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Jüdische Rundschau · 1919-03-28 · Heft 23 (28.3.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 23 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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H., Berlin W. 35, KorfurstenstraSe 160, Anxelgenpreis für die sedugespdtene Nonpareillereile 75 Pf., Tenenmgssttmhü; 20 ®/q. Telephon: Amt Uhland 845 n. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassen«!»! Scheckkonto Nr. 156030. RedaktionsschlnS Sonntag a. Mittwoch nachm. 26. Ader 11 5679 \ XXIV Jahrg. Die Beschlüsse der Londoner Konferenz lieber die sechzehntägige zionistische Konferenz in London liegen — von den veröffentlichten telegraphischen Nachrichten abgesehen — ausführliehe Mitteilungen noch nicht vor. Doch ergeben die telegraphischen Berichte bereits ein Bild der Politik, welche in nächster Zeit von der Leitung der Organisation befolgt werden wird. Die Konterenz "hat eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, die sowohl für den inneren Ausbau der Zionistisehen Organisation, wie auch für ihre Politik auf der Friedenskonferenz und für das Kolonisation»- werk von hervorragender Bedeutung sind. Auch die Lage der Juden in der Diaspora ist ausführlidi behandelt worden, und 'die Beschlüsse der Londoner Konferenz tragen der neuen Gestaltung der jüdischen Diasporapolitik Rechnung-, .wie sie insbesondere in der Bildung der Nationalräte zum Ausdruck gekommen ist. Die organisatorischen Beschlüsse besagen, daß die Leitung der Organisation von nun an in London liegt. Dort befinden sich zur Zeit vom Engeren Actionskomitee, welches nach dem Tode Dr. Tschlenows aus 5 Mitgliedern bestand, die Herren So ko low, Levin und jacobson. Dr. Weizmanni ist nunmehr durch Beschluß der Konferenz in das Engere Actionskomitee kooptiert worden. Neben dem Londoner Zentralbüro soll das Koperihagener Büro als Zweigbüro bestehen bleiben. Das Große Actionskomitee wurde entsprechend den veränderten Zeitverhältnissen durch Zuwahl dreier Amerikaner, nämlich der Herren Mack, Frankfurter und de /;aas, sowie je eines Vertreters der Poale-Zion (Kaplan sky) und des Misrachi (Bublik) und schließlich durch Zuwafel zweier Palästinenser, der«»*• Namen noch nicht bekannt sind, ergänzt. Dieses erweiterte Große Actionskomitee soll eine Woche nach Pessachi m H aag zu einer Vollsitzung zusamtnentreten, und dort werden dann zum ersten Mal seit Kriegsausbruch sämtliche Teile der Zionistischen Organisation vertreten sein. Wir konstatieren mit Genugtuung, daß auf der Londoner Konferenz bei wiederholten Gelegenheiten der einmütige Wunsch zutage trat, die Ein heil der Organisation zu wahren und so schnell wie möglich allen Gliedern der Organisation, also auch den bisher an den Tagungen nicht beteiligten deutschen und deutsch-österreichischen Zionisten, die Mitarbeit zu ermöglichen. Wir haben von der zionistischen Gesinnung unserer auf der Londoner Tagung versammelten Freunde nichts anderes erwartet, und wir hoffen auf das bestimmteste, daß der Grundsatz der Einheit unserer Organisation nun, da der Krieg sich seinem Ende zuneigt, in ungetrübter Reinheit zur Geltung kommen wird. Das gilt nicht nur für die Tagungen im Haag oder anderswo, es gilt vor allem auch für die Beteiligung der deutschen und deutsch-österreichischen Zionisten am Kolonisationswerk in Palästina. Wir fordern, daß in demselben Augenblick, in dem den englischen, amerikanischen und russischen Zionisten die Einwanderung nach Palästina ermöglicht wird, auch den deutschen und österreichischen Zionisten Palästina offen steht. Wir wissen, daß es keinen einzigen Zionisten in der Welt gibt, der eine andere Auffassung hegt, und wir erwarten von der Energie unserer Freunde in London, daß sie diese Forderung durchsetzen, falls sieh jemals an irgend einer Stelle Schwierigkeiten ergeben ־»Ilten. . Von;weiteren organisatorischen Beschlüssen ist vor allem derjenige bemerkenswert, der sich auf die Einberufung des nächsten Konüresses bezieht. Der Kongreß soll am 1. Ellul an einem vom Actionskomitee zu bestimmenden Ort zusammentreten. Sollte es sich im Laufe der nächsten zwei Monate heraussteilen, daß