Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 38 (27.5.1919)
- Date
- 1919-05-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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י/7י ISCHE RUNDSCHAU Redaktion u. Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden pienstagu.Freitag. Abonn.bci d.Exp. u.d. Postämtern viertelj. d.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12,!.Ausland M. 10,— Nummer 38 Berlin, 27. V. 1919 Anzeigen-Verwaltung: Welt-Verlag G. m. b. HL, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezelle 75 Pf., Teuerungsiuschlag 20 °/0. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Säheckkonto Nr. 156030. RedaktionsschluB .Sonntag u. Mittwoch nachm. 27 Ijar 5679 \ XXIV. Jahrg. Dar Zioniamua erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer SffeutHch-rechtüch gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm* er Palästina-Delegiertentag Am 26 Mai treten die Delegierten aller )ruppen der deutschen Zionisten zum P a 1 ä - |stinadelegiertentag zusammen Nachjem erst vor wenigen Monaten der ordentliche iDeiegiertentag sich an Hand des Lichtheimschen!Referats eingehend über die Fragen des Aufbaus [von Erez-Israel ausgesprochen hat, nachdem in Ider Zwischenzeit in der Presse die Debatte mit!großem Interesse weitergeführt worden ist, verlanstalten die deutschen Zionisten eine viertägige, [nur den Palästinafragen gewidmete Tagung. Die tiefe Verbundenheit der deutschen Zionisten mit Palästina, ihr sehnlicher Wunsch, bald aktiv am Aufbau teilnehmen zu können, geht überzeugend laus diesen Tatsachen hervor. Es ist nicht die Aufgabe der beginnenden | Tagung, 'in bindenden Beschlüssen die Grundsätze festzustellen, nach denen unsere Palästina- [ arbeit vor sich gehen soll. Diese Aufgabe bleibt dem allgemeinen Zionistenkongreß Vorbehalten. Dennoch hat die jetzt beginnende Palästinatagung große Bedeutung. Die Stimme der deutschen Zionisten wird in der ganzen Organisation und darüber hinaus überall dort vernommen werden, wo lebendiges Interesse an einem jüdischen Palästina besteht. Haben doch die in Pittsburg gefassten Beschlüsse der amerikanischen Zionisten auf die gesamte Organisation ihren Eindruck nicht verfehlt. Vor allem soll aber nach diesem Delegiertentag die. wirkliche, positive Palästinaarbeit in Deutschland einsetzen. Die Klärung zu schaffen, die für diese Arbeit Voraussetzung ist, wird die Hauptaufgabe unserer Tagung sein. Möge tier Geist des echten Zionismus und der wahren Palästinaliebe, 1*gepaart mit Sachlichkeit und Sachkunde und getragen von dem festen Willen, den Geist der Gerechtigkeit im neuen Palästina erstehen zu lassen, die Verhandlungen und die Beschlüsse dieser Tagung leiten. * Referat Dr. Hantke; Geehrter Delegiertentag! Als wir im Dezember vorigen Jahres auf unserem XV. Delegiertentag die Fragen des Aufbaues Palästinas besprachen, standen wir noch vor einer vollkommen ungeklärten Situation. Wir hatten nur eine Hoffnung eine Hoffnung allerdings, die uns Gewißheit war und sein durfte. Seitdem sind fünf Monate verflossen. Die Entwicklung der äußeren politischen Verhältnisse ist langsamer vor sich gegangen, als viele gehofft hatten. Die Grundlinien des neuen Europa sind immer noch nicht endgültig festgelegt. Und so ist es denn begreiflich, daß auch die Zukunft Palästinas manchem noch nicht so zweifelsfrei erscheint, als seiner Ungeduld entsprechen würde. Immerhin sind eine Reihe von Momenten vorhanden, die uns in den Grundzügen ein sicheres Urteil gestatten. Und nur auf