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Jüdische Rundschau · 1919-04-11 · Heft 27 (11.4.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 27 (11.4.1919)
Date
1919-04-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ül«m und p*UJ nu'h: öhn״ 1ci. Paul ftp« M) - JÜDISCHE RUNDSCHAU als [ilchv«m ir der binii»8en BH08mitte Vererson 1,75 r, 1׳ I). II. Redaktion u. Verlag W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint Jeden Dienstag1 «.Freitag. Abonn.bei d.Exp. n. d, Postämtern viertelj. M-6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr. 12, i. Ausland M. 10,— Nummer 27 Berlin, 11. IV. 1919 Anzeigen-Verwaltung: Welt-Verlag G. m. b. H, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 u. 486. Postschedckonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Schedekonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm, 11. Nissan 5679 XXIV. Jahrg. Der Pessachf eiertage wegen erscheint die heutige Nummer in vergrößertem Umfang. Die nächste Nummer erscheint Freitag, den 18., die darauffolgende am Freitag, den 25. April 1919. Pessach ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer üffenilidj-redhülch gesicherten Heimsi&iie in Palfijiina." Baseler Programm. ezug. euanstatt, t »ich eines zöge- dem tuelle mgen 1!1» tdlung 8 ausltlieh, - und b. H. Als Pharao nach den zehn Plagen dem Auszug der Kinder Israel keinen weiteren Widerstand entegensetzte und nun Mosche das langersehnte Zeidien des Aufbruchs gab, da sammelte sich das ganze Volk und verließ in geschlossenem Zuge das Haus der Knechtschaft“. Niemand blieb zurück, ihnen allen ward das herrliche Los zuteil, gemeinsatn erlöst zu werden und gemeinsam dem Lande der Verheißung entgegenzugehen. Wir wissen, daß dieses Sehnen unseres Volkes nach Erlösung in den finstersten Jahrhunderten der Diaspora niemals erloschen ist. Wie in den Zeiten Serubabels, Esras, Nehemias und Sabbatei Zwis, bat auch jetzt eine Aufbruchsstimnuing die Besten unseres ,Volkes ergriffen. Der jüdische Freiheitsedanke, die Hoffnung, daß in Palästina das Heim unseres ,Volkes erstehen soll, hat die Gemüter aufs Stärkste erfaßt. Die Ereignisse des letzten Jahres mußten diese Aufbruchsstimmung verstärken. Wir denken in den heutigen Pessachtagen an die Pogrome zurück, die in nie geahntem Umfange im Osten gewütet haben. Wir denken daran, wie in Polen ein kaum befreites Volk, das selbst unter nationaler Unterdrückung gelitten hat, die jung errungene Freiheit mißbraucht, um die Juden, die bisherigen Leidensgefährten, national zu unterdrücken, wie Regierung, Militär und sögenannte gute Gesellschaft den Pogromm zugeschaut, ja sie unterstützt haben, und wie überall der Boykottgedanke sich regt, um den Juden die Wirtschaft- :«*־ne, י" ־ küßen ’Tagen nationaler Freiheit von neuem geknechtet wurden, denken an die entmenschten Horden Petliuras, die die jüdischen Städte der Ukraine mit Mord und Brand erfüllen. Wir denken an alles Unheil, an wirtschaftliche und seelische Unterdrückung und unerhörte Knechtschaft, die den Juden Rumäniens von ihrer Regierung beschieden war, Und wir erinnem uns der deutschen Verwaltung, die im Osten! so Unsagbares an unseren Brüdern verschuldet it, Das vergangene Jahr jüdischer Geschichte ird mit Blut in den Annalen unseres Volkes erzeidhnet stehen. Ist es da verwunderlich, wenn gerade die Besten nicht länger in ihrer Umgebung eben wollen, die sie swingt, die testen Kräfte