Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1919-05-09 · Heft 33 (9.5.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 33 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652135-2652168--12217-2669825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

32 JÜDISCHE RUNDSCHAU daktion u. Verlag• W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstagu. Freitag. Abonn.bei d.Exp. u. d. Postämtern viertelj.!51.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr.12, i. Ausland M.10,— Nummer 33 Berlin, 9. V. 1919 Anselgan-Verwsltung; Welt-Verlag G. tn. b. H., Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuernngszuschlag 20 °/0. Telephon: Amt Uhlnnd 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Sdheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch ruichm. 9. Ijtr 5679 | XXIV.־ Jahirg. Die Amsterdamer Beschlüsse Mit Freude und Genugtuung begrüßen wir Zionisten die Beschlüsse der Amsterdamer Soziah!enkonferenz über die Judenfrage. Wir sehen in ihnen die notwendige Ergänzung zu den Zusagen, die uns die Friedenskonferenz in Paris in Aussicht gestellt haf, und betrachten die Tatsache, daß die beiden Faktoren, die das Schicksal der Welt bestimmen, die Großmächte von heute und die internationale Bewegung von morgen, sich auf den Boden unserer Forderungen gestellt haben, als ein glückverheißendes Zeichen für die Einmiitigkeit, mit der die ganze Welt sich anschickt, dem Verlangen des jüdischen Volkes gerecht zu werden. e IIIIW r RTEI 1919 Anders als die übrigen Völker sind wir nach Paris gegangen. Wir hatten keinen Dank für geleistete Dienste zu beanspruchen und wir haben keine Dienste für die Erfüllung unserer Wünsche in Aussicht gestellt. Die Forderung des jüdischen Volkes ist keine Frage des Krieges und kann varum und wird darum nicht begründet werden mit den Argumenten, die auf dem Kriege beruhen und auf denen der Krieg beruhte. Wir haben nichts mit einer Welt zu tun, die mit diesen Argumenten rechnet, und unser Reich ist nicht von dieser Welt, Wir gingen nach Paris mit einer Klage und mit einer Forderung. Wir klagen über ein Verbrechen, das die Menschheit an uns verübt seit zweitausend Jahren, und wir erheben unsere Forderung an die Menschheit, so wie wir sie seit zweitausend Jahren erheben. Unrecht ist geschehen und muß wieder gut gemacht werden, eine Forderung besteht und muß erfüllt werden. Es ist nicht die Frage des Vorteils des einen und des Nachteils des anderen Landes, es ist das, was als erstes geschehen muß, wenn überhaupt etwas geschehen .soll, um die Welt wieder auf Recht und Gerechtigkeit zu־ gründen. Eide 'Konferenr, die, wie die Pariser, der Welt den Frieden geben will, indem sie ihre Ordnung auf die Grundläge des Rechtes stellt, eine solche Konferenz ist selbstverständlich der Ort, an dem wir aufzutreten haben, das Tribunal, vor das wir unsere Klage bringen und unsere Forderung. Wir gehen frei zu dieser Konferenz, man hat uns nichts versprochen, damit wir dort erscheinen. Und wir werden frei von dieser Konferenz Weggehen und nicht׳, versprochen haben, damit man uns unser Recht gebe. Wir haben das Vertrauen zur Pariser Konferenz, daß sie unseren Standpunkt begreift und ehrt, als den eines Volkes, das auf dieser Konferenz erscheint ganz frei von der Begier, die der blutige Anlaß der Friedenskonferenz gewesen ist, und dessen Forderungen so sind, daß ihre Erfüliung möglich ist, ganz im Sinne des reinen Weltbildes der Gerechtigkeit. Wie richtig man unsern Standpunkt wertet, dafür sind uns Beweis die Beschlüsse der Sozialistenkonferenz In Amsterdam. ■ihr. irk. 35 Kill a wer. Man weiß, daß diese Konferenz nicht gerade eine Vertrauenskundgebung für die Friedenskonferenz bedeutet. Die Sozialistenkonferenz hat starke Kritik geübt an den Pariser Verhandlungen und stärkere in Aussicht gestellt an den zukünftigen Pariser Beschlüssen. In einem Punkt stellte sich die Sozialistenkonferenz ganz auf den Boden der Veriautbarungen, die aus Paris gekommen sind. Die freundliche Zustimmung, die die Forderung des jüdischen Volkes in Paris gefunden hat, wurde von der Amsterdamer Konferenz unterstrichen und zu einer imponierenden Kundgebung für den Willen der sozialistischen Internationale, dem jüdischen Volk zu seinem