Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 32 (6.5.1919)
- Date
- 1919-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion u. Verlag W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Abonn.bei d.Exp. u.d. Postämtern viertelj. M.6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12,!.Ausland M. 10,— ^^umm^32TQ^erUnT6^vr191T^ Am eigen•Verwaltung: Welt-Verlag G. m. b. H., Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20°f0. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Sdieckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nadim. 6 ijar 5679 I XXIV. Jahrg Der Streit um den Volksbegriff Es ist höchst sonderbar und dennoch Tatsache, daß im deutschen Judentum noch immer darüber ge־ stritten wird, ob die Juden ein Volk sind. Was wurde wohl ein unparteiischer nichtjüdischer Sachverständiger, sagen wir ein vorurteilsloser Soziolöge, auf die Frage erwidern, ob die Juden ein Volk sind? Er würde vielleicht antworten, daß jeder allgemeine Begriff solcher Art im Sprachgebrauch schwankt. Er würde darauf verweisen., daß die Ausdrücke Volk, Nation, Nationalität, Rasse, Stamm, Religions- und Schicksalsgemeinschaft alle mit mehr oder weniger Recht auf die Juden angewandt werden können, daß sie sich zum Teil inhaltlich decken, zum Teil gegenseitig ergän2en, und daß alles in allem nach Abwägung samtlieber dieser Begriffsschattierungen das Wort ״Volk“ die zutreffendste Bezeichnung für die Gemeinschaft der Juden darstellt. Er würde vielleicht zur Begründung daran erinnern, daß die Juden in ihrer eigenen Literatur und in der gesamten Literatur der Welt bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts niemals anders denn als Volk bezeichnet worden sind, daß sie in Palästina ein Volk mit allen Attributen waren, die Professorenweisheit von einem ״richtigen“ Volke verlangen kann, daß sie später zwar das eigene Land verloren und sich, besonders in neuester Zeit, in Sprache und Sitte vielfach anderen Völkern angepaßt, dennoch aber ihren körperlichen und seelischen Zusammenhang mit dem ursprünglichen jüdischen Volkstum bewahrt haben. Eine so deutlich erkennbare Gruppe von Menschen, welche ihren körperlichen Ursprung (von geringen Blutbeimisdumgen abgesehen), ihre Religion, ihre Gebetspräche (die zum Teil noch oder schon wieder Umgangssprache ist), ihre besonderen Feste und Gebräuche und schließlich den Namen ihrer Gemeinschaft von einem bestimmten Geschlechtsvolk herleiten, welche sich dieses Ursprunges lebhaft bewußt sind, die Geschichte jenes Volkes als ihre eigene Geschichte empfinden, ■■ m' 'ihrer gewaltigen Mehrheit überall ihre ejgene seelische Art, ilir nationales Bewußtsein bewahrt haben, die ihre Art weiter zu erhalten, ja selbst das verloren gegangene eigene Land nach 2000 Jahren wieder zu gewinnen trachten, eine solche Gruppe von Menschen kann (so etwa ■würde jener Gelehrte sein Gutachten begründen) vernünftigerweise nach heutigem Sprachgebrauch nur als Volk bezeichnet werden. Ausdrücke wie Stamimesgemeinsehaft, Schicksals- oder Glaubensgemeinschaft sind unzulängliche Umschrei־ bungen. Der Ausdruck Glaubensgemeinschaft ist zwar nicht gerade falsch, aber er wird ,nicht einmal dem Wesen des religiösen Judentums gerecht, er erinnert (woher mag das wohl kommen?) an den christlichen Begriff der Konfession, und er ist zu eng, um das Wesen der jüdischen Gemeinschaft zu umschreiben. Der Ausdruck ״Stamm“ wird nach üblichem Sprach!gebrauch auf solche Menschengruppen an gewendet, die zwar ethnologische