Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 7 (28.1.1919)
- Date
- 1919-01-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion ». Verlag W. 15, Sächsische Str. 8, Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Abonnem. bei der Exped n. d. Postämtern *ierteljährl. Mk. 4,50 in Deutschland, im Ausland Mk. <\50 Nummer 7 1 Berlin, 8. 1. 1919 Anneigen-Y e r w a 11 un g! Welt-Verlag G. m. b H , Berlin W. 35, Kurfürstenstraße 150. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20 0/*. Telephon: Amt Uhland 845 u 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u Mittwoch nachm. "27. Scn’bat 5&19'''1''''"1.| XXIV, Jahrg. Die Angst vor dem Kongreß Das Hamburger ״Israelitische Fam ilienblatt“ hat es für nötig erachtet, die deutsehe Judenheit eindringlichst von der Kongreßbewegung zu warnen. Es 1hat zwar keinen Versuch bisher unternommen, sich mit dem Kongreßgedanken auseinander zu setzen, hat sich auch nicht der Mühe unterzogen, die Schädlichkeit etwa der Idee nachzuweisen. Es begnügt sich mit 11,4 Spalten, um die Kongreßbewegung zu verdammen und seine Leser vor ihr zu warnen. Es verlohnte sich eigentlich nicht, mit einem Blatt, das in solcher Weise sich mit der großen historischen Kongreßbewegung auseinandersetzen zu können glaubt, in!eine Polemik einzutreten. Wenn wir es dennoch tun, so geschieht es nur aus dem Grunde, weil die Motivation der Ablehnung des Kongreßgedankens durch das Familienblatt an der Elbe charakteristisch ist für die Stellungnahme s.0 vieler seiner Gegner. Das entscheidende Argument bringt' das ״Fandlienblatt“ bereits im ersten Satze seines Artikels, es schreibt: ״Die Zionistische Partei betreibt zur Zeit eine lebhafte Agitation zur Einberufung eines jüdischen Kongresses in Deutschland“. Dies genügt für das Hamburger Familienblatt, sich gegen den Kongreß zu erklären. Denn, wenn die Initiative von den Zionisten ausgegangen ist, so ist es für das Hamburger Blatt klar, daß es sich nur um eine zionistische Aktion handeln können; ja, es scheut sich nicht, das Ganze so hinzustellen, als ob es sich im Grunde nur um eine zionistische Bauernfängerei handle, und mam!unter der Parole des Kongresses zionistische Agitation betreiben wolle; mit einer erfrischenden Naivität erklärt das ״Familienblatt“: ״Durch, die Parole,!daß man nicht Zionist zu sein braucht, um sich zum jüdischen Volke zu bekenneiftftü ah den werden viele schlichte jüdische Männer und Frauen in Deutschland irre geleitet.“ Wir müssen es zunächst und vor allem anderen entschieden zurückweisen, daß man die Kongreßaktion in dieser Weise entstellt und verdächtigt. Wollen!wir Zionisten rein zionistische Propaganda treiben, dann tan wir es unter dem Namen des Zionismus und bedürfen keiner anderen Fahne. Wir haben niemals solche Politik geführt; und haben heute, da wir machtvoller, erfolgreicher, stärker dastehen als je, gewiß1' keinen Grund, es zu tun. Wir müssen es uns daher auch ernstlich verbitten, jetzt und für alle Zukunft, daß man uns unaufrichtiger Motive verdächtigt und glaubt, wir hätten die Kongreßbewegung aus solchen Motiven eingelcitet. Dies ist eine kleinliche Art einer kurzsichtigen, durch Parteibrillen getrübten Optik, mit der man allerdings nicht den Sinn und die Bedeutung des Kongresses zu erkennen vermag. Befreit man sich von einer solchen Methode der Behandlung, dann wird man sehr leicht einsehen, daß es sich hier um eine große, historische Bewegung handelt, hinter der alle besonderen Parteiinteressen zurücktreten müssen. Das jüdische Volk ist als solches in diesem Kriege anerkannt worden; es! führt heute eine selbständige Politik; es wird um die Wahrung seiner wichtigsten Interessen willen sie in aller Zukunft führen müssen. Dazu bedarf es der Organisierung all seiner Teile in der gesamten Welt und der Schaffung einer Repräsentanz des gesamten Volkes. Dies soll durch' den Weltkongreß geschehen, zu dem die jüdischen Kongresse in den verschiedenen Ländern nur Teile und Vorstufen sind. Ist dieser Gedankengang, «der die eritscheidende Begründung des Kongreßgedankens darstellt, so kompliziert und schwer, daß ihn das Hamburger ״Familienblatt“ nicht fassen kann? Und wenn es ihn erfaßt, hat es dann immer noch das Recht, von ,einer zionistischen