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Jüdische Rundschau · 1919-07-18 · Heft 49 (18.7.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 49 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JUDßCHE RUNDSCHAU Redaktion n. Verlag W. 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag «.Freitag, Abonn.be! d Exp. a. d. Postämtern viertel). M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12, i. Ausland M 10,— An «eigen-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW.ל, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 0,4815, Anzeigenpreis für die sechsgesp&ltene Nonpareillexeile 75 Pf״ Teuemngsauschlag 20 °/0. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkasienamt Scheckkonto Nr. 156030. RedaktionsschluB Sonntag u. Mittwoch nachm, 20 Th am m us 5679 | XXIV. Jahrg Herzl als Erzieher Zu seinem 15. Todestage Von Adolf Poll 3k*). Um die Gestalt Theodor Herzls rankt sich bereits die Legende. Auf die neue Generation, die Herzl nicht mehr erlebte, wirkt die wunderbare Wandlung in seinem Leben, das einfach-erhabene Pathos seines Wortes und die sichtbare Größe des von ihm geschaffenen Werkes fast mit der gleichen Stärke, wie auf Herzls Zeitgenossen. Aber selbst in den Augen seiner engeren Mitarbeiter wächst Herzls Gestalt von Jahr zu Jahr, und was sein schöpferischer Geist in jahrelangen Mühen entstehen ließ, all die Formen und Aeußerungeti unscres nationalen Lebens, bringen uns Herzls Größe täglich und stündlich zum Bewußtsein. Der Generation von h§ute ist es beschieden, jenen grojten, geschichtlichen Moment zu erleben, den Herzls Prophetengeist vorausahnte, als er daran ging, die ״Judenbeit für ihre kommenden Geschicke zu organisieren.“ ״Die Judenfrage ist zur politischen Weltfrage geworden und wird im Rate der Kulturvölker geregelt werden.“ Wir stehen am Beginne einer neuen Epoche, die gleichzeitig die stärkste Probe unserer äußeren und inneren! Bereitschaft sein wird. Vor uns und der Welt werden wir den Beweis zu erbringen haben, ob wir die ״höhere, bessere Generation“ sind, deren Kommen Herzl voraussagte, ob das ״Geschlecht vvunderbarer Juden bereits aus der Erde emporwuchs.“ Angesichts der Schicksalsstunde des Jüdischen [Volkes erhält die Wiederkehr des fünfzehnten [Todestages Theodor Herzls eine besondere Weihe. [Stärker und klarer als sonst fühlen wir es, daß Was, was die besten Herzen und Köpfe im Juden.- ■tat»he*ie;|jiiilliy:׳ I» ■4־s£;*dlpItpt«i|geÄ WiiifliiiiiP;* Reit mm :sehta* ÄSgaügsjiuiidf findet. Am!tiefsten aber empfindet dies die jüdische Jugend. ■ in diese Jugend setzte Herzl seine stärksten Hoff- [nungen, als er seinen ersten Weckruf in die Welt Ihinaussandte. Er sagt: ״Indem ich zur Vernunft [spreche, weiß ich dennoch wohl, daß die Ver- |m1nft allein nicht genügt. Alte Gefangene gehen [nicht gern aus dem Kerker. Wir werden sehen, lob uns schon die Jugend, die war brauchen, nach-!gewachsen ist; die Jugend, welche die Alten mitreißt, auf starken Armen hinausträgt und die Vernunftgründe umsetzt in Begeisterung.