Einheiten bilden, jedoch keine nennenswerte Geschichte besitzen und deren kulturelle Leistungen sich der Menschheit nicht eingeprägt haben. So redet man von Indianer- und Negerstämmen. Für die Juden hingegen, welche eine sehr lange Nationalgeschichte hinter sich haben und auf geistigem Gebiet verglichen etwa mit den Buschmännern .... Kurz und gut, jener Gelehrte würde zu dem Ergebnis kommen, das wir alle schon vorher wußten, nämlich daß die Juden ein Volk sind. # Die Juden sind also ein Volk. Das haben die Zionisten allen denen, die es nicht gern hören, immer Wieder gesagt. Der Versuch, diesem eindeutigen Volksbegriff Unklarheiten anzudichten, kann nicht gelingen. Wenn orthodoxe Gegner des Zionismus behaupten, der Volksbegriff des Zionismus sei nicht der echte, weil der Zionismus das Gottesvolk zu einem politischen Volk machen «׳olle, so ist das schon deshalb falsch, weil diese Begriffe gar keinen Gegensatz ausdrücken. Das Gottesvolk der Schrift ist zugleich immer ein poiitisches Volk, es gewinnt auf Befehl Gotlcs und mit seiner wunderbaren Hilfe das Land, schlägt Am.ilekiter unci Philister, erobert und herrscht. Die Propheten greifen unaufhörlich in die Tagespolitik ein, •Irre Warnungen und Weissagungen sind sehr realer Natur, sie beziehen sich auf die Haltung, welche die jüdischen Könige im Kampf der Nachbart eiche einnehmen sollen, sie weissagen den Untergang Zions und seinen Wiederauf bau. Audi nach dem Verlust des eigenen Staates ist das Religionsvolk immer zugleich ״politisches“ Volk geblieben, es hat seine nationale Sonderart im geistigen wie im ethnologischen Sinne erhalten und für ihre Erhaltung gekämpft, d. h. es hat nationale Politik getrieben. Der Zionismus hat niemals Gegnerschaft gegen die religiösen Traditionen bekundet, wofür allein schon die Tatsache Beweis ist, daß er Tausende und Abertausende gesetzestreuer Anhänger zählt. Von einem logischen Gegensatz zwischen dem Volk*begriff der ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenilidh-rediilich gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Baseler Programm. Palästina-Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 26. bis 29. Mal 1919, Im Kaisersaal de• ״Rheingold“, Berlin, Bellevuestrane Tagesordnung: Montag, den 26. Mai, vormittags 9Vs Uhr, präzise: 1. ״Die politische Form des Gemeinwesens in Palästina.“ Richard Lichtheim. 2. Diskussion. Nachmittags 4 Uhr, präzise: 1. Ansiedlungsmöglichkeiten (allgemeine Landesverliältnisse Palästinas, Fragen der öffentlichen Arbeiten, der Landwirtschaft, der Industrie, des Handels, Berufsvorbereitung). Davis T r i e 19 c h. Z Diskussion. Dienstag, den 27. Mai, vormittags 9Vs Uhr, präzise: Fortsetzung der Diskussion über da« Referat von Davis T r i e t s c 11. Nachmittags 4 Uhr, präzise: Unterreferate: Sanitäre Fragen: a) allgemeine: Dr. Brünn, b) spezielle: Dt. Elias Auerbach. Diskussion. Bau- und Unterkunftsfragen. Prof. Baerwald. Diskussion. ״Frauenarbeit in Palästina“. Fr. Sonia Gronemann. Mittwoch, den 28. Mai, vormittags 9Va Uhr, präzise: 1. ״Nationalisierung des Boden».“ Dr. Fritz Sternberg. 2. Diskussion. * Nachmittags 4 Uhr, präzise: 1. ״Kapital und Arbeit.“ Dr. Max Strauß 2. Diskussion. Donnerstag, den 29. Mai, vormittags 91/» Uhr, präzise:! t. ״Die Finanzierung der Kolonisation.“ Hans Goalar. 2. Diskussion. Nachmittags 4 Uhr, präzise: 1. ״Bildungswesen.