Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 30 (29.4.None)
- Date
- 1919-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion u. Verlag W, 15, Sächsische Str, 8. Erscheint jeden Dienstagu.Freitag. Abonn.bei d.Exp. a.d. Postämtern viertelj. M. 6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12,!.Ausland M.10,— Hummer 30 Berlin, 29. IV. 1919 Anieigen-Verwaltung: Weit-Verlag G. m. b. H., Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815. Aaceigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Tenernngsruschlag 20 0/ס■ 11.gm? 11iiimi,ih׳g —Hiim, aiüh,! ■1,1■ jsammammumm* Telephon: Amt IJblnnd 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Posisparlcasseaamt Sdieddkoato Nr. 156030, Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch uadan. 29 Ädar II XXIV. Jahrg. Streiflichter Das geistige Lebe« des niclitrionistischen titschen Judentums erschöpft sich im Kampf um den Zionismus und um den von diesem in das jüdische Leben geschleuderten Kougreßgedanken. Wann auch die Argumentation nicht gerade sehr abwechslungsreich■ und ausnahmslos dem alten Repertoire der Gegner des Zionismus entlehnt ist, scheint es doch erforderlich, sich mit einigen von ihnen anseinanderzusetzen. Hierbei wird es nicht zu vermeiden sein, auch auf Argumente einzugehen, die auch die Mehrzahl unserer Gegner als unzulässig und im innerjüdischen Kampf unvereinbar ablehnen werden. Hierher gehört folgende Notiz aus den peu erscheinenden ,,Mitteilungen des Syndikus des Zentralvereins“. Ein Kritiker der Leitung des Zentralvereins bemängelt, dal] die Zionisten gegen den Lemberger Judenpogrom protestiert haben, während seitens des Zentralvereins keine Protestversammlung veranstaltet worden ist. Es ist wirklich ein starkes Stück und muß ohne jede Beschönigung als b e w u ß t e Unwahrheit bezeichnet werden, wenn darauf erwidert wird, das Protestieren überlasse der Zentralverein den ■Schreiern, er selbst sei mit der O r ga n i s i e r u 11 g der Sei bst wehr in Berlin beschäftigt gewesen. Es isl noch in allgemeiner Erinnerung, daß die Selbst wehr von zionistischer Seite angeregt, von den n a t i o n a 1 j ü d i - sehen Jugendorganisationen durchgeführt worden ist, und daß die nachträgliehe Beteiligung des Zentralvereins und der ihm nahestehenden Jugendorganisationen nur eine recht schwächliche und zögernde war. Mit derartigen Unwahrheiten sollte man wirklich den Kampf nicht beflecken. Weiter:, in .Nr,.^ ohne’Tialiere ■'jßri&iterung aus einem FlughlaÄ der deutschnationalen Volkspartei eine Stelle zitiert, die die Zustimmung der rechtsstehenden Parteien zum zionistischen Programm zum Ausdruck bringt. Man versucht also immer noch, mit der angeblichen Uebereinstimmung antisemitischer und zionistischer Wünsche Eindruck auf die Anhängerschaft zu machen. 11. Die Gegnerschaft gegen den Zionismus gruppiert sich mit immer größerer Deutlichkeit um den Zentralverein. Wenn Herr Rechtsanwalt Stern in einem Artikel der Zeitschrift ,,Im Deutsehen Reich‘• den Zentralverein den neutralen Organisationen zuzählt, so dürfte das wohl ein Irrtum sein. Denn in derselben Nummer spricht der Vorsitzende des Zentralvereins, Geheimrat Fuchs, von den beiden Fronten, an denen der Zentralerem zu kämpfen hat, der antisemitischen und der zionistischen. Damit ist von autoritativer Stelle mit aller Klarheit ausgesprochen worden, daß der Zentralverein seinen früheren Anspruch aufgegeben hat, die Organisation zu sein, die alle Schichten des deutschen Judentums im Kampf gegen den Antisemitismus zusammenführt. Der Zentralverein glaubt heute vielmehr, diesen Kampf nur führen zu können, wenn er zugleich seine deutsche Gesinnung oder, wie es neuerdings genannt wird, seine ״nationaldeutsche“ Gesinnung durch Kampf gegen den Zionismus demonstriert. Dafür ist interessanl, daß in den ״Mitteilungen des Syndikus“ Nr. 2, wo über die Bekämpfung des Zionismus gesprochen wird, schließlich ausgeführt wird, die Bekämpfung durch Versammlungen genüge nicht, man müsse dein Zionismus in positiver Weise zu Leibe gehen, nämlich durch den Jüdischen Kongreß. Das also ist des Pudels Kern! Aus diesem Grunde ist der Zentralverein für den Jüdischen Kongreß, "־eil er auch in ihm ein