Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 10 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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K. ־, Gott* ,.-,615— pe 22. - Ceapski k. 1a.—, 74.00 . . 1 — 8 — . 37 - . 4 — . 4.55 . 4 — . 5.— . 2.- . 31 80 . 20.— . 49- . »fl,— . 33. _ . 2- 5 — _15.— 1 320 80 5 66( 30 65 429.04 Million Breslaa ntsamme wieseaen :utpaarcs •k 1: E.-A. Senesnn* :h S. N •r. 52.—. tseh fik Neumann 50— M. m— 11 Redaktion u. Verlag W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden Dienstag o. Freitag. Abonnem. bei derExped. u d. Postämtern vierteljährlich Mk. 4 50 in Deutschland, im Ausland Mk■ 6,50 Nummer 10 j Berlin, 7. II. 1919 Erlösung ln unserer, an das Gräuen so sehr gewöhnten Zeit, werden Ereignisse, die in anderen Zeiten jahrzehntelang nachklingen würden, schnell vergessen. Und so sind selbst die Pogrome, so sehr die ersten Nachrichten über sie die ganze jüdische Welt in Empörung versetzt hatten, schon heute auf dem Wege der Vergessenheit. Schon wendet sich der Leser ab, wenn ihm Von neuen Pogronlen berichtet wird, bei denen :in Polen oder in der Ukraine wieder einmal die Juden ausgeplündert, vielleicht »gar verwundet oder getötet sind. So ist es kein kleines Verdienst, das sich der Leiter des Verbandsbüros der ״Poale-Zion“ in Stockholm, Leon Chasanowitsch mit seiner im Verlag Judäa, Stocldwlm, erschienenen Broschüre erworben hat, wenn W dem kurzen Gedächtnis der jüdischen Zeitgenossen wie der 'ganzen europäischen Kulturwelt etwas nachhilft, und ihnen zeigt, daß diese■ Pogrome nicht vergessen werden dürfen, weil sie ein auch in der jüdischen Geschichte unerhörtes Faktum darstellen. Unter dem Titel: ״Die polnischen Judenpogrome im November und Dezember 1918, Tatsachen und Dokumente“ ist hier ein Material zusammengestellt, das für die Polen geradezu erdrückend und vemichtend genannt werden muß. Nachdem einleitend die Geschichte der jüdisch-polnischen Beziehungen dargelegt, schildert der Verfasser ,den schon während der ersten Revolution beginnenden polnischen Antisemitismus; sein Aufflammen, als die Juden Warschaus anstatt eines 'Antisemiten einen polnischen Sozialisten zum Dumaabgeordneten wählten, die allgemeine Boykottbewegung und die infame, die Juden bei jedem gegenwärtigen Machthaber verleumdende polnische Politik während des Krieges, und stellt dann die Judenverfolgungen im neuen Polen den furchtbaren russischen Pogrom«! gegenüber. Nur auf die eine Ziffer sei hier hin- , gewiesen, die blitzartig die Situation erhellt: in Kisdhipiw, wo der schrecklichste Pogrom aus der russiÜhen Zeit stattfand, wurden 25 Juden getötet, in Lemberg betrug die Zahl etwa tausend. Auch das sei nicht vergessen, daß die russische Ge- Seilschaft den Pogromen mit offener A b 1 e h - iiung gegenüberstand, daß vielfach' Studenten und Arbeiter Schulter an Schulter mit der jüdischen Selbstwehr gegen die Pogromhelden kämpften, während die ganze polnische Gesellschaft der Begünstigung, wenn nicht der offenen Teilnahme an den Pogromen schuldig ist. Nunmehr stellt Chasanowitsch׳ die Vorboten zusammen, die Pogromhetze durch Plakate, Flugblätter und in der Presse, Konferenzen über die Organisation der Pogrome, schließlich die systematische Entwaffnung der jüdischen Miliz, und endlich die Legende von 'dem jüdischen