Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 36 (20.5.1919)
- Date
- 1919-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion u. Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstag u. Freitag, Abonn.bei d.Exp. u.d. Postämtern viertclj, M.6,— iu Deutschland, in Oesterreich Kr. 12, i, Ausland M.10,— Nummer 36 } Berlin, 20 V 1919 An «ei gen-Verwaltung: Welt ■Verlag G. m. b, H., Berlin NW. 7, Dorotheenstrafie 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815. Anzeigenpreis fiir die sedisgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm, 20 Ijar 5679 ־)־XXIV. Jahrg~ Der jüdische Kongreß in Deutschland Am (). März hat eine Besprechung zwischen \ l rtretern des Z e n t r a 1 v e r e i n s deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und 111■ r Zionist Ls chen Vereinigung f ii r Deutschland stattgefunden. Oie Herren Gelieimrat Fuchs, Dr. Holländer, Dr. Stern und Dr. Apfel vertraten den Zentralverein, \vi־ h! tlen die Herren Dr. H a n t k e , B1 u m e n f e 1 d , (:oldmann und Felix Rosenblüth entsandt. Feim Eintritt in die sachlichen Verhandlungen erklarten wir, daß über folgende Fragen Klarheit .;.•schaffen werden müsse, bevor wir uns für einen Kongreß aller Juden in Deutschland entscheiden konnten: 1. Der Zentralverein verpflichtet sich, auf diesem Kongreß ein Palästinaprogramm zu vertreten, das den zionistischen Forderungen nicht zuwidcrläuft. Die Anerkennung der Neugestaltung Palästinas durch die allgemein-politische Entwickhing der letzten Jahre muß in aktiver Mitarbeit am Aufbau Palästinas zum Ausdruck kommen. 2. Der Kongreß muß aus allgemeinen, gleichen, geheimen Verhältniswahlen für Männer und Frauen hervorgehen. Ein Unterschied zwischen deutschen Staatsbürgern und Ausländern darf nicht gemacht werden. 3. Der rein jüdische Charakter des Kongresses muß gewahrt werden, Beschlüsse dürfen nur über reinjüdische Angelegenheiten gefallt werden. Deimmstrationen in bezug auf nichtjüdische Verhält- Hisse sind unzulässig. Herr Geheimrat Fuchs stimmte diesen Forderungen als einer Grundlage für weitere Vorhandlungeti zu und entwickelte das Programm, das der Arbeitsausschuß des Zentralvereins-Vorstandes auf dem Kongreß vertreten wolle. Wir erklärten darauf, daß für den Kongreß lectiglich eine Tagesordnung, nicht aber ein vo!ffr;;׳ yeb|j1fc|if§, ,Piojiamp ietitgesetzt ׳ werdet» »Gle, '־<> daß bei den '■.vahien za.n K^«1gve:i ein Wahlkampf zwischen den Vertretern unseres auf dem Volksgedanken beruhenden Programmes und den Anhängern der nichtnationalen Auffassung stattfinden würde. Unter allen diesen Voraussetzungen waren wir bereit, einen Kongreß aller in Deutschland lebenden Juden einzubenufen. Ein Kompromiß in Fragen des Programms ist nicht erfolgt. Wir werden bei den Wahlen und auf dem Kongreß selbst die nationaljüdischeu Forderungen vertreten, wie sie in unserem Kongreß- Programm von Anfang an festgelegt worden sind, und werden alle unsere Kräfte anspannen, nun den jüdischen VolkSgedanken im deutschen Judentum durchzusetzen. Wir sind überzeugt, daß der Aufbau eines jüdischen Lebens in Deutschland nur durch das nationale Judentum erfolgen kann. Folgende