Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 37 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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juuidur Redaktion u. Verlag W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden Dienstagu.Freitag. Abonn.beid.Exp.«.d.Postämtemviertelj, M.6.— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12,!.Ausland M.1Q,*־~ Nummer 37 | Berlin, 23. V. 1919 Die schamlose Judenpolitik der Rumänen 1 Noch ist ui Paris die Entscheidung über die j /.;!kunft der rumänischen Juden nicht gefallen,; ,:r wissen noch nicht, ob die Friedenskonferenz j iejenigen Bestimmungen treffen wird, die die j!leichherechtigung der Juden in Rumänien, die I Sicherung ihres persönlichen und nationalen Lebens ( iv.ährleisten. Die uns vorliegenden Nachrichten 1 beweisen, daß in der rumänischen Judenpolitik \ 11t die leiseste Aenderung eingetreten ist, daß i - :1M.hr die Regierung mit der alten Brutalität j egen die Juden vorgeht. j Besonders schlimm scheinen die Rumänen in dem von ihnen eroberten Beßarabien zu ׳ wüten. Es liegt uns ein Rundschreiben des Bechlshabers der Truppen Sektion Se - uriano-Barnowa (Beßarabien) vom 1b. Januar!«10 vor, das sich ״an alle Priester, Bürgermeister, Lehrer und Lesekundige des Bezirks Moldowa-Naslawka“ richtet. Deses Rundschreiben tner offiziellen rumänischen Behörde stellt sich als eine Pogromhetze schlimmster Sorte dar. Es heißt darin: ״Liebe christliche Brüder! Ich bringe Euch zur Kenntnis, daß das General-Hauptquartier der rumänisch-französischen Truppen in Odessa benachrichtigt wurde, daß die Bolschewtki von 1!!den unter der Firma ״Befreiungs-Komitee Beßrabien“ organisiert und geführt werden.“ Es ird dann behauptet, das Programm dieses Komi- ■es sei, daß die Juden, die Beßarabien bewohnten, auch beherrschen müßten. Das Abzeichen der schewiki seien zwei aufeinandergelegte rote Dreiecke. Nachdem dann auf die Verbrechen von ,Lenin. Trotzki, Kerenski und anderer jüdischer Führer“ hingewiesen ist, werden die Christen wie folgt aufgefordert: ״Tapfere Christen! Betet zum Herrn und iniget das von Juda und den Verrätern besudelte re uz.“ Ueberhaupt scheint die Hetze gegen die Juden ®*op allem in der Form geführt.ai werden, ׳408׳- :an sie als Anhänger der sozialistischen Parteien verdächtigt. Die Zeitung ״Adverul“ veröffent- Uchte am 27. März ein Zirkular, das das P r e ftb ü r o des Ministeriums des Inneren, also wiederum eine amtliche Stelle, über eine Sitzung des sozialistischen Studentenklubs versandt hat, in welchem die Namen der Anwesenden angeführt werden. Es werden ausschließlich jüdische Namen genannt, und zwar unter Gebrauch der antisemitischen Schimpfwörter, mit denen man in Rumänien die Juden zu beschimpfen pflegt. Das Pressebüro scheint cs also für seine Aufgabe zu halten, durch derartige lügnerische und hetzende Berichte Haß gegen die Juden zu säen. Wie schrecklich die Lage ist, beweisen uns vorliegende Briefe, in welchen gesagt wird, daß aut Grund jeder anonymen oder von jedem Beliebigen unterschriebenen Anzeige Juden verhaftet werden, um viele Monate ohne Anklage und ohne jede Vernehmung im Gefängnis zu sitzen. ״Keiner 11(;ג ן ans“, so beißt es in einem derartigen Brief, ,kann die Gewißheit haben, am nächstfolgenden;!ge nicht in irgendeinem Polizeiloch oder Militärzu stecken.“ Mit w elcher Schamlosigkeit man unverhüllt zum Pogrom auffordert, folgt daraus, daß Vintila ratianu, der Bruder des Ministerpräsidenten^ auf der Sitzung einer rumänischen Bank wörtlich geäußert hat: ״Ke Juden machen uns Unannehmistlikeiten. ein Pogrom wäre willkommen. Leider ist es jetzt nicht möglich.“ Eine beliebte Anklage gegen die Juden besteht dariq, daß sie der deutschen Okkupationsmacht Beistand geleistet hätten. Auch Personen, die aufs schwerste durch die Okkupation gelitten haben, werden unter diesem Vorwand verhaftet. Als besonders entwürdigend muß das Verhalten der Rtv ״!erung gegenüber den jüdischen Soldaten bezeichnet werden. Aus der Gefangenschaft heimgekehrte Rumänen müssen ein Formular ausfüllen, in welchem folgende Frage enthalten ist: ״Was für Unannehmlichkeit!