Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1919)
- Date
- 1919-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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t' GfeK.VMNJA JUDAICA rcgiuig lungtn edens- Durch- 1g und inner- Arbeit hätten Notadente fest, durch 1 Aufbrigen Star!- altlose uruck- Auf-;utsch- Juden ihrem!ellung Redner ungen. :rregte;enden teinde- Teile lanken Judentigung ulasse, Volks- Zioingreß ir Teil- 1s der noch 1!ג be-;anze.11 angen, if die ־ungen Kriege 1 zum stimmt Ober- Herr : Haii des m er 1 Länmimen etwas einen emder 1 Verraus“, rufen.) r eine 1s bis- Irgani- «r, 10. anuar,!edaktion u. Verlag W. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden )ienstag u. Freitag. Abonnem. bei der Exped. u. d. Postämtern lierteljährl. Mk. 4,50 in Deutschland, im Ausland Mk. h.50 Nummer 3 Berlin, 14. I. 1919 Amcigcn-Verwaltung; Welt-Verlag G.m.b. H,, Berlin W. 35, Kurfürstenstraße 150. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20%. Telephon: Amt Uhland 845 u. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17 392. Für Oesterreich ■ Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag■ u. Mittwoch nachm. 13. Sch’bat 5679 XXIV. Jahrg. Die letzten Nummern unserer Zeitung, besonders *Ir. 58, sind, wie ׳wir aus zahlreichen Reklamationen :ntnehmen, bei vielen Abonnenten ausgcblieben. Wie vir festgestellt haben, beruht die Nichtbestellung auf •jiietn zugegebenen Versehen des Postzeitungsamtes. Vir bitten unsere Leser dringend, die ausgebliebenen *flimmern nachträglich bei den zuständigen Bestcll-Postimtern einzufordern, Die Nachlieferung muß erfolgen. Verlag ״Jüdische Rundschau“ BerlinW.. Sächsischeste 8. EC2flM 1t l) Zionismus und deutsche Politik Der Aufsatz Erich Cohns in No. 57 der Jüdischen Rundschau“ über ״Die Wahlen zur Nationalversammlung“ hat in zionistischen Kreisen ebhafte Aufmerksamkeit gefunden, wie eine Fülle on Zuschriften beweist, von denen wir in der vorigen Woche eine publiziert haben. In nichtionistischeu Kreisen hat er zum Teil starke Erregung hervorgerufen und einen def Wortführer lieser Kreise, Herrn Dü Paal Nathan, zu einer leftigen Replik im ״Berliner Tageblatt“ veranlaßt. Replik ist der Aufsatz des Herrn Dr, Nathan, um nmächst einmal kurz auf diesen einzugehen, kaum!u nennen, vielmehr hat Herrn Dr. Nathan dien Aufsatz Erich Cohns als Anlaß zu einer scharfen Attacke gegen den Zionismus benutzt. Dagegen A'äre an sich nichts zu sagen; den Zionismus anzu-?reifen, ist das gute Recht des Herrn Dr. Nathan. N'ur müssen wir schon im Interesse der Wahrung ־itterlicher und sachlicher Formen in der Auseinandersetzung mit unseren Gegnern darauf bestehen, daß Solche Angriffe nicht die Gebote der Loyalität verletzen. Wir müssen leider konstatieren, daß der griff d^s Herrn Dr. Nathan diese Gebote ׳letzt, denn w!r randfrei bezeichnen, wenn er nichts davon mitteilt, daß der Aufsatz von Erich Cohn von diesem unterzeichnet und dadurch deutlich und klar als lersönliche Meinungsäußerung eines einzelnen Ziolisten gekennzeichnet war, statt dessen aber seinen Aufsatz mit folgendem Satze beginnt: Die ,.Jüdische Rundschau“ ist ein Organ der Zionisten und darüber Hinaus das führende Organ dieser politischen Gruppe unter den deutschen Juden, in ihrer Nummer vom 24. Dezember veröffentlicht diese Wochenschrift einen Aufsatz, der die Ucberschrift trägt: ״Die Wahl zur National- Versammlung“. Dadurch muß jeder Leser den Eindruck gewinnen, als