die Einberufung des Kongresses zu diesem Zeitpunkt aus irgend welchen Gründen unmöglich ist, so soll an Stelle $Jes Kongresses die Jahreskonferenz, der sogenannte kleine Kongreß, binnen einem weiteren Monat zusammentreten, und zwar muß die Veranstaltung so getroffen werden, daß sämtliche zio- ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenilidb-redbiüdi Residierten Heimstatt« ln Palästina." Baseler Programm. nistischen Landesorganisationen Vertreter entsenden können. Die Resolutionen, welche die Politik der Leitung betreffen, enthalten ein Vertrauensvotum für die außerordentliche Tätigkeit, welche von den leitenden Persönlichkeiten während des Krieges entfaltet worden ist. Die Leitung wird darauf hingewiesen, in Zukunft die Resolutionen zur Grundlage ihrer politischen Tätigkeit zu machen, die gemäß den Vorschlägen der politischen Kornmission von der Londoner Konferenz angenommen wurden. Welchen Inhalt diese Resolutionen haben, ist bisher der Oeffentlichkeit nicht mitgeteilt worden. Man muß daraus schließen, daß an der politischen Tätigkeit der Leitung eine gewisse Kritik geübt worden ist. Zu den von der Konferenz beschlossenen politis eh en Richtlinien gehört auch die Forderung, daß das jüdische Volk in den Völkerbund aufgenommen wird, daß die Staaten, in deren Gebieten Pogrome stattgefunden haben, an die Opfer dieser Verfolgungen Entschädigungen leisten sollen, und daß die Friedenskonferenz für die östliehen Staaten die nationale Autonomie der jüdisehen Bevölkerung anerkennt. Zu diesem Zweck soll die Friedenskonferenz in die Konstitution von Rußland, Polen, der Ukraine, Litauen, Rumänien, Tschechoslovakien, Jugoslavien, Deutsch-Oesterreich, Saloniki und der Krim Bestimmungen über die Anerkennung der jüdischen Nationalität und über die Sicherstellung der nationalen Minderheitsrechte der Juden in Sprache, Schule und politischer Repräsentation aufnehmen. Die Einzelheiten dieser Forderung werden wohl durch die Konferenz der jüdischen Nationalräte, die demnächst in Paris zusammentritt, geregelt werden. Von ganz besonderem Interesse sind für uns neben den organisatorischen und politischen Be- Schlüssen der Konferenz diejenigen, welche den Beginn unserer Emigration»- und Kolonisationspolitik einleiten sollen. Von allen Seiten kam die Meinung zum Ausdruck, daß wir vor gewaltigen Möglichkeiten stehen, daß aber andererseits planmäßig und systematisch vorgegangen werden müsse, wenn das Kolonisationswerk gelingen soll. Die telegraphischen Berichte besagen, daß eine Reihe von Resolutionen dem Actionskomitee und dem Kongreß zur Entscheidung überwiesen wurden. Unter denjenigen Fragen, welche dem Kongreß vorgelegt werden sollen, dürfte sich wohl auch die der Na t ion a 1 is ie ר run g des gesamten Bod e n s befinden. Denai über diese so außerordentlich wichtige Frage ist ein endgültiger Beschluß nach den vorliegenden Meldungen nicht gefaßt worden. Wohl war man sich von allen Seiten darüber klar, daß die Boden- Spekulation und der Großgrundbesitz ausgeschaltet werden müßten, doch standen sich die Ansichten hinsichtlich der Mittel, die zu diesem Zweck angewendet weiden sollen, scharf gegenüber. Wie immer die Entscheidung über diese Frage fallen mag, sicher ist, daß die Leitung der Zionistischen Organisation von dem Wunsch erfüllt ist, eine dem Geist der sozialen Gerechtigkeit entsprechende Lösung zu finden. Der Ankauf des palästinensischem Grund und Bodens soll bei dem zu bildenden Jüdischen Rat in Palästina oder beim Jüdischen Nationalfonds konzentriert werden, damit nicht durch private Käufe die Bodenpreise in die Höhe getrieben werden und damit sich nicht private Bodenspekulation entwickelt. Ferner wurde beschlossen, einen Jüdischen Landfonds zu bilden, der alle Ländereien übernimmt, die sich nicht im privaten Eigentum befinden — also in erster Reihe die Staatsdomänen und herrenlosen׳ Ländereien — sowie andere, jetzt in arabischein Besitz befindliche Ländereien. Hierbei ist wohl vor allem an den arabischen Großgrundbesitz gedacht, der in der einen oder anderen Form fiir die Kolonisation erschlossen werden muß, wobei die Interessen der arabischen Besitzer, vor allein also der kleinen