Gründe haben uns veranlaßt, unter diesen Voraussetzungen von der Forderung abzugehen, daß nur solche Juden und Jüdinnen wählen dürfen, die ihre Zugehörigkeit zuin jüdischen Volk ausdrücklich bekennen: Per indische Kongreß in Deutschland erhält für uns dadurch seinen Sinn, daß er als Teil der allgemeinen jüdiscKen Kongreßbewegung in die Erscheinung tritt. Diese Kongreßbewegung hat in allen Ländern (inen durchaus nationalen Charakter. Alle Versuche von antizionistischer Seite, die jüdischnationale Tendenz zum Beispiel des amerikanischen Kongresses zu bestreiten, entbehren jeder tatsächlichen Unterlage. ,*Der amerikanisch-jüdische Kongreß bürgt d a f ü r, daß die Mit - a r b e i t der Juden Amerikas an der nationalen Heimstätte .... in einer (lenTraditionenundden hohen Idealen des jüdischen Volkes würdigen Weise verwirklicht vv i r d.“ Diese Resolution hat der amerikanische Kongreß angenommen. In gleicher Weise sind die Beschlüsse des jüdischen Kongresses in Kanada von nationaljüdischeni Geiste erfüllt. Das jüdische Vorparlament in der Ukraine hat mit 64 gegen 31 Stimmen der von den Zionisten vorgesdilagenen Resolution zugestimmt, in der die Anerkennung des jüdischen Volkes als einer einheit- ״Der Zloabmus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Cffcnilich-rechülch gesicherten Heimiffilte in Palästina.'' Baseler Programm. Palästina-Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 26. bis 29. Mai 1919, im Kaisersaal des ״Rheingold“, Berlin, Bellevuestraße Beginn am Montag, den '26. Mai, vormittags 10 Uhr. Die Ortsgruppen und Jugendvereine werden dringend gebeten, die Ergebnisse ihrer Wahlen auf schnellstem Wege mitzutoilen, damit den gewählten Delegierten noch Legitimationen /!!gestellt werden können. Die Gültigkeit der Wahlen ist von der rechtzeitigen Abführung der Landesbeiträge abhängig. Eintrittskarten fiir Gäste für die ganze Tagung sind zum Preise von 3 M., zuzüglich 20 Pfg. Porto, in! Büro der Z. V. f. D. zu haben. Zur U ehern a 11 me eine s M a 11 d a t es h a be!1 sich bereit erklärt: Dr. Julius Loewenhein! , Dr. Albert Baer, Dr. Felix Theilhaber, San.-Rat Dr. Emil Sinionsohn, Aron Hcrnioni, Alfred B e r g er ,• Ernst Pinne r und Frau Clara Boschwitz, sämtlich Berlin, sowie Louis M a r e u s - R c e s. Gemeldete Delcgiertenwahlen Posen: Dr. Ma nasse , Georg Baer Heinrich W o 11 h e i in , sämtlich Posen, Delegierte. Jacob Brandt, Posen, Dr. Albert Baer, Dr. Lclewe r, Frau R.-A. Leszynski, Berlin, Ersatzdelegierte. Halle: Ernst " J o s e p 11 , Halle, Delegierter. M. W o s k i n , Halle, Ersatzdelegierter. Magdeburg: W. H eine m a n 11, P. K r o h n , H. Kesten, Magdeburg, Delegierte. Kiel: R.-A. T n n 11 c n w a 1 u , Rosa O r k i 11, Kiel, Delegierte. Frau R.-A. Tannenwald, Kiel, Ersatzdelegierte. Darmstadt: Dr. isaac, Darmstadt, Delegierter. Berlin, Jiid. Jugendverein ״I b r i a h“ : Samuel Haarpuder, David Rosenberg, Leo Spiegel, Berlin, Delegierte. Jakob Fast, Hirsch Boc h e n e k , Berlin, Ersatzdelegierie. Cassel: Dipl.-Ingenieur Katzenstein, Treysa, Delegierter. , Dresden:.Salta .Hurwitz״ stud, ׳afdi.. E. Toepii,/, Dr,sü״:, U,. .‘,!;:״!