ob der Cohn’sche Aufsatz eine offizielle Kundgebung des deutschen Zionismus sei, was natürlich ein vollständig falsches Bild der Sache gibt. Da Herr Dr. Nathan als Politiker wissen muß, daß solche offiziellen Meinungsäußerungen als redaktionelle Leitartikel ohne Namens- Zeichnung gebracht werden, können wir ihm bei dieser falschen Darstellung nicht einmal mildernde Umstände zubilligen. Wir haben dies auch in einer Zuschrift an das ״Berliner Tageblatt“, die wir in dieser Nummer publizieren, zum Ausdruck gebracht und mußten dies hier mit allem Nachdruck erklären, um die Atmosphäre für eine geistige Auseinandersetzung über die Gedanken des Colinsehen Aufsatzes, bevor wir in eine solche selbst eintreten, erst einmal zu schaffen. Was (nun den Standpunkt Erich Cohns betrifft, so muß zunächst betont werden, daß er lediglich für die Stellungnahme zu den politischen Problemen des deutschen Lebens gelten »Ute. Erich Cohn sprach in seinem Aufsatz nicht von der Be- Ziehung zur deutschen Kultur, zum Deutschtum, was ja die Frage des persönlichen Verhältnisses eines jeden Einzelnen ist und keine solche der zionistischen Organisation als einer politischen Gruppe. Dies muß klar gestellt werden, um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, als verlange der Aufsatz Erich Cohns eine Loslösung von der deutschen Kultur. Es handelt sich vielmehr in dem Aufsatz lediglich um eine rein politische Frage, die beim Autor wohl mehr in erster Reihe an geregt Wurde durch die Tatsache der vielen jüdischen Minister und Staatssekretäre, die die Revolution gebracht hat, eine Tatsache, die ja auch dem nichtzionistischen Teil des deutschen Judentums Grund zum Nachdenken war und in diesen Kreisen eine Nervosität und AengstÜchkeit ausgelöst hat, die ״Der Zionismus ersfrebi für das jüdische Volk die Schaffung einer öffe»lUch-re«hiUd1 gesicherten HeimsiSiie in Paläsiina.'' Baseler Programm, bei Leuten, die sich als ״unablöslichen Bestandteil des deutschen Volkes“ fühlen, allerdings nicht recht verständlich ist. Das diese Nervosität besieht, zeugt davon, daß allerdings ein Problem hier vorliegt, das mit der Phrase der Zugehörigkeit zum deutschen Volke nicht abgetan ist. Auf solche Probleme reagieren wir mit dem Willen und Versuch ihrer gedanklichen Klärung. Weil der Aufsatz Erich Cohns den Versuch unternahm und durch seinen logisch radikalen Standpunkt eine geeignete Grundlage zur *Diskussion bot, haben wir ihn publiziert, wenn auch sein Standpunkt nicht der ׳unsere ist; aus Aengstlichkeit davor, was die anderen sagen werden, logisch begründete Meinungen nicht zu Worte kommen zu lassen, ist nicht unsere Art. Die logische Konsequenz des Standpunktes Erich Colins bildet seiner! Reiz und seine Schwäche, den inneren Grund seiner Unhaltbarkeit. Was er tut, ist nichts anderes, als daß er den Gedanken des jüdischen Nationalismus in seiner zionistischen Form theoretisch konsequent auf die Lage der Juden in Deutschland und in der Diaspora über- 11aupt anwendet und das Problem ihrer politischen Stellungnahme zu den Angelegenheiten ihrer Diaspora-Länder lediglich vom Gesichtspunkt des jüdisehen Volkes in Palästina auffaßt. Dies ist ideologische Konseqiienzmacberei (nicht wie Herr Dr. Nathan meint, •ausgesprochenster und rücksichtslosester jüdischer ״Nationalegoismus“) und daher unhaltbar, denn politische Fragen, 1®Probleme des realen Lebens sind nicht mit Hilfe einer rein Iogischen Ideologie zu lösen. Etas jüdische Volk lebt nicht in Palästina; in absehbarer Zeit!wird auch iiitftTääs gähze 'VdlkjTricht einmal die Majorität 'dort' leben. Die Diasporaform der jüdischen Existenz wird lange Zeit hindurch bleiben, und man kann überhaupt daran zweifeln, ob sie je ganz verschwinden wird. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für das Diasporajudentum, seine Lage in der Diaspora, d. h. sein Verhältnis zur Politik und Kultur der anderen Völker, grundsätzlich und positiv zu regeln und zu bestimmen. Das ist unmöglich, wenn man der Diaspora-Existenz jegliche Berechtigung abspricht und das ganze Diasporajudentum nur gewissenmaßen als noch nicht in Palästina, als ״unterwegs“ betrachtet. Dies mag eine rein theoretische Interpretation und Ausdeutung der zionistischen Idee wohl tun. In Wirklichkeit aber ist der Zionismus htute, 22 Jahre nach seiner Entstehung, nicht ausschließlich die Palästinabewegung des jüdischen Volkes; er hat sich im diesen Jahren zur jüdischen Nationalbewegung schlechthin erweitert; er veriritt die Interessen des jüdischen Volkes nach allen Hinsichten. Er hat die Diasporaarbeit als konstitutiven Bestandteil seiner Tätigkeit anerkannt; er vertritt für die Friedenskonferenz neben der Forderung Palästinas auch diejenige der nationalen Autonomie in der Diaspora. All dies wäre unberechtigt und unbegründet, wenn man ihn nur als die Palästinabewegung ansehen wollte. Auf Grund einer solchen Auffassung, die jeden Juden nach Palästina verweist und sein Verbleiben in der Diaspora als eine ״Schuld“ betrachtet, ״deren Konsequenzen er sich selbst zuschreiben muß“, sind die Diasporafragen des Judentums nicht zu lösen, da sie nicht einmal als berechtigt, als moralisch legitim anerkannt werden können. Der Zionismus verlangt Palästina als Zentrum des jüdischen Lebens; aber er anerkennt praktisch die Diaspora als eine Form der jüdischen Existenz. Er weiß, daß für lange Zukunft hinaus die Majorität des Volkes in der Diaspora verbleiben wird, und er ist nicht ideologisch so verrannt, politisch so unreif, das Dasein dieser Majorität lediglich vom Standort Palästinas regeln zu wollen, diesem Dasein selbst jedes Eigenrecht abzusprechen und es nur als eine Station nach Palästina zu betrachten. Vielmehr will er durchaus das Diaspora-Dasein des jüdischen Volkes grundsätzlich und dauernd regulieren. Daraus ergibt sich aber mit unabweisbarer Notwendigkeit — was auch Erich Gobn zugeben wird — daß die Beziehungen des Diasporajudetn zu dem Staate, in dem er lebt, positiv geregelt werden müssen. Es kann niemand dauernd in einem Staate kben, ohne das 'Recht zu haben, positiv an den Staatsdingen teilzmiehinen. Er nimmt teil am Geschicke des Staates, an seinem Glück und seinem Unglück, an seinem Aufstieg und seinem Niedergang und er sollte nicht mitwirken an seinem Aufbau und seiner Entwicklung? Gewiß ist die Beziehung des Nationaljuden zu seinem Diasporavaterlande eine prinzipiell andere, kompliziertere, problematischere als die etwa des Deutschen, des Franzosen oder Engländers zu seinem Lande. Sie ist getragen von der ganzen Problematik und Schwere der jüdischen Existenz im Galuth, von der Dualität dieser Existenz, von ihren Krisen und Konflikten, ihrer Unausgeglichenheit und Tragik. Aber diese Probleniatik ist Realität, lebendige Wirklichkeit und nicht zu beseitigen durch die radikale Ideologie Erich Colins, die sie einfach wegdekretiert und die Fiktion eines Palästina im Galuth schafft; noch