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Jüdische Rundschau · 1919-01-17 · Heft 4 (17.1.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 4 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDA, Nr. 3 ppo. Daj r der ver• auch an staltungen lüren und sende Oe!lerzlichste Personen Herr Dr. igen des )urch das dem jüdiibertragen : r Kon - Vertreter en Inhalt Nach der mch Mitine über- Stimmung Auch zu!etzungen nem fto- 8 \4 Uhr, n Verer Abend »genossen kleinen und eini- Aronete. Die -,ifall. Im i? r u p p e O m <u 'S ’S) 2 05־ c aj cn 3 * JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion n. Verlag W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Abonnem. bei der Exped. u. d. Postämtern vierteljährl. Mk. 4,50 in Deutschland, im Ausland Mk. 6,50 Anzeigen-Verwaltungs Welt-Verlag G.m.b. H., Berlin W. 35, Kurfärstenstrafie 150. Telephon: Amt Uhiand 845 u. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich! Postsparkassenamt Schedekonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm. Nummer 4 | Berlin, 17. I. 1919 75 Pf., Teuerungszuschlag 20 3/ס• 16. Sch’bat 5679 | XXIV. Jahrg. Der ״Israelit“ und der Kongreß Wir haben an dieser Stelle in der vorigen Woche die Frage der Stellungnahme der Qrthodoxie zur Kongreßbewegung grundsätzlich erörtert. Wir haben dargelegt, von welcher Bedeutung die jüdische Kongreßbewegung im allgemeinen und der jüdische Kongreß in Deutschland im besonderen gerade für die Orthodoxie ist, die heute, nachdem sie sich auf! den Boden; des ,Volksgedankens gestellt hat, keinen Grund mehr hat, eine Beteiligung abzulehnen. Dennoch haben war am Schlüsse unseres Aufsatzes der Ansicht Ausdruck gegeben, daß gewisse Teile der jüdischen Orthodoxie in Deutschland aus ihrer besonderen Situation und Vergangenheit heraus zunächst noch Bedenken haben würden, am Kongresse teilzunehmen. Zur gleichen Zeit mit unserem Aufsatz erschien in Nr. 1 des ״Israelit“ ein Leitartikel, der unsere Erwartung einer zögernden Halbing der von dieser Zeitung vertretenen Gruppe innerhalb der Orthodoxie nicht nur bestätigt, sondern leider noch sehr übertrifft. Schon der Name des Artikels im ״Israelit“ kennzeichnet die in ihm zum Ausdruck kommende Stellungnahme; er lautet: ״Eine jüdische Kongreßdemonstration in Deutschland.“ Wir haben, wie gesagt, erwartet, daß der ״Israelit“ zunächst zögernd oder gar ablehnend sich zur Kongreßbev/egung verhalten werde; was wir nicht erwartet haben, ist die völlige Verständnislosigkeit für den Sinn und die Bedeutung der Bewegung, wie sie schon iin Namen des Aufsatzes zum Ausdruck kommt. Man rnuß staunen, daß Männer, die Führer der jüdischen Orthodoxie sein wollen, nicht nur so verständnislos sind für die großen Bevvegungen des gegenwärtigen jüdischen Lebens, somdem auch so schlecht informiert sind über die jüdischen Ereignisse in der Welt, d&i sie sieb nicht scheuch, von einer ״Kongreßdemonstration“ zu sprechen. Es ist des öfteren hier schon dargelegt worden, was die Kongreßbewegung innerhalb des Judentums bedeutet; nichts Geringeres als den ersten Versuch, innerhalb der Diasporageschichte die Einheit des Judentums politisch zu verwirkliehen und eine Organisation des gesamten jüdischen Volkes zu schaffen, also eine Aktion, deren unabsehbare Bedeutung wirklich nur mit größten historischen Maßstäben erfaßt werden kann. Und da bringen es