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Jüdische Rundschau · 1919-06-24 · Heft 44 (24.6.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 44 (24.6.1919)
Date
1919-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion u. Verlag W. 15. Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag■ u. Freitag1. Abonn.be! d Exp, u. d. Postämtern viertelj. M.6.— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12, i Ausland M 10,—- L Nummer44־ j Berlin, 24. VI. I91~ Vom neutralen Jugendverband Der letzte Geschäftsbericht des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens betont, daß der Centralverein mehr als bisher sein Augenmerk auf die Jugendbewegung, besonders auf den neutralen ,,Verband der jüdischen Jugend vereine Deutschlands“ lenken müsse und nimmt als geeigneles Mittel zur Stärkung seines Einflusses eine größere finanzielle Unterstützung des Verbandes in Aussicht. Wohl nicht ganz außer Zusammenhang mit diesen Absichten des Centralvereins stand der Kampf um die Neutralität des ״jüdisehen Jugendverbandes“, über den wir in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ berichtet haben. I>r. Apfel stieß aber mit seinem Vorschlag der Programmänderung auf lebhaftesten Widerspruch. Die Versammlung erklärte sich unzweideutig für Beibehaltung der Neutralität. Der Wille, einerseits die Neutralität zu wahren, andererseits aber den Verband, den die Partei der ״Deutschnationalen“ zu sprengen drohte, um jeden Preis zusamriienzuhalten, führte zu dem Komproinißbeschluß, nach welchem sich der Verband u. a. die Pflege der ״reinsten Grundsätze des Patriotismus‘‘ zur Aufgabe macht, eine Logenformel, die, wie man hervorhob, von den zionistischen Logenmitgliedern nie beanstandet worden sei. Diese Formulierung ist unklar. . Wir Zionisten haben es stets betont, daß wir uns unserer Pflichten gegen Deutschland bewußt sind. Gegen jene Logenforme!, die offenbar die allerallgemeinsten prinzipien patriotischen Verhaltens meint, ist natürlich auch einzuwenden, was von vielen — auch nichtzionistischen — ' Rednern gesagt wurde, daß es unserer unwürdig und zum mindesten überflüssig ist, unsere Zuverlässigkeit immer wieder zu betonen. Vor. allein aber bleibt die Frage offen, ob man mit diesem Beschluß nicht die Ausländer ausgesperrt hat, ob man nicht doch diejenigen ״reinsten Grundsätze des Patriotismus“ pflegen will, die nur allzu gut bekannt sind. Die groteske Definition der ausländischen Juden als ״deutsche Juden fremder Staatsbürgerlichkeit“, die von Frl. Dr. Berliner erfunden wurde, trifft ja gerade auf die ausländischen Juden am wenigsten zu, die nicht weniger als Frl. Dr. Berliner ihre Heimat, z. B. Wien oder Prag, lieben und gar nicht daran denken, deutsche Staatsbürger zu werden. Ebenso läßt der Satz über ,,die jüdischen und deutschen Kulturwerte, die gepflegt werden sollen“, die nötige Klarheit vermissen. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß es Aufgabe der jüdischen Vereine ist, unsere Jugend, die überall in der Schule und im täglichen Leben mit deutschen Kulturwertcn hinreichend angefüllt wird, im jüdischen Milieu ausschließlich jüdische Kulturwerte zu vermitteln. Für deutsche Juden, die überall in nichtjüdische Gedankenkreise eingestellt sind, sollten jüdische Vereine gleichsam die /ettende Insel im Meer der Assimilation darstellen. Von der Tagung ist im übrigen noch die Paläsiina- und Kongreßresolution erwähnenswert. Die Palästinaresolution, die sich den Forderungen der Sachverständigen des deutschen Auswärtigen Amts im wesentlichen anschließt, wäre als ein Zeichen des wachsenden Verständnisses der jüdischen Jugend in Deutschland für die dringenden Aufgaben des Palästinawerkes freudig zu begrüßen gewesen, wenn nicht durch den ersten Absatz die Wirkung illusorisch gemacht worden wäre. Muß es nicht fast als eine Verhöhnung angesehen werden, wenn n!an erklärt: ״Es ist Pflicht jedes Juden, das werdende Palästina mit größter Aufmerksamkeit zu verfolgen.