Kampfmittel gegen den Zionismus erblickt. Wir sehen, wie der Zentralverein überhaupt keine Politik mehr aus eigenem Willen betreibt, sondern wie er nicht nur seine Aktionen, sondern überhaupt seine Gedanken und Argumente auf der einen Seite vom Antisemitismus, auf der anderen vom Zionismus bestimmen läßt. Deshalb nimmt es auch nicht wunder, daß die Tätigkeit des Zentralvereins in immer steigendem Maße von seinen eigenen Anhängern einer hef- ״Der Zioniimai ertirebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Cffcniiicb-rechilJch gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Baseler Programm.!igen Kritik unterzogen wird. Die einheitliche ן Masse, die der Zentralverein bisher darstellte, gerät i ins Wanken, das Vertrauen zu den Berliner No- J tabein hat an Festigkeit verloren. Die Mitteilungs-! blätter sind angefüllt mit Verteidigungen gegen j Angriffe von Mitgliedern, ja, man gewinnt den : Eindruck, als ob sie nur um dieser Verteidigung willen ins Leben gerufen sind. Leicht hat es die Leitung des Zentralvereins bei der Verteidigung gegen diese Angriffe freilich nicht. Denn sie kommen ms ganz verschiedenen Lagern. Wenn man selbst von den mehr organisatorischen Beschwerden absieht, kann man noch immer Gruppen unterscheiden, die über eine allgemeine T a 11 0 s i g - keit des Zentral Vereins klagen, solche, die den Kampf gegen den Zionismus noch viel schärfer geführt haben wollen und solche, die den Eindruck haben, das Judentum käme eigentlich beim Zentral verein ein bißchen schlecht weg. 111. Es wurde schon neulich in einem Artikel der ,,jüdischen Rundschau“ darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht leicht fällt, den jüdischen Assimilanten ihre neu erwachte Palästinaliebe zu glauben. Wir wiesen darauf hin, daß die Auswahl der Nachrichten über Palästina mit bewußter Einseitigkeit so vorgenommen wird, daß günstig lautende Nachrichten verschwiegen werden, während mar! ungünstige Meldungen, auch wenn sie völlig unwahrscheinlich lauten und aus unglaubwürdigster Quelle stammen, sofort veröffentlteht ,und eine Schadenfreude kaum vert Charaktereigenschaft, und 'besonderi' ctaäf unangebracht, wenn man' sich über den Schaden einer Sache freut, an der man noch eben erklärt hat, selbst stark interessiert zu sein. Am schlimmsteu aber ist es mit de! Schadenfreude, wenn sich nachher herausstellt, daß der Schaden überhaupt gar nicht eingetreten ist. Es ist gewiß nichts dagegen zu sagen, wenn die ablehnende Aeußerung des Papstes, die ja auch von uns veröffentlicht worden ist, im ״Deutschen Reich“ mitgeteilt wird. Aber es muß doch merkwürdig berühren, wenn das ,,Deutsche Reich“ es nicht für notwendig hält, auch die Meldung zu bringen, daß die z i o n i s t i ־ sehen Delegierten von der Friedenskonferenz ein p f an g e 11 w 11 r d e n. Auch bei subjektivster Betrachtung wird man der zweiten Nachricht doch dieselbe Bedeutung heimessen müssen, wie der ersten. In derselben Richtung bewegt es sich, wenn das ״Deutsche Reich“, das höchst selten Buchbesprechungen bringt, die Broschüre ״Die Zuk u n f t Palästinas“ von Mcheracd Emin Effendi (Pseudonym eines Juden) einer ebenso eingehenden wie eigenartigen Rezension unterzieht. Die Broschüre führt nämlich gegen ein jüdisches Palästina Argumente an, die wohl auch das ״Deutsche Reich“ Bedenken trug, für einigermaßen begründet zu halten. De mangelnde kriegerische Tüchtigkeit der Juden, ihr gutes Herz, die mangelnde Achtung vor anderen Juden, die Uneinigkeit über die in Palästina herrschende Sprache (angeblich wird von manchen Hebräisch, von den meisten Jüdisch, von anderen Hochdeutsch, Spanisch, Englisch, vielleicht Arabisch verlangt): das sind die Argumentationen, mit denen in dieser Broschüre opponiert wird. Das ״Deutsche Reich“ befolgt die Taktik, eine ausführliche Inhaltsangabe der Broschüre zu geben, ohne irgendwie einen eigenen Standpunkt zu verraten. Das ist eine Neuanwendung des Grundsatzes ״semper aliquid haeret“. Man nimmt an, daß der Durchschnittsleser von jeder wahren Kenntnis cler Palästinafrage weit entfernt, vielleicht sogar auf diese Argumente hereinfallen wird. Das alles kann aber nur als Kampf gegen den Palästinagedanken gedeutet werden, nicht als