“ Professor Dr. Loewe 2. Diskussion, Jede Orts- oder Jugendgruppe ist berechtigt, einen Delegierten zu wählen. Gruppen von mehr als 50 Mitgliedern wählen zwei Delegierte, Gruppen von über 100 Mitgliedern drei Delegierte, über 200 Mitglieder vier Delegierte usw. Den größeren Ortsgruppen wird freigestellt, die Wahlen auf Grund des Verhältniswahlrechts vorzunehmen. Die Gültigkeit der Wahlen ist von der Abführung der Landesbeiträge abhängig. Dieselben betragen für Ortsgruppen 5 M. jährlich pro Mitglied, für Misrachi-Gruppen 3 M., für Jugendgruppen 2 M. Für die Gültigkeit der Wahlen ist es ausreichend, wenn bis zur Vornahme der Wahl die erste Rate (für Ortsgruppen 2 M. pro Mitglied, für Misrachi Gruppen 1,50 M. und für Jugendgruppen 1 M.) abgeführt wird. Die Mitglieder des Geschäftsführenden Ausschusses und des Zentralkomitees haben auf dem Palästina-Delegiertentag Sitz und Stimme. Eintrittskarten für Gäste sind /um Preise von 3 M. für die ganze Tagung vom 10. Mai ab zu haben. Falls briefliche Zusendung gewünscht wird, sind 0,20 M. für Spesen beizufügen. Orthodoxie und dem des Zionismus kann überhaupt keine Rede sein. Wir haben volles Verständnis dafür, daß die Orthodoxie das geistige Wesen des Volkes durch entsprechende Jugenderziehung auch weiterhin von der jüdischen Tradition geformt sehen will; dieses Bestreben wird bei sehr vielen Zionisten, insbesondere bei den Mitgliedern des ״Misrachi“, Unterstützung finden. Doch sollten die Orthodoxen es heute, in einer Schicksalsstunde des jüdischen Volkes, unterlassen, die einheitliche Gesinnung und Stimmung der gewaltigen Mehrheit des Judentums dadurch zu beeinträchtigen, daß sie den vergeblichen Versuch machen, dem Volksgedanken des Zionismus einen besonderen Volksgcdanken entgegenzustellen. Auch das religiös-liberale Assimilationsjudentum zieht wiederum gegen uns zu Felde. ln einer Polemik gegen den Zionismus behauptet der Vorsitzende des Zentralvereins, daß wir aus dem Judentum ״ein Wald- und Wiesenvolk, ein nach völkisdier Macht strebendes, chauvinistisches, imperialistisches, von Vofksleidenschaft getriebenes Volk“ machen wollen. Wenn die Behauptung des Herrn Geheimrat Fuchs zuträfe, so wäre damit freilich noch nicht widerlegt, daß die Juden ein Volk sind. Denn hier gilt, was schon gegen die gleiche Argumentation von orthodoxer Seite gesagt wurde: die Juden sind eben ein Volk, ob sie nun nach äußerlicher Macht oder nach innerlieber, religiöser Vergeistigung streben. Wir werden gleich sehen, wie Herr Gehe im rat Fuchs dieser Kon• sequenz zu entgehen strebt. Seinem sachlichen Vorwurf ist Herr Nahum Gold mann in den ״Neuen Jüdischen Monatsheften“ entgegengetreten. Er hat dort dargelegt, daß die Anklage des Chauvinismus und Imperialismus vollkommen unbegründet ist, daß die besten zionistisehen Kräfte in der Scliaffung der Heimstätte in Palästina die Voraussetzung für die Erfüllung ethischer und religiöser Forderungen sehen. Dazu schreibt Geheimrat Fuchs: ״Ich kann seinen (Goldmanns) Einwurf nicht verstehen; denn er gesteht mir das zu, was er bestreitet. Ich sage: Die Zionisten glauben, sie müßten jüdisch-national sein, um im Völker- und Friedenskongreß anerkannt zu werden und Nahum Goklmann sagt, daß, wenn man für das Judentum die heute allgemein anerkannten Forderungen (Palästina, nationale Auto nomie) durchsetzen wolle, dies nur tun könne., wenn man sie für ein jüdisches Volk verlange. Nahum Gold mann macht also selbst das I urienturo zu einem uolitischeu Volke, und er macht es bewußt dazu, um politische Forderungen für dieses Volk durchzusetzen. Er verlangt nicht Palästina und die Autonomie aus einem vorhan denen politischen Volksbegriff heraus, sondern er stellt den Volksbegriff auf, um politische Forderungen durch zusetzen.