Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 46 (1.7.1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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edaktion a, Verlag־ W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden ienstag u.Freitag. Abonu.bei d.Exp. u. d. Postämtern riertelj, [.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12, i. Ausland M. 10,— Nummer 46 I Berlin, 1. VII. 1919 Angei gen-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstrafie 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 a, 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillexeile 75 Pf., Teuerungszusdtlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 486. Postscheckkontot Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Fostsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschltiß Sonntag 0, Mittwoch nachm. 3 ־. Thammus.5679"..[..XxTvTjIh^" Zum Friedensschluß Der Tag, aut den die Menschheit seit nun- 1ehr fast '5 Jahren mit heißer Sehnsucht und in efer Erregung gewartet hat, der Tag, an dem die urchtbarste Katastrophe, die die Welt seit den [eiten des 30jährigen Krieges erlebt hat, ihren Abchluß finden soll, ist Wirklichkeit geworden. Aber ieser Tag hat keinem der an dem Kriege Beeiligten Glück und Zufriedenheit fund freudige'Hoffungen für die Zukunft gebracht. Noch beherrchen Furcht und Mißtrauen die Völker. Noch;t der Schmerz über die entsetzlichen Verluste n Menschenleben und Gütern überwältigend, noch st der Blick für die letzten psychologischen IJrlachen und Zusammenhänge der Katastrophe geriibt, noch wähnen die in den langen Kriegsjahren iurch Mord und Grausamkeit abgestumpften Völker hre ideellen Gegensätze und Inte ressen verschieden-!eiten durch brutale Gewalt ausgleichen zu können, )ieser Friede wirkt nicht wie eine Erlösung für iie gequälte Menschheit, sondern lastet mit dumpfer Beklemmung und Bedrückung auf allen Nationen, leren Organismus von dem Kampfe zwischen einer ibsterbenden und einer neu entstehenden Wirt-!chaftsordnung aufs furchtbarste erschüttert ist. Körnige Länder aber scheinen so schwer von all iiesen verhängnisvollen Schlägen betroffen wie )eutschland. Doch so herb die Prüfungen sind, iie dem deutschen Volk 'auferlegt werden, so schwer lie materiellen Verluste, die es erleidet, so wenig cann ihm dadurch von seinem inneren Reichtum!twas genommen werden. Gerade wir Juden, die ,vir durch die ganze Geschichte der Diaspora an iußeren Mitteln fast ohnmächtig gewesen sind, können berichten, wie wenig äußerer Macht, wie venig irdischen Reichtums es für ein Volk belarf, um ein von den höchsten geistigen und kulurellen Idealen erfülltes nationales Leben zu führen, a der ־ deutschen , •Bcrcihvilllgkctte^fkläriBg, den fieden 2u unterzeichnen^ wild gesagt, daß die’ Ehre ies deutschen Volkes durch Gewalt nicht berührt verden kann. Sie kann aber ebensowenig durch jewalt verteidigt werden. Die sittliche Kraft eines Volkes ruht nicht so sehr in der Entfaltung äußerer «lacht, nicht so sehr in der Stärke seiner materiellen Besitztümer, als in dem zusammengefaßten Streben ies Volkes, seine kulturellen Werte zu pflegen und sein Leben gemäß der ihm durch Natur und Art gegebenen Weltanschauung zu gestalten. Für das jüdische Volk war dieser Krieg das!lementarste und revolutionärste Ereignis seiner Geschichte seit der Zerstörung des Tempels. Das, was iie Väter durch zwei Jahrtausende hindurch in latnenloser Sehnsucht als höchstes Ideal sahen, nat der Krieg mit ungeahnter Schnelligkeit auf den ®׳־eg der Erfüllung gebracht. Es ist bereits heute nicht zu verkennen, daß die nationalpolitisch gerichiete. zionistische Bewegung zu der Zeit einsetzte, 51s sich die Leidenschaften und politischen Energien zu jener gespannten chaotischen Epoche Zusammenhalten, deren vorläufiger Ab- Schluß dieser Krieg wurde. Und so ist es auch zu erklären, daß der Zionismus in diesem Kriege die erste Station auf seinem Wege erreicht hat. Wir wissen, daß diese Station noch nicht Erfüllung bedeutet, daß unser Ziel noch weit ist und nur unermüdliche Arbeit zu ihm führen kann. Noch ist die Lage fast der Hälfte des jüdischen Volkes so unerträglich, wie noch nie in seiner Geschichte. & ist, als ob das Schicksal das Volk vor seiner Erlösung noch einmal die höchste Steigerung seiner Leiden erleben lassen wolle. Gleichzeitig geht ater mit dem Friedensschlüsse die unfreiwillige Trennung, der die einzelnen Teile des jüdischen Volkes während des Krieges unterworfen waren, und der zum Trotz sich die zionistische