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Jüdische Rundschau · 1919-07-15 · Heft 48 (15.7.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 48 (15.7.1919)
Date
1919-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ISCHE RUNDSCHAU .;daktion a. Verlag W. 15, Sädiiisdie Str. 8. Erscheint jeden Dienstag «.Freitag. Abonn.bei d.Exp. o. d. Postämtern viertelj, 1,1,6 — in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12,!.Ausland M. 10,— Nummer 48 | ™^erUn^ 15. VII. 191® Anteigen-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, DorotheenstraSe 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anzeigenpreis für die sechagaspaltene Nonpsreillezeile 75 Pf., Teaernngscttsdilag 20%. Telephon: Amt Uhland 84S u. 486. Postscliecldconto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Sdieckkonto Nr. 156030. Redak'ibnssdiluB Sonntag u. Mittwoch nachm. 17. Thammus 5679 XXIV. Jahr! Bürgerlicher Zionismus f und zionistisches Bügertum Es ist dem Zionismus nachgesagt worden, ß er eine bürgerliche Bewegung 'sei, und man hat dies als leinen Vorwurf empfunden. Innerfialb einer jüdischen Organisation sollte kein Omintd sein, in der Bezeichnung ihrer leitenden Idee als einer bürgerlich orientierten, einen Vorwurf zu sehen. Denn es ist Tatsache, daß die Juden an sich bürgerlich gesonnen sind. Das große jüdische Proleariat, zumindest in Osteuropa, stellt bis heute noch nicht unter dem Gedankengange des klassenbewußten Proletariats marxistischer oder lenini- *tischer Färbung, und,׳von dem jüdischen Bürger- (um muß das gewiß gesagt werden. Der Jude empfindet sich nicht als Glied einer Masse, sein deal ist nicht ein Massenideal. Er fühlt sich durchaus als Einzelpersönlichkeit und sieht sein Ziel in der höchsten Entwicklung seiner spezidien Fälligkeiten und Möglichkeiten. Insoweit ist er ein Bürger, und insoweit muß auch der Zion Ls- *ms bürgerlich sein. (Wobei, zugegeben werden 0011, daß in dem Arbeiterproletariat Amerikas, dem׳ einzigen jüdischen Proletariat, das tatsächlich große Massen Arbeiter im Sinne der sozialistischen Terminologie enthält, die Sache vielleicht etwas anders liegt.) Der Jude des Ostens stellt sich seine Zukunft als seine Zukunft vor. Er verknüpft damit ganz konkrete Anschauungen bürgerlicher Wertung. Der Zionismus, der j,ä nichts sein kann als der!Ausdruck der Anschauungen der Masse der Juden, ist ihm daher eine Bewegung mit ganz bestimmten materiellen Zielen für ihm selbst. In dem Wort ״Rationale Heimstätte“ lockt ihn die Heimstätte, deren Nichtvorhändensein er so furchtbar empfindet, ebenso stärk wie der Begriff national. Er {fcht vor sich eine Heimstätte in Palästina für ,as jüdische Volk, d. h. Heimstätten für die eineinen Juden, und das ist es, was seiner Sehn- •udit entspricht. Die Feststellung mag manchem unbequem sein, das zionistische Ideal wird dadurch nicht kleiner. Denn so stärk in dieser Anschauung das individualistische Glücksverlangen hervortreten mag, ebenso stark ist dies verbunden mit der Auffassung, daß es dem einzelnen Juden nur gut gehen kann in einer Umgebung von Juden, denen es ebenfalls gut geht. Die Vorstellung, daß die Heimstätte in einem jüdischen Lande, in einem jüdischen Milieu, in einer jüdischen Kulturwelt sein wird, ist gerade das Moment, das den Juden diese Heimstätte als etwas wahrhaft Gutes, Erstrebenswtertes amsehen läßt. Als Jude unter Juden leben, sich als Jude nach seiner Anlage und seinen Fähigkeiten unter Juden betätigen, seine persönliehen Möglichkeiten unter Juden entwickeln zu können, denen diese Möglichkeit gleichfalls gegeben ist, d. h. innerhalb der jüdischen Heimstätte in Palästina, das ist das landläufige Ideal des Zionisten. Darum ist es ihm selbstverständlich, daß der Kampf um diese Heimstätte ein nationaler Kampf sein muß, daß er von den Juden als Juden geführt werden muß, und daß es zur Verwirklichung dieses Ideals der jüdischen Nation bedarf. Damm ve!