Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 26 (8.4.1919)
- Date
- 1919-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU daktion u. Verlag W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint Jeden enstag u.Freitag. Abonn.bei d.Exp. u. d. Postämtern viertelj. 6,— in Deutschland, in Oesterreich Kr,12, i. Ausland M-10,— Nummer 26 | Berlin, 8. IV. 1919 Anzeigen-Verwaltung: Welt-Verlag G. m. b. H׳, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u. 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20%. Telephon: Amt Ubland 845 u. 486. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm. 8 Nissan 5079 [ XXIV. Jahrg erichi über die Verhandlungen er Londoner Zionistenkonferenz (Schluß.) Nach der Reck* Pr. Wcizmaims wurde die Dis- 1;3ion über die Vorschläge der Emigrationskommission!:getrommen. Es wurde vorgeschlagen, daß bei der jsWanderung■ nach Palästina hauptsächlich die Juden h den Ländern berücksichtigt würden, in denen ihre >c am! schlimmsten ist. Herr Baron d-eß widerrach dieser Anregung und führte aus, daß in Amerika ne große Anzahl von jüdischen Farmern seien, die!■ die Anfangsstadien der Entwicklung Palästinas nützher seien als Menschen aus anderen Ländern ohne nd wirtschaftliche Vorkenntnisse. Diesem Vorschlag idersprachen andere Delegierte mit der Begründung, ß die Konferenz bereite sich dahin geeinigt hätte, 11 das Prinzip der Einwanderungsbeschränkung nicht imschenswert sei. Herr Farbstein, der den Von hlag der Kommission unterstützte, führte aus, daß in Polen und Rußland gleichfalls jüdische Farmer ibe. Die Luge der Juden in diesen Ländern wäre ►er so zugespitzt, daß es unbedingt notwendig sei, sie >i der Auswanderung besonders in Betracht zu ziehen, ilgende Resolutionen wurden beschlossen: 1. Der ►nis tischen Organisation zu empfehlen, Anstalten ׳ treffen, daß Delegierte aus den verschiedenen Ländern ecks Studiums der dortigen Verhältnisse nach Pa- •na fahren, um so die Einwanderung nach Pa- ■tina zu erleichtern und zu regeln. 2. Der zio-;tischen Organisation wird empfohlen, in allen Länrn, aus denen eine große Emigration zu erwarten ist, iswanderimgsämter zu errichten, die unter der Leitung .:er alle zionistischen Parteien des Landes vertretenden rperschaft stehen sollen. 3. ln London und in Kopenhagen werden Zentralbüros eingerichtet, die c.h mit allen Hauptfragen der Emigration nach Pantina beschäftigen sollen. 4.!Damit Palästina nicht on Ansiedlern überschwemmt wird, die nicht in tzlicher Weise beschäftigt werden können, wird ' -blossen, daß diejenigen, die nach Palästina wandern in, gewarnt werden, die Reise zu unternehmen, sofern nicht in Uebereinstimminig mit der Zionistischen rganisation geschieht. 5. Es wird beschlossen, Freigiftige auf zu rufen, die bereit sind, an der Regulierung!er Auswanderung mitzuwirken. 6. ln die Befugnisse, nit denen der jüdische Rat, von dem in den Vorchlägen zur Friedenskonferenz die Rede ist, ausgetHtte* werden soll, sollen auch Bestimmungen über iie Regelung der jüdischen Einwanderung aufgenommen verden. Die Don nerstag-Sitzung. Am!Donnerstag nachmittag hielt Eisenberg- (echoboth ein Referat über den Zustand der jüdischen (olonien und den Geist, der dort jetzt herrsche. Der keiner führte aus, daß in dem Augenblick, in denn nan daran ginge, in Palästina eine nationale Heimtatte für die Juden zu errichten, es von Interesse wäre, ich ins Gedächtnis zurückzurufen, was die früheren iulischen Kolonisten getan hätten, um das Werk bis ■u einer solchen Höhe zu führen. Als er zum ersten Wale mit einer Gesellschaft nach Palästina reiste, kam nan noch als absolut Fremder in eine richtige Wüste, n Jaffa kam nicht einmal ein Minjan