die Herren vom ״Israelit“ fertig, von einer Kongreßdemonstration zu reden? Es zeugt diese Auffassung von einem Mangel an Verständnis für die großen jüdischen Bewegungen des Tages, die beweist, daß■ sie wirklich nichts gelernt und nichts vergessen haben. Ganz mit der gleichen Verständnislosigkeit für jüdische Gesamtprobleme und die großen, historischen Tendenzen des jüdischen Daseins haben die Kreise, die hinter dem ״Israelit“ stehen, ■sich zu fast allen großen |x>-!irischen Problemen des jüdischen Lebens in den letzten Jahren gestellt: zur nationaljüdischen Bewegung, zum Zionismus, zur Frage der nationalen Autonomie. Man hätte erwarten dürfen, daß nach der Uebernahme des Volksgedankens auch in diesem Teil der Orthodoxie die Fälligkeit zu einer auf größere Perspektiven eingestellten, von großen bistorischen Aspekten getragenen Betrachtungsweise jüdischer Probleme erstarkt wäre. Die Haltung zum Kongreßgedanken, die Art der Auffassung dieses Gedankens, wie sie in dem Worte ״Kongreßdemonstration“ zum Ausdruck kommt, zeigt, daß die Bejahung des Volksgedankens innerlich an der Psyche und Wesensart dieser Kreise nicht viel geändert hat. Braucht man gegen diese Art der Auffassung der Komgreßöewegung erst ausdrücklich zu polemisieren? Schon das Tatsachenmaterial, das der Aufsatz des ״Israelit“ zur Begründung seiner Auffassung heranzieht, ist so lückenhaft, zeugt von einer so erschreckend schlechten Informiertheit in jüdischen Dingen, daß die Unhaltbarkeit des Stand- Punktes für jeden, der die Verhältnisse kennt, sich von selbst ergibt. ״Kongreßdemonstrationen, erklärt der ״Israelit“, haben bisher nur in Holland und ganz zuletzt in Amerika stattgefunden.“ Weiß der ״Israelit“ nicht, daß außer dem Kongresse in Amerika auch in der Ukraine das jüdische Vor- Parlament getagt hat, hervorgegangen aus den! Wahlen aller ukrainischen Jute; daß in Rußland ״Der Zionismus erstrebt für das jftdisdse Volk die Schaffung einer SfieniUdt-rediilidi gesicherten Heimstätte in Palästina.‘' Baseler Programm. Wahlen zum alljüdischen Kongreß stattgefunden haben, an denen sich sämtliche jüdische Gemeinden beteiligt haben und der Kongreß lediglich infolge der bolschewistischen Revolution nicht zusammentreten konnte; daß in Polen und Litauen, in den Staaten des früheren Oesterreich bereits alle Vorbereitungen zum Zusammentritt jüdischer Kongresse im Gange sind; daß sowohl das jüdische ■Vorpariament in der Ukraine, wie die verschiedensten Organisationen der neutra'en Judenheit, daß in! Arnerika, Rußland und Polen und verschiedenen anderen Ländern die Forderung der baldigen Einberufung des jüdischen Weltkongresses erhoben worden ist und dieser Weltkongreß zweifellos zusammentreten wird? Gegen die Wucht solcher Tatsachen nutzen alle Phrasen nichts; die Kongreßbewegung durchzieht alle Länder; überall haben jüdische Kongresse bereits stattgefunden oder werden sie in der nachsten Zeit stattfinden. Der jüdische Weltkongreß wird kommen; die Organisation des gesatnten jüdischen Volkes wird geschaffen werden. Wenn die Herren vom ״Israelit“ angesichts all dieser Tatsachen noch weiterhin von Kongreßdemonstrationen reden wollen, so mögen sie es tun; es soll ihnen aber!nicht vergessen werden, daß sie 41ie große Aktion zur Einigung des jüdischen Volkes, zur Schaffung einer gesamtjüdischen Repräsentanz, daß sie die historische Bewegung