Verrat, die den Polen die Handhabe bot, ihr Mütchen an den Juden zu kühlen. Wird doch von polnischer Seite die Tatsache, daß die Juden in dem polnisch-ukrainischen Streit die Parole der Neutralität ausgegeben hatten, als Provokation aufgefaßt. Und dann folgt die Zusammenstellung aller Pogromtatsachen aus diesen zwei Monaten jüdisch-polnischer Beziehungen. Nicht weniger als 106 Orte sind es, in denen Ausschreitungen gegen die Juden vorgekommen sind; überall dasselbe typische Bild: Entwaffnung der jüdischen Miliz unter teilnahmlosem Zuschauen oder gar offener Beteiligung der polnischen Legionäre und Truppen, Ausräubung aller jüdischen Geschäfte und Wohnungen, Brandstiftungen, Verwuadungen und Ermordungen, teilweise Vertreibung der übriggebliebenen Juden. Dieses allgemeine Bild wird noch durch lokale Züge ergänzt: Prügel und Mißhandlung der gesamten männlichen jüdischen Bevölkerung in Wisnicz, in Prczemysl Auferlegung einer Kontribution von drei Millionen Kronen unter Androhung eines Militärpogroms im Falle der Weigerung und ähnliches. Hierauf folgen genaue Berichte über die schlimmsten Pogrome, insbesondere über den Lemberger Pogrom, der ein unauslöschliches Schandmal für die polnische Ehre bedeuten wird. Es kann hier nicht der Ort sein, noch einmal alle Meldungen über den Lemberger Pogrom mitzuteilen, über seine systematische Vorbereitung »nd Durchführung, über die offizielle Bezeichnung An zeigen-Verwaltung: Welt-Verlag G. m. b. H; Berlio W. 35, Kurfürsten str aß« 150. Anzeigenpreis für die sedisgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., TeaerungszuscMag 20 0/ס• ״Der Zloaitmm erstrebt für das jüdUcbe Volk die Schaffung einer öffentlich-rechüldi gesicherten Heimst&lie in Palästina." Baseler Programm. als Strafexpedition, über die Verhaftung der zionistischen Führer. Aber das nächste Kapitel des Buches ist zu :wichtig und zu lehrreich, als daß es übergangen werden könne. Es behandelt die Stellung der polnischen Gesellschaft Wer van der Schilderung der schrecklicher, Vorgänge bei den Pogromen erschüttert nun erwartet, hier ein offenes Schuldbekenntnis und den ehrlichen Willen zum Wiedergutmachen zu finden, wird schwer enttäuscht sein und sich fragen, wie es möglich ist, daß die gesamte polnische Intelligenz, die politischen Führer aller Gruppen, den traurigen Mut finden, die Vorgänge entweder abzuleugnen oder gar die Juden zu den Schuldigen zu machen. Liest man diese Aeußerungen, so sieht man erst, wie recht Chasanowitsch hat, wenn er erklärt: ״Der Chauvinismus hat das!Gehirn der polnischen Gesellschaft vergiftet und ihr Gewissen atrophiert.“ Unter den zahllosen Aeußerungen von polnischer Seite, die das Buch enthält, befindet sich kaum eine einzige, die ehrlich die polnische Schuld bekennt. Der polnische Volksrat in Posen leugnet die Tatsaehe der Judenpogrome überhaupt. Andere!Führer bestreiten den antisemitischen Charakter der Exzesse. Der Arbeiterrat in Lemberg wagte sich, zu rühmen, die Polen ließen sich trotz der Sünden des jüdischen "Nationalismus zu keinerlei Gewalttätigkeiten hinreißen, die polnische Gesandtschaft in Berlin beschuldigt Deserteure der österreichischen und russischen Armee, und die Liquidatiomskommission in Krakau hält Zuchthäusler und Juden für die Plünderer. Ignaz Daczyn%ki hält die Juden für die Schuldigen. Alle