Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 22 (25.3.1919)
- Date
- 1919-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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wnimmit י|ץר i ui 10׳ tnjj JUUMUMHau IRedaktion «. Verlag■ W t י׳, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden Ißienstag u. Freitag. Abonnem. bei der Exped u d Postämtern Ifiertelji irlich Mk. 4 50 in Deutschland, im Ausland Mk. b.il) Nummer 22 Berlin, 25. Ul. 1919 Anzeleen-Verwaltiirg; Welt-Verlag G. m. b. H-, Berlin W. 35, Kurfurstenstrafie 150, Anzeigenpreis für die sedisgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20 °/0, Trlephon: Amt Uhland 845 u. K46. Postscheckkonto: Berlin Nr. 1ל39ל. für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030 RedaktionsschluB Sonntag u. Mittwoch nachm. 23 Adar II 5679 XXIV. Jahrg. 1e reu len!eit. aen 11 10J%\ inenl calisch 1 k. 1.20 I , 1.20 , 1.20 1.20 . 1.20 , 1.20 , 1.20 . 120 . 1.20 , 1.201 Volks- I •108 .־ 1 streng I jalfc nnil ■n unter |;/Pr. iNisr. t dreißig I t, seincrl mkation [ Kapitalten, die I Offerten m. b. 1J., 1 dephon-1 körpern j!3 59. ■■11 I>‘ II1IIII1III1I1I end! itr.t Die Autonomieforderung des Zionismus Die Anerkennung des obersten Leitsatzes des I Zionismus durch die auf der Friedenskonferenz!vertretenen Mächte, in Palästina für das jüdische [Volk eine öffentlich rechtlich gesicherte Heinis arte |zu erriditen, hat alle jüdischen Herzen mit tiefster Freude und Genugtuung erfüllt. Die Verwirklichung der zutiefst im jüdischen Wesen verwurzelten Sehnsucht, die Erlösung aus der Not, die unsere Väter wegen ihrer scheinbaren Unerlüllbarkeit nicht seiten in die messianische Zeit vor-!egten, wird zur Tatsache. Während es sich aber bei den Juden der west* und mitteleuropäischen Länder heute nur mehr um die Erlösung aus einer seelischen Not handelt, bedeutet es für die Juden [ im Osten die Erlösung aus einer materiellen und leiblichen Not, die jetzt bis aufs äußerste gestiegen ist. ihre Leiden haben einen Grad erreicht, wie sie in! der Geschichte noch von keinem Volke berichtet wurden. Es ist kaum möglich, sich eine Vorstellung davon zu machen, was die Juden dort zu erdulden haben. Tagtäglich treffen neue Meldungen über Mißhandlungen, Raub und Mord ein, tagtäglich dringen zu uns die Hilferufe der unglücklichen, gequälten Opfer, ohne daß es möglich wäre, direkt Abhilfe zu schaffen. Am schlimmsten wütet der Pogromschrecken im Augenb ick in der U k r a i n e. Zwar sei anerkannt, daß die bisherige Regierung Petliuras — inzwischen beherrschen ja die Bolschewisfen die Lage in der Ukraine — sich korrekter verhalten hat als etwa die polnische, doch auch sie hat nicht die nötige Energie aufbringen können, um die Gewalttaten der entfesselten Soldateska und des übrigen Gesindel5 zu verhindern, ln Polen hat die Pogrombewegung im Augenblick etwas nachgelassen, doch berichten die allerallgemeine«‘"besteht aber die ftogrontstinraung der Polen gegen die Juden fort und äußert sich in unaufhörlichen Quälereien im alltägfchen Leben. In Rumänien scheinen zwar in jüngster Zeit keine Pogrome vorgekommen zu sein, doch leben die Juden dort trotz der angeblichen Reformversuche der rumänischen Regierung in derselben Rechtlosigkeit wie vor dem Kriege. Ganz besonders schlimm ist die Lage der Juden in Beßarabien, wo sie von den Rumänen als die Urlieber der antirumänischen Stimmung■ der Eevölkerung bezeichnet werden. Es sei hier nicht des näheren auf die Ursache dieser Pogrombewegung eingegangen, es sei nur so viel festgestellt, daß die Juden durch ihre Rechtlosigkeit und ihre daraus entspringende Hilflosigkeit für die umwohnenden Massen das Objekt werden, an dem sie ihre Herrsch- und Machtgelüste auslassen können. Aber selbst wenn keine Pogrom- und Verfolgungsbewegung existierte, wäre die seelische Not der Juden im Osten immer noch größer, als die der Westjuden. Aus dem großen Vöikergewirr kristaliisieren sich allmählich deutlich die e meinen Vö!