dein Kampfe um die nackte Existenz zu weihen? st es da ein Wunder, wenn die politische Ent- Wicklung, die von der Bai fou r-Erklärung über die Kundgebungen Pichons, Sonninos und Wilsons bis zur Stellungnahme des Zehnerusschusses der Friedenskonferenz em Siegeszug des Zionsgedainkens gewesen ist, zur hellen Begeisterung geführt hat? Wir haben immer gewußt, daß wir mit unserer Forderung des jüdischen Palästina dem heißesten Wunsche unseres Volkes entsprachen. Wir haben nie ge zweifelt, daß die Massen begeistert kommen w ürden, wenn der Ruf zur Freiheit ertönte. Unsere Hoffnung hat sich erfüllt: Große Teile der zionistisehen Jugend und auch׳ viele andere stehen bereit, den ״neuen Weg ins alte Heimatland“ zu gehen. Noch freilich ist es nicht so weit. Es muß dt aller Deutlichkeit, mit der Ehrlichkeit, die in der Sache unseres Volkes unsere Pflicht ist, gesagt werden, daß der Augenblick des Aufbruchs noch nicht gekommen ist. Es ist jetzt unmöglich, nach■ Palästina einzuwandern. Diejenigen, die trotz aller unserer Warnungen schon auf gebrochen sind, mußten auf irgend einer Station des Weges umkehren, und die meisten von ihnen sind nach unsäglichen, für unsere Sache zweck- Usen Opfern und Entbehrungen nach Hause zurückgekehrt. ,Von neuem ergeht datum heute der Ruf an unsere Freunde zur Besortneuheit. Bleibet in Euren Heimatsorten und brechet nicht auf, bis Ihr hört, daß der Beginn der Kolonisationstätigkeil getantnen ist! .1 ** Ueberhaupt wird der Auszug anders verlaufen als zu den Zeiten unseres Lehrers Mosche. Nicht mit der Macht des Schwertes wollen wir in unser Land zurückkehren, sondern als friedliche Ein- Wanderer. Wir wollen die Bewohner des Landes nicht vertilgen, wie es Josua und die Seinen mit den Kanaanaern taten, sondern neben ihnen als gute Nachbarn auf der eigenen Scholle leben. Eine moderne Kolonisation Palästinas ist aber nur möglieh bei einer guten Organisation und strenger Selbstzucht. Auch wenn die Zeit des Aufbaus gekommen sein wird, dürfte es ausgeschlossen sein, daß jeder dann aufbricht, wenn er will. Auswanderungsbureaius in den einreinen Ländern werden nach den Gesichtspunkten, die ein zentrales Auswanderungsamt angeben wird, der Emigration die rechten Wege weisen. Nur dann wird es uns gelingen, Palästina zu erbauen, wenn wir das Organisationstalent, das man so oft an uns gerühmt hat, nun in unserer eigenen Angelegenheit beweisen. ״Jeder zu seiner Fahne“, das war die Parole, mit der das jüdische Volk sich in Palästina Heimatsrecht erwarb. Nach den sieben Jahren des Kampfes folgten nach der Legende ebensoviele Jahre des Aufbaus, die ebenso schwierig waren. Aber wir wissen wohl, daß auch der genialste Organisator nicht imstande ist, Volksbewegungen einzudämmen. Nie wird dies auch der durch gebildetesten Organisation gelingen können. Das kann nur auf eine Weise erreicht werden: wenn in den jüdischen Massen das Bewußtsein lebendig ist, daß nichts um des einzelnen willen, alles um unseres Volkes, um unseres Landes willen geschehen soll. Wohl ist das Sehnen, der eigenen Persönlichkeit mächtig In uns allen. Aber soll über diesem Sehnen Palästina zugrunde gehen? Erez Israel ist ein Land, das nur einen Teil des Volkes aufnehmen kann, das für manche Berufe keine Existertzmöglichkeit gewährt. Deshalb prüfe sich jeder mit unbestechlicher Ehrlichkeit, an welchem Platz er seine Fähigkeiten im Interesse unterer Sache am besten verwenden