Rechte zu verhelfen. Ohne Vorbehalt und ohne Umschweife, wie es dem Prinzip des Rechts entspricht, das die Internationale auf ihr Banner geschrieben hat, sind die Forderungen der Juden von der Konferenz der Internationale angenommen worden. Was wir brauchen, um frei* anständig, um jüdisch leben zu können, hat die Amsterdamer Konferenz uns zugesprochen: die volle menschliche, bürgerliche und nationale Gleichberechtigung, die nationale Selbstverwaltung und die Anerkennung unseres Rechtes auf Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina, die Vertretung des jüdischen Volkes im Völkerbunde und die Garantie der Durchführung unserer Feh- ״Der Zionismus erstrebt für das j&disdte Volk die Schaffung einer dffenflidh-redhilltfs gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Palästina-Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 26. bis 29. Mal 1919, im Kaisersaal des ״Rheingold‘*, Berlin, Bellevuestraße Eintrittskarten für Gäste sind zum Preise von 3 M. für die ganze Tagung zu haben. Falls briefliehe Zusendung gewünscht wird, sind 0,20 M. für Spesen beizufügen. Zur Uebernahme eines Mandates haben sich bereit erklärt: Dr. Julius Loewenheim, Dr. Albert Baer, Dr. Felix Theifhaber, Berlin. derungen durch Zuerkenmmg des internationalen Schutzes. Es besteht von alters her eine enge Verbindüng zwischen dem Geist des jüdischen Volkes und dem, der den internationalen Sozialismus ausmacht. Die Juden waren die sozialen Weltreformer von den Zeiten der Propheten bis in die letzten Tage hinein. Und das immanente Verlangen nach Gerechtigkeit, das das eigentliche Sittengesetz des jüdischen Volkes ausmacht, hat es auch befähigt, der internationalen Sozialdemokratie nicht die schlechtesten ihrer Führer zu schenken. Es ist keine Ueberheblichkeit, wenn wir sagen, daß die Sozialdemokratie und die Internationale dem Judentum viel zu danken haben. Es ist auch kein Zufall, daß wir, indem wir uns an schicken, unsere natio- ,nale Heimstätte in Palästina neu zu errichten, es als unsere Hauptsorge, als die dringendste Frage betrachten, wie es .anztisklleji ist, daß der Aufbau . des Landes auf der Grundlage der sozialen Ge« reehtigkeit erfolge. Nicht um dem Sozialismus zu schmeicheln, wird die Diskussion über die sozialistische Grundlage des neuen Palästina von uns so leidenschaftlich geführt und nimmt in unseren! Debatten fortdauernd den ersten Platz ein. Und nicht, um sich uns dankbar zu erweisen, hat die sozialistische Konferenz in Amsterdam unseren Forderungen zugestimmt. Aber sie war durchdrungen von dem Bewußtsein, daß es vielleicht kein Volk gibt, das seiner seelischen Struktur nach so sehr auf den Sozialismus eingestellt ist. wie das jüdische, und daß vielleicht von keinem Gemeinwesen so selbstverständlich die Forderung der gerechten Verteilung der Güter und der wahrhaft lebenfördernden Produktion aufgestellt und erfüllt! werden wird, wie von dem jüdischen Erez Israel. Die Pariser Konferenz muß unsere Forderungen anerkennen, weil sie den Prüfstein bilden für die Wahrhaftigkeit der Grundsätze, die ihre Beschlüsse diktieren soll. Die Sozialistenkonferenz in Amsterdam hat unsere Forderungen anerkannt, weil sie sie für richtig, für notwendig, für menschheitsfördernd ansieht und weil sie weiß, daß die sozialistische Ordnung der Welt auf der Linie erfolgt, an deren Beginn wie ein Wegweiser die Forderungen des jüdischen Volkes aufgestellt sind. Unsern wackeren Freunden von der Poale- Zion-Partei aber, die unsere Forderungen vor der Internationale 90 mannhaft wie geschickt vertreten haben, sagen wir unseren Dank. Sie haben bewiesen, daß ihre Entschlossenheit, zum jüdischen Volke zu stehen, mehr ist als eine Redensart und daß wir volles Vertrauen haben können zu ihrer Fähigkeit, unsere Interessen wahrzunehmen. Der Erfolg, den die Poale-Zion in Amsterdam bei der äußeren Ordnung der Angelegenheit des jüdischen Volkes errungen haben, mag ihnen eine Gewähr dafür sein, daß sie entscheidend mitzuwirken haben werden auch bei der Regelung seiner inneren Fragen. Wir haben volles Vertrauen zu ihnen, daß sie dabei nicht weniger aufrichtig, gemeinnützig und nicht weniger jüdisch verfahren werden, als sie es in Amsterdam in so ausgezeichneter Manier getan, haben. Julius