* kergruppen heraus und gehen daran, ihre jahrhundertelang unterdrückte Eigenart und Kultur zu entwickeln und zu pflegen. Was soll nun aus den Juden werden, die überall eine völkische Minderheit bilden? Sich einer Völkergruppe anschließen heißt, sich aufgeben, einen Selbstmord begehen. Die Zeit ist vorüber! da das Bekenntnis zum Staatsbürgertum eines bestimmten Staates für den Staat gleichbedeutend mit dem Bekenntnis zu der dort herrsehenden völkischen Majorität bedeutete. Zu welchen erniedrigenden Sinnlosigkeiten dies führt, beweist die auch vor kurzem in der ״Jüdischen Rundschau“ wiedergegebene Erklärung der Assimilanten von Zolna in Ungarn, die aus waschechtfcn Magyaren plötzlich zu noch waschechteren Slovaken geworden sind. Bis auf eine kaum zu rechnende Minderzahl wird die Masse der Juden im Osten nicht den Anschluß an die Kultur irgend eines anderen Volkes suchen, sondern ihre Sprache, ihre Sitten, ihre Schulen erhalten und ausbauen wollen. Die Londoner zionistische Konferenz hat sich in ihrer zweiten Sitzung ausführlich mit der Frage der nationalen Rechte der Juden beschäftigt und volle bürgerliche und politische GleichberecbtigUhg atif ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Pal&lina." Baseler Programm. allen Gebieten, sowie die perscnalc-nat'.onale Au onomie in den neu entstandenen oder reorganisierten Staaten, das heißt den Staaten des alten Oesterreich-Ungarns und Rußland-, verlangt. Während die Palästina-Forderung der Zionisten auf der Friedenskonferenz überall auf das vollste Verständnis der beteiligten Mächte stieß, ist der Boden für die Verwirklichung dieser anderen Forderung des Zionismus nicht so gut vorbereitet. Die innere Berechtigung der Errichtung einer nationalen Heim- Stätte in Palästina und das natürliche Interesse, das die Mächte an ihr haben, ist so stark, daß die Verwirklichung dieser Forderung durch die Kraft der Idee gesidiert ist. Zwar ist es allen Mächten ן klar, daß man auch für die unglücklichen Juden des Ostens etwas tun müsse, nur ist der Kornplex der mit diesem Problem verbundenen Fragen so umfangreich, und durch die Hineinbeziehung der Schicksale so vieler gänzlich verschiedener Völker so schwierig, daß die Lösung n'cht allen gänzlich klar erscheint Viele Pressestimmen, besonders aus den Ententeländern, beweisen, daß man dort der Ansicht ist, daß die Lösung des Palästina-Prob’eir.s auch die Lösung der Judenfrage schlechthin ist. Man vergißt, daß zunächst ein nur verhältnismäßig geringer Teil der 15 Millionen Juden die Möglichkeit hat, nach Erez Israel überzusiedein, daß besonders in den Ländern des Ostens für lange Zeit noch die Juden in Massen weiterleben werden. Diese Stirnmung wird verstärkt durch die bedauerliche Haltung englisch-französischer Assimilanten — man! denke au Lucien Wolffs von uns schon erwähntes Memorandum. Ohne in irgend einer Weise mit den Vertretern der Juden des Ostens Fühlung zu ' an, Ort .und denskonferenz Forderungen, die in keiner Weise dazu geeignet sind, das Leben der Juden im Osten erträglich zu machen. Aus dieser Handlungsweise der Assimilanten spricht eine Oesinnung, die nicht scharf genug gebrandmarkt werden kann. Nur um ihre kleinen, privaten, egoistischen Interessen in ihren Wohnländern zu wahren, nur um ja nicht in den Verdacht zu geraten, sie seien Mitglieder des jüdisch.« Volkes, leugnen sie d;e Existenz des ganzen Volkes selbst und tragen dadurch dazu bei, daß die Leiden ihrer Brüder im Osten, für die sie angeblieh eintreten, kein Ende finden. Die Entente hat nach allen Ländern des Ostens Kommissionen geschickt, die sich an Ort und Stelle davon überzeugen können, daß die Lage der Juden eine verzweifelte ist. Sie wird durch die Mitglieder dieser Kommission erfahren, daß es unbedingt notwendig ist, die Konstituierung dieser Staaten auf der Friedenskonferenz von der Leistung von Gat• rantien abhängig zu machen, die den Juden alle ihnen zukommenden Rechte zusichern. Diese Rechte können, dies sei hier noch einmal mit ausdrück• lieber Entschiedenheit betont, nur in der Gewalt► rung der nationalen Autonomie für die Juden bestehen. Eine Bestätigung der Richtigkeit unserer Anschauung liefert uns die Liga der einheimischen Juden in Rumänien, eine ausgesprochen nichtziomstische Organisation, die jetzt die Lösung der rumänischen Judenfrage nur in der Erteilung der nationalen Autonomie erblickt. Solange nicht durch die reinliche Scheidung der verschiedenen Völker innerhalb eines Staatengebildes eine Klärung ihres Verhältnisses untereinander erfolgt ist, wird der in der Minorität befind* liehe Volksteil stets Uebergriffe seitens den Majori* tat ausgesetzt sein. Nicht ein Staat im Staate soll errichtet werden, sondern die zu bestimmten Völkern gehörigen Bürger sollen das Recht haben, sö zu leben, wie es ihrer