diese Grund «rtige braucht es uns heute anzukommen, wo wir versuchen wollen, uns über einige grundlegende Probleme des jüdischen Palästina Rechenschaft zu gehen. Nach den bis heute vorliegenden Nachrichten wird der Rechtsanspruch des jüdischen Volkes auf eine nationale Heimstätte in Palästina anerkannt und wird dem jüdischen Volke die Möglichkeit gegeben werden, diesen Rechtsanspruch, diesen Titel auf das Land, durch ein großzügiges nationales Siedlungswerk in eine Tatsache des realen politischen Lebens zu verwandeln. Wir Juden sind ja in einer weit schwierigeren Lage als die allermeisten anderen Völker. Ein Volk, das in seinem Lande wohnt, dort seine Sprache spricht, seiner Kultur lebt — entbehrt nur der politischen Freiheit. Ihn* kann diese politische Freiheit »Fort gewährt werden. Denn die Welt erkennt damit nur einen real bereits bestehenden Zustand an. Wir Juden bilden in unserem Lande bisher nur eine Minderheit Wir haben der alten Heimat den Stempel unserer Eigenart noch nicht wieder aufdrücken dürfen. Und so hat die Welt unsere Beziehungen zum Lande bisher mehr als ideale Empfindungen, denn als Elemente politischen Seins betrachtet. Um so höher müssen war daher den Erfolg schätzen, daß uns jetzt schon — bevor wir das Land kolonisiert haben — unser Anspruch auf Palästina grundsätzlich bestätigt wurde. Gewiß sind unsere Beziehungen zu Palästina Fragen des innerjüdischen Lebens, Emanationen unseres jüdischen Geisteslebens und damit in ihrer Existenz nur an uns selbst gebunden und frei von äußerer Beeinflussung. Die Menschheit bildet aber eine immer mehr wachsende und immer mehr sich untereinander verknüpfende Einheit. Und bei aller Autonomie nationalen Denkens ist das Gedeihen einer jeden Volksent- Wicklung auf das engste mit der Außenwelt verknüpft. Und so bedarf auch das jüdische Volk als erste Voraussetzimg seiner weiteren Entfaltung der Anerkennung seines Anspruches auf seine Heimat. Diese Anerkennung werden wir erhalten. Die ideelle Heimatlosigkeit unseres Volkes wird damit beendet sein. In weit größerer Sicherheit als bisher werden wir uns dem Aufbau des neuen jüdischen Palästina widmen können. Aus der Besonderheit unseres Falles ergibt sich aber auch, daß die prinzipielle Anerkennung unseres Rechtes auf Palästina noch• nicht unmittelbar die Ge- Währung aller derjenigen Rechte einschließen kann, die mit der politischen Befreiung anderer Völker, die auf ihrem eigenen Territorium leben, verbunden sind. Gewill wäre es, rein konstruktiv gesehen, ein außerordentlicher Vorteil, wenn wir von Anfang an die politischen Machtmittel des Landes in uns konzentrieren könnten. Palästina tritt uns aber nicht als eine reine Idee entgegen, sondern als ein Gebilde der Realität. Wir haben den dringenden Wunsch, mit allen Bewohnern des Landes in Frieden und Freundschaft zu leben. Und wir sehen klar, daß sich unter den obwaltenden Verhältnissen für Palästina die Einsetzung einer Verwaltung empfiehlt, die ein reibungsloses Zusammenleben aller Teile der Bevölkerung gewährleistet. Unsere Wünsche gingen daher niemals nach etwas anderem, als daß uns die Möglichkeit gegeben werde, den — von unserem Standpunkt gesehen — anormalen Zustand des Landes aufzuheben, indemWir wieder zum politisch, kulthrcli und wirtschaftlich entscheidenden Faktor des Landes werden, tUgrür׳Jbra»d1«n wir :eipe ■wöhfwiplltende 1tn4:g,e־ rechte Verwaltung, die in dem Juden einen ״erwünschten'* Einwanderer sieht, die ihm! vollste Freiheit poiitischer und geistiger Entwicklung gewährt, die