Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 15 (25.2.1919)
- Date
- 1919-02-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Anzeigenpreis für die sedisgeapaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teaerangsznschlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 u. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030 Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm. 25. Adar 1 5679 | XXIV Jahrg. Dar Zloalamas erstrebt für das jüdische Volk die lehaffnag einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm“ Lord Balfour über den Zionismus Balfours Vorrede zu Sokolows Geschichte des Zionismus Der englische Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Lord Balfour, hat zu der in diesen Tagen erscheinenden ״Geschichte des Zionismus“ von Nahum So ko low eine Vorrede geschrieben, die folgendermaßen lautet: ״Ob es nützlich für jemanden ist, der nicht selbst durch Abstammung oder Religion Jude ist, auch nur ein Wort als Einführung in ein Buch über Zionismus zu sagen, ist meiner Meinung nach zweifelhaft. Aber mein Freund, Herr Sokolow, sagte rnir, daß ich ihm vor einiger Zeit Anlaß zu der Erwartung gegeben habe, daß ich ihm zur gegebenen Zeit diesen kleinen Dienst erweisen würde, und wenn er Wert darauf legi, dürfen mich meine persönlichen Zweifel hinsichtlich der Bedeutung einer solchen Vorrede nicht hindern. Das einzige, was mich dazu befähigt, ist, daß ich mich jederzeit für die jüdische Frage inteessiert habe, und daß ich in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts, als der Antisemitismus in Osteuropa akut war, mein bestes tat, um einen Plan des Herrn ChamBerlain, der damals Sekretär im Kolnialamt war, für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Ostafrika unter der britisehen Flagge zu unterstützen. Damals hoffte man, daß Juden, die vor Verfolgungen fliehen, eine Oemeinschaft gründen würden, wo sie entsprechend ihrer eigenen religiösen Entwicklung, in traditio- »eher Weise (wie wir damals glaubten),!ohne Hemmungen von außen und frei von jeder Furcht vor Gewalttaten friedlich existieren könnten. Dieser Plan war sicherlich wohl gemeint, und hatte, wie mir scheinen will, viele Vorzüge. Aber er hatte einen ernsthaften Mangel. Er war nicht Zionismus. Er versuchte, ein Heim für Mensehen jüdischer Religion und jüdischer Abstammung zu finden in einem Gebiet, das weit entfernt liegt von dem Lande, in dem dieses Volk erstanden und diese Religion in die Erscheinung getreten ist. Unterredungen, die ich mit Dr. Weizmann im Januar 1916 hatte, überzeugten mich, daß die Weltgeschichte nicht in solcher Weise ignoriert weroen könne und daß, wenn man für das nun seit fast neunzehn Jahrhunderten heimatlose jüdische Volk eine Heimstätte finden wolle, es vergebens sei, sie an irgend einer anderen Stelle als in P a 1 a - s t i n a zu suchen. Aber weshalb, konnte man fragen, muß man!m Falle der Juden das Heimatsgefühl stärker in Betracht ziehen als etwa in dem der Christen oder Buddhisten? Alle historischen Religionen erwecken Gefühle, die um jene Stätten kreisen, die durch die Worte und Taten, das Leben und den Tod derer, von denen sie geschaffen wurden, zu Gedenkstätten wurden. Zweifellos müssen diese Gefühle immer mit Achtung behandelt werden, aber niemand denkt daran, daß die Gebiete, in denen diese ehrwürdigen Stätten liegen, systematisch und mit voller Sorgfall und Planmäßigkeit von den geistigen Nachkommen jener, die sie urspriinglich berühmt machten, kolonisiert werden sollen. Wenn die Jahrhunderte keinen Wechsel der Besitzer oder Bewohner mit sich gebracht haben, so sind wir dessen wohl zufrieden. Aber wenn es anders ist, so bemühen wir uns nicht, den Lauf der Geschichte aufzuhalten. Niemand wird fordern, daß wir buddhistische Kolonien in Indien, der alten Heimat