•Bio!. tV»־u P V־׳1״rW Arno Schenker, Dresden, Dr. Julius Loewjnheim, Berlin, Ersatzdelegierte. Bochum: M. Schapira, Wanne, Delegierter. Frau Schapira Ersatzdelegierte. Erfurt: Dr. David B a 11 m g r d t, Elly F r i c d - 1 ä n d e r, Erfurt, Delegierte. Tarnowitz: C11. Zwi Klötzel, Berlin, Delegierter. Nordhqusen: Jakob Kern, Nordhausen, Delegierter. Spund, Otto Löser, Nordhausen, Ersatzdelegierte. Dessau: Adolf Goldmann, Dessau, Delegierter. M. Reiß, Dessau, Ersatzdelegierter. Bremen: Dr. Katzen stein, Bremen, Delegierter. Vom Misrachi gemeldete Delegiertenw n 111 e n. Dresden. Abraham Burg, Leo Löwen köpf, Dresden. Delegierte. Moses Schi ff mann. Hersch N'eumaicr. Dresden, Ersatzdelegicrte. Posen: Rabbiners. Blum, Pieschen, Max Mend e 1 s o h n , Posen, Delegierte. Siegbert Stein, Lazarus Barth , Berlin, Ersatzdelegicrte. München: Josef Adler, München, Delegierter, Zahnarzt Rudolf Stein, Berlin, Ersatzdelegierter. Frankfurt a, M.: L. Bo rnstein, Etnil B ii 111 e r, Roth c nber g , sämtlich Frankfurt a. M., Delegierte. Bernhard T a n n e n b a u m . (. r a in er, 1 )r. R a b i 11, sämtlich Frankfurt a. M., Ersatzdelegierte. Jugendgruppe Frankfurt a. M.: Fraulein G. Feuchtw a nger, Abr. B 0 r 11 s t e i n , E. K a u f ni a 11 n , Delegierte'. Frl. Rnsenblatt, Frl. Ro«i Bend e r, samtlieh Frankfurt a. M., Erich Fromm, Heidelberg, Ersatzdelegierte. Berlin, j u g e n cl g r u p p c: Rabbiner Dr. Wilhelm Levy, Frl. Hilde Reu ii, Arthur Rau, sämtlich Berlin. Delegierte, jugendgemeinschait B e r - 1 i n: Gabriel K n o 1 i e r , Hede O o I d b e r g c r, Isaak Wenig, sämtlich Berlin, Ersatzdelegierte. liehen Nation gefordert wird. Die Nation ul rate in Böhmen, der Bukowina, Galizien, Polen und noch anderen Ländern lassen an dem nationaljüdischen Charakter der Kongreßbewegung keinen Zweifel. Anders liegen die Verhältnisse in Deutschland. Wir mußten damit rechnen, daß hier ein allgemeiner jüdischer Kongreß bei der bekannten Zusammen- Setzung des deutschen Judentums ein einheitliches Streben des jüdischen Volkes nicht anerkennen würde, und wir erwarteten, daß ein solcher Kongrell dem deutschen Judentum jede Möglichkeit zur Mitarbeit in allen allgemein-jüdischen Angelegenheiten nehmen würde. Die antinationale Stellungnahme der deutschen Juden mußte unseres Erachtens einen so tiefen Gegensatz zu der in nationaleu Fahnen verlaufenden Kongreßbewegung schaffen, daß eine Zulassung der Vertreter des deutschen Judentums zu dem später einzuberufenden Weltkongreß nicht in Frage kommen werde. Die Weltkongreß-Idee, mit der sich jetzt auch die Konferenz der Nationalräte in Paris beschäftigt hat, ist untrennbar mit dem Gedanken verbunden, daß die Juden der ganzen Welt ein Volk sind, 111 den Monaten, in denen wir im Sinne unscres Kongreftprogramms in Deutschland tätig waren, suchten wir nach einer Möglichkeit, alle deutschen Juden an diesem Kongreß zu beteiligen. Wir stellten fest, daß der von uns auf genommene Kongreßgedanke auch die uns ablehnend gegenüberstellende Mehrheit der deutschen Juden ergriff. Notwendig erschien es auch liichtzionistischeu Kreisen, die deutsche Judenheit in neuer Form auf demokratischer