Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1919-04-25 · Heft 29 (25.4.1919) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 29 (25.4.1919)
Date
1919-04-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652135-2652164--12187-2669791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 29 J UEDISCH E RUNDSCHAU Seite 227 muiig Anwendung findet. Die Regierung fordert somit alle zur Wahrung der Ruhe!und der öffentlichen Ordnung auf und verfügt, dal] jeder, der sich aus eigenem Antriebe oder durch Ueberredung anderer verleitet, zu Gewalttätigkeiten, Ueberfrillcn «•dei irgend einem anderen Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens und Ligentunis, sei es der Juden oder Christen, hitirdßen ließe, lestgenomm-ea und 1nit der Strenge des (jeset/e-. der Strafe zugeführt werde» wird. Das nach Beseitigung der Okkupation wiedererstehende Polen muß /.um Muster eines Rechtsstaates werden, sein Namen muß rein ■und, von jedem Unrecht unbefleckt bleiben. Jeder, der dies vergißt, ist des ehrenvolle» Namens eines irden polnischen Bürgers unwürdig.“ Wir wollen .iiinehmen, daß dieser Aufruf Rade״ rt wskis, der bei seiner Rückkehr nach Polen ausdiicklich betont 11at, daß er seinen jüdischen Freunden m Amerika versprochen habe, sich voll und ganz für die Sicherheit in Polen einzusetzen, ernst gemeint ist. Dann sollte es der Ministerpräsident aber nicht bei Aufrufen bewenden lassen, sondern selbst tatkräftig eingreifen. Es ist einwandfrei nachgewiesen, daß die letzten Pogrome in K a 1 i s c 11, W i c 1 u n und II11 s k mit Utiterstütarung der polnischen Regierungstruppeu veranvfaltet worden sind, 1t!1d daß der M a s s 111 in o r di ui Pinsk, der eine der ungeheuerlichsten politische» Bluttaten der Geschichte darsteill, auf Veranlassung polnischer Regierungsorgane durch die polnische Miliz gebeheben ist. Natürlich beeilen sich die Polen bereits, der öffentlichen Meinung vorzulüge», daß es sich um i'j überführte Bolschewisten gehandelt habe, die einen Aufstand zur Ueberwältigung der Stadt geplant hätten. Wie die ״Daily News“ melden, hat bei der Untersuchung durch eine Ententekommission der amerikanische (iesuncfiheitskoinmissar vom Roten Kreuz Buffalo, Colonel Francis Frone?, ak, die Bolschewistemiachricht angeblich bestätigt. Die übliche Verdrehun״smethode wird aber de» Polen diesmal nichts nützen, da wir durch Herrn Zuckermaun, das Mitglied der amerikanisch-jüdischen Lebensinittelkommission, die Liste der Ermordeten besitzen, aus der klar hervorgeht, daß es sich bei den Toten mit Ausnahme zweier P-oale-Zionisten nicht ei 11 mal um Sozialisten, geschweige denn um tolschewistcn, sondern uni Palästiriapioniere, die bür- ״erlichen jüdischen Parteien angehörten, gehandelt hat. Die Polen werden die Tatsache nidit aus der Welt schaffen können, daß hier wieder einmal ein planmäßig organisierter Mord polnischer Behörden an schuldlosen Juden vorliegt. Wenn diese Verbrecher ebenso straflos ausgehyn sollten, wie etwa die heute noch frei herumlaufenden Leinbergcr Mörder, so ist nicht dnzuseheii, was wohlgemeinte Aufrufe für einen Sinn haben sollen. Angesichts der Mentalität der jetzigen polnischen Regierung müßte die Lage der Juden Polens als hoffnungslos angesehen werden, wenn nidit W i 1 - son durch L a n s i n g , wie an einer anderen Stelle dieses Blattes mitgeteilt ist, den Willen bekundet hätte, für die Verwirklichung der jüdisch-nationalen Forderungen, mit denen er völlig einverstanden ist, zu arbeiten. Aus der Misrachibewegung Misrachibiiro in London. Herr Herrmann Struck hat von dem Misrachi- Zentrum in London ein Schreiben erhalten, das in deutscher Uebersetz ung ־wie folgt lautet: London, 15. Marz. 191h. Lieber Herr Struck! *Die internationale zionistische Konferenz, von der wir Ihnen in nächster Zukunft einen eingehenden Berieht 2'u senden hoffen, hat uns überzeugt, daß es