wettbewerb von dem bisher ausschließlich wirt-