Grundlage zu organisieren. Die zionistische Palästinaforderung wurde in ihrer Bedeutung für die Gesamtjadenheit immer allgemeiner anerkannt. Führer des Zentralvereins, die den Volksbegriff ablehnten, waren bereit, sich für die Errichtung einer jüdisch-nationalen Heim- Stätte in Palästina einzusetzen; »lisch יn sie die Einheit des jüdischen Volkes leugneten. Sie erkannten aber an, daß die Juden in Palästina nur eine jüdisch-nationale Entwicklung nehmen können. Unserer Forderung, den Juden überall, wo sie es verlangen, nationale Autonomie nach den Grund- Sätzen des Selbstbestiminnngsrechfs der Nationen zu gewähren, wurde mit gewissen Einschränkungen z.ugestimmt. Diese Annäherung der niehtzionistischeu Kreise an unser Kongrellpragramin kam bei den Besprechungen zum Ausdruck, die Vertreter aller Richtungen des deutschen Judentums in der Geschäftsstelle für die Fricdensverhandkmgen hatten. Man einigte sich dort auf ein Mindcstprogramm, daß der Arbeitsausschuß des Zentraler- Verstands» . yvie rjns^. durch Herrn Geheimrat Tu'ch's ’zugesichert' wtfMi^äif ־dem jüdischen Kon-'׳ greß vertreten würde. Das Programm lautet: 1. Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden und des Judentums in allen Ländern der Welt. 2. Beseitigung und Verbot aller Gesetze, Verordmuigcn und Bestimmungen, die Beschränkungen lediglieh für Juden enthalten, insbesondere von Eimvanderutigsverboten und Grenzsperren. 3. Nationale und kulturelle Autonomie in den neugebildeten Staaten in dem Umfange, den die Mehrheit der dortigen Juden fordert, unter Wahrung des Rechtes der Minderheit; Berücksichtigung des Sabbaths in der Gesetzgebung. 4. Festsetzung solcher politischen, administrativen und ökonomischen Bedingungen für Palästina, daß seine Entwicklung zu einem von der gesamten Judenheit getragenen autonomen Gemeinwesen (common wealth) gesichert wird. 5. Entschädigung von Pogrom,ipk nt durch den betreffenden Staat. t>. Einsetzung eines internationalen Ausschusses mit der Aufgabe, darüber zu wachen, daß die Grundsätze und Beschlüsse der Friedenskonferenz hinsichtlich der Juden durchgeführt werden. Dieses Programm läßt eine gemeinsame Arbeit auf dem Kongreß und -,so möglich erscheinen, die dem nationalen Geist der allgemeinen Kongreßbewegung inhaltlich entsprechen. Wir gelangten daher zu der Ansicht, daß wir den Versuch eines jüdischen Kongresses in Deutschlarid unter Fortiassung des Bekenntnisses der Zugchörigkeit zum jüdischen Volk ata Wahlrechts- Voraussetzung machen könnten, obgleich wir keinen Augenblick im Zweifel waren, daß die Mehrheit dieses Kongresses nicht zionistisch sein wird. Entscheidend ist die Anerkennung dieses Kongrosses durch die Judenheit der Welt. Wir halten diese Anerkennung für möglich, falls den von uns aufgestellten Bedingungen al’.genieiu zugestimmt wird. Der d e 1,1 o k r a t i s c h e (i!1 a r a k t e r muß durchaus gewahrt werden, (der Vorschlag, daß die aus plutokratischen Wahlen hervorgehenden Vorstände der Jüdischen Gemeinden die Wahlen leiten, ist völlig indiskutabel, es müssen Wahlkreise mit besonderen Wahlkomitees gebildet werden); auch die ausländischen Juden lÄben Wahlrecht.