Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 11 (11.2.1919)
- Date
- 1919-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jude ge ־־ ־'. Dit| leiterkeij erklärt! Kongrel im j“ ■ rar, aber mit] sich verneine eierte j. ״g, scharfe äe. Herr es Her skrhtHc bruar, gl Februar] Redaktion u. Verlag־ W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint Jeden IOienstag u. Freitag. Abonnem. bei der Exped. u d. Postämtern vierteljährlich Mk. 4 50 in Deutschland, im Ausland Mk. 6,50 Nummer n j Berlin, 11. 11. 1919 Anx eigen-Verwaltung: Welt-Verlag G. m. b. H., Berlin W. 35, Kurfureteostra&e 150, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nenpareillezeile 75 Pf., Teueningszaschlag 20 0/q. ■* ehlieElio■ /orstand 19 die Herl eiehnetef then wil| 9 inde odtl betrant«! fand de! *reise tinl n werde! . n». b. 1 tmö e tti itit SU. 8 Paris und Bern Es ist in diesen Tagen oft gesagt worden, |da> Schicksal des jüdischen Volkes werde jetzt in Paris entschieden. Wirklich erst jetzt? Hatte nicht vielmehr das jüdische Volk längst be» (gönnen, sein Schicksal selbst zu gestalten, ehe man an die Pariser Konferenz dachte? Waren seine Wege nicht in dem Augenblick klar vorgezeichnet, als in Basel im Jahre 1897 das wiedererwachte Volksbewußtsein der Juden, seinen ersten politisehen Ausdruck fand? Diese Entscheidung liegt nun schon eine Spanne Zeit zurück, und schon*ist viel von der Not und der Quai des Oaluth versch wunden. Diese Idee des Volk-Seins, der Zugehörigkeit zur jüdischen Nation, hat in allerkürzester Zeit den überwiegenden Teil aller Juden mit neuem Leben durchglühen können, weil sie für ihn nichts weiter als die erlösende Offenbarung seiner zwei Jahrtausende alten Sehnsucht war. Schon ist ein gut Teil der Resignation, Müdigkeit und Skepsis, die das jüdische Volk in der Diaspora ergriffen und seine Produktivität gehemmt hatte, von ihm abgefallen, ein junges, neues Geschlecht ist entstanden, das entschlossen ist, die mühe- und opfervolle Arbeit der Umpflanzung aus einem 20 jahrhundertelangen Zustande der Heimatlosigkeit in die fast vergessene Sphäre der Erdbezogenheit auf sich zu nehmen. Die Idee des Nationalismus hat das jüdische Volk nicht, wie eine der jetzt modernen Massenpsychosen, die mit dem Nachlassen der politischen Spannung wieder vergehen, befallen, sondern sie ist in ihm wiedererwacht, wurde zur Tat, als das jüdische Volk durch die Berührung mit der europäisehen Zivilisation auch zu ihrer politischen Einsteilung gelangte, und diese der jüdisch-nationalen Idee die richtige Atmosphäre für ihre Entwicklung bot. Nie vtM d*4' NationalhewuÄtsein der Juden tot oder überwunden, aber inmitten einer nach gänzlich verschiedenen Grundsätzen gruppierten Menschheit war es zur Passivität verurteilt und mußte seiner Zeit harren, um sichtbar werden und dem Volke die Erfüllung seines Galuthschicksals in der klarsten und möglichsten Form darstellen zu können. Manchem mag es nicht ein Zufall erscheinen, daß das nationale Wiedererwachen des Volkes, aus dem die Propheten hervorgegangen, zeitlich mit der Forderung der gesamten Menschheit nach einem Bunde aller Völker zusammenfällt. Aus dieser merkwürdigen Koinzidenz der Erscheinungen geht jedenfalls deutlich hervor, daß es nicht die politisehen Verhältnisse altein gewiesen sind, die das jüdische Volk im internationalen Sinne