ihn ,wirfschaftlich % fördert und die ihm einen der Bedeutung des jüdischen Volkes entsprechenden Einfluß auf die Verwaltung des Landes verbürgt. All dies wird uns gewährt werden, wie es überdies dem traditionellen Geiste englischer Verwaltungspolitik entspricht. In weiser Beschränkung hat das Zionistische Ak'tionskomitee seine Forderungen aufgestellt und wird sie auf der Friedenskonferenz bewilligt erhalten. Der Rechtstitel des jüdischen Volkes auf eine nationale Heimstätte in Palästina wird anerkannt werden, und diese Heimstätte wird die Unterstützung des Völkerbundes haben. Palästina wird dem Völkerbund unterstellt sein und von England als dessen Mandatar so zu verwalten sein, daß es zur nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes wird. Die Grenzen des Landes werden denen des historischen Palästina entsprechen. An seiner Verwaltung werden die Juden den diesen anerkannten Ansprüchen entsprechenden Anteil haben. Im übrigen wird die palästinensische Judenheit volle Freiheit haben, ihre kulturellen und nationalen Angelegenheiten selbständig zu regeln. Die Bodengesetzgebung wird jede Bodenspekulation. ausschließen. Für die Regelung der jüdischen Einwanderung werden Einrichtungen getroffen werden, über die das jüdische Volk selbst zu bestimmen haben wird. Der Weg nach Palästina wird also geöffnet sein. Vom jüdischen Volk wird es abhängen, in welchem Maße es von ihm Gebrauch machen wird. In der populären Auffassung ist häufig die Bedentung der äußeren Politik und ihrer Erfolge falsch eingeschätzt worden. Unsere politische Arbeit steht mit Recht immer im Vordergrund unserer Konferenzen. Sk• kann uns aber immer nur die Bahn für unsere Arbeit freimachen. Die Arbeit des Aufbaus selbst, die Wiederbesiedlung des Landes, die Aufbringung der Mittel, die Bereitstellung der Arbeiter — all das ist unsere Arbeit, wie es immer nur von der Intensität unseres Wirkens abhängen wird/ in welchem Maße die Heimstätte in Palästina die Erfüllung der nationalen Hoffnungen des jüdischen Volkes darstellen wird. Und daß dein so ist, ist die sicherste Gewähr dafür, daß der Charakter der neuen Siedlung unseren* jüdischen Empfinden angepaßt, unseren jüdischen Lebensnotwendigkeiten entsprechen wird. Das Aktionskomitee hat uns dieser Tage eine kleine Probe der Anforderungen gegeben, die die Zukunft an uns stellen wird. Es fordert für das laufende Jahr 1919 die Aufbringung i׳on 400000 £ unter dem Titel: ״Palästina - Aufbaufonds“. Es handelt sich um die ersten Ausgaben für die Vorarbeiten des Aufbaues, um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in den jüdisehen Städten und Dörfern, um Hygiene und Sanitätswesen, um wirtschaftliche Expertisen und Untersudmngen, um die Durchführung der inneren jüdischen Vcrwaltung im Lande und schließlich um die Kosten der zionistischen Organisation. 330 000 £ von den 400 000 £ werden in Palästina selbst Verwendung finden. Auch wir werden unseren Anteil zu übernehmen haben, ja wjr werden ihn fordern, um unserem eigenen Verlängert, für Palästina mitzusorgen, zu entsprechen. Unser Zentralkomitee hat daher beschlossen, unter Aufhebung aller unserer bisherigen organisatorischen Sammlungen eine Zionistensteuer auszuschreiben, zu der, wie wir hoffen, jeder Zionist nach Maßgabe seiner Opferwilligkeit und seinen äußersten Möglichkeiten beisteuern wird, und die unseren Beitrag zu den Kasten des Palästinaaufbaufondis, sowie audh die Kosten unseres Landesverbandes decken soll. Die Aufbringung dieser Beträge, die sidh für dieses