diese Aeußerungen stehen ja in einem solchen׳׳ unlöslichen -״ Widfct$pn*cäs- ,,Ämiiel®a«4ßry׳׳ daß sie besser als ,jede Darlegung die Richtigkeit der jüdischen Darstellung beweisen. Wie entsetzlich die Pogrome auf die Stimmung der Juden gewirkt haben, das beweisen die verzweifelten Aeußerungen führender polnischer Assimilanten, die den Boden unter ihren Füßen wanken ■sahen, auf denen sie ihr Lebenswerk errichtet hatten. Am Schluß läßt der Verfasser dann die Aeußerungen der öffentlichen Meinung folgen, die ja bekannt sind, die aber nirgends zu dem energischen Einschreiten geführt haben, das erforderlich gewesen wäre. Die offi״ ziellen Berichte der englischen Untersuchungskommission stehen noch aus. Chasanowitsch hat der Broschüre ein Wort von Georg Brandes vorgesetzt, der in seinem Zustimmungstelegramm zu einer Protestver- Sammlung sagte: ״Mit Wehmut und ohne Erwartung auf irgendeinen Erfolg schließe ich mich dem Protest gegen die Judenpogrome in Polen und Galizien an. Jede Hoffnung, die ,derjenige, der 30 Jahre lang Fürsprecher für Polens Unabhängigkeit war, auf die Polen als humanes und freiheitliches Volk setzte, ist nun zusammengebrochen.“ Diesen pessi-!nistischen Worten für die Zukunft der jüdischpolnischen Beziehungen ist man ’nur allzusehr geneigt, sich anzuschließen. Und um ■so mehr richten sich unsere Augen nach Paris, wo auf der Friedenskonferenz auch das Geschick des jüdischen Volkes entschieden wird. Albrecht, H e 11 m a n n hat in dem einleitenden Artikel des Januar-Heftes des ״Juden“ die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz behandelt. ״Selbstbestim- Hjung und Selbstgestaltung, Herr des eigenen Schicksals und nicht mehr Untertan fremden Willens,“ darin sieht er das Ziel, das dem jüdischen Volke unverrückbar vor Aügen steht. Alle Galuth- Ideologien scheinen ihm gründlich zerstört, nachdem die Pogromwelle die Juden Polens, Galiziens, Rumäniens und Ungarns heimgesucht hat. Mit ganzer Schärfe wird betont, daß Palästina die Lösung der jüdischen Frage in ihrer Ganzheit, bedeute^ auch für diejenigen Juden, die in der Diaspora verbleiben. Die hohe moralische K«־aft, die dem künftigen jüdischen Staat innewohnen wird, erscheint He 11 mann als eine große politische Potenz, durchaus geeignet, die jüdische Diaspora zu vertreten und zu schützen. Daß neben dieser Palästinaforderung, die Hellmann mit aller Entschiedenheit als das zentrale Problem kies jüdischen Volt Telephon: Amt Uhland 845 a. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030 RedaktionsschluB Sonnt»? u. Mittwoch nachm. 7. Adar 1 5976 j XXIV JahrgT kes behandelt, auch die Sicherung der nationalen Rechte der Diaspora-Juden gefordert werden, wird man nach den Erfahrungen der letzten Pogromzeit noch mehr begrüßen, als bfsher. ״Die Freiheit des nationalen Bekenntnisses muß ebenso gefordert werden, wie die religiöse Glaubensfreiheit, niemandes Gesinnung soll vergewaltigt oder gefälscht werden.