“ Kann man sich eine größere Spitzfindigkeit denken? Also jetzt ist der Volksbegriff widerlegt, denn die Zio nisten gestehen ja selber ein, daß sie ihn nur aufgestellt haben, um Forderungen durchzusetzen, die heute nur unter der Marke ״Volksrechte“ zu haben sind. Nun, so einfach sind wir doch nicht zu besiegen. Herr Goldmann hat darauf hingewiesen, daß man Palästina und die nationale Autonomie doch nicht für eine Glaubensgemeinschaft, sondern nur für ein Volk fordern! könne. Er wollte damit nicht sagen, daß wir um! «Ine “feesjtainiten Zweckes •willen 4« Votkstwgtiff׳; :ja**« struieren, obwohl die Juden gar kein Volk sind, 9ntdern er wollte an diesem praktischen Beispiel zeigen, wohin die Verleugnung des Volksgedankens führen müßte, und er glaubte, diesmal auf Verständnis rechnen zu können, weil ja neuerdings auch der Vorstand des Zentralvereins für die nationale Autonomie im Osten und für die Errichtung■ der jüdischen Heimstätte in Palästina einzutreten gewillt scheint. Daß wir diese Forderungen für das jüdische Volk aufstellen, ist kein schlauer Trick, sondern nur die natürliche Folge der Tatsache, daß die Juden wirklich — ein Volk sind. Palästina und nationale Autonomie verlangen, ohne zugleich die Existenz des jüdischen Volkes anzuerkennen, ist ein innerer Widerspruch, eine logische Unmöglichkeit. Dabei kann man ruhig, wie Herr Goldmann dies tut, das Judentum als ein Volk besonderer Art be zeichnen, weil nämlich sein Schicksal einzigartig ist, UDd — im Vergleich mit anderen Völkern geistig-religiöse Bindungen in ganz besonderem Maße zur Erhaltung des jüdischen Volkstums beigetragen haben. Wir können also Herrn Geheimrat Fuchs zu stimmen, wenn er das Judentum ein Volk der Lehre, der Religion, der Sittlichkeitsidee, keine nach völkischer Macht strebende Nation nennt, aber auch ein solches Volk, das als ethnologische Einheit unter den anderen Geschichtsvölkem wandelt, ist und bleibt eben ein Volk und ist nicht, wie der Zentralverein und seine Anhänger bis in die letzten Jahre hartnäckig behauptet haben, nur imd ausschließlich eine konfessionelle G<• meinschaft. Die Juden sind also ein Volk. Doch kann die Frage als berechtigt gelten, ob diejenigen Teile des jüdischen Volkes, die sich darcli Sprache, Sitte und alle jene Beziehungen, die den Menschen mit seinem Geburtslande verknüpfen, anderen Völkern angeähnelt haben, noch als T eile des jüdischen Volkes zu betrachten sind. Man erinnert sich der Oppcrheimer sehen Darlegung, daß er jüdisches Staminesbewußtsein, märkisch cs Heiinalsbcwußtsein und deutsches Volksbewnßtscm besitze. Es ist ganz selbstverständlich, daß man einen Juden, der in Deutschland oder England geboren und erzogen ist, deutsch oder englisch "als Muttersprache spricht mal seine gesamte Bildung durch das Medium dieser Sprachen empfing, der als tätiges Mitglied der Ge>ellsd!aft, durch Beziehungen wirtschaftlicher und seelischer Natur mit seiner Umgebung und seinem Geburtslandc verbunden ist, mit Rücksicht auf eben diese Beziehungen zu Deutschland oder England als einen Deutschen oder einen Engländer bezeichnen kann. Aber ebenso richtig ist es, ihn mit Rücksicht darauf, daß er dem jüdischen Volke entstammt, sogar die äußeren Merkmale dieses Volkes trägt, durch Religion, Besonderheiten der Sitte, zahllose Feinheiten des seelischen Lebens, vor allem durch geschichtliches Bewußtsein mit