zustande, und die \raber liefen in den Straßen hinter den Juden her und >eschimpften sie. Die türkische Regierung verbot ihnen,;ich Hauser zu bauen, und sie mußten ihre Heimhätten sich heimlich bei Nacht errichten. Ihr Leben «var keineswegs in Sicherheit, Und es gab manchen \agriff der Araber auf ihre Siedlungen, von denen *mige sogar von den Frauen abgeschlagen wurden. Viele der tapferen Schomrim haben ihr Leben bei der Bewachung des Eigentums der Kolonisten lassen müssen. Jerade die Kolonien hätten am meisten geblüht, um die nan sich am wenigsten gekümmert hätte und die am «abhängigsten gewesen wären. Keiner von den jüsehen Kolonisten wäre bis jetzt reich geworden, aber Jlk! lebten sie glücklich und zufrieden auf ihrem Lande mit ihren Familien. Der wahre Geist der Kolonisten w urde am stärksten auf die Probe gestellt, als der Krieg uisbrach. Man hatte sidh damit abgefunden, den Verlust von Papieren, Geld, Vidi und Werkzeug weiter 11 erdulden. Als die Hälfte der arabischen Siedlungen zugrunde gegangen war, ging es den jüdischen Kolonien mit einer Ausnahme noch immer leidlich. Selbst die jüdischen Arbeiter haben sich mit den halben Löhnen begnügt. Der Redner gab ein anschauliches Bild von dem Gemeindeleben in den Kolonien mit ihren JVaads oder Gemeinderäten, die die Siedlungen in der Praxis autonom machten. Besonders eindrucksvoll war eine Schilderung des Sabbaths in den Kolonien. Er schloß mit der Bemerkung, daß (Be alten!Leute zwischen 30 und 60 Jahren bereit seien, an die Arbeit zurückzukehren, um das, was der Krieg zerstört habe, wieder auf- «!bauen. Die Kolonisten fühlten sich selbst als Vertr.ruensjeute des ganzen Volkes, und dies Gefühl ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer üffenillds-rcchlllch gesicherten HciimtiUle in Palästina." Baseler Programm. wiederum hätte ihnen ihre Kraft verliehen. Auf .Eisenbergs Rede folgte lebhafter Beifall. Großes Interesse erregte auch der Bericht Herrn Dizengoffs über das Verhalten der türkischen Behörden während des Krieges. Mit gutem Humor beschrieb er Djemal Paschas vergebliche Anstrengungen, die zionistische Bewegung zu unterdrücken. Die Evakuation von Jaffa erzeugte furchtbare Härten, aber durch den Beistand Amerikas wurde die Situation gerettet. Zu gleicher Zeit war T e 1 ־ A w i w in großer Gefahr, durch Artillerie zusammengesdiossen zu werden, aber die australischen Truppen, die in diesem Abschnitt «)1gingen, verschonten es, und der Befehlshaber der Truppen zeigte bei seinem Eintritt in die Stadtden diesbezüglichen Befehl vor. Nach dieser Debatte wurde an die palästinensischen Siedler ein Begrüßungstelegramm gerichtet. Die Sitzungen von Freitag bis Sonntag. ln der Freitagmorgensitzung referierte der Agronom W i 1 k a n s k y aus Palästina und setzte auseinander, daß für die Durchführung eines großzügigen Ansiedlungsplanes, der Palästina in ein jüdisches Land verwandeln soll, 600 Millionen £ erforderlich seien. Am Nachmittag wurde der Bericht des politischen Komitees über die zionistischen Vorschläge vorgelegt. Diese Vorschläge sind nicht veröffentlicht. Die Diskussion hierüber fand in geschlossener Sitzung statt. Die Debatte dauerte den ganzen Tag, und wurde am Sonnabend abend und während des ganzen Sonntags fortgesetzt. Es wurde dann die schon von uns veröffentlichte Resolution angenommen, die den Führern Dankbarkeit und Vertrauen ausspricht und sie auf die angenommenen Resolutionen als Basis der weiteren Arbeit hinweist. Diese Resolutionen waren von der durch die Konferenz gewählten politischen Kommission aiusgearbeitet und der Konferenz vorgelegt worden. Montagsi tzun g. Am Montag erstatteten de Lieme und l^ap- 1 a n s k y den