politisiert haben, sondern, daß es die gesetzmäßige Notwendigkeit seiner innerem Entwicklung gewesen ist, die ihm die Fähigkeit geliehen hat, heute im Rate der Völker Sitz und Stimme zu haben. Selbst in dem äußerst unwahrscheinlichen Fall, daß das jüdische Volk auf deh Pariser Konferenz nicht all seine gerechten Ansnrüche durchzusetzen vermöchte, bliebe die schicksalbildende Kraft des jüdischen Volkes, seine nationale Energie, sein natürlicher Wille zum Volk-Sein davon unberührt. Die Verwirklichung der Pläne wäre verzögert, die Schwierigkeiten verdoppelt, die entscheidende Idee des Nationalbewußtseins bliebe lebendig;. Aber nach dem bisherigen Verlauf der Dinge ist es, wie an dieser Stelle bereits ausführlich dargelegt, fast unzweifelhaft, daß die Pariser Konferenz gemäß der britischen Regierungserklärung vom 2. November 1917 und den allgemeinen Wilson’sehen Grundsätzen, Palästina dem jüdischen Volk als sein Land zuerkennen wird. Es ist aber auch hier nicht verschwiegen worden, daß die Arbeit der jüdischen Vertreter sich nicht reibungslos vollzieht, da auf der Friedenskonferenz auch *noch eine ,kleine Gruppe von Staatsmännern der alten politischen Riehtung, der traditionellen Diplomatie vertreten ist, die sid! in Begriffe wie ״Volk״, und ״Selbstbestimmungsrecht“ nicht so schnell hineinfinden können, denen nicht volksgemeinschaftlkhe und kulturelie, sondern strategische und imperialistische Gesichtsp׳unfcte für die Einteilung der Länder einzig und allem maßgebend sind.. Das GaHläa zu Palästina gehört und politische Geheimverträge aus dem Jahre 1916 in ein politisches Museum müssen, wird ״Der Zionismus erstrebt für da« jfidbdie Volk die Schaffung einer Sffenttidi-rediÜidi geilcherlcn Heimii<e in PaUUiina." Baseler Programm. aber vermutlich auch die Meinung des übe!wiegenden Teiles der Pariser Konferenz sein. Während man so in Paris vorwiegend über die zukünftige äußere Gestaltung der Länder und Völker der ganzen Erde verhandelt und! alle Herzen, die großen ״entscheidenden Ergebnisse und Sprüche von der Lichtstadt an der Seine erwarten, sind zu einer anderen Konferenz in Bern Mensehen zusammengekommen, die nicht durch Verträge und Dekrete die Daseinsformen d!er Völker bestimmen, sondern durch die Umgestaltung ihres Wesens, durch, die Veränderung der Beziehungen der Menschen untereinander auch die Beziehungen der Völker untereinander regulieren wollen, ln Paris: die zweckmäßige Ordnung gegebener Umstände, beeinflußt von den ganz bestimmten ethisehen Grundsätzen Wilsons, in Bern: die Formung dieser Umstände durch die ungeheuere Kraft einer zentralen Idee. Man mag sich zum Sozialismus stellen, wie man will, die Berner Konferenz hat vor der Pariser voraus, daß die Verhandlungen durch die allgemeine, geistige Geistesgerichtetheit aller Teilnehmer erleichtert werden, und daß durch das Fehlen einer unmittelbaren Realisierung der Beschlösse die einzelnen Probleme reiner, und durch keine Rücksicht auf gegebene Verhältnisse getrübt behandelt werden, und *so im Fall einer etwaigen späteren Anwendung als von Realitäten unabhängige, allgemein gültige Grundsätze gelten können. In Bern.wird sich wohl auch nicht eine Minderheit auf Geheim vertrage berufen, und man wird die Grenzen eines *Landes einzig und allein nach der kulturellen und volklichen Selbstbestimmung der Nationen ziehen. Daß