Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 45 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652135-2652180--12335-2669955- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IudaiCa edaktion o, Verlag W, 15, Sächsische Str. 8. Ersdieint jeden ießstag u. Freitag, Abonn.bei d. Exp. n. d. Postämtern viertelj, .6 — in Deutschland, in Oesterreich Kr, 12, i. Ausland M 10, Nummer 45 Berlin, 27. VI. 1919 Amelgen-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareilleteile 75 Pf., Teuerungszusdhiag 20%. ’ Telephon: Amt Uhland 845 n. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm. 29. Saiwan XXIV. Jahrg. . Hebräisches Pioniertum 1. Das Kapitel zionistisch-jüdischer Geschichte, das n׳ir jetzt zu Ende lesen, trägt die Ueberschrift pas Wort“. Das folgende Wird ״Die Tat“ leißen. Jahrzehntelang mußten wir von der Bereiung unseres Volkes und der Eroberung unseresl .:■mies sprechen, um die 'nötigen Taten zu :möglichen. Der Vorwurf, der uns bisher oft ron anderen, öfter von uns selbst gemacht wurde, ,vir sprächen nur, täten aber nichts, war unberechiigt: Unser Wort war damals unsere Tat. Oft sogar eine mutige Tat, denn es war nicht leicht, las Wort einer Idee zu führen, die als ,,Utopie rerspottet oder gar als ein Unglück für das Volk uigefeindet wurde. Jetzt können wir zur tatsächiclieii Verwirklichung unserer Idee schreiten. Unsere Jugend beginnt, mit ihren Taten zu Beweise!^ laß wir nicht nur von dem Zionismus sprechen können. Im Osten wie im Westen, in Sibirien wie in Amerika ist eine großartige Bewegung im Entstehen begriffen: ihr Ziel ist, Palästina durch unsere physische Arbeit zu erobern. Die sögenannte Hechaluzbewegting, ■die Bewegung der Arbeiterpioniere, verbreitet sich unter unserer Jugend ,immer mehr, und »bald es die Umstände gestatten, wird sich unsere Jugend bewähren. Unsere Jugend muß aber noch lernen, daß wir nicht bloß Pioniere der 1körperlichen Arbeit braudien, sondern auch Pioniere des Geistes. Wir müssen, Um Palästina zu erobern, vor allem uns selbst erobern, zum Volke, zu uns, zurückkehren. Diese Rückkehr kann sich nur im Zeichen des Hebräischen vollziehen. Wir müssen unbedingt dahin streben, daß das jüdische Volk in der ganzen Welt soviel hebräisch Versteht, daß die hebräische Sprache ein Bindemittel zwischen den Jadensehafteri de'r verschiedenen ,Länder Unter sich und mit Palästina wird. Nur dann werden wir imstande sein, Palästina zu geben, was es jetzt braucht, und nur dann wird Palästina für uns werden, was wir erhoffen: eine Quelle geistiger Kraft für das Judentum der ganzen Welt. In dieser Hinsicht scheint in Deutschland eine sonderbare Auffassung zu herrschen. Man hat sich in letzter Zeit dem Erlernender;hebräischen Sprache mit Eifer angenommen, aber 1man scheint dennoch dem osteuropäischen "Judentum eine ,Art hebräisches Monopol eingeräumt zu haben. Man glaubt, daß der Osten mit seinem Reichtum an hebräischen Kenntnissen Palästina ־Wie. auch Deutschland mit hebräischen Kräften speisen werde, daß es also in Deutschland genüge, sich receptiv Zu verhalten, daß man aber auf die Erzeugung produktiver hebräischer Kräfte keine Energie zu verwenden brauche. Mit einer, gewissen Resignation verzichtet man auch nur auf den Versuch eines Wettbewerbes mit dem Ostjudentum. Es ist an der Zeit, dieser Einschätzung des Ostjudentums als eines unerschöpflichen Reservoirs. hebräischer Produktiv- und 'Lehrkräfte entgegefizutreten: ,sie ist ebenso Uigpegründet wie gefährlich. , Im Osten wächst durch das zunehmende Intern esse für die hebräische Sprache das Bedürfnis nach hebräischen Lehrern so bedeutend, daß der eigene Bedarf schon jetzt nicht mehr voll gedeckt werden kann. U,nd je mehr der profane Unterrichtsstoff an Bedeutung gewinnt, Um so ntehr muß man die nicht mehr für das Hebräische allein zur Verfügung stehende Zeit dlurch Systewatik des Unterrichts zu ersetzen suchen. Aber noch fehlt es in Rußland, Polen, Galizien, Litauen, Vie übrigens auch in Amerika, an der genügenden Zahl systematisch geschulten Lehrer. In Galizien '״ird,■ wie Dr. Br au de kürzlich ausgeführt hat, geradezu ein ״Kettenhandel“ mit hebräischen Lehrem getrieben, die man sich gegenseitig aus der Hand reißt. . Auch das Bedürfnis nach hebräischen Kindergärtnerinnen — ein Beruf, dem sich die Mädchen erst in neuester Zeit zuwenden — wird auf lange Zeit hinaus vom Osten her nicht völlig gedeckt Werden können. Aber selbst, wenn der Osten imstande wäre; üns mit Lehrern zu versehen, wäre das deutsche Judentum nicht der Verpflichtung enthoben, seine hebräische Autarkie anzustreben. Wie sich in der ״DerZIonitmtu erstrebt für das jfidisdte Volk j die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina.'