Bericht der Kolonisationskommission. Die Mehrzahl der Delegierten verlangte die Natioitalisierung des Bodens. Dieser Antrag wurde unterstützt durch die Herren de Lieme, Simon, Motzkin, Wi Ikansky, Kaplansky, Schochat, Syrkin und Meyer Berlin. Eine Minderheit verlangte, daß außer der Nationalisierung aller Ländereien, die von der Kolonisations-Verwaltung übernommen werden, auch Privatkäufe stattfinden dürfen, wobei allerdings Spekulation und die Schaffung von Großgrundbesitz ausgeschlossen sein müssen. Deser Antrag wurde unterstützt durch die Herren Diesengoff, Eisenberg lind Jean Fischer. De Frage blieb vorläufig unentschieden. Dienstagsitzung. Am Denstag Vormittag beriet die Konferenz über die Frage der Erziehung in Palästina. Herr Ussischkin führte den Vorsitz und leitete die Verhandlung in hebräischer Sprache. De Frage der religiösen oder weltlichen Erziehung löste eine ungeheure Erregung aus, und einige Bemerkungen Dr. Syrkins gegen die religiösen Fächer in den Schulen veranlaßten hef- %e Proteste der Misrachisten. Es wurde schließlich beschlossen, für den hebräischen Unterricht in Palästina und der Diaspora größere Beträge zur Verfügung zu stellen, und in Palästina zwei Erziehungskommissionen einzusetzen, eine Hauptkommission, ferner eine Unter- Kommission unter Kontrolle des Misrachi. In der Nachmittagssitzung wurde die Debatte über das Kolonisationsprogramm fortgesetzt. Vor der Abstimmung über die Frage des Boden- Besitzes hielt Dr. Weizmann eine längere Rede, in der er auf die nächsten Palästinaaufgaben einging. Er führte aus: ״De Kardinalfrage, auf welche die Konferenz eine Antwort geben müsse, laute folgendermaßen: Angenommen, daß der Friedens vertrag atn 1. Juni 1919 unterzeichnet wird, was haben die Zionisten am 2. Juni zu tun? Das sei die Frage, die Hauptfrage, die beantwortet werden müsse. Andere Fragen seien nebensächlich. Es herrsche vielfach das Gefühl, und dieses Gefühl habe sich innerhalb der letzten Tage kristallisiert, daß man es bei der Behandlung dieser Frage am nötigen Mut habe fehlen lassen., Mit kleineren Problemen habe man sich befaßt, aber das Hauptproblem sei, wie man Erez Israel in Besitz nehmen soll. Beim Studium der Presse, besonders der Tagespresse in England, Frankreich Und anderen Ländern, treffe man immer wieder auf die Parole: England für die Engländer, Frankreich für die Franzosen. Auf dieser Konferenz sei auch die Meinung ausgesprochen worden: Palästina für die Palästinenser. Das würde bedeuten, daß die Juden der Daspora in palästinensischen Angelegenheiten nrchr!nitzureden liätten. De Palästinenser schienen eine gewisse Besorgnis davor zu haben, was sich jetzt ereignen werde. Eine neue Macht soll nach Palästina kommen, und diejenigen Freunde in Palästina, die die Arbeit bisher geleistet hätten, fürchteten sich vor dieser Macht, aber sie dürften nicht vergessen, daß New York, London. Paris und Warschau ein Hinterland für Palästina bildeten. Aus diesen Zentralen werde die Arbeit kommen. Zwischen Palästina und der Daspora dürfe keine Schranke aufgerichtet werden, Furcht entstehe gewöhnlich aus Schwäche, und die Furcht der Palästinenser und anderer Leute entspringe aus ihrer Unfähigkeit, sich vorzustellen, daß ihre alten Methoden vollständig um gewandelt werden müßten. Wenn vor 10 Jahren ein Jude hundert oder sogar tausend Dinam Land gekauft hätte, so hätten sie darin die Erlösung des Landes erblickt. Jetzt genüge es nicht, Land in diesem Maß stab zu kaufen. Man müsse über die Methoden nachdenken, durch die man mnerhalb eines mäßigen Zeitraumes das Land wirklich in jüdischen Besitz nehmen könne. In seinen politischen Forderungen, sagte Dr. Weizmann, sei er mäßig