Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 29 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652135-2652164--12183-2669787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
TODTSCHE RUNDSCHAU Redaktion u. Verlag W. 15, Sadbsisdie Str. 8. Erscheint jeden lienstag u. Freitag. Abonn.bei d. Exp. u. d. Postämtern viertelj. (.6,— «n Deutschland,in Oesterreich Kr.12,!.Ausland M.10,— ״Num^^29U^Bernn725TlVr19!¥^ AnKcigea-VcrWaltung: Welt־Veriag G. m. b. R, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20 °/0־ Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm. 25. Adar 11 5679 | XXIV. Jahrg. Minoritäten In einem lesenswerten Aufsatz*) betrachtet Herr *rot. Eberhard Q o 111 e i n die Stellung der Minori-;:en in der Welt. Ausgehend von dem Gedanken, aft Revolutionen stets von Minoritäten gemacht ,׳erden, unterscheidet er zwei Wege, die sie gegen-;her den Majoritäten einschlagen können: Sie :önnen ihren Charakter als Minoritäten wahren;rd wollen dann als solche herrschen oder auch!111 der Unterdrückung sich erwehren, oder sic vollen umgekehrt selbst zu Majoritäten werden, idion wenn diese Minoritäten ganz geringfügig ind, geben sie sich gern als eigentliche Vertretung ler Majorität aus und glauben selbst ehrlich daran, laß sie Geschäftsführer der Gesamtheit sind. Ohne liesen Glauben wären keine Propheten aufgetreten,;eine Weltreligionen entstanden, würden überhaupt;eine großen Agitationen möglich sein. Diese 1 Minoritäten stehen entweder im Kampf, in Oppo- ,ition zu den Majoritäten, oder aber sie versuchen, mf dem Wege der Politik selbst zur Majoritätsbiliung beizutragen, ohne ihren Standpunkt grund-;ätzlich aufzugeben, ln beiden Fällen handelt es;ich entweder um leidende oder gedrückte )der aber um vor drin gen de oder siegeiche Minderheiten, wobei Druck wie Sieg in len mannigfachsten Abstufungen stärker oder ,chwächer sein können. Unter den leidenden oder gedrückten Minoriäten kennzeichnet Prof. G o t h e i n im wesentichen sechs Typen: die fatalistischen, die grollenkn, die demütigen, die verzichtenden, die resignieren und die politisierenden Minoritäten. Für uns ist ler Aufsatz in vielen Beziehungen lehrreich. Nicht uir um dessentwillen, was Gotliein in ihm geegentlich über die Stellung des Judentums als Minorität sagt, sondern wegen der Anwendungen, lie wir aus seinen allgemeinen Betrachtungen riehen können. Zu den fatalistischen Minoritäten gehören wir im allgemeinen nicht, ebensowenig zu den grollenden und resignierten. Nach Prof. Hot he in gehören die Juden zu den verzieh-!enden lind zu den demütigen Minoritäten. I3ic verzichtenden Minoritäten entäußern sich durch freiwilligen Entschluß ihrer Nationalität, die ihnen lästig wird, wenn Zurücksetzung von außen es ihnen ratsam erscheinen läßt. ״Bildet sich die Zurücksetzung wieder zum Druck zurück, was leicht geschieht, wenn die Majorität ihre Erwarhingen von der Assimilation nicht ganz erfüllt glaubt oder noch leichter, wenn sie übertroffenn werden, 11 1׳. wenn die früheren Minoritäten sich in ihrer igenen Mitte zur Elite nach irgendeiner Richtung, geistig oder wirtschaftlich, ausbilden, so finden sieh auch sofort wieder die abgefallenen mit dem Restbestande zusammen und der Zusammenschluß■ der Minorität wird enger denn je.“ 'Es ist richtig, daß die Geschichte des jüdischen Volkes sich sprunghaft in *diesem Auf und Ab immer wiederholt. Aber wir können Go t he ins Ausführungen dahin ergänzen, daß Ansätze vorhauden sind, die deutlich zeigen, daß diese Rolle der verzichtenden Minorität unseren Anschauungen flicht mehr entspricht. Das jüdische Volk, das ,,überall auf der Welt zur Minorität geworden ist, weil es vorgezogen hat, ins Exil zu gehen und unter den Völkern herumzustreifen, statt in seinem verwüsteten Lande zu bleiben, das nicht das Opfer seiner nationalen Existenz für sein Land gebracht, sondern es verlassen hat, ehe es ausgespiecn worden ist“**) ist auf dem Wege zurückzukehren. Der Zionismus ist das Judentum auf dem Wege der xlbstbefreiung. Wir sind auf diesem Wege und müssen, wollen wir gesunden, der Tatsache fest '«י Auge sehen, daß wir noch in einer Zweiheit unseres Daseins leben, aber auch, daß wir aus ihr heraus müssen und durch den Zionismus den Weg fttr Einheit unseres Lebens finden werden. Die Rolle der verzichtenden Minoritäten (Gotliein zitiert einen Satz von Karl Marx: ,jDie einzig tnög- ’) Die Minoritäten, eine soziologische Betrachtung von Prof. Eberhard Oothein, Heidelberg, Deutsehe Revue, April 1919. **) Dr. Hugo Bergmann, Jawne und Jerusalem, M Verlag, 1919, S. 38. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdisch« Volk die Schaffung einer 6ffenilidt*rechili<h gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. liehe Emanzipation des Judentums ist die Emanzipatiot! vom Judentum“) ist heute überwunden. Aber auch die Rolle der demütigen Minoritäten, unter denen Gothein den Juden einen hervorragenden Platz anweist, kann unserem nationa-len Empfinden nicht mehr genügen. Daran wird auch nichts geändert, wenn er uns m die ״Auslese der Widerstandsfähigsten“, in die ״EUteminoritäten“, einreiht. An Gotheins Darstellung ist richtig und interessant die Feststellung dessen, was wir waren und was noch viele Juden heute sind. Dieselbe Widerstandsfähigkeit, die in mannigfachen Schattierungen ln gewissen Kreisen der Orthodoxie zum Starrsinn,, im Liberalismus zu einer nur die letzten Schritte vermeidenden Anpassungsfähigkeit geworden ist, und die letzten Endes das Judentum befähigt hat, so lange Jahrhunderte hindurch die demütigende Rolle der demütigen Minoritäten zu spielen, hat uns auch zugleich befähigt, den Weg zu neuem Leben zu suchen. Wir wissen, daß kein äußeres Wunder, weder das Geld der Reichen, noch die Gunst der Machthaber uns erlösen kann. Aber wir wissen auch, daß wir selbst noch stark genug sind, den Weg zur Erlösung zu gellen, wenn er auch weit und schwer ist. Wir müssen wieder zur Majorität werden. Aber — und darum konnte Gothein diesen Gedanken nicht in seine Studie einbeziehen — unsere Lage ist einzigartig. Unser Kampf um die Majoritat ist kein Kampf einer Minorität, die zur Herrschaft gelangen will in dem Lande, in dem sie lebt, sondern wir wollen die Majorität werden in unserem Lande, in Palästina. 111 den Ländern des Galuth werden wir zu keiner der Minoritäten gehören, die Gothein aufzuzählen weiß. Wir werden eine Mitfelart darstellen zwischen der verzichtenden und der politisierenden Minorität. Verzichten wollen wir darauf, selbst im Galuth zur Majorität zu werden. Wir sind dadurch von anderen politischen Gruppen und Parteien wesentlich unterschieden, daß wir durch unseren Willen oder unser Streben allein keine Majorität werden können. Da wir eine blutsmäßige Gemeinschaft sind, ist die Zahl unserer Anhänger von vornherein begrenzt. Durch dieses im Galuth rächt zur Majorität Werdenwollen werden wir aber nicht etwa zu einer resignierenden Minorität, denn zu deren Wesen würde gehören, daß sie die Hoffnung, Majorität zu werden, aufgibt, obw׳ohl sie es werden könnte. Wir werden aber auch versuchen müssen, unsere Stellung auf politischem Wege zu stärken und zu sichern. Wir verlangen, daß wir in den Ländern des Galutli als nationale Minderheit anerkannt werden und leben dürfen, und daß die Völker, unter denen wir leben, es lernen, dje jüdische Nation als politischen Faktor in ihre Rechnung einzustellen. Aber auch da unterscheiden wir uns noch von dem, was Gothein unter politisierenden Minoritäten versteht. Sicher wird der Weg der ״G r e n znu t ze n po 1 i t ik“ von uns ,teilweise einzuschlagen sein, und das Gesetz des Grenznutzens: ,,Die letzte Quantität, die noch zur Deckung eines Bedarfs erforderlich ist, bestimmt j den Wert des Ganzen“, wird uns oftmals in die I Lage versetzen, dabei mitzuwirken, daß eine unseren Wünschen Und Hoffnungen entsprechende Majorität bei Entscheidungen über strittige Fragen des Lebens Im Staate zustande kommt. Vor allem aber verlangen wir, um unserer eigenen Ent- Wicklung ungestört leben zu können, im Galuth den Schutz der nationalen Minderheit. In Palästina aber werden wir danach streben, zur Majorität zu werden. Wir wollen uns nicht mehr damit begnügen, überall auf der Welt das ״Salz der Erde“ sein, sondern wollen uns eine lebenswerte Zukunft im eigenen