die internationale Soziaidemokratie die Forderungen des jüdischen Volkes bereits im Jahre 1917 in Stockholm als berechtigt anerkannt hat, und daß die sozialistischen Parteien und Führer aller Länder.sich dem angeschlossen haben, ist bekannt. Durch die Einladung an die jüdischen Arbeiterparteien, zur Berner Konferenz Delegierte zu entsenden, hat sie aufs neue bewiesen, daß sie das jüdische Volk als völlig gleichberechtigt anerkennt. Die Internationale hat aber auch allen Grund hierzu, denn treuere, überzeugtere, opferfreudigere Anhänger, die mit der ganzen heißen Leidenschaft ihrer jüdischen Seele ihrer Idee leben, wird sie in den Reihen der anderen Völker nicht finden. Sie wird es nicht vergessen, daß es in der Kriegszeit grade ihre aus dem jüdischen Volk hervorgegangenen Führer gewesen sind, die mit unermüdlicher Kraft und ohne Furcht für ihre Person an der Versöhnung der Völker, an der Wiederherstellung der Internationale, an der Beseitigung aller ungerechten Systeme und am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft und Wirtschafts- Ordnung gearbeitet haben. In der Völkerbundsitzung des 5. Februar hat der Poale-Zionist Berl Locker in Bern eingehend die Forderungen des jüdischen Volkes begründet. Er hat die Ansprüche auf Palästina vorgelegt, der Konferenz auseinandergesetzt, vvarum das jüdische Volk in den Ländern Osteuropas die nationale Autonomie haben müsse, und einen Gerichtshof für nationale Angelegenheiten gefordert. Ein anderer Poale-Zionist K oh ת aus Prag hat dann später einen gemeinsamen Antrag der ״Poale-Zion“ und Armenier auf Schaffung eines Nationalitäten-Gerichtshofes eingebracht. Daß diese Forderungen von jüdischen Sozialisten vor dem Forum der internationalen Sozialdemokratie erhoben worden sind, ist von äußerster Wichtigkeit. Wie auch die politische und wirtschaftliche Ent- Wicklung sich gestalten mag. die Sozialdemokratie wird eine eminent bedeutende Rolle im Leben der Völker spielen, und es ist deshalb eine unabweisliche Notwendigkeit, daß die Vertreter des jüdischen Volkes auch in diesem Völkerparlament Sitz und Stimme haben und mit den Sozialisten der anderen Nationen Fühling gewinnen. Besonders gilt dies für die l auder Osteuropas. Grade die unterste soziale Schicht des Volkes ist es, die am meisten unter den Brutal«- täten der Polen, Rumänen und anderer zu leiden hat, gerade sie bedarf am meisten der Einigkeit mit der gleichen Klasse der anderen Nationen, sie Telephon: Amt Uhland 845 u. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenapt Scheckkonto Nr. 156030 RedaktionsschluB Sonntag־ u. Mittwoch nadiin. 11. Adar i 5976 | XXIV. Jahrg. kann es aber auch wiederum sein, die zur Herste!- hing freundschaftlicher Beziehungen aller Teile der Völker dienen kann. Noch ist freilich angesichts der nidit enden wob lenden Progrome von keiner Annäherung des jüdlsehen Volkes mit den andern Nationen etwas zu «haken. Hat doch sogar die polnische Sozialdemokratie ganz offen die Progromhelden verteidigt und der Krakauer Arbeiterrat für den Lemberger Progrom eine Entschuldigung gefunden. Man kann sich überhaupt kaum vorstellen, mit welch sinnlosem Haß und mit einer wie blinden nationalen leidenschalt selbst die Sozialisten in Polen nach Abzug der deutschen Truppen das jüdische Volk unaufhörlich verfolgen und peinigen, ihm seine Lebensbedingungen