gewesen, weil er es für politisch unmöglich halte, jetzt Maximalforderungen durchzusetzen. Späterhin könne man als Resultat vollbrachter Arbeit mehr erhalten. De Frage spitze sich folgendermaßen zu: Was kann innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre getan werden? Das sei die kritische Periode. Der Sprung von nichts zu eins sei immer schwieriger gewesen, als der von eins zu zehn. De drei wichtigsten Aufgaben für die nächste Zukunft seien die folgenden: 1. Die Kolonisationspläne müssen sidi auf Süd- Palästina konzentrieren, das verhältnismäßig noch unbewohnt ist und wo in 80°/o aller Fälle die Eigentümerschaft nicht ganz feststeht. Falls eine Untersuchungsbehörde eingesetzt wird zur Bestimmung der Eigentumsrechte in diesen Ländereien, werden die jetzigen Besitzer nicht imstande sein, ihre Ansprüche zu beweisen. Andererseits ist der Süden keine Wildnis und viele Tarnende von Kolonisten können dort mit Leichtigkeit angesiedelt werden. Es ist auch von politischer Bedeutung, daß di« jüdischen Kolonfeten nach dem Süden gehen und sich vom Süden nach dem Norden ausbreiten, weil dadurch Schwierigkeiten mit den Arabern vermieden werden. 2. Man muß sehen, alle bereits begonnenen und geplanten öffentlichen Arbeiten, besonders die Anlage der Wasserwege in die Hand m bekommen. De Bewässerungsarbeiten müssen sofort in Angriff genommen werden, denn wem das Wasser gehört, dem gehört das Land. De Haupttätigkeit bängt vom Besitz der Wasserwege ab. Es bestehen schon wertvolle von Ingenieuren ausgearbeitete Projekte. Dese Bewässerungsanlagen würden auch eine große Anzahl von Kolo nisten beschäftigen, die dadurch für andere öffentliche Arbeiten vorbereitet werden. Es sei sehr notwendig, daß der jüdische Rat schon vor jenem 2. Juni von den Wasserwegen Besitz nehme. Das sei eine Frage, die von der Konferenz hier behandelt und beantwortet werden müsse. 3. Der dritte Punkt ist die sofortige Inangriffnahme des Baues der jüdischen Universität. Das ist sowohl vom politischen wie vom ökonomischen Gesichtspunkt aus von Wichtigkeit, Der Universitätsbau wird auch für Jerusalem von großer Bedeutung sein. De palästinensischen Juden mit ihrer großen Erfaßrung können bei der Arbeit des Wiederaufbaus Palästinas wertvolle Dienste leisten, aber nur, wenn sie harmürrisch mit den Juden der Daspora Zusammenarbeiten. Audi das anierikanLsdie Judentum wird die große Rolle zu spielen haben. In Amerika denkt man groß zügiger als in England. Er sei dem Gedanken nicht abgeneigt, daß der nächste Kongreß in Amerika starrfinde, um zwischen den Juden Amerikas und denen Palästinas eine Verbindung herzustellcn. Dr Redner ging dann auf die natürliche Besdraffenheit Palästinas ein und wies darauf hin, daß man dank der starken Sonnenkraft Ln Palästina eine Menge Produkte selbst erzeugen könne und nicht zu importieren brauche, ln El Arisch, das 1903 von einer Kommission untersucht worden war, habe man damals kein Wasser finden können, während es jetzt den Engländern geglückt sei, auch dort auf Wasser zu stoßen. Alle Kräfte müssen konzentriert und vereinigt werden. Man muß dem jüdischen Volke konkrete Vorschläge unterbreiten und es auf fordern, eine jüdische National- Anleihe zu zeichnen. Das Geld wird man sicherlich erhalten können. Man muß den gegenwärtigen großen Augenblick ergreifen. Der Beginn der Erlösung sei gekommen. Nach der mit großem Beifall aufgenommenen Rede wurden einig« Resolutionen dem Kolonisations-Komitee, den» A. C. überwiesen und folgender Beschluß gefaßt. ״Es wird ein jüdischer Landfonds für die Kolonisation gegründet, welcher alle Ländereien* die sich nicht im Privatbesitz befinden, für die jüdisch-nationale Koloniviä