Pächter, berücksichtigt werden müssen. Alle Ländereien, die dem Jüdischen Landfonds gehören, sollen im Besitz der Gesamtheit bleiben und nicht in Privateigentum übergehen, d. h. sie sollen nur in Erbpachtform abgegeben werden. Durch diesen Beschluß hat die Londoner Konferenz zu erkennen gegeben, daß sie rundsätzlieh für die Nationalisierung des Grund und Bodens eintritt und — vorbehaltlich anderer Ent- Scheidungen, die etwa später durch den Kongreß getroffen werden könnten —nur solche Ländereien in das Privateigentum des Käufers übergehen lassen will, deren Erwerb dem Jüdischen Landfonds oder dem Jüdischen Nationalfbnds nicht möglich ist. In welcher Weise der 'Jüdische Landfonds gebildet werden soll, ist noch nicht bekannt. Daß man neben dem Nationalfonds eine neue derartige Institution schaffen will, ist unter den heutigen Verhältnissen berechtigt und notwendig. Der Jüdische Nationalfonds wird seine Mittel hoffentlieh in Zukunft erheblich vermehren, er wird immer eines unserer wichtigsten Kolonisationsinstrumente sein. Doch kann das Sammelprinzip, auf welchem er beruht, nur zu einer ailmählichäi Steigerung seiner Einnahmen und seines Vermögens führen. Wir brauchen aber jetzt einen großen Fonds, der mit großen Mitteln arbeitet und zu dessen Beschaffung wahrscheinlich andere Methoden gewählt werden müssen. In diesem Zusammenhang ist auf einen wichtigen Beschluß hjnzuweisen, den; die Konferenz bezüglich der Beteiligung anderer Organisationen gefaßt hat. , Es wurde beschlossen, daß jüdische Organisationen, die ia oder für Palästina arbeiten, oder deren Hilfe für die Entwichlung der Heimstätte besonders wichtig ist, bei der Bildung eines provisorischen Palästina-Komitees hinzugezogen werden. Desgleichen sollen solche Organisationen berücksichtigt werden, welche die Judenschaft eines Landes vertreten. Nichts kann den Aufschwung der Zionistisehen Organisation besser beleuchten, als dieser Beschluß. Der Zionismus hat dem jüdischen Volk den Weg nach Palästina geöffnet, die ZMWistisehe Organisation war es, die durch ihre unermüdliche Tätigkeit die Aufmeifeanitcelt jppedkt und die Zustimmung der Staatsmänner erwirkt hat. Diejenigen jüdischen Organisationen, die bisher abseits standen, oder sich in nur sehr geringem Umfang an dem Kolonisationswerk beteiligen, befinden sich nunmehr in einer völlig veränderten Situation. Den wenigsten von ihnen wird es zweckmäßig erscheinen, das jüdische Palästina zu ignorieren, vielmehr werden sie jetzt, vom Gang der Ereignisse gedrängt, zur vollen Mitarbeit bereit sein. Die Zionistische Organisation, die sich immer als Träger des Gesamtwillenjs des jüdischen Volte betrachtet hat, ist entschlossen, allen jüdischen Kreisen, denen es mit dem Palästinawerk ernst ist, die Möglichkeit zur Mitarbeit am Aufbau der jüdischen Heimstätte zu geben. Denn der Sinn des Zionismus ist es, das ganze jüdische Volk um das palästinensische Banner zu einen. Die Regelung der Emigration wurde gleichfalls eingehend erörtert, und es wurde der Zionistischen Organisation empfohlen, in allen Emigrationsländem Ausvv anderungsämter zu errichten. Ein zentrales Amt in London und ein weiteres Amt in einem neutralen Lande soll alle auf die Emigration bezüglichen Fragen studieren und die erforderlichen Auskünfte erteilen. Die Auswanderer sollen zwecks Vermeidung überstürzter und planloser Emigration dahin informiert werden, daß sie die Reise nach Palästina nur in Uebereinstimmung mit den sachverständigen Instanzen der Zionistischen Organisation antreten. sollen. Der Jüdische Rat in Palästina, dessen Bildung auf der Friedenskonferenz gefordert wurde, soll bestimmte Kompetenzen hinsichtlich der Regelung der Ein- Wanderung erhalten. Das sind die wichtigsten der sehr zahlreichen Beschlüsse und Resolutionen, die auf der Londoner Konferenz angenommen wurden. Die Konferenz war von dem Willen beseelt, zu den brennendsten Fragen sogleich in deutlicher Weise Stellung zu nehmen. So kam die Neuordnung der Organisation, die Stellungnahme zur nationalen Wasporapolitik sowie zur allgemeinen Politik der zionistischen Leitung Und endlich! zu den dringendsten

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