zur Einberufung der Konstituante des jüdischen Volkes als eine Demonstration zu bezeichnen wagten. Mit dem Augenblick, da man diese Auffassung der Kongreßbewegung in ihrer Kurzsichtigkeit und Uahaltbarkeit erkannt 11s., fall״., auch ׳al!e anderen Argumente, die in Konsequenz dieser Auffassung vom ״Israelit“ gegen den Kongreßgedanken vorgebracht werden. Es erledigt sich vor allem damit das seltsame Argument, wonach ״der Kongreß im Grunde eine Art Uoyalitätskundgebung an die Adresse der amerikanischen, englischen und russisehen Judenheit wäre“. Es zeugt auch dieses Argunient von der seltsamen Art des ״Israelit“, große jüdische Probleme zu betrachten. Es liegt in ihm eine Scheidung von Ententejuden und Juden der Zentralmächte, die wir mit aller Schärfe zurückweisen müssen. Es gibt in der jüdisch-nationalen Politik keine Ententejuden und deutsche Juden, sondern nur sich zu ihrem Volkstum bekennende Juden schlechthin, und nichts zeugt deutlicher davon, als gerade die jüdische Kongreßbewegung, die über alle territorialen Grenzen hinweg die ungeteilte Einheit des jüdischen Volkes verwirklichen will. Nicht um eine Loyalitätskuudgebung an die Ententejuden handelt es sich, sondern um die Zusammenarbeit mit ihnen, um die Bekundung der Geschlossenheit des gesamten Judentums. Und deswegen tut es auch nichts zur Sathe, was der ״Israelit“ weiterhin als Argument gegen den Kongreß anführt, daß es ״völlig belanglos sei, was wir von. Berlin) aus an Forderungen!stellen, denn die Ohnmacht des deutschen Vaterlandes Läßt die Stimme seiner jüdischen Bürger vollkommen verhallen.“ Ob Deutschland geschlagen ist, soll an der Stellung des deutschen Judentums nichts andern, wenn dieses Judentum nur in jüdischer Hinsicht die Forderungen des Moments erfüllt, und es ist gerade einer der stärksten Gründe für den deutsch-jüdischen Kongreß, daß er jede Gefahr einer Ausschaltung der deutschen Judenheit beseitigen soll. Noch weniger ernst zu nehmen ist der Hinweis auf den Antisemitismus als Argument gegen den Kongreß. Wir 1wollen hier nicht in eine Polemik mit dem ״Israelit“ über die Art der Bekämpfung des Antisemitismus eintreten; aber scheinbar vertritt er ähnliche Gesichtspunkt« in der,Stellungnahme zum deutschen Antisemitismus, wie dies bis vor kurzem seine Gesinnungsgenossen, die Herren Dr. Cohn und Carlebach dem polnischen Antisemitismus gegenüber vertreten haben. Immerhin erklärt der ״Israelit“, daß er zu den letzten gehöre, ״die der antisemitischen Stimmung äuch nur die leisesten Zugeständnisse machen möchten, wenn es sich um das kleinste, wahrhaft jüdische Interesse handelt“ und so scheint er dieses Argument nur deswegen heraugezogen zu haben, weil er den Kongreß für eine Sache hält, in der nicht einmal ein solch ״kleinstes, wahrhaft jüdisches Interesse“ auf dem Spiele stehe, was noch einmal mit Nachdmck konstatiert sei. So bleibt als letztes und in Wahrheit entscheidendes Argument für die Stellung des ״Israelit“ nur der alte, sattsam bekannte Standpunkt der von ihm vertretenen Gruppe der Frankfurter Trennung»• Orthodoxie, die Ablehnung jeder Zusammenarbeit mit Juden anderer Richtung. Wenn der ״Israelit“ meint, der Kongreß bezwecke eine ״Festnagelung eines möglichst großen Teiles der deutschen Judenheit auf diejenige Form des Zusammengehörigkeitsgefühls, die spezifisch zionistisch ist,“ so können wir nur