“ Die Hoffnungen, die Herzl in die jüdische Jugend setzte,!haben sich erfüllt. Die jüdische Jugend hat Herzls Ruf mit begeisternder Zustimmung aufgenommen, und so lange er lebte, war der Zionismus eine Bewogung der Jungen, und diese sind ihm treu geblieben bis zum heutigen Tage. Aber auch die 1,Vernunftgründe“ sind nicht ohne Wirkung ge- [blieben und neben einer von Jahr zu Jahr wachsen- [den Zahl junger Zionisten, neben der kleinen, [treuen Avantgarde von Jünglingen, die allmählich [Männer geworden sind, haben gar viele Alte den [Weg zu uns gefunden. Der Zionismus ist heute [»ch numerisch der stärkste Machtfaktor des Ju- [dentums. Seine Stärke liegt nicht allein in der Kahl seiner Anhänger und der Fülle seiner organilatorischen Kräfte, sondern vor allem in der Reinpeit und Kraft seiner Idee. Die stärkste Kraftquelle [dieser Idee finden wir in Theodor Herzl. Es ist Picht richtig, wenn man bei uns von einer Rück- •ehr zu Herzl spricht. Wir brauchen zu Herzl Picht zurückzukehren, denn wir haben uns von Pm niemals entfernt. Wer etwas derartiges be- Puiptet, der fjat Herzls große und einfache Idee Picht begriffen. Daß eine große politische Bewe- P®g, wie der Zionismus z!ur Verwirklichung seiner Kiele sich verschiedene# Mittel und Wege bedienen!11uß, hat niemand klarer erkannt und bewiesen P'ie Herzl. War es doch sein Schöpfergeist, der »ms die Mittel schuf und die Wege wies, die zum »rfolg führten. Auch darin war uns Herzl der ■roßc Erzieher. I Aber nichts gleicht der Wirkung, die von der pesamtpersönlichkeit Herzls auf das sittliche und ■ *) Der Verfasser dieses Artikels ist einer der ersten ■"hfbeiter Herzls gewesen und hat bereits im Jahre ■ , Men his torischen ersten ZtanistenkangreB in Baad ■«bereiten helfen. ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schäftung einer üffentlidb-rechilidi gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm• intellektuelle Niveau der jüdischen Jugend ausgeht. Die einfache Schilderung seines Lebens und seiner Taten wird dermaleinst ein jüdisches Heldenbuch im edelsten Sinne des Wortes sein. Für alle die, welche Herzl erlebt haben, sind die Oestalten eines Moses, Jeremias und Maccabis kein Mythos, sondern von einem lebendigen Inhalt erfüllte Vorbilder. Und wer könnte heute die Wirkung ermessen, die Herzls Persönlichkeit auf künftige Generationen und auf die werdende Gemeinschaft in Palästina ausüben wird? Er sprach einst davon, daß wir in unserem Streben nach dem alten Lande eine neue Blüte der jüdischen Kultur erhoffen, ln diese werdende jüdische Kultur ist durch Herzl eine eigene Note hineingekommen, die in eine höhere Synthese von Judentum und Menschentum ausklingen wird. Diese Synthese war in Herzl verkörpert. Deswegen ist er zum Erziehe!׳ seines Volkes geworden und als solcher .wird er fortleben, so lange ein Jude auf Erden wandelt. Herzi’s ״Neues Ghetto“ auf der Bfihne Theodor Herzls Bühnenwerk ״Das neue Ghetto“, in dem die Probleme des aus dem Ghetto tortstrebenden jungen Juden dramatisch gestaltet sind, wurde vor kurzem im ״Pavilion-Theatre“ in London zum ersten Male in einer englischen Uebersetzung von M. J. Lantla aufgeführt. ,Der Berichterstatter des ״Jewish Chronide“ fand, daß die Uebersetzung des Dramas, das einige sehr starke dramatische Momente besitzt, ausgezeichnet den Geist •des Werkes wiedergebe u!nd gut das Wiener Milieu des Anfanges der neunziger Jahre treffe. Während der von dem Uebersetzer selbst in- , szefierten Aufführung ereignete sich ein aufregender «}Ähetiscltife« 'Stellen •del Drama* Biietn, klang• plötzlich der Ruf: ״Der Frieden ist unterzeichnet“. Die Zuhörer verstanden ״Feuer“, und eine Panik brach aus, die aber durch die Geistesgegenwart des