freundschaftliche Förderung. In besonders hohem Maße gilt dies nun von dem Artikel ״eines Oesterreichers“: ״England und der Judenstaat“ im ״Hambuiger IgraelttiscF»*•! Familienblatt“. Die antizionistische Aeußerung des Emir Fa i s u 1, die wir angeblich unsere« Lesern verschwiegen haben, liätte der Verfasser, wenn er genauer gelesen hätte, in der ״Jüdische« Rundschau“ finden können, ln dem ausführlichen Protokoll über die Londoner zionistische Konferenz haben wir den Inhalt einer Rede Dr. Weizman ns wiedergegeben, aus der sich der wahre Sachverhalt ergibt, ln der Tat sind ungünstige Aeußerungen des Emirs Faisitl bekannt geworden. Als darauf die zionistische Delegation in Paris den arabischen Thronfolger um Präzisierung sanes Standpunktes bat, hat er den bekannten Brief geschrieben, der absolut unzweideutig den Gefühle* herzlicher Freundschaft Ausdruck gab und die 2fc>- nistischen Forderungen als gemäßigt und berechtigt anerkannte. Die Darstellung des österreichische!! Anonymus ist also unrichtig; die spätere zionistemfreundliche Aeußerung des Emir Faisul hat er unerwähnt gelassen. Sie ist jüngeren Datums ak> das Interview im ״Matin“. Unvollständige und irreführende Berichterstattung ist also auf der anderen Seite zu vermerken. Was dann über die englische Zionistenpolitik gesagt wird, bedarf einer entschiedenen Zurückweisung. Wenn hier davon die Rede ist, daß die Engländer die jüdische Ein- Wanderung nach Palästina unterstützen würden, um dadurch den arabisch-jüdischen Gegensatz groß zu ziehen, daß sie den Juden Scheinrechte aufnötigen würden, die sie gar nicht brauchten und wenn schließlich die zukünftige Rolle der Juden mit der offenbar als besonders schrecklich gedachten der Fellachen verglichen wird, so muß man wirklich fragen, woher der Verfasser über diese tief verborgenen Absichten der englischen Politik orientiert ist. Der Leitartikler hat offenbar einen großen Respekt vor der politischen Klugheit der Engländer, aber er scheint, zu; glauben» <d9ß : die' dann nicht ׳ Wenn der Verfasser wirklich die Engländer für kluge Politiker hält, dann sollte er ihnen eine so kurzsichtige, dumme Politik nicht zutrauem. Und vor allem noch einmal: Kann man de« deutschen Juden glauben, daß sie das Palästina weih ernsthaft fördern wollen, wenn sie die Politik der Mächte verdächtigen, die allein durch ihre poBtisehen Maßnahmen die Besiedelung Palästinas durch die Juden ermöglichen können, und die gerade jetzt über diese Frage beraten r Wir wollen mit dem Verfasser nicht rechte« über seine Auffassungen von der Zukunft des Landes. Er stellt sich vor, daß dort ein Sammelpunkt handeltreibender Elemente aller Völker und Staaten entstehen wird, daß das Land eine internationale Karawanserei werden wird, und daß die landwirtschaftlichen Bedingungen von den anderen Völkern ebenso ausgenutzt werden, wie vom jidischen. Das jüdische Volk wird sich damit abfinden müssen, daß ״ein Oesterreicher“ und ihm geistig verbundene Kreise des assimilatorische» deutschen Judentums zu ihm kein Vertrauen haben. IV. Für die Fragen des deutschen Judentums hat natürlich der Kampf um den Volksbegriff besondere Bedeutung. Herr Geheim rat Fuchs geht in einem Artikel auf den von uns geäußerten Gedanken ein, daß im neuen Deutschland es den Katholiken unverwehrt bleiben werde, der internationalen katholischen Kirche zugezählt zu werden, dem Sozialdemokraten der internationalen Arbeiterklasse und dem Juden dem internationalen jüdischen Volke. Wenn er zu diesem Gedanken schreibt : ״Hier liegt der Trugschluß offen zutage. Aus der Analogie zum Katholiken kann doch nur gefolgert werden, daß der Jude sich als Glied der jüdischen Religionsgemeinschaft fühlen muß ... Internationale katholische Kirche und internationales Proletariat sind doch keine Volksgemeinschaft,“ so muß doch gesagt werden, daß hier nichts anderes als eine Verkennung des Gedankens zutage tritt. Im alten Deutschland sah es der Staat ungern und bekämpfte den als Bürger zweiter Klasse, der irgendwelche internationale Bindungen unterhielt. Der Staat verlangte, das Leben des Menschen als einer im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit gpn» mit Beschlag zu belege®. Und so wütete da,