Sache zu reden, und in dem Ganzen so etwas wie eine agitatorische Mache zu erblicken? Mit diesem großen Kongreßgedanken, der zum ersten Mal seit zwei Jahrtausenden wieder die politische Einheit und Geschlossenheit der jüdischen Gesamtheit verwirklichen, zum ersten Mal das gesamte jüdische Volk organisieren will, muß sich das ״Hamburger Familienblatt“ auseinander setzen, wenn es schon gegen den Kongreß aufzutreten sich bemüßigt fühlt; ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öü'enrilch-rechilich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. aber es komme nicht mit den Verdächtigungen und Entstellungen, mit denen es in seinem Aufsatz den Kongreß bekämpft. Die Idee des Kongresses ist — ganz gleich, wie man sich zu ihr stellt — zu groß, zu hoch, als daß sie von solchen Gesichtspunkten kleiner Parteipolitik betrachtet werden darf. Damit ist auch ein anderer Vorwurf des ״Familienblattes“ zurückgewiesen, wonach nämlich der Kongreß gar nicht das Recht habe, sich jüdischer Kongreß zu nennen, da! er das Bekenntnis zum jüdisehen Volksgedanken zur Voraussetzung habe und somit nur ein naticmaljüdiseher Kongreß sei. Zunächst, rein formal: wer darf einer Gruppe von Juden, die sich zu einer Tagung vereinigen, das Recht absprechen, diese־ Tagung als Kongreß zu bezeichnen? War etwa die' Bezeichnung der Tagungen des ״Verbandes der deutschen Juden“ als ״Judentag“ berechtigter gewesen, da sich doch an diesen Tagungen auch nicht alle deutschen Juden beteiligt haben? Aber von diesem rein formalen Gesichtspunkt, der schon allein die Haltlosigkeit des Vorwurfes beweist, abgesehen, auch inhaltlich und sachlich haben wir das Recht, den von tms geplanten Kongreß als den jüdischen Kongreß in Deutschland zu bezeichnen. Denn was diesem Kongreif Sinn und Bedeutung gibt, ist, daß er ein Glied der allgemeinen jüdischen Kongreßbewegung sein soll. Diese Kongreßbewegüng ist eine einheitliche Aktion; ein organischer Prozeß. Die Kongreßbewegung basiert überall auf dem jüdisehen Volksgedanken, weil nur 1m Namen dieses Gedankens das Judentum als! politischer Faktor anerkannt worden ist und ׳«ine, selbständige Politik, der Juden in Deutschland, die sich zum jüdischen Volkstum bekennen, ist mithin der jüdische Kongreß in Deutschland, ist die Ausdrucksform der Kongreßbewegung innerhalb Deutschlands. Jede andere Zusammenkunft deutscher Juden, die nicht auf dem Boden des Volksgedankens erfolgen würde, hätte nicht das «Recht, den großen Namen des jüdischen Kongresses für sich zu mißbrauchen, da sie nicht Teil und Glied der Kongreßbewegung wäre. Nachdem diese Vorwürfe des ״Familienblattes“, die beide aus einem völligen Mißverstehen der Kongreßbewegung resultieren, zurückgewiesen sind, bleibt von der gesamten Begründung seiner ablehnenden Haltung nur ein sachliches Argument übrig: das bekannte, beliebte,!ehrwürdige Argument des Patriotismus. Das deutsche Judentum, beteuert das ״Familienblatt“, ist ein Teil des deutsehen Volkes und will es bleiben. Und es hebt sehr energisch den Zeigefinger und #arnt vor den fürchterlichen Konsequenzen, die das Bekenntnis zum jüdischen Volkstum nach *sich ziehen müsse. ״Jeder deutsche Jude — erklärt das ״Familienblatt“ mit Emphase — muß wissen, daß er sich mit seiner Stimmabgabe für diesen Kongreß von! deutsehen Volke scheidet und die Folgen dieses Schrittes für die deutsche Judenheit auf sich nehmen will.“ — Furchbar, nicht wahr, wer am Kongreß teilnimmt, scheidet sich vorn deutschen Volke, erklärt sich also als ein ״Fremder“, und dann — denkt an Gleichberechtigung, Antisemitismus, Staatsbürgertum; — nicht auszudeÄken! Nun, zunächst sei die Frage gestattet, wie es sich denn mit den amerikanischen und englischen Juden verhalten hat, die die Kongreßbewegüng mitgemacht und die nationaljüdischen Forderungen akzeptiert haben. Glaubt das ״Familienblatt“, die Herren Louis Brandeis, Jakob Schiff, Louis Marshall, Oscar Straus in Amerika, oder Lord Rothschild in England hätten sich als Fremde in ihren Vaterländern erklärt. Will das ״Familienblatt“ die patriotisclie Gesinnung am Ende nur für das deutsehe Judentum in Anspruch nehmen? Oder läge der Oedanke nicht näher, daß, wie die Haltung der amerikanischen und englischen Juden beweist — von denjenigen