* Baseler Programm. ‘Praxis herausgestellt hat, erzielen westjüdischc Lehrer bei westjüdischen Schülern, auch wenn* sie an Reichtum der Sprache und an.Kenntnis der Lite- ״ratur hinter den ostjüdischen Lehrern zurückstehen, oft gute Erfolge. Ein Lehrer leistet eben um so ersprießlichere Arbeit, je unmittelbarer der Kontakt ist, der zwischen ihm und seinen Schülern besteht. Der deutsche Schüler Uber, der in der deutsehen Schule fremde Sprachen gelernt hat oder lernt, dringt auch in den Geist der hebräischen Sprache leichter ein, wenn sie nach einer ähnlichen, den ostjüdischen Lehrern oft unbekannten, Methode unterrichtet wird. Grundsätzlich wird ja fast überall der Unterricht von Lehrern getragen, die einen gleichen oder ähnlichen Bikftwigsweg gegangen sind, wie die Schüler. Weil -hier das Verhältnis! oft ein anderes ist, lehrt es, wie gesagt, vielfach an dem erforderlichen Kontakt. Das deutsche Judentum ist also auf sich selbst angewiesen, wenn es den Anschluß an die hebräische Entwicklung gewinnen, will. Will das deutsche * Judentum ein organisches Glied des Weltjudentupis bleiben, muß es nicht nur hebräisefi lernen, sondern auch hebräisch lehren. Ein hebräisches Pioniertum muß entstehen, das!zumindest ebenso Wichtig ist, wie das »andere der Körperarbeit, vielleicht aber noch wichtiger. Daraus folgt, daß in Deutsch- 1 and eine Stätte zur Ausbildung hebräisch%er Lehrer und Kindergfrtnerinnen geschaffen werden muß. Ist dieser Plan, über dessen konkrete Einzelheite#bei anderer Gelegenheit zu reden sein wird, verwirklicht, danta wirf das Schicksal dej־ hebräischen 'Bewegung in Deutschland״'von ädnf Wönrefgels't!f' der we&tjirdischen Jugend selbst abhängen, von 'denen, die als Sprachlehrer oder Kindergärtnerinnen Träger der hebräischen Entwicklung sein werden. II. Jeder Zionist muß danach streben, sein Leben so umzugestalten, daß er ein nützliches Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in Palästina werden kann. Nützlich sowohl für die Gemeinschaft als! auch für sich. So sehen wir, daß Zionisten in Deutschland, Rußland und Amerika in die Land-1 Wirtschaft gehen, Handwerke erlernen oder sich in einem anderen Palästinaberuf ausbilden. Bei dieser Vorbereitung für Palästina wird aber ein Faktor außer Acht gelassen oder nicht genügend! berücksichtigt — das Hebräische. Es dürfte wohl kaum einen Zionisten geben, der nicht die Wichtigkeit der hebräischen Sprache für Palästina arferkennt. Man .bringt auch gern das Opfer und lernt mit großer Mühe Hebräisch. Es dürften sich aber nur wenige darüber klar sein, in welchem Zusammenhang die Erlernung der hebräischen Sprache und die berufliche Ausbildung für Palästina stehen. Das Ldben in Palästina soll jüdisch sein. Das! Leben in Palästina wirf aber nicht dadurch allein jüdisch, daß die verschiedensten Berufe von Juden ausgeübt werden, sondern dazu gehört auch, daß •sie hebräisch ausgeübt werfen. D. h. die hebräische Spräche muß alles umfassen, allem ihren Stempel aufdrücken. Ein jeder muß sich darüber klar sein,,daß von zwei fachlieh gleich tüchtigen Bewerbern derjenige in jeder Hinsicht in Palästina bevorzugt werden wird, der die hebräische Sprache beherrscht. Dadurch gewinnt das Hebräische für Palästina auch einen Berufswert. Die Erlernung der hebräischen Sprache ist nicht hur eine kulturelle Pflichtleistung, nicht bloß Sache des Bekenntnisses, sondern sie bildet einen unentbehrlichen Bestandteil der Berufsausbildung, ein Werkzeug im Kampfe ums Dasein im zukünftigen Palästina. Insbesön- .dere gilt das für diejenigen Berufe, die äuf den Verkehr mit anderen Menschen hinauslaufen. Ein Kaufmann wird njur dann eine Stellung bekommen, wenn er hebräisch korrespondieren kann, ein Buchhalter muß in Palästina die Bücher hebräisch führen, ein Ingenieur, der mit Arbeitern verkehrt, unter denen Juden aller Länder vertreten sind, muß hebräisdi sprechen können. Hebräische Spracbkenntnisse sind ferner unbedingt erforderlich für die Beamten der zionistischen Organisation und vor allem für die Lehrer. Wir werden in Palästina einen großen Bedarf an Lehrern aller Art habeg, vom Volkssdrullehrer bis zum Universitätsprofessor.