kann. Nicht nur der Aufbau im Lande, auch die Regelung der Emigration im Galuth, auch! der Bau des nationalen Lebens der Diaspora fordert Kräfte. Ganze Menschen, von heißer Liebe zu Volk und Land erfüllte Juden, erfordern die großen Aufgaben, die uns bevorstehen. Auch diejenigen, die nicht sofort als Pioniere in Erez Israel arbeiten können, werden für uns unentbehrlich sein. Wie nach dem Worte der Hagada jeder sich fühlen soll, als sei er selbst aus Aegypten gezogen, so darf jeder glauben, am Aufbau unserer Heimat mitzuwirken, der mit Hingebung und Opfermut für die Zukunft des jüdischen Volkes wirkt. F. L. Trennung von Staat und Kirche Von Dr. V i c' t o r. Die Großloge für Deutschland des Ordens Bne-Brith hat soeben eine Sondernummer herausgegeben, in welcher Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen die Bedeutung der Trennung von Staat und Kirche für das jüdische Leben in Deutschland erörtern. Es schien mir ein Zeichen der Zeit, daß ich von der Oroßlogc aufgefordert wurde, die Frage vom zionistischen Standpunkte aus zu erörtern. Denn in den Blättern der Großloge waren bisher politische Diskressionen durchaus verpönt Ich bedaure nur, daß ich mich in der außerordentlich knappen Frist, die mir gesetzt war. auf wenige prinzipielle Bemerkungen beschränken müßte. Der einleitende Aufsatz des Herrn Dr. Ismar Freund mit seinen ausgedehnten historischen Be- Pachtungen ist als Einführung in das Problem von besonderem Wert. Freund war Mitglied der preu- Bischen Ministerialkommission, die auf Veranlassung des früheren Kultusministers, Adolf Ho f f m an n , eingesetzt wurde, um die angekündigte Trennung in die Wege zu leiten. Er bricht eine Lanze für den vielgeschmähten Kultusminister. Von Irgendwelchem Radikalismus, der Hoftmann unterstellt *worden ist, sei tatsächlich keine Rede gewesen. Im Gegenteil habe Hoffmann den Wunsch gehabt, daß die Trennung eine friedliche, von jeder Gewaltsamkeit sich fernhaltende und insbesondere alle sozialen Härten, vermeidende allmähliche Lösung der Beziehungen werden solle. Selbst die Staatsbeiträgo sollten nicht auf einmal eingestellt, sondern langsam abgebaut werden. In bezug auf die Belass ung der Korporationsrechte und des Steuer rechtes der Religionsgesellschaften hätte Hoffmann sich nicht auf einen bestimmten Standpunkt festgelegt. Aber es wäre auch in diesen Fragen auf ein weitgehendes Entgegenkommen zu rechnen gewesen. In seinen Forderungen für die Zukunft nähert sich Freund erfreulicherweise dem zionistischen Standpunkt. Er fordert die materielle Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte in den Gemeinden. Es sei eine betrübliche Erscheinung, daß in den Gemeinden die Verwaltungspolitik in den Vordergrund getreten, und die Kulturpolitik in den Hintergrund gedrängt sei. Bei der Neugestaltung der Verhältnisse sey es die wichtigste Aufgabe, alle Bestrebungen und alle Kräfte zusammenzufassen, um sie einzugliedern in die große jüdische Oesamtorganisation. Die Beiträge der Herren Dr. Rosenthal -Cöln vom Standpunkt des Rabbiners und Steinhardt vom Standpunkt des Lehrers lassen erhoffen, daß die jüdischen Beamten gewillt sind, für die völlige Demokratisierung der Gemeinden einzutreten und das Joch der Notablenherrschaft abzuschütteln. Bemerkenswert sind die Ausführungen, mit denen Rosenthal sich gegen die Bevormundung des Rabbinerverbandes durch den ״Verband der deutschen Juden“ wendet. Steinhardt