Dirigenten, der die ״Hatikwah“ intonierte, ein schnelles Ende fand. Das Publikum stimmte begeistert ein lind die Aufführung konnte fortgesetzt werden. Mr. Land a hat von Herrn Hans Herzl, dem Sohne Theodor Herzls, der bei der Erstaufführung zugegen war, einen Brief empfangen,‘in dem es heißt: ״Es war eine äußerst interessante Bereicherung für mich, da ich das Stück noch nie auf der Bühne gesehen habe. Ich möchte Ihnen zu der gleichwertigen Uebersetzung lind dem sympathischen Charakter der Aufführung meine Glückwünsche aussprechen.“ Wie die ״Wiener Morgenzeitung“ meldet, wurde ״Das neue Ghetto“ am 30. Juni 1919 auch im ״Wiener Komödienhaus“ im Rahmen einer vom Zionistischen Landeskomitee veranstalteten Sondervorstellung der ״Arche“ zur Aufführung gebracht. Der Abend Wurde durch Hugo Zuckermail ns ״Prolog zu einer Herzlfeier“ würdig eingeleitet. Otto Warburg Zum 60. Geburtstag Geburtstage sind Feste des Familienlebens. Sie vereinen der %gei nach nur die nächsten Familienmitglieder und die intimsten Freunde des Hauses zu gemeinsamer Feier. Und doch hat zu allen Zeiten auch die Oeffentlichkeit von ihnen Notiz genommen, und auch eine so vornehm zurückhaltende und so überaus bescheidene Menscf ennatur wie unser verehrtester Professor Warburg wird es sicher nur angenehm empfinden, wenn sich an seinem sechzigsten Geburtstage auch die zionistische Oeffentlichkeit als Gratulantin meldet. Wir Zionisten sind zwar nicht eine neue Sekte, wie man hier und ■da innerhalb und außerhalb unserer Reihen gewitzelt hat. Aber gemeinsame Zukunftshoffnungen, ein gemeinsamer Lebensinhalt und eine uns aufgedrungene gemeinsame Abwehr haben uns schon längst zu einer sich durrib tausend Bande verbunden fühlenden großen Familie werden lassen. Und so ist uns der 20. Juli 1919 der sechzigste ,Geburtstag unseres Familienoberhauptes, an dem wir alle unseren Anteil nehmen und unsere Glückwünsche äarbringen. Mehr als 25 Jahre sind seit dem Tage verflössen, als sich Otto Warburg seinem uns leider nun schon über ein Jahrzehnt entrissenen Schwiegervater Gustav G. Cohen ab Nationaljude offenbarte. Seit dieser Zeit hört die rege Anteilnahme Otto Warburgs an der Palästinafrage nicht mehr auf, tiäid so war er einer der ersten, der sich in( Berlin der zionistischen Organisation anschloß. Jeder Fortschritt der praktischen Palästinaarbeit ist mit seinem Namen verknüpft: die vom Aktionscomite eingesetzte ״Kommission zur Erforschung Palästinas“, das ״Palästina-IndiustriesyndikA“, die ״Immobiliengescllschaft Palästina“, ״Bezald“ die ״Palestine Land Development (jompany Lra.“, aber auch die ״Palästina - Forschungsgesellschaft“ und der Verein ״Esra“. Vom ersten Tage seiner Mitarbeit konzentrierte Otto Warburg seine Aufmerksamkeit auf die praktische Palästinaarbeit. Und heute, wo aller Streit über politischen und praktischen Zionismus Gottlob der Vergaingenheit angehört, wo eine neue politisch Konstallation uns über all diese Schwierigkeiten des Anfangsstadiums hinweggehoben hat, wo wir uns einig sind :,daß der Zionismus seine politischen Erfolge mit in erster Reihe seiner praktischen Arbeit in Palästina verdankt — wissen wir, daß die zionistische Masse instinktiv das richtige getroffen hat, wenn sie in Otto Warburg seit seinem ersten Auftreten in der zionistischen Oeffentiichkt'it den vornehmsten und charakteristischen Repräsentanten der praktischen