Berger. Fortdauer de* Pogroms in Wilna Nach Berichten von absolut zu verlässigen Augenzeugen dauert der von der polnischen Miliz begonnene Pogrom in Wilna, über den wir bereits in der letzten Nummer der ,Jüdischen Rundschau“ berichtet haben, weiter fort. Bisher sind 54 Juden ermordet, viele verw und e t worden, über 3000 Juden wurden gefangen fortgeführt. Alle jüdischen Häuser und Geschäfte sind ausgeraubt. Die Wohnung des Oberrabbiners Grodzenski ist ebenfalls geplündert worden. Der Oberrabbiner Rubinstein wurde geschlagen, auch der Rabbiner der Stadt Landwarowo wurde geprügelt und die Synagoge ausgeraubt. Der bisherige Sachschaden beträgt über 60 Millionen Mark. Die jüdische Bevölkerung befindet sich andauernd in größter Lebensgefahr. Sie kann Wilna nicht verlassen, der Lebensmittelverkauf an sie wird verhindert. Die Hiobsnachrichten aus Wilna werden nun wohl auch dem größten Zweifler die Verruchtheit der polnischen Judenpolitik mit schrecklicher Deutlichkeit zeigen. Hoffentlich werden jetzt die Mächte endlich die Notwendigkeit erkennen, mit aller Energie einzuschreiten, und nicht länger dem verbrecherische# Verhalten der polnischen Behörden untätig Zusehen. Eine j&dische Konstituante in Deutschland »(Zur Trennung von Staat und Kirche). Von Dr. Salli Hirsch, Berlin, Wir veröffentlichen die interessanten Ausführangen unseres Gesinnungsgenossen Dr. Hirsch mit dem Bemerken, daß wir uns unsere Stellung nähme zu den einzelnen Punkten Vorbehalten. .JX'-RsA'v . Der das Verhältnis von Staat und Kirche regelnde Art. 30a der Reichsverfassung hat in den Verhandhingen des Verfassungsausschusses folgenden Wortlaut erhalten: - ״Es besteht keine Staatskirche. Die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgeselischafte® wird gewährleistet Der Zusammenschluß von Religionsgesellschaften innerhalb des Reichsgebiets unterliegt keinen Be- Schränkungen. Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenhei ten selbständig innerhalb der Schranken der für alle geltenden Gesetze; insbesondere verleiht sie ihre Aemter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinden. Religionsgesellschaften . . erwerben die Rechtsfähigkeit nach den allgemeinen Vorschriften des bürgerlichen Rechts. Den Reitgionsgesellschaften stehen die Rechte einer öffentMien Körperschaft zu, sofern sie solche bisher besessen haben. Anderen Religionsgesellschaften sind gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch die Zeit ihres Bestehens und die Zahl ihrer Mitglieder eine Gewähr der Dauer bieten. Sie sind berechtigt, ihre Mitglieder zu be steuern. Die Rechte der Mitglieder dürfen nicht nach der Höhe der Beiträge abgestuft werden. Die Durchführung dieser Bestimmungen liegt der Landesgesetzgebung ob." Dieser Entwurf stellt ein Kompromiß dar zwischen dem (sozialistisch-demokratischen) Staate und den Kirchen, ein Kompromiß, das in seinen wesentliche% Bestimmungen den ' Beifall aller Beteiligten findet und das deshalb zweifellos Gesetz werden wird. Denn auch die kirchlichen Kreise sind unter den heutigen Verhältnissen für eine Trennung von Staat und Kirche; sie haben erkannt, ״daß eine innere Verbindung der Kirche mit dem gegenwärtigen religionslosen Staate unhaltbar geworden ist, sie verbitten sich jeden Eingriff des Staates in das innere Leben und die Leitung der Kirche und fordern die volle Selbständigkeit der Kirche. (Provinzialsynodc für Westfalen tn Preuß. Kirchenztg. v. 20. 4. 19). Also schiedlich friedlich werden sidi demnächst Staat und Kirch'e von einander trennen. Eta mit dem Inkrafttreten des! Art. 30 a des Verfassung«־ entwurfes mit Sicherheit zit rechnen ist, ist es angebracht, schon jetzt die einzelnen Bestimmungen näher ins Auge zu fassen und zu untersuchen, welche Konsequenzen sie für unsere jüdischen Gemeinden habe» werden. Vorweg sei bemerkt, daß eine Schädigung der jüdischen Gemeinschaft durch den Art. 30a nicht zu befürchten ist. Allerdings wird die Austrittsbewegung, die schon seif der Revolution eine erhebliche Steigerung erfahren hat, weiter zunehmen; aber nicht infolge der durch Art. 30 a herbeigeführten Trennung von Staat und Kirche, sondern wegen der bereits Gesetz gewordene« Erleid! terunge«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.