•steht er auch, daß die Selbstsucht hintanstehen muß vor der Notwendigkeit der Gemeinschaft, daß sein eigenes Glück untrennbar verknüpft ist mit dem Glück der Gesamtheit, und daß er darum sein individualistisches Verlangen, seine persönliehen Wünsche und Bedürfnisse den Notwendigkeiten der Nation unterondnen muß. Das Resultat dieser Unterordnung aber stellt er sich als die Mög- Ichkeit der persönlichen Freiheit in diesem jüdisehen Kreise vor, einer Freiheit, die ihm die Grundlage m einer seiner Art entsprechenden Existenz bieten soll. Man braucht dabei nicht gleich an ein schrankenloses Ausleben, an eine ungehinderte Möglichkeit z. B. kapitalistischer Ausbeutung tu denken. Der Jude ist gewohnt, unter dem Gesetze au stehen,aber er ist auch gewohnt, selbstverantwortlich au sein. Sein Ideal ist der sozial gerichtete Einzelmensch, nicht die sozialisierte Masse. Damit mehr zu rechnen als bisher wäre Aufgäbe der nächsten Zeit, je mehr wir uns dem ״Der ZioBiimu ertfrebt für das Jfidlsdte Volk die Schaffung einer 6ffeniU<ii*re<hiUd> gesicherten HelmsUUte In Palästina." Baseler Programm. Endpunkt unseres Sirebens nahem, je mehr wir an die konstruktiven Aufgaben herantreten, umso zwingender wirf die Notwendigkeit, sich nicht nur in den großen Linien, sondern auch in den Details auf die Psychologie der jüdischen Masse zu stützen. ״Zionismus“, ״nationale Heimstätte“, das sind noch Begriffe, die man sich so oder so vorstellen kann. Wenn es sich aber darum handelt, den Juden in Palästina eine Lebensmöglichkeit zu geben, so kommen wir zu ganz konkreten Formen, die notwendigerweise der Auffassung der Juden entsprechen müssen, wenn nicht eine schwere Enttäuschung über die Realität gegenüber dem gedachten Ideal auf kommen soll. Jeder äußere Zwang und jede äußere Bevormundung muß vermieden werden, ganz gleich, ob sie von oben oder von unten, von der Bewegung oder von der Masse kommt. Freie Selbstbetätigung unter höchster Ausbildung der Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinschaft ist das, was erstrebt werden muß. Das erscheint zugleich als der beste Weg zur Lösung der sozialen Probleme, deren Beantwortung uns bevorsteht. Wsir empfinden es picht als Deklassierung, wenn man diese Auffassung!des Zionismus eine bürgerliehe nennt. Was wir an diesem bürgerlichen Zionismus vermissen, ist etwas ganz anderes. Das ist die Notwendigkeit, die innerhalb des Zionismus noch lange nicht genügend empfunden wird, sich auch dem Zionismus gegenüber als Bürger zu betrachten, als Menschen, ,die in einem gegenstetigen ,Verpflichtengsverhältnis zu!der Gemein- Schaft stehen, die wir jetzt noch Zionismus nennen, und Äe in Palästina sein ,wird. Dem bürgerlichen zliohisten ist der Zionismus noch zu Ähr Vereins!- angelegenheit, noch eine ,Sache, bei der man mitmachen kann oder picht, die sozusagen froh sein muß, wenn man sich ihr hingibt. Das allerdings, ist ein bürgerlicher Zionismus, den wir als Zerrbild empfinden. Die Beziehung zwischen Zionismus und Zionist ist durchaus gegenseitiger Natur, und es bleibe ,noch sehr dahingestellt, wer dem anderen mehr schuldet, der Zionismus oder der Zionist. Der Zionismus ist uns die Gemeinschaft, zu der wir gehören oder der zuzsigehören wir bestrebt sind, bestrebt sind aus ganz bürgerlichen Gefühlen, weil wir nämlich in der vom Zionismus verwirklichten jüdischen Gemeinschaft jn Palästina den Umkreis sehen, in dem unsere Bürgerlichkeit sich bewähren kann, in der wir die Bürger zu sein imstande sind, die zu sein anderswo und anderswie uns aus unserem tiefsten Gefühl heraus unmöglich ist. Wenn wir noch keine staatsbürgediehen Verpflichtungen der werdenden Gemein- Schaft gegenüber haben, unsere bürgerlichen Verpflichtungen ihr gegenüber stehen fest, müssen für uns feststehen. Bürgerlicher Zionist sein, das heißt zionistischer Bürger sein, Bürger dem Zionismus gegenüber, der jüdischen Gemeinschaft gegenüber, einer, der vom Zionismus die Erfüllung seiner Bedürfnisse erwartet und der darum «iriiseben muß, daß er< verpflichtet ist, dem Zionismus seine Gegenleishmg zu geben. Es entsteht die neue jüdische Gemeinschaft in Palästina, und wir sollen ihre Bürger werden. Wie immer dies Problem1 staatsrechtlich gelöst werden mag, Vorbedingung seiner gesunden Lösung ist, daß wir uns seifet auf jeden Fall als Bürger dieses neuen Gemeinwesens empfinden, unbeschadet der Verbindungen und Verpflichtungen, die uns noch mit den Ländern des Gafuth verbinden. Wir werden es lernen müssen, den Erfordernissen unserer Wohnländer gerecht zu werfen und doch in unserem Gefühl des