des Buddhismus anlegen oder zu Gunsten des' Christentums die abenteuerlichen Kreuzzüge unserer mittelalterlichen Vorfahren erneuern sollen. Wenn das aber für Buddhismus und Christentum gilt, warum, könnte man fragen, gilt es nicht auch im Falle des Judentums und der Juden? Die Antwort hierauf lautet, weil die Fälle verschieden liegen: Die Stellung der Juden ist einzig in ihrer Art. Für sie stehen1 Abstammung, Religion und Land in einer solchen inneren Beziehung, wie Empfang der palästinensischen Delegierten bei Balfour. Wie uns telegraphisch m נ!geteilt wird, empfing der englische Minister des Auswärtigen Lord Balfour am 19. Februar die jüdischen Delegierten aus Palästina, welche auf dem Wege zur Londoner Zionistenkonferenz gegenwärtig in Paris weilen. Die Delegation wurde Lord Balfour durch Herrn Sokolow vorgestellt. Im Namen der Delegation sprach Herr Jellin seine Dankbarkeit für Englands Haltung in der Palästinafrage aas. Balfour sagte in seiner Erwiderung, daß die Wiederherstellung einer jüdischen Heimstätte, wie jeder große Plan, eine schwere Aufgabe sei, daß aber alle Schwierigkeiten durch die Energie der jüdischen Arbeit und durch die Unterstüzung Englands, Amerikas und anderer Länder beseitigt werden würden. sie bei keinem anderen Volke, keiner anderen Religion und keinem anderen Land« der Erde besteht, in keinem anderen Falle finden sich die Bekenner einer der größten Religionen, welche (allgemein gesprochen) die Welt aufweist, nur unter den Angehörigen eines einzigen kleinen Volk«. Bei keiner anderen Religion ist die ehemalige Entwicklung so innig verknüpft mit der langen politischen Geschichte eines winzigen Gebietes inmitten von Staaten, die bei weitem mächtiger sind als dies Gebiet selbst je sein könnte. Die Ziele und Hoffnungen keiner anderen Religion, die sich in Sprache und Vorstellungskreis aussprechen, sind in ihrer Deutung so abhängig von der Ueberzeugung, daß nur aus diesem einen Lande, und! durch diese eine GesChiehte, nur durch dieses eine Volk sich die Lehre über die ganze Welt verbreiten wird. Durch ein merkwürdiges und unglückseliges Geschick ist gerade dieses Volk unter allen Völkern, obwohl von seinem Lande getrennt worden, wandert durch alle Länder und ist nirgendwo imstande gewesen, sich selbst ein organisiertes soziales Gemeinwesen zu schaffen. Nur der Zionismus — so glauben wenigstens die Zionisten — kann dieses tragische Schidcsal erleichtern. Sicherlich gibt es Schwierigkeiten, sicherlich auch Einwände, große Schwierigkeiten und bercehtigte Einwände, und ich glaube fast, daß sich diese unter den Juden selbst am meisten fühlbar machen. Und doch kann niemand daran zweifeln, daß falls, wie ich glaube, der Zionismus zu einer wirksamen Entwicklung gelangt, der Nutzen, den eü dem jüdisehen Volke bringen würde, und zwar jenen Teilen desselben, der unser größte Mitleid verdient, groß und dauernd wäre. Nicht nur würden große Teile des Volkes eine Zuflucht vor religiöser und sozialer Verfolgung finden, sie würden auch gemeinsame Verantwortung tragen und sich gemeinsamer Lebensmöglichkeiten erfreuen, die sic den Umständen nach als Bürger eines nichtjüdischen Staates niemals besitzen können. Ihre Kritiker werfen ihnen vor, daß sie jetzt ihre großen Gaben benutzen, um zu persönlichen Zwecken eine Zivilisation auszubeuten, die sic nicht geschaffen haben und zwar in Gemeinschaften, zu deren Erhaltung sie wenig tun. Die Beschuldigung in dieser Form ist offenbar unwahr. . Aber es ist sicherlich war, daß in weiten Teilen Europas ihre Anhänglichkeit an den Staat, in dem sie leben (um es milde auszudrücken) schwach ist, verglichen mit der Anhänglichkeit, die sie für ihre Religion und Rassengemeinschaft haben. Wie könnte es auch anders sein? In keinem der Gebiete, von denen ich spreche, hat man ihnen gleiche