Weltorganisation als einziger interterritorialer Verband mit von der ganzen Welt anerkannter geistiger Und orgaoisatorischer Geschlossenheit aufrecht erhalten hat, ihrem Ende entgegen. Es wird jetzt leichter sein, unseren bedrängten Volksgenossen im Osten Hilfe zu bringen und für ihre Rechte als nationale Minderheit einzutreten, vor allem ater wird die so brennend notwendige Vorbereitungstätigkeit für die Auswanderung nach Palästina beginnen können. In nicht Sehr ferner Zeit wird der zionistische Kongreß stattfinden *können. Ihm soll, wie wir hoffen, der Weltkongreß aller Juden folgen, 4er die in ״Der Zionismus erstrebt für das jüdlsdie Volk die Schaffung einer ßffenilich-reddUdi gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Zur Beachtung! Infolge der Streikbewegung des Posiaushiifsper- 1011*11 ist das Posizeitungsamt genfiiigt, den Versand der nidii mindestens tSgüdi einmal erscheinenden Zeitungen vom 1. Juli 1919 ab auf einige Zelt einzustellen. Hierdurch werden in der Zustellung der ״Jüdi> ■chen Rundschau" Verzögerungen einireten. Wir bitten unsere Leser, diesen Verhlltaissen Rechnung zu tragen. den Jahren des Leidens erneute Einigkeit des jüdischen Volkes vor aller Welt dokumentieren wird.!Auf die Entwicklung der Beziehungen der deutsehen Judenheit, in ihrer Eigenschaft als völkische Minorität, zu Deutschland wird der Frieden von Versailles nicht ohne Einfluß bleiben. Durch ihn ist Deutschland zu einem nationalen Einheitsstaate geworden. Fast alle fremden Volksteile, die bisher in seinen Grenzen wohnten, sind unter die politische Hoheit der Staaten gelangt, zu deren völkischer Majorität sie gehören. Mit diesen Gebietsabtretungen sind aber auch zahlreiche Angehörige des deutschen Volkes an andere Staaten gekommen und bilden dort als Qeutsche nationale Minderheiten. Es kann nicht ausbleiben, daß diese deutschen Volksteile in den fremden Staaten nationale Minoritätsrechte vertangen werden, und daß die Deutsche Republik alles tun wird, um diesen ׳Angehörigen ihres Volkes zu ihrem Rechte zu verhelfen. Diese Aktionen werden naturgemäß auch in Deutschland zu einem tieferen Verständnis für das Wesen und die Bedürfnisse nationaler Minderheiten führen. Wir dürfen daher hoffen, daß man in Zukunft auch hier eine klarere und verständnisvollere Stellung gegenüber der nationalen Minorität der Juden kommen wird. Im Augenblick ist bedauerlicherweise vqii dieser neuen Einstellung zu den Juden noch nichts zu merken. Aus einem mißveriiisShdeneai, Äußerücheu Nationalismus heraus( hat in fast allen Kreisen des deutschen Volkes eine Judenhetze eingesetzt, die zwar bisher nicht zu Tätlichkeiten geführt hat, die aber für die aufrichtigen und gesunden Beziehungen zwischen Juden und Deutschen von größtem Schaden ist. Diese Beziehungen können nur geklärt werden, wenn man mit mutiger Ehrlichkeit die kulturell-nationalen Grenzen zieht und die Minderheit nicht zwingt, das zu scheinen, was sie nicht sein will, ihr vielmehr das Recht zugesteht, so zu leben, wie es ihrer Art und ihren Wünschen gemäß ist. Bei diesen! Gebietsabtretungen erhalten auch zahlreiche Juden eine andere Staatszugehörigkeit. Hierbei eröffnen sich besondere für die Juden, die in den an Polen kommenden Gebieten leben, angesichts der unerhörten Judenpolitik der gegenwärtigen polnischen Regierung, die schwierigsten Probleme. In der Provinz Posen haben die Zionisten längst die Konsequenzen aus dieser Politik gezogen und sofort nach der Besetzung den Jüdischen Volksrat konstituiert. Sie haben dadurch von vornherein eine unzweideutige und klare Stellung der jüdischen Bevölkerung zu den Polen geschaffen und es ist ihnen gelungen, die Rechtet der Posener Juden in weitem Maße zu wahren. Der weitaus größte Teil der jüdischen! Bevölkerung der Provinz Posen sieht denn auch heute in dem Jüdischen. Volksrat seine offizielle Vertretung gegenüber der polnischen Behörde. Dieser Erfolg der zionistischen Politik möge allen anderen Teilen des jüdischen Volkes, das jetzt neu unter polnische Herrschaft kommt, als Beispiel dienen. Es war vorauszusehen, daß die Lösung der unendlichen Fülle von Problemen, besonders nationaler Natur, die der Krieg und die Revolution gestellt haben, Menschenkraft übersteigen werde. Es war ein Irrtum, diese Lösung von Versailles erwarten zu wollen. Durch Dekrete und Bestimmungen können derartige Fragen niemals geregelt werden, da die im Fluß bleibende Entwicklung jeden Augenblick eine andere Situation schafft, die neue Entscheidungen