palästinensischen Bürgertums, des! palästinensisehen Bürgerseins stark zu ־werden. Für viele wird es ein schwerer Weg sein, und nicht jeder Weg wird der richtige sein. Ein Mittel aber gibt es, um uns jetzt schon in starkem Maße mit Palästina zu verbinden, uns in wachsendem Umfang in das Gefühl hineinleben zu lassen, daß wir Bürger des jüdische*! Palästina sind. Dies Mittel besteht darin, daß wir die Verpflichtungen anerkennen, die wir schon heute der jüdischen Gemeinschaft in Palästina schulden. Wenn wir dazu kommen, es als selbstverständlich anzusehen, daß Palästina eine Forderung an uns hat als an seine Bürger, daß es unsere Arbeit, daß es unsere Mittel in Anspruch nehmen darf, daß es ein Recht hat auf unsere Steuern, dann gewöhnen wir uns immer mehr daran, in diesem Lande und in dieser Gemeinschaft das Zentrum unseres bürgerlichen Empfinden« zu sehen. Die Zionistensteuer, die jetzt jn Deutschland ausgeschrieben wird, ist nicht mir die notwendige Form, 11m die materielle Grundläge für unsere Arbeit zu liefern, um unseren Führern in dem schicksalschwersten Moment, den die jüdische Geschichte kennt, die Möglichkeit an die Hand zu geben, das Geschick des jüdischen Volkes zum Guten zu lenken — die Zionistensteuer ist auch das Mittel, das dazu dienen soll, uns selbst mehr und mehr mit dem Gefühl unserer bürgerlichen Verpflichtung gegenüber dem jüdisehen Gemeinwesen in Palästina zu erfüllen. Man steuert nur einer Gemeinschaft, zu der man gehört, man steuert freiwillig n<1r einer Gemeinschaft, von der man alles erwartet. Je stärker wir in uns selbst das Gefühl der Notwendigkeit werden lassen, zu Palästina so zu steuern, wie wir zu der bürgerliehen Gemeinschaft steuern müssen, die uns unsere Existenz ermöglicht, und deren Bürger wir sind, umso eher wird die jüdische Gemeinschaft in Palästina die Gemeinschaft der Juden sein. Je mehr wir uns ihr mit unseren Mitteln verpflichten, je mehr wie sie uns verpflichten, desto eher wird aus dem bürgerlichen Zionismus das zionistische Bürgertum entstehen. Julius Berger. Brandete’ Reise nach Palästina wurde ”öBemffifir Louis B r a ii d e if^ am 3. Cairo von <jer ״Zionistischen Föderation Macaflw“ und den ״Boyscouts“ enthusiastisch empfangen. Am 6. Juli hatte Brandeis eine lange Unterredung mit General Allenby in Alexandria. Von dort ist er direkt nach Palästina abgereist, wo er am1 8. Juli eaitraf. Der Schutz der Minoritäten Der ״Nieuwe Rotterdamsche Courant“ vom 5. Juli meldet, daß die von der Friedenskonferenz eingesetzte Kommission, die die Angelegenheiten der neugebildeten Staaten behandelt, am 4. Juli eine Sitzung abhielt, in der der Schutz der Minderheiten in diesen Staaten besprochen wurde. Die von der ״Jüdischen Rundschau“ bereite mitgeteilten Forderungen des in Paris konstituierten Komtees für die nationalen Rechte der Juden dürften bei dieser Gelegenheit zur Sprache gekommen sein. Inzwischen ist durch den Vertrag mit Polen, den wir in der vorigen Nummer mitteilten, der Anfang gemacht worden. Zur Judenfrage In Rumänien Das ״Kopenhagener Zionistische Büro“ teilt mit: Ke rumänische Gesandtschaft in Wien (eigentlich Gesandtschaft der B u k o w i n a , da Rumänien noch im Kriegszustand mit Deutsch-Oesterreich steht) veröffentlicht folgendes Communique: ״Auf Anordnung des rumänischen Großen Hauptquartiers können nur solche Personen auf Reisedokumente nach Rumänien und der Bukowina reflektieren, die ihre He i m a ts z us tä ntligkei t nach diesen Ländern u a ■ zweifelhaft nachweisen können.“ Diese Maßnahme richtet sich gegen die Kriegsflüchtlinge und insbesondere gegen die Juden aus dem von Rumänien okkupiertem Gebiete, die sich zairzeit im Auslände befinden und die man auf diese Weise gern loswerden möchte. Man erkennt aus diesem kleinen Zuge, daß die Nachrichten der rumänischen Preßagenturen, die andauernd behaupten, daß der Geist der rumänischen Regierungslereise sich geändert habe, vorläufig noch mit Vorsicht aufzunehmen sind. Der Schweizer Bundesrat zur Intervention aufgefordert Wie uns unser Berner Korrespondent mitteilt, forderte in der Schweizer Nationalratssitzung vom 25. Juni Dr. Bri.nd den Bundesrat auf, wegen der Judenpogrome in Galizien zu intervenieren.

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