“? Und dies, obwohl darauf aufmerksam gemacht wurde, daß die Resolution eigentlich wertl°s sei, wenn sie nicht zum Ausdruck brächte, daß die jüdische Jugend Deutschlands das Werden Palästinas nicht gleichsam wie ein Außenstehender mit ,.größter Aufmerksamkeit verfolgen“, sondern an seiner Entwicklung mit tätigem Interesse teilnehmen müsse. In der Kongreßfrage ist ein kleiner Fortschritt zu verzeichnen. Es wurde erkannt, daß der Kongreß wertlos ist, wenn er nur eine Versammlung der deutschen Juden und nicht ein Parlament aller in Deutschland lebende« Juden darstellt Aber Angelgen-Verwaltung: Welt-Verlag•( Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20°/0. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdisdie Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimjtfitte in Palästina.“ Baseler Programm. auch liier, wie überall, fand die Tagung nicht den Mut, den einmal beschrittenen Weg konsequent zu Ende zu gehen, sondern schwächte den klaren Standpunkt, daß in jüdischen Dingen Ausländer für uns nichts als Juden sind, durch die Annahme der Bestimmung ab, die für sie eine Karenzzeit fordert. War es wirklich ״d i e jüdische Jugend Deutschlands“ — wie Dr. Apfel wiederholt sagte — die sich hier versammelt hatte? Wir haben den neutralen Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands niemals als die Vertretung der jüdischeri Jugend angesehen, und man weiß, daß auch die Orthodoxie und neuerdings anscheinend auch der Centralverein in diesem Punkt mit uns übereinstinunen. Diese Tagung bewies schon durch ihr äußeres Bild — von den Delegierten und Gästen waren schätzungsweise 75 °/0 mindestens 30 Jahre alt — daß sie nicht die Vertretung der jüdischen Jugend Deutschlands ist. Aber auch der Geist der Tagung sprach nur allzu deutlich dagegen. Es war wahrlich nicht jugendlich, wenn Herr Dr. Apfel Diskussionsrednern, die es wagten, davon zu sprechen, daß nicht alle Juden Engel sind, darauf aufmerksam machen zu müssen glaubte, daß man sich hüten möge, derartige Dinge laut zu sagen, denn alles, was gesprochen würde, käme ins Protokoll und würde dadurch der breiten Oeffentlichkeit bekannt. Neutralität führt ■oft zu Mattheit und Lauheit, Mattheit und Lauheit sind aber unsere Todfeinde, und die Aufgabe der Zionisten, die im Verbände der jüdischen Jugendvereine Deutschlands wirken, wird es sein, gegen diese Gefahr aniukämpfen. Der jüdische Kongreß in Kanada Einwanderung in Kanada. — Der Kongreß in Permanenz. — Annahme sozialistischer Forderungen für Palästina. — Jüdische Selbstverwaltung für Kanada. Die wichtigen Beschlüsse des Ersten jüdischen Kongresses in Kanada wurden seinerzeit in allen jüdisehen Zeitungen veröffentlicht. Der uns jetzt vorliegende Bericht zeigt, daß dieser Kongreß zum Unterschied von dem Kongreß in den U. S. A. sich nicht mehr damit begnügte, Beschlüsse über die rechtliche Lage der Juden anderer Länder zu fassen. Vielmehr widmete er seine Aufmerksamkeit auch den inneren Angelegenheiten der jüdischen Bevölkerung in Kanada und machte die ersten Schritte zur Neuorganisierung des nationalen Lebens der kanadischen Judenheit auf Grundlaged.er Autonomie. Kennzeichnend für den Fortschritt der gesamten Ko-ngreßbewegung der Judenheit ist der Beschluß, den Kongreß als permanente 111stanz des kanadischen Judentums zu gestalten. Auch in der