Heime schaffen. Mögen deshalb auch nur wenige hinübergehen, die einzelnen werden drüben zur Mehrheit, die Minorität zur Majorität werden. Herr Prof. Gothein kennt, es kann ja auch kaum anders sein, nur die Konstruktion einer jüdischen Weltanschauung, wir aber setzen ihr das jüdische Leben entgegen. Und das jüdische Leben wird uns zu dem machen, was wir werden wollen: 1111 Galuth eine ihr Geschick mitgestaltende Minorität, in Palästina aber ein freies, von der Problematik des Minoritätsdaseins erlöstes Volk. G. W. Die Konferenz der Nationalräte in Paris Wilson für den Schatz der nationalen Rechte der Juden. Wie das Stockholmer ״Jüdische Presse- נ uro“ erfährt, hatte die von der Pariser Nationalrätekonferenz eingesetzte Kommission für die nationalen Rechte, deren Vorsitzender Julian Mack ist, eine Besprechung mit den amerikanischen 7riedensdelegierten Lansing, White und General 31 iss. Marshall schilderte die Lage der Juden in Osteuropa und erklärte, daß sieben Millionen Juden schutzlos wären, falls nicht ihre Rechte durch die Friedenskonferenz sichergestellt werden. ^ansing hörte aufmerksam zu und fragte, ob es wahr sei, daß die Juden in Polen eine unabhängige aolitische Partei begründet hätten. Marshall erwiederte: Dies sei absolut notwendig, weil die Juden dort sehr unterdrückt seien. Lansing ließ sich dann über die jüdisch-nationalen Wünsche informieren und erklärte, Wilson sei mit diesem Standpunkt völlig einverstanden und w erde für die Verwirklichung dieser Forderungen arbeiten. Diese Mitteilung ist von großer Bedeutung. Sie zeigt, daß die systematische Arbeit unserer Freunde für Anerkennung der nationalen Rechte der Diasporajudenheit Früchte zu tragen beginnt. Die Delegierten. Folgende Delegierte sind in Paris anwesend: Roso w für Rußland, Ussi schic in für die Ukraine, Yellin, Eisenberg und Wi 1 kansky für Palästina, L e w i t e Und Brande für Polen, Thon Ringel, Reich und Tenenbaum für Galizien, Mack, Marshall, Cutler, Barondeß, Le w e n t h a 1, Winchcwsky, S y r k i 11, Richards für Amerika, Prof. Colombo für Italien, Florent i n für Saloniki, Schein, Schächter und ÖJierrabbiner Dr. Niemirower für Rumänien, Dr. Hugo Bergmann und Norbert Adler für die tschechoslo vakische Republik. Die Kommissionen. Zum Vorsitzenden der Kommission zwecks Gewinnung der Friedenskonferenz fürdie Anerkennung des Prinzips der nationalen jüdischen Gleichberechtigung wurde Julian Mack gewählt. Vizepräsidenten sind die Herren Marshai, Dr, 'Reich, Rosow, Rabbiner Dr. Thon, und Ussi sch kin. Generalsekretär wurde Herr Motzkin. Es wurden folgende Kommissionen eingesetzt: eine p o 1 i t i s c he unter Vorsitz von Sokolow, für Entschädigungen der Kriegs- und Pogrom opfer: Vorsitzender Marslial; für Presse, Vorsitzender Dr. Reich; zur Ausarbeitung eines Memorandums: Vorsitzender Motzkin. Die amerikanisch-jüdischen Vertreter. In der Präsidialsitzurig des ״Jüdischen Nationalrates“ in Prag gelangten, wie wir der ,,Selbstwehr“ entnehmen, am 8. April einige Briefe von Dr. Hugo Bergmann zur Verlesung, in denen er interessante Mitteilungen über die Konferenz der Natioiialräte in Paris machte. Wir zitieren daraus: ״Die größte und angenehmste Ueberraschung für uns tschechoslovakische Delegierte war, daß die Friedensdelegation des amerikanisch-jüdischen Kongresses mit uns zusammenarbeitet und ihre Aufgabe nur in dieser Zusammenarbeit zu sehen scheint. Ich will noch einmal die Namen der Delegierten mit einigen Be merkungen über die einzelnen. Persönlichkeiten wiederholen. Der Präsident der amerikanischen Delegation (der ״Chairman“) ist der Richter J. W. ,Mack. Er ist auch der Vorsitzende unserer Konferenz, ein glänzender Präsident, der alle notwendigen Sprachen spricht und ein sehr guter und radikaler Jude ist. Er ist Richter in dem ״United states district court“, einem Gerichtshof, für verwickelte Fälle. Man erkennt das 'auch an der Art, wie er den Vorsitz führt Der bekannteste Amerikaner unter den Delegierten ist Mr. Louis Marshall. Marshall nimmt eine sehr hohe Stellung in der republikanischen Partei ein, er ist einer der hervorragendsten Politiker in Amerika, der schon » I: 1 1.