Bürgerrechte gen ährt. Ja in einigen haben sie überhaupt das Bürgerrecht nicht erhalten. Das unvermeidliche Resultat hiervon sind große Leiden, aber nicht allein Leiden, sondern noch ande re Uebel, die das ursprüngliche Unrecht noch vergrößern. Fortwährende Unterdrückung, mit gelegentlichen Ausbrüchen wilder Verfolgungen, müssen entweder ihre Opfer vernichten oder in ihnen Eigenschaften zur Selbstbewahrung ausbilden, die sich niCht immer in erfreulicher \X$eisa äußern. Die Juden sind niemals vernichtet worden. ,Weder Grausamkeit noch Verachtung, weder Ungleichheit vor dem Gesetz noch gesetzliche Unterdrückung haben jemals ihre Eigenart zerstört oder ihre unüberwindlichen Hoffnungen erschüttert. Das aber ist wahr, daß dort, wo sie gezwungen waren, in ihrer Umgebung zu leben, als ob sie deren Feinde wären, sie oft in den Ruf gerieten, und manchmal mit Recht, unerwünschte Bürger zu sein. Audi das ist nicht erstaunlich. Wenn viele Menschen gezwungen werden, Geldleiher zu sein, so werden sicherlich einige von ihnen Wucherer werden. Wenn man einen großen Teil der Gemeinschaft als Ausgestoßene behandelt, so werden sie schwerlieh leuchtende Patrioten werden. So arbeitet Intoleranz blindlings, um ihre Verfehlungen zu rechtfertigen. Es ist klar, daß aus diesen und anderen Gründen der Zionismus das Los eines beträchtlichen Teiles des jüdischen Volkes lindern und seinen Zustand verbessern wird. Die, welche nach Palästina gehen, werden nicht denen gleichen, die jetzt nach London oder New York auswandern. Sie werden nicht lediglich von dem Wunsche getrieben *־iefnj’ in' einer ׳gütiltigereS"'*'Ui1^tt^'?'':iii Leben fortzuführen, das sie vorher in Osteuropa führen. Sie werden gehen, um sich einer Gemein- Schaft einzufügen, die völlig mit ihren historischen und religiösen Gefühlen in Einklang steht, einer Gemeinschaft, die mit dem Lande, das sie bewohnen, durch etwas noch tieferes als Gewöhnheit verbunden ist; einer Gemeinschaft, deren Mitglieder nicht unter einer zwiespältigen Anhänglichkeit leiden werden, noch auch unter der Versuchung, die Gesetze zu hassen, unter denen sie zu leben gezwungen sind. Der materielle Nutzen sollte für sie groß sein, aber sicherlich wird ׳der geistige Nutzen noch größer sein. Aber, wird man sagen, dies sind nicht die einzigen Juden, an deren Wohl wir zu denken haben. Zugegeben, und sei es auch nur um der Logik willen, daß der Zionismus ihnen Nutzen bietet; wird er nicht anderen, die, obwohl Juden der Abstammung und oft der Religion nach, ganz mit dem Leben des Landes, in dem sie ■heimisch geworden sind, verschmelzen möchten, Unrecht zufügen? Unter ihnen finden sich einige der bcgabtesten Mitglieder eines begabten Volkes. Ihre Reihen enthalten (wenigstens meiner Meinung nach) mehr als den ihnen gebührenden Anteil an der Versorgung der Welt mit hervorragenden Männern auf dem Gebiet der Wissenschaft und Philosophie, Literatur und Kunst, Medizin, Politik und Rechtskünde, (von Finanz und Geschäft ganz zu schweigen). Nun besteht kein Zweifel, daß viele Angehörige dieser Klasse mit einem gewissen Grad von Mißtrauen und selbst Abneigung auf die zionistische Bewegung blicken. Sie fürchten, daß er ihre Stellung in ihrem Adoptivvaterlande ungünstig becinflußen wird. Die große Majorität von ihnen hat keinerlei Wünsche, sich in Palästina anzusiedeln. Selbst für den Fall, daß dort eine zionistische Gemeinschaft errichtet würde, würden sie derselben nicht beitreten. Aber sie scheinen zu glauben, (wenn ich sie recht verstehe), daß, sobald eine solche Gemeinschaft erstände, unfreundliche Kritiker sagen würden, daß Menschen jüdischen Blutes und noch mehr Menschen jüdischer Religion an andere Orte nicht hingehören. Wenn ihre alte Heimstätte ihnen wiedergegeben ist, so würde man von ihnen erwarten, daß sie in ihr wohnen.