jetzt mehr denn je eine dringende Notwendigkeit ist, ein interalliiertes Misrachibiiro in London zu errichten. Nach sorgfältiger Ueberlegung sind die Vertreter der amerikanischen, britischen und palästinensischen Misrachi-Organisationen zu dem Schluß gekommen, daß es als eine zeitweilige Maßnahme, bis der Misrachi-Weltkongreß zustande kommt und die Einheit unserer Organisation wieder feststeht, erforderlich ist, die in dem angeschlossenen Brief genannten Schritte zu tun (siehe unten). Wie Sie daraus ersehen, haben wir das E. A. C. davon in Kenntnis gesetzt, daß der Position und der Stellung des Zentralkomitees unter Ihrer Leitung in keiner Weise vorgegriffen werden soll, und es ist unnötig, ihnen zu versichern, daß, wie bisher, die Einheit unserer Organisation aufrecht erhalten werden wird, und daß Wir Sie über alle wichtigen Ereignisse in unserer Bewegung informieren werden. Es wird natürlich für uns sehr notwendig sein, häufig Informationen und Ratschläge von Ihnen zu erhalten, und wir überlassen Ihnen zu ent־ scheiden, welches unserer beiden Korrespondenzbüros, das Ln Amsterdam oder das in Zürich, die Vermittlungsstelle für Unseren Verkehr sein soll. gez. J. Herz. Der anliegende Brief ist an Herrn Dr. Jacobson gerichtet und hat folgenden Wortlauf: Lieber Doktor Jacobson! Angesichts des großen Werkes, das uns in der nächsten Zukunft bevorsteht und geleitet von dem Wunsche, daß der Misrachi daran vollen Anteil nähme, haben die Vertreter des amerikanischen, britischen und palästinensischen Misrachi beschlossen, ein interalliiertes Misracliibüro mit der Zentrale in London unter der unten angegebenen Adresse zu begründen. Das Komitee besteht aus 9 Herren, je drei aus Amerika, England und Palästina. Das Londoner Büro steht unter der Leitung der geschaftsfüihrenden Mitglieder Rabbi Schönfeld, Chiefrabbi Herz und Herrn Bublik. Diese Organisationen sollen in keiner Weise das von uns anerkannte Zentralkomitee der Misrachi-Weltorganisatio» beeinträchtigen, die ihren Sitz in Berlin unter der Führung von Herrn Fierniann Struck hat. Für den amerikanischen Misrachi: gez. M. Berlin. Für den britischen Misrachi: gez. j. Herz■ Delegiertentag der schweizerischen Misrach!vereine. Am 2. April fand in Zürich ein Deiegiertciitag der schweizerischen Misrach!vereine statt. Flerr Akttiaryus erstattete den Bericht über die Tätigkeit des vergangenen Geschäftsjahres, in dem erfreuliche Fortschritte der Misraohiorganisation in der ganzen Welt zu verzeichnen waren. Der Schweizer .Misrachi steht mit den Misrachivereinen der ganzen Welt in Verbind ung. Die vorbereitende Arbeit für die Aus- Wanderung nach Palästina besteht besonders in der Errichtung van Informationsbüros, Die unregelmäßig erscheinende Misrachlikorrespondenz soll zu einer Zeit- Schrift umgestaltet werden. Herr A I. Rom referierte über die Aufgabe des Misrachi in der Gegenwart, als die er die Verbreitung des zionistischen Gedankens in der gesetzestreuen Judenschaft bezeichnet. Prof, d e Fan o sprach über die Erziehung sfr.ר ge im misraclustischen Sinne. Der Delegierteniag mfhin eine Resolution an, in der der Aufbau der nationalen Heim- Stätte ln Palästina auf der Grundlage der Tradition und sozialen Gerechtigkeit im Geiste der Thora gefordert, die Forderung der nationalen Autonomie der Juden in den Ländern der nationalen Autonomie erhoben und überhaupt die volle und tatsächliche Gleichberechtigung aller Juden in der Diaspora verlangt wird. Beginn der Palästinawoche Am Mittwoch, den 23. April, hat die Palästinawoche in mehr als 60 Städten ihren Anfang genommen. Nach den Berichten unserer Vertrauensleute ist der Gedanke dieser Veranstaltung in weitesten jüdischen Kreisen mit großer Sympathie begrüßt worden, und wir haben allen Grund, anzunehmen, daß der Erfolg den Bemühungen unserer Freunde entsprechen wird Es muß immer wieder betont werden, daß