Jahr auf mindestens 600 000 M. belaufen werden, und die Fortführung unserer unter so günstigen Auspizien begonnenen diesjährigen Nationalfondssarnmltung werden zeigen, •wieweit auf die finanzielle Bereitschaft unseres Landesverbandes gerechnet werden kann. Aehnliche und weitergehende finanzielle Ansprüche sind an die Zionisten aller Länder gestellt worden. Sie werden erfüllt werden. Denn sie sind doch der leichtere Teil der Aufgabe. Weit schwerer ist die Verantwortung, die in der Durchführung der Kolonisation selbst liegt. Seit mehr als achtzehnhundert Jahren wartet der Jude auf die Rückkehr nach Palästina. Zum ersten Male sind die politischen Voraussetzungen gegeben. Alle bisher vorhandenen Hindernisse sind gefallen. Da ist es denn mehr als selbstverständlich, daß tarnend und .aber ^wend atu־-auf den Tfg warten* m den 'äeh‘ ־ die TiJre weit öffnen. Und wir Zionisten, die wir seit den ersten Tagen unserer Bewegung unermüdlich den Ruf zur Heimkehr nach Erez-israel erhoben haben, werden — das braucht nicht versichert zu werden — alles tun, um die Wiederbesiedlung des Landes mit Aufbietung aller Kräfte und unter Ausnutzung aller Möglichkeiten zu fördern. Das jüdische Volk schenkt unserer Leitung Vertrauen. Es erwartet von ihr das Signal zum Aufbruch. Um so größer ist unsere, Verantwortung und um so• mehr müssen wir bedacht sein, die Einwanderung in die Bahnen zu lenken, die eine segensreiche Entwicklung versprechen. Die Einwanderung muH von uns geregelt und auf Grund wohliiberlegter Plane systematisch ausgestaltet werden. Der Begriff der ״Regulierung der Auswanderung“ hat in der jüdischen Oeffontlichkeit einen schlechten Klang. Er bedeutete bisher immer eine Beschränkung der Aus- Wanderung, eine Bevormundung der Auswanderer. Wir werden die Heimat unseres Volkes keinem seiner Söhne verschließen. Und wenn sich ־unsere Leitung in den letzten Wochen veranlaßt gesehen hat, vor überstürztem Aufbruch zu warnen, so ist dies durch den augenblickliehen Zustand der Welt, der erst einen allmählichen Ucbergang vom Weltkrieg zuin Frieden darstellt, nur allzu verständlich! Wohl aber wird es Aufgabe unserer Organisation sein, diejenigen Kategorien von Einwanderern festzustellen, die jeweils für die Entwicklung des Landes atn notwendigsten sind, die Berufe in der jüdisehen Diaspora zu fordern, die heute fehlen und ohne die ein gesunder Aufbau des Landes undenkbar wäre, die Eirnvanderungswilligen zu registrieren und nach Maßgabe des Bedarfs aufzurufen, eine möglichst umfangreiche Einwanderung im Lande selbst systematisch vorzubereiten — kurz, die Einwanderung so zu beeinflussen, daß sie den Bedürfnissen des Volkes und des Landes entspricht. Zu dieser Frage Stellung zu nehmen, wird eine der Hauptaufgaben des Dclegiertentages sein. Der Delegiertentag־׳ wird auch die Organe schaffen müssen, welche diese Aufgabe für die Zionisten in Deutschland in Angriff zu nehmen und ihrer Lösung zuzuführen haben werden. Ich will in diesem Zusammenhang ein Gerücht nicht unerwähnt lassen, das in der letzten Zeit entstanden ist und mannigfache Beunruhigung hervorgerufen hat, daß nämlich die deutschen Juden Schwierigkeiten haben würden, nach Palästina einzuwandern. Dieses Gerücht hat keine Unterlagen. Die zionistische Organisation würde die moralischen Grundlagen ihrer Existenz erschüttern, wenn sie jemals zulassen würde, daß Teile des jüdischen Volkes von der Rückkehr nach Erez- Israel ausgeschlossen würden. Sie wird niemals gestatten, daß der Aufbau des jüdischen Palästina mit