weniger aber zu beseitigen durch die fiktive Phraseologie des Herrn Dr. Nathan, der die jüdischen Bindungen des Juden leugnet und die viel schlimmere Fiktion einer alleinigen Verbundenheit mit seinem Diaspora- Vaterlande proklamiert. Sagt Erich Cohn: wir haben kein Recht, uns an den deutschen Dingen zu beteiligen, weil wir eigentlich nach Palästina gehören, und unser Dasein liier unsere Schuld ist, so wird dies durch die Wucht dpr Wirklichkeit widerlegt. Die Existenzform eines ganzen Volkes, seiner überwältigenden Majorität für lange Zukunft hinaus, kann nicht normiert werden durch eine solche Auffassung als Schuld, durch eine solche Selbstverneinung. Und das Leben und die Realität ist uns überzeugender, ehrwürdiger, heiliger als alle Ideologie. Kommt aber Herr Dr. Nathan mit den Schlagworten vom ,,Gastvolk“ und ״Wirtsvolk“ und erklärt: wir müßten dieselbe Be- Ziehung zu Deutschland haben wie jeder Deutsche und beteuert, er habe nur ein Vaterland und spricht uns andernfalls das Recht ab, in Deutschland zu leben und gleiche Rechte zu verlangen, so erwidern wir: Dadurch, daß man eine Problematik bestreitet, überwindet man sie nicht. Unsere Lage ist nicht wie die des Deutschen, Franzosen, Eng-!anders. Wir haben zwei Vaterländer. Wir leben in zwei Sphären, sind Glieder des jüdischen Volkes mit seinem Zentrum in Palästina und Glieder des deutschen Staates mit dein Vaterlande in Deutschland. Dies ist unsere Loge, die wir bejahen, die wir offen und ehrlich vor aller Welt bekennen, und wir gestatten keinem, uns zu zwingen, diese Wirklichkeit zu verleugnen und Lügner zu werden. So wie wir sind, sind wir Bürger und Glieder des deutschen Staates; haben positive und innerliche Beziehungen zu ihm; sind in seine Geschicke verflochten und für seine Entwicklung mitverantwortlieh; darum nehmen wir Anteil an seinen Angelegenheitern mit vollen Rechten und vollen Pflichten. Deutscher Staat und jüdisches Volk sind nicht zwei sich ausschließende Sphären. Man kann nicht zwei Völkern angehören, und s׳o fühlen wir uns auch nicht als Glieder des deutschen Volkes. Aber deutscher Staat und deutsches Volk sind nicht identisch. Braucht man das heute, in der Zeit der Nationalitätenrechte, der Anerkennung der nationalen Minoritäten noch zu beweisen? Die Nicht- Unterscheidung der beiden Begriffe ist auch eine der irrtümlichen Voraussetzungen in den Gedankengangen Erich Cohns. Denn die Wählen zur deutschen Nationalversammlung sind nicht eine Angekgenheit des deutschen Volkes, sondern des»deutsehen Staates, wie alle politischen Angelegenheiten Staatsdinge sind und nicht Volksdinge. Weil wir Glieder des deutschen Staates sind, vollwertige und gleichberechtigte, haben wir ’das Recht, als deutsehe Staatsbürger wie als Nationaljuden an all seinen Angelegenheiten teilzunehmen. Daß sich im Einzelfalle besondere Konflikte für uns aus unserer Zugehörigkeit zur jüdischen Volksgemeinschalt ergeben können, ist richtig; generell und schematisch sind sie nicht zu regeln. Hier muß alles der Sicherheit des jüdischen Bewußtseins und dem Takte des Einzelnen überlassen bleiben. Man mag sagen, dieser Standpunkt ddr Doppel- Zugehörigkeit, der zwei Vaterländer sei theoretisch widerspruchsvoll. Er ist es nur, wenn man das jüdische Problem :nach dem Schema der nationalen Theorien der anderen, in normaler Lage befindlichen Völker lösen will. Dies geht nicht an. Wir sind ine Volksgemeinschaft von ganz besonderer Art; f fn 1 I