die Palästinavvoche von entscheidender Bedeutung für die Stellung des gesamten deutschen Judentums zu unserer Palästinaarbeit ist. Gelingt sie, dann werden breite Schichten des deutschen Judentums unserer Siedlung«־ arbeit ihre tatkräftige Unterstützung zuwenden. ln Berlin zeigte bereits die feierliche Eröffnung am Mittwochabend, bei der Prof. W a r bu r g, Dr. R uj>- pi ti, Dr. Klee und Lieh t hei m sprachen, wie sehr das Interesse an Palästina in nichtzionistischen Kreisen gewachsen ist. Die von über zweitausend Personen besuchte Versammlung spendete den Rednern reichen Beifall und bewies durch reiche Spenden für den Nationaifonds ihren Willen, den Aufbau des neuen Palästina tatkräftig zu fördern. Bei dieser Gelegenheit sei nochmals darauf hingewiesen, daß am Sonntag, den 27. April, in allen Stadtteilen Berlins Haussammlungen zugunsten der Palästinawoche stattfinden. Jeder unserer Berliner Freunde kann und muß durch entsprechende Aufklärung in seinem Bekanntenkreise dazu beitragen, daß diese Haussamm- Jungen zu einer würdigen Kundgebung der Berliner Juden für den Aufbau des jüdischen Palästina werden. Das Herzf-Wolffsohn-Archiv Die zionistische Bewegung-, die heute bereits auf eine mehr als zwanzigjährige Vergangenheit zurückblickt, besitzt noch keine umfassende und systematische Sammlung der Dokumente ihrer Geschichte. Um so freudiger ist es zu begrüßen, daß durch das David Wolffsohn- Fonds-Oomite, bestehend aus den Herren Jacobus K a n n, Dr. N. Katzeneisohn und Dr. Leszynsky, ein Herzl-Wolffsohn-Archiv eingerichtet wurde, das die Grundlage für das künftige Gesamtarchiv des Zionismus bildet. Ueber die Entstehung und Einrichtung des Herzl-Wolffsohn-Archivs dürften der zionistischen Oeffentlichkeit einige kurze Angaben erwünscht sein. Nach Herzls Tode entstand bei seinen näheren Freunden der lebhafte Wunsch, sein Arbeitszimmer mit der reichhaltigen Bibliothek und vielen interessanten Andenken an seine zionistische Tätigkeit möglichst tinverändert zu erhalten. Im Jahre 1908, nach dem Tode von Herzls Gattin, veranlaßte David Wolffsohn, daß die gesamte Einrichtung des Herzl-Zimmers nach Köln überführt, wo sie, zuerst im zionistischen Zentralbüro, später beim Hauptbüro des jüdischen Nationalfonds und zuletzt in Wolffsohns Hause aufbewahrt wurde Der unvergeßliche Abraham R o b i n s 0 h 11, Wol ffsohns treuer Mitarbeiter, hatte schon vor dem Welt kriege begonnen, das reiche Material an Schriften und Briefen Herzls zu ordnen. Nach Wolffsohns Tode über nahm Robinsohn auch die Ordnung des Wolffsohn Nachlasses und die Abfassung einer Wolffsohnbiographie. An diesem Werk hat Robinsohn bis knapp vor seinem Tode gearbeitet. Vor etwa drei Jahren, nachdem das IHLaus Wolffsohns in fremden Besitz übergegangen war, entschlossen sich die Testamentsvollstrecker Wol ftsolms, das Herzlzimmer und den Nachlaß David Wolffsohns nach Berlin zu überführen. Ebenso wie bei Herzl, war auch bei Wolffsohns Ableben der Wunsch entstanden, einen Teil seines echt jüdischen, gastfreien Heimes, unverändert zu erhalten. Dieser Wunsch konnte verwirklicht werden, indem Dr. Ed u a r d L e s z y 11 s k i, einer der Testamentsvollstrecker Wolffsohns, eine ge räumige Wohnung zur Verfügung stellte. Hier hat nun das Herzl-Wolffsohn- Archiv in einer würdigen Form eine pietätvolle Stätte gefunden Frau B'e 111 Les z V n s k 1 hat die durch den Tod Robinsohns unter brochene Arbeit der Sichtung fortgesetzt und widmet sich diesem Werke mit liebevoller Hingabe. Das Herzl-Wolffsohn-Archiv kann natürlich trotz seines schon heute ungemein reichen Inhaltes, auf Voll ständigkeit keinen Anspruch erheben. Es sind aber Be Strebungen im Gange, um das an anderen Stellen, wie z. B. in Wien noch vorhandene sehr umfangreiche Ma terial dem hiesigen Archiv einzuverleiben. Ferner ist es von allergrößter Wichtigkeit, daß die bei vielen Hunderten