nochmals betonen, was wir in unserem erwähnten Aufsatz bereits nachdrücklich festgestellt haben, daß diese Meinung ganz und gar unbegründet ist. Zunächst gibt es kein jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl, das spezifisch zionistisch ist, und des ferneren ist der Kongreß keine zionistische Angelegenheit, sondern soll alle Juden umfassen, die sich zum jüdischen Volk zugehörig fühlen, ganz gleich, wie sie dieses Gefühl begründen und auffassen. Es besteht also von dieser Seite her nicht das geringste Bedenken für einen Juden, der überhaupt den Volksgedanken bejaht, sich ain Kongreß! zu beteiligen, dessen!Zweck es doch gerade ist, alle sich zu ihrem Volke bekennenden Juden über alle Unterschiede der Auffassungen des jüdischen Volkstums hinweg, po- Iirisch zu einigen. Die entscheidende Frage also ist immer wieder die der jüdischen Einheit. Und wenn der ״Israelit“ von vornherein den Kong re ßgedan ken ablehnt, so hat es seinen wirklichen Grund in dem von ihm seit jeher vertretenen Treunungsstandrmnkt. Er will eben diese nolitische Ein!- gung des Judentums nicht. Er vertrat den Trennungsstandpunkt, bevor er den jüdischen Volksge• danken bejaht hat; und er vertritt ihn auch heute nach seiner Uebernahme; ja, es hat den Anschein, als wollte er gerade diesen Gedanken zu einer erneuten Begründung seiner Trennungspolitik mißj brauchen, und als bekämpfe er die Einigung aller sich zu ihrem Volke bekennenden Juden im Namen der Reinheit des spezifischjorthodoxen Volksgedankens. Zwar hat es zeitweilig in letzter Zeit den Anschein gehabt, als wolle die Trennungsorthodoxie in ihrer bisherigen Politik eine Revision vornehmen; hat sich doch die Leitung der ״Agudas Jisroel“, die im wesentlichen von den Frankfurter orthodoxen Kreisen inspiriert wird, an das Kopenhagener Büro der Zionistischen Organisation mit dem Wimsehe gewandt, eine Zusammenarbeit mit den Zionisten in der Palästinafrage herbeizuführen. Das Kopenhagener Büro ■hat gemäß der stets befolgten Politik des Zionismus sich natürlich gern bereiterklärt, in Verhandlungen ■über eine solche Zusammenarbeit einzutreten. Wie vereinbaren nun die Kreise um den ״Israelit“ diesen Schritt der Agudas Jisroel mit ihrer Haltung in der Kongreßfrage? Wie soll eine Zusammenarbeit mit der zionistischen Organisation möglich sein, wenn die Trennung»■ Orthodoxie sich weigert, mit den Zionisten und anderen sich zu ihrem Volkstum bekennenden Juden einen Kongreß zu veranstalten. Wie stellt sich der ״Israelit“ nun eine Zusammenarbeit mit dem Zionismus in der Palästinafrage vor, wenn er ein Zusammengehen mit ihm in der Frage des Kongressesablehnt? Daß Bei einer Beibehaltung seines Trennu ngsstandpunktes jegliches gemeinsame Arbeiten außerordentlich erschwert wird, dürfte auf der Hand liegen. Nun, wir hoffen, daß die Gruppe der Trennungsorthodoxie heute noch weniger Erfolg in der Vertretung dieses Standpunktes haben wird, als bisher. Wir glauben, daß die Majorität der traditionellen Judenheit Deutschlands sich heute bewußt ist, wie sinnlos und sündhaft ein solcher Standpunkt in dieser Zeit ist. Wir weisen noch einmal auf das Beispiel der jüdischen Orthodoxie in allen anderen Ländern hin; in der Ukraine und Rußland und in Amerika hat sich die gesamte Orthodoxie an den Kongreßwahlen beteiligt, und j!

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