“ Daß das freie Bekenntnis zum jüdischen Volkstum ermöglicht werden kann, ist auch für dje deutsehen Juden von großeT Bedeutung. Erst jetzt, wo der spezifisch preußisch-deutsche Gedanke des allmächtigen, alle Lebensbeziehungen regelnden Staates überwunden ist, wird das neue Deutschland für das jüdische Problem Verständnis haben und imstande sein, die Judenfrage Vorurteilslos anzusehen. Die Gleichberechtigung wird endlieh zur Tatsache werden, und sie wird bewirken daß der Jude, dem die Gleichberechtigung zur Selbstverständlichkeit geworden ist, selbstbewuf *»r wird und sich nicht 1mehr durch ständige Rücksichten auf die anderen und auf den Staat beirren läßt. Es wäre zu wünschen, daß diese Folge der Revolution sich im deutschen Judentum bald bemerkbar macht. Die jüdische Kongreßbew e g u n g wird jedem deutschen Juden Gelegenheit geben, zu zeigen, daß er gewillt ist, ohne falsche Rücksichten sich ganz in die jüdische Gemeinschaft hineinzustellen und am Aufbau ihrer Zukunft teilzunehmen. F. L. Von der Pariser Friedenskonferenz Aus Kopenhagen wird uns telegraphisch gemeldet: ״Der Londoner Korrespondent des ״J ü ־ dischen Preßbureaus“ in Stockholm er- ׳ fährt ■ .aus .»verlässiger ״Quelle,, .daß! ׳ die׳. lj>a r i!< r Konferenz folgendes beschlossen hate: Pa* lästinasollunterdie KontrolledesVölkerbundes und unter die Sachwalterschaft (trusteeship) einer Großmacht gestellt werden. Palästina wurde als besonderes Territorium und nicht als TeilArabiensoderSyriensanerkannt.“ Wir können diese - amtlich bisher nicht bestätigte — Nachricht als eine Bekräftigung der Ansicht auffassen, die wir im Leitartikel der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ dargelegt haben. Es ist für uns von entscheidender Bedentung, daß Palästina (selbstverständlich das ganze Palästina), als besonderes staatsrechtliches Gebilde behandelt wird. Mit der Sachwalterschaft einer Großmacht ist sicherlich die Englands gemeint. Wir haben in dem erwähnten Leitartikel die Schwierigkeiten angedeutet, die einer solchen Lösung des Problems entgegenstanden und vielleicht, trotz der Kopenhagener Meldung, noch entgegenstehen. Lieber diese Schwierigkeiten belehren die folgenden Ausführungen der zionistenfreundlichen englischen Zeitschrift ״Palestine“ vom 11. Januar: Herr P i c h o n hat von den hundertjährigen Rechten Frankreichs in Syrien, im Libanon, in Cüicien und Palästina gesprochen. Er sagte: ״Diese Rechte beruhen auch auf unseren Verträgen mit unseren Verbündeten. Zweifellos erkennen wir die vollständige Freiheit der Konferenz und ihre Berechtigütig an, diesen Verträgen die Auslegung zu geben, die sie für richtig hält. Aber «lese Verträge sind für England und uns selbst weiter bindend, und die Rechte, welche sie verleihen, sind bereits feststehend, was England und uns angeht.“ Der erste beachtenswerte Punkt dieser Erklärung ist, daß Herr P i c h o n jetzt von Syrien, Libanon, Cilicien und Palästina spricht. Es gab eine Zeit, und diese ist noch gar nicht so fern, da die französische Regierung und die französische Presse nur von Syrien und zwar' ganz Syrien sprach. Palästina und der Libanon waren nicht erwähnt. Sie waren in dem Begriff Syrien einbegriffen. Hierüber ist die französische Regierung jetzt hinausgegangen. Sie erkennt an, daß Palästina nicht Syrien ist, sondern eine besondere politische und nationale Einheit. Die französische Presse hat allerdings noch manches in dieser Beziehung zu lernen; so spricht der Korrespondent Des ״Temps“ bei der Besprechung eines syrischen Kongresses in Marseille noch von ״la Syrie integrale“. Und doch kommt hier die französische Regierung der Wahrheit um einen entscheidenden Schritt näher. Wir beabsich-