PaUistinafrage beschränkte sich dieser Kongreß nicht allein auf eine deklarative Forderung, sondern drückte seine Wünsche für die innere Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens Palästinas im Sinne der jungen demokratischen Richtung des Kongresses und im Sinne der Losungen, die gegenwärtig in der gesamten zionistischen "Welt um ihre Durchsetzung ringen, aus. Der Kongreß dauerte vom 16. bis 18. März. Beteiligt waren 200 Delegierte, Vertreter aller Richtungen, die Assimilation, die Orthodoxie, die Zionisten, die Poale-Zion und die antizionistischen Sozialisten. Das ״Monument national“ war mit jüdischen und englischen Fahnen dekoriert. Die größeren Zeitungen des Landes waren durch ihre Berichterstatter vertreten. Der Kongreß wurde mit dein Gesang der ״Hatilavah“ eröffnet. Als erster sprach der Rabbiner von Montreal, der in feierlicher Weise die erste allgemeine Vertretung des kanadischen Judentums segnete. Die Eröffnungsrede von Herrn ״Leon Cohn war noch ganz im alten Geiste gehalten. Uns in Kanada, hieß es in dieser Rede, geht es gut, und wir haben keine Veranlassung, Forderungen für uns aufzustellen. Aber im■ Osten sind die Verhältnisse andere, und um unsere dortigen Brüder Uns zu kümmern, ist unsere Pflicht. Bald wurde aber klar, daß die Stimmung dieser Rede nicht den Kongreß beherrschen würde. Im Mittelpunkt der ganzen Tagung standen vielmehr die beiden Gäste aus New York, der hebräische Schriftsteller und Zionist Ruhen B r a i n i n und der Führer der amerikanischen Poale-Zbn Dr. Chaim Shitlowski. Im Namen der zionistischen Organisation Amerikas begrüßte in jiddischer Sprache Brainin die Konferenz, er sprach einehend und hinreißend über die. historische Bedeutung es gegenwärtigen Augenblicke» und von der Nähe Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u, Mittwoch nachm. 26 Ssiwan 5679 I XXIV. Jahrg. der jüdischen Erlösung, protestierte mit Entrüstung gegen die Verfolgungen und, Judenpogrome in den!.■indem der Diaspora und schilderte den Versammelten die geschichtlichen Aufgaben, die das organisierte Judentum gegenwärtig zu erfüllen hat. Als der Vertreter der zionistischen Organisation Kanadas Clarence de S 0! a das Wort im Namen der zionistischen Organis a t i o 11 e n K a n ada« ergriff, begrüßte ihn eine Menge von 2000 Personen, die aus allen Gegenden zur Tagung herbeigeeilt waren. Begeisternd sprach Shitlowski. Er kennzeichnete die Desorganisiertheit des Judentum® und die Bedeutung, die die Kriegsjahre für die Kristallisierung des jüdischen Willens gehabt haben. Dieser nationale Wille, sagte er, war cs, der zur Anerkennung der Forderung■ des Zionismus geführt hat, und der die Forderung der nationalen Rechte in allen Ländern, wo Juden wohnen, diktieren wird. Eine Wendüng bezüglich der künftigen Gestaltung der Sprachenfrage in Palästina führte zu Protesten seitens verschiedener Teile der Versammlung. Im Namen der Arbeiter- Organisationen in Montreal sprach Schubert. Ein Vertreter der föderativen Regierung, Gotier, begrüßte dam* den Kongreß im Namen der kanadischen Regierang, .- Die nächste Sitzung war der Wahl der Kon► missionen für die nationalen Rechte, für Palästina, für die Gestaltung des jüdischen Lebens in Kanada, für Organisationsfragen, für Einwanderungsfragen und für Hilfstätigkeit gewidmet. Die weitere Arbeit wurde dann hauptsächlich in den Kommissionen geführt, die am letzten Sitzungstage ihre Resolutionen dem Plenum unterbreiteten. In der dritten Sitzung referierte der zionistische Delegierte L. Pitch über die Palästinafrage, und der Misrachist Rabbiner Gordon über die Forderung einer fünftägigen Arbeitswoche. Die vierte