betont, daß die ״Trennung“ für die jüdische Lehrerschaft zu einer Katastrophe führen könne, wem! nicht rechtzeitig eine umfassende Organisation einsetze. Ungenügende finanziere Dotierung, Schutz- und Rechtlosigkeit innerhalb der Gemeinden seien zurzeit das Kennzeichnende ihrer Lage. Er fordert die Anstellung der Lehrer auf Lebensdauer und die endgültige Beseitigung des schmachvollen Dreikiassensystems, das trotz Revolution noch immer in vielen Gemeinden besteht. Aber der alte reaktionäre Geist lebt noch. Die Notablen denk egt gar nicht daran, ihre Herrschaft aufzugeben. Die Revolution, ist spurlos an ihnen vorübergegangen. Das beweist der Aufsatz des Herrn Dr. Neumann, Generalsekretär des ״Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes“, der die Frage vom Standpunkt des D. J. G. B. behandelt und die Gelegenheit benutzt, über das zionistische Oemeindeprogratntn herzufallen. Fast scheint es, als ob die j,scharf zugespitzten“ Ausführungen des Herrn Neumann es gewesen and, die der Großloge Veranlassung gaben, zur Wahrung ihrer durch die Satzungen gebotenen Unparteilichkeit noch In letzter Stunde eine kurze zionistische Meinungsäußerung zu extrahieren. Herr Dr. Wilhelm Neumann, der sich, wie er behauptet, auf die Erfahrungen eines Vierteljahrhunderts stützt, hat von der neuen Zeit nicht einen Hauch verspürt. Ihm ist der D. J. G. Bdie zuständige Stelle für die Neuorganisation des jüdischen Gemeindewesens, lind er wagt den Vorschlag, den inneren Ausbau der Organisation dem künftigen Gemeindetage zu überlassen, der ״die dankbare Rolle einer Konstituante“ haben werde. Der Gemeindetag, der nach seiner jetzigen reaktionären Verfassung zu 95 °/0 aus Notablen bestehen würde, als jüdische Konstituante für Deutschland! Das wäre dasselbe, als wenn das alte preußische Herrenhaus als verfassunggebende Versammlung über die künftige Gestaltung Preußens entscheiden sollt(*. Daß eine Konstituante au ו demokratischen Wahlen hervorgehen muß, wenn sie von dem Vertrauen des Volkes getragen sein soll, das ist dem Herrn Generalsekretär völlig unbekannt. Köstlich ist seine Stellungnahme zur Demokratisierung der jüdischen Gemeinde: ״Die Demokratisierung besteht in der Erteilung des Verhältniswahlrechts an alle männlichen und weiblichen jüdischen Personen vom 20. Lebensjahre ab, ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit, und zielt darauf ab, die sogenannte ״Notabeinherrschaft“ in den Gemeinden zu beseitigen. Ohne mir die ungerechte Verallgemeinerung des abschätzigen Urteils über so viele um das Judentum hochverdiente Männer, deren reiche Erfahrungen auf den verschiedenen Gebieten des privaten und öffentlichen Lebens unseren Gemeinden zugute gekommen sind, zu eigen zu machen, könnte man sich mit der demokratischen Tendenz des Programms befreunden, wenn sie nicht als Vorspann für die nafionalistisehen Bestrebungen dienen sollte. Diese gehen, wie es der jugendfrischen zionistischen Bewegung entspricht, aufs ganze.“ Es ist ein Jammer, daß Scholen! -A lei ehern gestorben ist. Der Typus des Juden, der den in den Höhen thronenden Notablen seine Verbeugung macht und gleichzeitig mit seinen verehrten Gehwerkzeugen den aufstrebenden nationalistischen Bestrebungen Fußtritte versetzt, hätte ihm Stoff zu einer seiner besten Satiren gegeben. Die Demokratisierung soll aus Angst vor dem Zionismus verweigert

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