zu rauben und es völlig׳ zu Boden zu drücken versuchen. Hier bleibt den jüdischen Delegierten auf der Berner Konferenz viel zu tun, und sie werden unter Umständen von der Konferenz verlangen müssen, daß sie einige der ״Genossen“ aus den Ländern des Ostens über die Begriffe ״Sozialismus“ und ״Gerechtigkeit“ aufklärt. Grade in der polnischen Frage sind auch für die Pariser jüdischen Delegierten die Schwierigkei־ ten sehr groß. Der Vertreter der Polen in Paris, Herr D m o w s k i, ein bekannter Antisemit, betreibt mittels seines Nachrichtenbüros eine so geschickte Agitation, daß es für die Friedenskonferenz nicht ganz leicht ist, sich ein wahres Bild über die Zustände in Polen zu machen, doch läßt sich auch hier aus der allgemeinen Stimmung der Konferenz erkennen, daß sie alles tun wird um die völlige Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern, vor allem in Polen und Rumänien durchzusetzen und zu garantieren. Paris und Bern! Für die Gestaltung der Existenzform des jüdischen Volkes, für die Erringung eines jüdischen Palästina ist Paris entscheidend, gemäß den Beschlüssen der Pariser Konferenz wird das^jüdische Volk sein Leben, seine Ein- Stellung zu den anderen Völkern regulieren) müssen. Die Berner Beschlüsse werden kein Volk binden, aber ihnen wohnt eine Idee inne — jüdischein Gerechtigkeitswillen innerlich verwandt —, die im Leben der Völker, und1 nicht zuletzt in dem des jüdischen, eine bedeutsame Rolle spielen wird. Aus beiden Konferenzen wird das Material gewonnen werden, rrfit dem man das gesamte Leben des jüdischen Volkes in Palästina und in den Ländern der Diaspora aufbauen wird. F. S. Die judenfrage auf der Sozialistenkonferenz in Bern Aus Bern erhalten wir folgenden telegraphischen Bericht: Am Mittwoch, den 5. Februar, sprach Berl Locker, der Führer der Poale-Zion, unter großer Aufmerksamkeit des gesamten Kongresses bei• der Völkerbund- Debatte für einen Gerichtshof, der nationale Angelegenheiter! behandeln soll und begründete dann weiterhin die jüdischen Forderungen. Rudolph Koh n aus Prag, ebenfalls ein Delegierter derPoale-Zion, verlas dann einige Tage darauf den gemeinsamen Antrag der Poale-Zion und der Armenier auf Schaffung eines Nationalitätengerichtshofs. Der Kongreß nahm im Rahmen seiner Völkerbundresolution den Antrag Huysmans an, wonach der Völkerbund den nationalen Minderheiten ein Mini* raum von Rechten garantieren müsse, wobei ausdrücklieh der Antrag der Poale-Zion ab Kommentar bezeichnet wurde und im Protokoll mit zu veröffeutliehen ist. Die jüdischen Palästinaforderungen werden von Locker in einer spateren Sitzung behandelt werden. Locker ist Mitglied der vom Kongreß eingesetzten Nationalitätenkornmission, in welcher er sehr lebhaft mitgearbeitet hat. Die Wahlergebnisse in Polen Die ,,Wiener Morgenzcitung" berichtet: , Nach zuverlässigen Meldungen Sind gewählt: Krakau: Dr. Osias Thon (Zionist); Warschau: Advokat Isaak ü r ü 11 b a u m (Zionist), Advokat Noach P r i 1 u t z k i (Volkspartei), Sam. Hirschhorn (Volkspartei); Lodz: Dr. U. Rosenblatt (Zionist), M■ A. Haipe r n (Orthodox); Choim: Dr. Max R 0 s e n f e 1 d fPoale-Zion) mit 8123 Stimmen; Sosnovviee: Dr, Wein zieher (Kandidat des Jüdischen Nationalrates); Lublin: Rabbiner Perlmutter (Orth< dox); Tarno.v: Dr. Jizchak Schipper (Poale-Zion); Radom R. Schwalbe (Zionist).