Ueberlieferung, ihrer Art und ihren Wünschen gemäß ist. Dann werden auch die umwohnenden Völker begreifen, daß die Juden nicht halt- und wurzellose Individuen sind, die von dem Geiste und der Kultur anderer Völker leben, sondern daß sie selbst ein Volk mit einer starken und ausgeprägten Eigenart und Kultur darstellen, die dem Stolz und der Eigenart der anderen den Stolz auf ihre eigene Eigenart entgegensetzen. Wenn dies in das Bewußtsein der Völker gedrungen sein wird, werden auch die Leiden der Juden ein Ende haben. Dazu ist es aber unumgänglich not* wendig, daß die heute maßgebenden Mächte diese zweite Forderung des Zionismus anerkennen und ihr zur Verwirklichung verhelfen. Die Entente muß begreifen, daß es im Osten nicht eher einen wirkliehen Frieden geben, daß das wirtschaftliche Leben nicht eher wieder aufblühen kann, ehe nicht allen Völkerschaften ihr Recht auf freie Entwicklung ihres Wesens und ihrer Eigenart gewährt wird. Aus dem Wirrsal der Völkerschaften Osteuropas läßt sich kein anderer Ausweg finden, als daß man den einzelnen Völkern das Recht auf freie Selbstbestimmung innerhalb ihrer wirtschaftlichen Staatengebilde gibt. Die Juden aber bilden in allen Ländern die Minoritäten, und deshalb muß ihnen nicht nur auch dies Recht auf freie Entvvicklung zugestanden werden, sondern es muß auch die Garantie dafür gegeben werden, daß diese ihre Rechte mit allem Nachdruck geschützt werden. Es wird eine Aufgabe für den Völkerbund sein, diesen Schutz, der jüdischen Minderheiten im Osten zu übernehmen. F. S. Die Pogrombewegnng Neue Pogromwelle in Polen Wie uns in letzter Stunde gemeldet wird, famden in Kaiisch und den umliegenden Städten Busk, Wielun und vielen anderen Orten furchtbare Ausschreitungen gegen Juden statt, wobei es eine große Anzahl Verwundeter gab. Geschäfte und Häuser wurden ausgeraubt und zerstört. Selbstverständlich dachten die Volksmiliz und das Militär garnicht daran, dem Pogromgesinde] entgegenzutreten, im Gegenteil, sie unterstützen ln vielen Fällen die Pogromhelden durch äußerst tätige schau־‘ folgen lassen. Appell Grusenbergs an die englische Regierung wegen der ukrainischen Pogrome Wie das ״S t o c k 11 <01 m e r P r e s & e b ü r o“ meldet, hat der bekannte jüdische Führer R.-A, Orusenberg durch Vermittlung des britischen Attachees in Odessa einen Appell an die britische Regierung gerichtet, daß sie für die sofortige Einstellung der Judenpogrome in der Ukraine Sorge tragen möge. Grusenberg berichtete, daß die Judenpogrome in der Ukraine einen ungeheuren Charakter angenommen hätten, daß in Berditschew, Ow rutsch, Ostrog, Elisabethgrad, Balta, Prokurow und Dutzenden anderer Städte viele Juden er mordet, Frauen vergewaltigt, Kinder verschleppt worden seien. Die Pogromwelle habe sich auch über die Kolonien ergossen und viele jüdische Bauern seien ermordet wor den. Sofortige Hilfe sei notwendig. Große Judenpogrome in Südamerika Wir haben bereits in Nr. 19 der ״Jüdischen Rund schau“ über die Ausschreitungen berichtet, die in der Furcht vor angeblichem Bolschewismus in Buenos Aires gegen die Juden veranstaltet worden sind. Wir erfahren dazu folgende nähere Einzelheiten: Es haben in mehreren Provinzen Argentiniens Juden pogrome stattgefunden. Auch in Montevideo (Chile) fand eine Judenhetze statt, indem man die Juden des Bolschewismus beschuldigte und sie für den GeneraJstreik in Buenos Aires verantwortlich machte. Der Pogrom dauerte drei Tage. Nähere Ziffern sind noch nicht bekannt. Eine jüdische Delegation suchte den Präsidenten der Republik auf, und der Ober rabbiner hielt eine Ansprache und sagte: ״Während der jüngsten Unruhen waren Juden das Opfer unge rechter Grausamkeiten und unverzeihlicher Verfolgtengen. Unter dem Verdacht, daß sich einige Russen unter den Agitatoren befändet(, wurde die ganze jüdische Bevölkerung ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes mißhandelt. Die jüdische Bevölkerung ist jeden Augenblick unter beliebigen Vorwänden neuen Angriffen und Repressalien ausgesetzt. Die Delegation verlangte die Bestrafung der Schuldigen, sowie Spezialmaßnahmen für den Schutz der Juden in denjenigen Provinzen, wo Judenverfolgungen stattgefunden haben.“ Der Präsident sagte die Erfüllung dieser Forderangen zu. De Juden richteten auch eine ausführliche Denkschrift an das Parlament, wo der Sozialist Bravo aufs Schärfste gegen die Exzesse Protest eWegte.