des Ostens und der neutralen Staaten, die alle an der Kongreßbewegung teilnehmen, ganz zu schweigen — die Teilnahme am Kongreß und das Bekenntnis zum jüdischen Volke den Patriotismus und die Verbundenheit mit dem Vaterlande nicht im geringsten tangiert? Das Hamburger Blatt verweist wieder einmal auf den Aufsatz Erich Cohns als Beweis dafür, ״wohin das nationaljüdische Bekenntnis in Praxis führt“, und wir müssen es wirklich als ein etwas starkes Stück in der Art der Polemik bezeichnen, daß es dies heute noch, nach unserem Lcitaufsatz in Nr. 3 tut Wir haben daselbst den Standpunkt Erich Cohns mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen, und wenn schon vorher die Berufung auf eine private Meinungsäußerung nicht sehr loyal war, so ist dies nach der Kundgebung unseres offiziellen Standpunkts doppelt demagogisch. Wir haben in diesem Aufsatz gezeigt, daß) das Bekenntnis zum jüdisehen Volkstum die patriotische Oesinnung, die positive, innerliche Beziehung zum deutschen Staate nicht irgendwie ausschließt, daß vielmehr beides durchaus vereinbar ist. Wir sind Söhne des jüdischen Volkes und Glieder der deutsehen Staatsgemeinschaft. Wir können all dies hier nicht wiederholen und möchten die Herren des ״Familknblattes“ bitten, ׳ den Aufsatz gründlich nachzulesen und sich mit ihm erst ernstlieh auseinander zu setzen. Mit Drohungen und Warnungen, mit Gruseligmachen und Zeigefingerschütteln widerlegt man keine Ideen, und noch weniger Realitäten. Wir müssen uns auch hier gegen die Methode der Polemik wenden, die einer ehrlichen, klaren, gedanklichen Auseinander- Setzung aus dem Wege geht und statt dessen durch' einen Appell an die Aengstlichkeit zu wirken sucht. Daß man für die Dauer mit solchen Methoden nicht wirkt, ist klar. Die Tatsache, daß das Hamburger Blatt schon eindringlich vor der Kongreßbewegung warnen zu müssen! glaubt, daß es zugibt, daß viele schlichte jüdische Männer und Frauen;*1^4׳ ׳•מי}־׳^•.Ä'■**י״•‘ ai~ , »1•'•״"״;־ :Iftfenen Organisationen“ awffoffSert, durch ״Aufklärung“ dieser Verführung entgegenzutreten, all dies zeugt von dem täglich wachsenden Erfolg der Kongreßbewegung. Diese ״vielen schlichten Man- 11er und Frauen“ sind eben Juden mit gesundem Sinn und tapferem Herzen, die erkannt haben, um was es sich in ■der Kongreßbewegüng handelt und in dieser Erkenntnis durch Angstmacherei und furchtsame Warnungen sich nicht irre machen lassen. Sie haben begriffen, daß der Kongreß das Mittel ist, das deutsche Judentum! in die jüdische Gesamtheit politisch und organisatorisch einzufügen; daß eine neue große Zeit für das jüdische Volk begönnen hat, die Zeit seiner Anerkennung als Volk, seiner selbständigen Politik. Sie begreifen, daß es keine dringlichere, höhere Aufgabe für die deutsehe Judenheit gibt, als an dieser jüdischen Politik, und dies bedeutet an der Erfüllung der großen Aufgaben der neuen jüdischen Zukunft teilzunehinen, und daß keine! furchtbarere Gefahr dem deutscheu Judentum droht, als wenn es sich davon ausschließen und damit sich für immer isolieren, politisch von der jüdischen Gesamtheit trennen würde. Darum begrüßen sie den Kongreß, der diese Gefahr beseitigen will. Die Zahl dieser ״schlichten Männer und Frauen“ vermehrt sich von Tag zu Tag; wir hoffen, daß sie •schließlich die Majoritat der deutschen judenheit bilden werden. Was noch gesund und stark! in seinen jüdischen Instinkten ist, was den Willen zum Judentum hat, was mitarbeiten will an der jüdischen Zukunft, wird den Kongreß mitmachen. Der Kongreßgedanke ist eine Idee von unüberwindlicher Kraft und unaufhaltsamer Wucht. Er hat in allen anderen Ländern seinen Siegeszug angetreten; er wird sich auch in Deutschland durchsetzen. Mit Ent- Stellungen und Verdächtigungen, mit Beschwörungen und Appellen an die Aengstlichkeit kann man ihn nicht töten. Die;Schicksalsfrage der deutschen Judenheit zentriert sich in der Kongreßbewegung, die eine neue, reiche, stolze, in ihren jüdischen Potenzen unendlich erstarkte Zukunft für die deutsehe Judenheit herbeiführen will. Im Namen dieser neuen großen jüdischen Zukunft ruft der Kongreßgedanke die deutschen Juden zur Teilnahme auf. Und weil er die Zukunft für sich hat, weil er ihr Träger und Künder ist, darum wird! er siegen.