von Zionisten befindlichen Briefe Herzls und Wolffsohns an das Archiv übergeben werden. Vor der Forderung einer möglichst lückenlosen Dokumentensammlung für die Geschichte des Zionismus müssen persönliche Rücksichten zurücktreten. ln Berlin wird das Herzl-Wolffsoltn-Ardiiv selbstverständlich auch nur vorübergehend verbleiben, denn seinen dauernden Platz muß es in Erez-israel haben. Es läßt sich heute natürlich noch nicht sagen, warnt es möglich sein wird, das Archiv nach Palästina zu über führen. Eine detaillierte Beschreibung der Einrichtung des Archivs würde zu weit führen. Aber kein Zionist, der die Möglichkeit dazu hat, sollte es unterlassen, eine Be sichtig ung vorzunehmen, wozu besonders an den beiden Tagen der P a 1 ä s t i n a w o e h e Gelegenheit geboten ist Berichtigung betr die Üeffmmg des Herzl-Wolffsohn-Museums. Ui&s Museum befindet sich nicht, wie in voriger Nummer angekündigt, in der Neuen Bayreuther Str. 36, sondern in der Bayreuther Str. 36. Am Sonntag־, den 27 April, vorm. 11 Uhr, wird Herr Rechtsanwalt Dr. Leszynsky einen einleitenden Vortrag über das Mit seum halten. Antisemitismus in München Bei der» letzten Umwälzungen in München hat sich der Antisemitismus in Formen geäußert, die man bisher i!1 Deutschland nicht gewöhnt war. Auch rein sozialistisehe Gruppen verkünden in Reden und Plakaten, daß die Arbeiter von den jüdischen Führern ebenso betrogen werden wie früher von dem jüdischen Kapitalismus. Am Odeon platz ist laut und frei zu Pogromen gegen die Juden und gegen die Bürgerschaft aufgefordert worden, Vor den Wiener Gemeindewahfen Zu den in Wien bevorstehenden Gemeinderats wählen hielt die jüdisch-nationale Partei am Sonntag. den 6. April, ihre erste große W ähler versamm - lung ab, in welcher Dr. Schalit mitteilte, daß die Jüdisch-Nationalen für den 9. Bezirk eine eigene Kandidatenliste aufstellen. Es sprachen dann Dr. Bruno Pollak-Parnau, der als Listenführer in Aussicht genommen ist, Frau Anita Muli er, die die sozialpolitischen Aufgaben der Stadtgemeinde behandelte, und Abgeordneter Stricker. Von besonderer Bedeutung ist es, daß, wie die ״Wiener Morgen-Zeitung“ mitteilt, in dieser ,Versammlung Herr S. Kühn, der unlängst als Vertreter der jüdischen Orthodoxie Deutsch-Oesterreichs an der Züricher Konferenz der Agudah teil- 5' lediglich'"’ die” jüdisch-nationale Parte/ wirklich die jüdischen Interessen wahrzu nehmen, so daß die jüdiseh-orthodoxen Kreise beschlossen hätten, für die jüdisch-nationale Liste einzutreten. Zionistischer Sieg hei den Wahlen zur Kultusgemeinde Leitmeritz. Bet den Wahlen in die Kultusgemeinde Leitnie ritz, die am 6. April 1919 stattfanden, ist die zionistische Kandidatenliste vollständig durchgedruiigen. In dem äußßerst heftigen Wahlkampf hatten die Zionisten als ihr Programm die Forderung nach der jüdischen Volksgemeinde aufgestellt. Ihr Sieg beweist, daß der Gedanke der Volks- I gemeinden sich überall Balm zu brechen beginnt. Zur ״Trennung von Staat und Kirche“ Von Dr, Victor- Wandsbek. Bei einer Besprechung der Sondernummer der Groß löge des Ordens Bneh ßrith über das Thema: ״Treu numg von Staat und Kirche“ in Nr. 27 der ״Jüdischen Rundschau“ habe ich die Vermutung geäußert, daü die ,,scharf zugespitzten•‘ Ausführungen djes I Je. rn Dr. Neuinann die Großloge veranlaßt haben, in letzte! Stunde eine kurze zionistische Meinungsäußerung zu extrahieren. Diese Vermutung ist nach Mitteilung der Großloge irrig. Die Großloge legt Wert auf die Feststellung, daß die Behandlung des Themas durch einen zionistischen Autor von vornherein in Aussicht genommen war und das kurzfristige Ersuchen an mich nur auf die durch dringende äußere Verhältnisse be gründete Absage miehrerer zionistischer Autoren zurück zuführen ist Die Palästinawoche wirbt in allen jüdischen Kreisen für Erez Israel!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.