« haben Sie von den mit Ihnen internierten gefangenen Juden gehabt?“ Wozu diese Fragen gestellt werden, ist nur allzu klar, ln fast allen Fällen werden aus der Gefangenschaft gefängnis Anxcigen-Verwal t ung: Welt-Verlag G. m. b. H., Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 0.4815. Anzeigenpreis für die sedisgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerangsiusdilag 20%. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer üfkniiidt-rechtlida gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. heimgekehrte rumänische Juden nicht nach Hause gelassen, sondern zurückgeh alten und unter der Behauptung mißhandelt, daß sie mit rumänischen Mitgefangenen Händel gehabt hätten. De rumänisehen Gerichte gehen mit offener Parteilichkeit gegen die Juden vor. Während rumänische Christen wegen Desertion zu 2, höchstens 3 Jahren Zuchthaus verurteilt werden, erhalten die Juden 15 Jahre, ja lebenslängliche Zuchthausstrafen. Ein und dasselbe Gericht verurteilte den rumänischen Juden Argentaru wegen Desertion zu 15 Jahren Zwangsarbeit, den rumänischen Christen Georghe wegen Desertion zu 5 Jahren Zwangsarbeit, den rumänischen Christen Zamfereski wegen Desertion und Mordversuch;zu 5 Jahren Zuchthaus. Desertion eines Juden wird also dreimal so streng bestraft, wie Desertion und Mordversuch eines Christen. Daß man die Juden auch im wirtschaftlichen Leben bedrängt, wird nicht wundernehmen. Immerhin ist auch hier die Schamlosigkeit zu konstaderen, mit der das Ganze unverhüllt geschieht Uns liegt zum Beispiel eine Verfügung des Kominandanten der 6. Zone vorn 14. Dezember vor, wonach dem Kaufmann Dobresku der Verkauf bestimmter Waren unter der Bedingung gestattet wird, ״daß er sich keiner jüdischen, sondern nur rumänischer Vermittler bediene“. De vorliegenden Tatsachen, die wir ohne weiteres beliebig vermehren können, beweisen erneut, daß alle Erklärungen der rumänisehen Regierung restlos Lug und Trug sind. Der rumänische Antisemitismus blüht wie bisher. Die Juden sind rechtlos, und es kann jeden Tag damit gerechnet werden, daß Pogrome die schwergeprüfte Bevölkerung heimsuchen. Der Schutz der rumänischen Juden wird von der rumänischen Regierung niemals »1 erfangen *in, er kann nur Lorch die Mächte in Paris durchgesetzt werden. Wenigstens die primitivste ForderuHg der Gleichberechtigung und des Schutzes von Leben und Eigentum sollte ein europäischer Staat im 20. Jahrhundert seinen Bewohnern nicht verweigern dürfen, die noch soeben auf dem Schlachtfeld für Rumänien geblutet haben. Das Palästina-Amt in London Das Palästina-Amt der Zionistischen Organisation in London verbreitet folgende Mitteilungen: An alle Zionistischen Landesverbände! Mit unserem Rundschreiben vom 18. April haben wir Ihnen bereits mitgeteilt, daß eiin Zentralbureau der Zionistischen Organisation in London eingerichtet worden ist. das alle Palästina-Angelegenheiten bezüglich der Vorbereitung und Kolonisationsarbeit behandelt und als eine zentrale Körperschaft für die Regelung der Auswanderung nach Palästina fungieren wird. Dieses Zentralbureau, das den Namen ״Pa 1 ä st i n a -A m t der Zionistischen Organisation“ führen wird, ist in folgende Abteilungen gegliedert worden: a) Immigration. b) Finanzen. c) Landwirtschaftliehe Kolonisation. -- d) Handel, Industrie, e) Oeffentliche Arbeiten. f) Arbeiterfragen. — g) Legislative Maßnahmen und Reformen. Es ist beabsichtigt, daß das Palästinaamt sowie seine verschiedenen Abteilungen in engem Kontakt mit allen Landesverbänden und allen zionistisehen Körperschaften in Palästina und der Daspora arbeiten sollen. Besondere Mitteilungen dieses Bureaus werden über die sofort zu unternehmenden Arbeiten Auf- Schluß geben. Alle Korrespondenzen soften künftig Registernummern tragen und an das Departement, in dessen Aufgabenbereich sie fallen, gerichtet sein. Einzelne Gegenstände sollen in besonderen Briefen behandelt werden. Julius Simon. Telephon: Amt Uhlnnd 845 a. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. Für Oesterreich: Postsparkassen amt SAeckkonto Nr. 156030. RedaktionsschluS Sonntag u. Mittwoch nachm. 23. ijar 5679 | XXIV. Jahrg. Das Aktionskomitee zur Frage der Einwanderung nach Palästina An alle Zionistischen Landesverbände! ln Hebe rein Stimmung mit einem durch die Lomdoner Zionisten-Konferenz gefaßten Beschluß ist in London unter der Aufsicht des Aktionskomitees ein Z e n t r a 1 - P a I ä s t i n a - A m t geschaffen worden. Diesem Palästina-Amt wird die Arbeit obliegen, zu bestimmen, welche ökonomischen, administrativen und anderen Bedingungen für die zukünftige, große, stufenweise Besiedlung von Palästina nötig sind. Es wird auch als Zentralkörper für die Regulierung und ()rganisierung der jüdisdien Auswanderung nach Palästina dienen und in Zusammenarbeit anderer Körperschaften in Palästina und der Diaspora alle Anstrengungen machen, um einerseits die größtmöglichste jüdische Ein- Wanderung zu beschleunigen und andererseits dafür ,Sorge zu tragen, daß sie in einer Weise vor sich gellt, die den Interessen des Landes und der Ueber- Siedler am besten dient. Die Zeit der Einwanderung ist nicht da. Die Einwanderung kann nicht anfangen, bis systematisdie Pläne der Kolonisierung in ökonomischer, finanzieller und anderer Hinsicht ausgearbeitet sind, ein Umstand, welcher zu einem großen Teil auf der Lösung der politischen Probleme betreffs Palästina beruht. Bis dorthin sollte kein einziger 1 m in i - grant Palästina betreten. Wir finden es nötig, dies zu betonen und alle Gruppen und Individuen davor zu warnen, irgendwelche eiligen Einwanderungsschritte zu unternehmen. Niemand ,sollte sich beeilen, sein Geschäft aufzugeben und nach Palästina aufzubrechen. Vorzeitige, unorganisierte und überstürzte Einwanderung ist mit der größten Gefahr verknüpft, sowohl für die Einwanderer selbst, als auch für die ganze jüdische Zukunft in Palästina. Jeder Zionist und jeder Jude wird den Eindrude gewinnen, daß jeder vorzeitige Immigrant nicht nur die eigene Zukunft, sondern auch die der anderen Einwanderer gefährdet. ' Die Zionistische Organisation ist sich der schrecklichen Lage bewußt, die gegenwärtig unter den Judenmassen in fast allen Ländern des östliehen Europas herrscht und ist in voller Uebereinstimmnng mit den Wünschen aller Klassen des jüdischen Volkes, sich in Erez Jisrael so bald wie möglich niederzulassen. Die Organisation wird sich;uifs äußerste bemühen, mit der Hilfe aller seiner Einrichtungen so bald als möglich eine weite und systematische Einwanderung nach Palästina in die Wege zu leiten. Aber wenn dies erreicht wenden soll, müssen wir Geduld und Ausdauer haben und auf die unaufhörliche Wachsamkeit der Organisation vertrauen. Selbstdisziplin, die die stärkste Unterstützung unserer Bewegung gewesen ist, ist mehr als je in diesen großen Tagen nötig. Jeder einzige muß sich dessen bewußt sein, daß systematische Immigration und Kolonisation allein unser großes nationales Ideal, die Wiederhcrstellung Palästinas als nationales Heini des jüdischen Volkes vollenden wird. Aktions-Komitee der Zionistischen Organisation: . Naim in So ko low. D. C:h. Weizmann. Palästina - Amt der Zionistischen Organisation: Julius S i m o n. Die Pogroirie Fortdauer der Pogrome Nach uns vorliegenden telegraphischen Meldüngen dauern die Pogrome in Westgalizien unverändert an. Am 5. Mai fanden in Majdan (Bezirk Kolbuseovvski) Judenexzesse statt, über die wir bereits kurz, berichtet hatten. Bei ihnen sind von 150 jüdischen Familien 140 ausgeplündert, 17 Personeu wurden schwer, etwa 50 leicht verletzt. Die Bauern und die städtische Bevölkerung führen einen Boykott gegen die Juden durch־; auf dem am 12. Mai stattfindenden Jahrmarkt wollten die Bauern den Juden keine Lebensmittel verkaufen. Im Dorfe Rusinow bei Majdan ermordeten Bauern den 70jährigen Mattias Blitzer.