• Schon zurzeit herrscht, wie gesagt, in allen Ländern und sogar auch in Rußland ein großer Mangel an hebräischen Lehrern, Nach Eintreten geregelter Verhältnisse wird sich dieser Mangel sowohl in Palästina als auch in den Ländern der Diaspora noch steigern. Das Lehrerseminar. in Jerusalem wird kaum imstande sein, auch nur einen kleinen Teil dieses! Bedarfes m decken, und dieses Seminar kann auch nur Volksschullefirer ausbilden; Fachlehrer, Gymnasiallehrer usw. haben wir überhaupt nicht. Es ist daher wertvoll und lohnend zugleich, sich als hebräischer Lehrer bzw. hebräische Kindergärtnerin ausbilden zu lassen, und an der Hebräisierurfg seines Berufe zu arbeiten. ** Das deutsche Judentum ist nicht imstande, Palästina Ma§sensiedler zu liefern, aber es verfügt über eine große und zahlreiche Intelligenz, die, hebräisch ausgebildet, Palästina und dem deutschen Judentum unschätzbare Dienste leisten könnte. . * Chajim Krupnik. Proteste des ostgalizischen Nationalrates Die nationalen Rechte des jüdischen Volkes. — Gegen die *Wiederberufung der Gemeindevertretungen. — Gegen Verfolgungen und Unterdrückungen. — Gegen die Beselzung durch Rumänien. Die Wiener Del egation des ostgalizisehen Nationalrates hat nach Anhörung der Referate über die jetzige Lage in Ostgalizien folgende Resolutionen angenommen: 1. Anknüpfend an die feierliche Entschließung des eisten jüdischen Nationaltages für Ostgalizien vom1 18. ’־Bs 28. 'DejähW'filf, ,JÄ'1iai1ä1iaie’n^StÄM!’,zwjscfaen '• beiden das Land bewohnenden slavischen Völkern nach wie vor volle Neirtralität zu wahren“, erhebt das jüdische Volk gegenüber beiden kämpfenden Völkern den Anspruch auf Respektierung seiner nationalen Sonderheit und verlangt die Weiterbelassung der von ihrm nach dem Zusammenbruch der Monarchie geschaffenen nationalen Vertretungen und Institutionen. 2. Die Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien protestiert: a) gegen die von den polnischen Behörden angeordnete Auflösung der aus breitester demokratischer Wahlordnung hervorgegangenen jüdischen Nationalräte, sowie auch gegen die Wied erberufung der alten, vom jüdischen Volk einmütig ■ abgelehnten israelitischen Kultusgemeindevertretung,cn. b) gegen die Verfo 1 - gung der gewählten jüdischen National- .räte, von denen unter anderen Dr. Rutenstreich, Präsident des Jüdischen Nationalrates in Sambor, un- 1rechtmäßig verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt wurde, c) gegen« die Verletzung der von Juden proklamierten und von beiden kombatfamten Parteien anerkannten Neutralität im polnisch-ukrainischen Kampfe durch die rechtswidrige Heran- Ziehung der ostgalizischen Juden zum Dienst im polnischen Heere. d) gegen die rechtswidrige Entlassung jüdischer Staatsbeamten Vom Dienste, weil sie gemäß der Haager Konvention.* auf ihrem Posten ausharrten, ihre Neutralität bewahrten und sich keines anderen ״Vergehens“ schuldig machten, als daß sie sich zur jüdischen NationaJität bekennen, e) gegen den Ausschluß jüdischer Mittel- und' Hoch Schüler in Ostgalizien aus öffentlichen Unterrichtsanstalten. 3. Die Delegation des* Jüdischen Nationalrates für ,Ostgalizien erhebt ferner Protest gegen׳die Beset zuBg ostgaliz isch er Gebi-ete durch die Rutnäneu, die den Juden im eigenen Lande die primitivsten menschlichen und bürgerlichen Rechte stets verweigerten und auch nach Galizien, auf welches sie weder einen ethnographischen noch den geringsten Schein eines historischen Rechtes beanspruchen können, das rumänische System der Judenknechtung■ und Judenverfolgung, das 'bereits in Kolomeä in blutigen Ausschreitungen gegen die Juden seinen Ausdrude fand, hineintragen. 4. Die Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien fordert die jetzigen Machthaber in Ostgalizien auf, den ihnen nach der Haager Konvention obliegenden Verpflichtungen 'nachzukommen, die Valutafrage auf diese Weise zu ordnen, daß die jüdische Bevölkerung in Ostgalizfen vor einer materiellen Kata- Strophe bewahrt werde. Dazu ist erforderlich, daß die von der ukrainischen Regierung zwangsweise eingeführte eigene Valuta im ihrem vollen Nominalwerte eri halten ־wird. , . A *■% 1 I י- I ... ' t ,f'