Palästinaarbeit, des Willens zur unbedingten Wiederbesiedlung Palästinas um jeden Preis sieht. Als solcher wurde Otto Wartarg nach der Auflösung des Wiener Engeren Actio» scomites nach Herzls Tode auf dem 7. Kongreß (1905) zum 2. Vorsitzenden des E. A. C. und nach dem Rücktritt David Wolffsohns auf Idem 10. Kongreß (1911) zum 1. Vorsitzenden gewählt. Heute, wo die praktische Palästinaarbeit, dieses Schiboleth einer Entwicklungsstufe des Zionismus, sich zur wahrhaften Besiedelung der alten jüdischen Volksheimat erweitert und zum vornehmsten und allgemein anerkannten Ziel aller jüdischen Politik geworden ist, können wir unserem verehrten Führer keinen schöneren Glückwunsch darbringen, als daß es ihm vergönnt sein möge, noch lange Jahre am׳ Wiederaufbau des Landes Israel in führender Stellunglmitzuwirken ,und die Organisation bis zu dem Zeitpunkt zu führen, wo auch dieses neue Ziel, wie einst die Forderung der praktischen Palästinaarbeit, durchgesetzt und das altneue Land Israel wieder vor den Augen der Welt als die Heimat des jüdischen Volkes entstanden sein wird. Arthur Hantke. Die Judenhetze in Deutschland Da die antisemitische Bewegung in Deutschland wieder einmal in ständigem Wachstum begriffen scheint, werden wir sie mit derselben Aufmerksamkeit verfolgen, mit der wir alle das jüdische Leben in der Diaspora betreffenden Angelegenheiten zu behandeln gewohnt sind. Wir werden unser Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit als völkische Minderheit mit aller Energie verteidigen. Die ״Germania“ das offizielle Blatt des Zentrums, bemerkt gelegentlich der Nachricht über die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina im türkischen Friedensvertrage: ״Der Heilige Stuhl hat bekanntlich gegen diesen Plan Einspruch erhoben. Die Juden wollen überall zu Hause sein, wozu brauchen sie dann noch einen Nationalstaat? Daun müßte man auch zur Gründüng katholischer und protestantischer Nationalstaaten übergehen . . . .“ Abgesehen von dem letzten ganz unsinnigen Satz, dessen vielfache innere Widersprüche die Zentrumsleute wohl doch selbst nicht ernst nehmen, enthält diese Bemerkung gleich eine doppelte Hetztendenz, einmal gegen die Juden in den Diasporaländern und dann gegen die Heimstätte in Pa- Iästina. Wird die ״Germania“ auch von dieser Notiz zu behaupten wagen, daß sie damit keinerlei antisemitisehen Absichten verfolge. Unter den täglichen antisemitischen Angriffen der ״Deutschen Zeitung“, deren Abwehr im allgemeinen die Mühe nicht lohnt, findet sich in einem ebenso gehässigen, wie unwahren Bericht über die Zionisten in Wien, besondere über die ״Wiener Morgenzeitung“ folgender Passus: ״Die Zionisten, die geradezu an nattonaler Hybris leiden, die an Rassenhochmut von keinem Volke der Erde übertroffen werden, werten den Deutscheu völkische« Hochmut vor. Die aLte Geschichte vorn Splitter und vom Balken“. Wir müssen es Uns doch ganz energisch verbitten, daß man den jüdischen Nationalismus, dem die vom Geist erzeugte Idee das Zentrale ist, in irgend, eine vergleichende Beziehung zu dem Nationalismus der Alldeutschen setzt, der seinen hödistgepriesensten Ausdrude in giftigen Oasen, U- Booten und weittragenden Geschützen gefunden hat und sich in dieser Art auch nicht durch die elementarsten Ereignisse der letzten Zeit hat beirren lassen.

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