Sitzung begann mit den Vorträgen des Zionisten Ben nett über die Forderung nationaler Rechte und des Poale-Zionisten Belkin über die nationalen Forderungen der Juden in Kanada. Den Bericht der Immigrationskommission hielt Herr S. W. Jacobs. Im Anschluß an dieses Referat beschloß der Kongreß, die freie Einwanderung nach Kanada zu fordern, eine Kommission zur Untersuchung der Agrarmöglichkeiten im Westen des Landes und ein zentrales Informationsbüro unter Beteiligung der jüdischen Arbeiterschaft einzusetzen, das die Einwanderung flfeelt. Ueber die., konstruktive Hilfsarbeit •11«4 über die. EMfchfühnmg ־*■•*־ einer Selbstbesteuerung der kanadischen Judenheit zugunsten der jüdischen Kriegsopfer sprach Herr Hest rin. Es wurde beschlossen, jeden Juden mit 5 Doll, mindestens zu besteuern. Nach dem Vortrag von N. Gordon wurde beschlos־ den, den Jüdischen Kongreß in Kanada als permanente ■ Instanz zu gestalten, der sich alle zwei Jahre ver- ־ sammeln soll. Jeder Jude hat das Recht, am Kongreß teilzunehmen. Die gewählte Leitung hat auch die Pflicht, aut die Einberufung eines Jüdischen Weltkongresses hinzuarbeiten und an diesem Kongreß teilzunehmen. Im Namen der Palästina-Kommission sprach Herr Pitch. Die Resolution der Kommission über die Forderung eines nationalen jüdischen Gemeinwesens in Palästina unter Wahrung der nationalen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung wurde einstimmig angenommen. Im Namen der sozialistischen Delegierten erklärte noch Herr Almasow, er würde nicht gegen die Resolution stimmen, er könnte aber auch nicht Tür sic stimmen, weil er nicht an den guten Willen der gegenwärtigen. Machthaber glaube, Palästina den Juden' zu gewähren. Eine heiße Debatte entstand nach der Verlesung der zweiten Resolution der Palästinakommission, die als eine Minderheitsresolution eingebracht wurde, und, die die Nationalisierung des Bodens, der Naturschätze und Verkehrsmittel in Palästina verlangt. Mit einer überwiegenden Majorität wurde sie angenommen. Ein Sturm der Begeisterung brach aus. Klänge der ״Hatikwah“ und der ״Schewuah“' durchbrausten den Saal. Den Bericht der Kommission für nationale Rechte erstattete der Poale-Zionist Reinwciän. Die Resolution verlangte die Anerkennung der Juden als nationale Einheit, die Aufnahme der Juden in die Liga der Nationen und die Festlegung der jüdischen nationalen Autonomie als Aufnahmebedingung für die neuen Staaten in den Völkerbund. Für Kanada verlangt die Resolution: die Organisierung der Juden Kanadas zur Befriedigung ihrer nationalen, kulturellen, imtional-wirtsehaftliehen und religiösen Interessen. Die Organisation der Juden Kanadas'soll zur Schaffung eigener Schulsysteme führen, im Einklang mit den Gesetzen des Landes. Die Schulen sollen von der betreffender! Regierung anerkannt und gestützt werden. Um■ diese Resolution über die nationalen Forderungen in Kanada erhob sich eine stürmische Debatte, Mit einer überwiegenden Majorität wurden alle Resolutionen über nationale Autonomie, die Resolution über die Forderungen in Kanada eiligeschlossen, angenommen. Die Misrachisten fügten noch die Forderung einer fünftägigen Arbeitswoche hinzu, die ebenfalls vom Kongreß angenommen wurde. Eine Leitung wurde gewählt, die aus 36 Mitgliedern besteht. Die Exekutive hat bis zum nächsten Kongreß, der nach 2 Jahren stattfinden soll, für die Verwirklichung der Forderungen des Kongresses zu sorgen una die Gesamtmtercssen der kanadischen Judenheit im Sinne dieser Forderungen zu leiten. Die ganze Presse Kanadas bracht« eingehende Be» richte über den Verlauf der Tagung. ■10'; G! I i

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