erheischt. Vielleicht wird ein zukünftiger Völkerbund, der alle Nationen umfaßt, das Klärbassin sein, durch das alle Fragen, Konflikte und Wünsche hindurch gehen müssen, um geläutert zu werden, damit die in ihnen ruhenden Kräfte zum Wohle 'der ganzen Menschheit verwertet werden können. Das jüdische Volk, das stets die Vereinigung aller Völker in einem Bunde durch sein Gesetz und seine Lehre, durch seine Propheten und durch seine geistigen Führer verkündet, und seinen Glauben an diesen Bund durch seine Haltung in der Geschichte bewiesen hat, wird seine ganze Kraft für die Verwirklichung dieser Völkergemeinschaft, die erst den wahren und eigentlichen Frieden bringen, wird, einsetzen. F. S. Die Palästinafrage im Friedensvertrag mit der Türkei Wie die ״Wiener Morgenzeitung“ unter dem 22. Juni 1919 aus Paris telegraphisch erfährt, ist der Friedensvertrag mit der Türkei bereits fertiggestellt. Der Palästinafrage sind 'darin 50 Punkte gewidmet, die fast alle Propositionen der zionistisehen Friedensdelegation enthalten. Im übrigen enthält der Vertrag auch Bestimmungen über die Stellung der Araber und Englands als Mandatar über Palästina. Vor kurzem meldete auch der ״Matin“ anläßlich des Entschlusses der Alliierten, eine offizielle türkische Delegation nach Paris zu berufen, daß es für die Lösung der ottomanisehen Frage als zweckmäßig erachtet worden sei, außer den türkischen Meinungen auch die der Syrer, Araber, Armenier und Zionisten anzuhören. Das Erziehungsamt der Zionistischen Organisation Das Erziehungsamt (EdUcation Department) der Zionistischen Organisation versendet felgendes Zirkular in hebräischer Sprache an die zionistischen Landesverbände: ״Die allgemeine zionistische Konferenz, die vom 24. Februar bis 12. März dieses Jahres in London getagt hat, hat den Beschluß gefaßt, die Zeatralleitung der Zionistischen Weitorgaftisatioa' nach London zu verlegen, wo sie in den Händen von Mitgliedern des Engeren Actions-Comites und einigen Mitgliedern des Großen Actions-Comites, die für diesen Zweck nach London gekommen sind, liegen soll Von hier aus wird die zionistische Arbeit durch Spezialabteilungen, die jedem Gebiete zugewiesen werden, geleitet werden. An der Spitze einer jeden Abteilung steht ein Mitglied des Actions-Comites, das die Hauptverantworten״ für die seiner Leitung unterstellten Arbeiten trägt. Unter anderen Büros hat die Gesaintorganisation auch ein Spezialbüro für sämtliche Angelegenheiten! der Erziehung und Kultur gegründet, ein Gebiet, das einen sehr bedeutenden Platz im Prograimm unserer Arbeit einnimmt An die Spitze dieser Abteilung ist das Mitglied des Engeren Actions-Comites, Herr Dr. Sciimarja Levin, gestellt worden. Als deren Sekretäre fungieren: die Herren Dr. Hugo Bergmann, Salomo Ginzberg und. Peßach Gins bürg. Die Ab teilung fü r Erziehung und Kultur hat sidh zur Aufgabe gestellt, zunächst sämtliche arbeitenden Kräfte für kulturelle und erzieherische Anstalten sowohl in Palästina als in der Diaspora zu organisieren, damit wir eine klare Ucbersicht bekommen über die Summe der Kräfte, die unser Volk der hebräischen Erziehung und der hebräischen Kultur widmet, und damit wir unsererseits soweit als möglich ein bestimmtes System, einheitlich in seinen Prinzipien, in die Arbeit bringen können. Das Erziehungs« und Kulturamt wird ferner bestrebt sein, das ganze wissenschaftliche und statistische Material zu sammeln, welches uns bei der Durchführung der von uns längst beschlossenen Errichttung von Hochschulen in Palästina als Unterlage dienen wird. Zu diesem Zweck werden wir uns mit unseren wissenschaftlichen Kräften in Verbindung setzen, mit den bekanntesten Spezialisten und Fachleuten, um von vornherein darüber unterrichtet zu sein, an wen wir uns zu wenden haben und auf wen wir rechnen können, wenn der Zeitpunkt gekommen sein, wird, die Auswahl der Personen zu treffen, die unsere heuen Institutionen leiten sollen. Damit haben wir nur einen Teil des Programms unseres Amtes berührt. Demnächst werden wir Ihnen ein ausführlicheres Programm über die verschiedenen von unserem Amt übernommenen Arbeiten Unterbreiten, Wir wären Ihnen, sehr geehrte Herren Gesinnungsgenossen, sehr dankbar, wenn Sie uns sowohl durch Zustellung von Material, welches auf die erzieherische und kulturelle Arbeit in Ihrem Lande Bezug hat, als auch mit Vorschlägen und Anregungen Ihrerseits, die vom Bestreben ausgehen, den kulturellen Stand uneerea Volkes zu verbessern, behilflich sein wollten. Mit Zionsgruß gex: Dr. ScJsmafja Le ▼ln.“;