Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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GERMANIA JUDAJCA IMMt PtoUcrttai ־• 00 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nummer 2 Berlin, den 10. Januar 1019 0. Sch’bat 5679 XXIV. Jahrgang ie Orthodoxie und der Kongreß Die Bitwicklung innerhalb der jüdischen )rthodoxie in •Deuts chl a nd in der letzten eit verdient die dauernde Aufmerksamkeit aller atlonalen Kreise. Denn, mag es auch von ortho- 'oxer Seite gelegentlich bestritten werden, diese, ntwidchuig hat zu ihrem Ziel eine Neuorientieung 4er Orthodoxie. Das vorläufige Ergebnis ist üe Anerkennun g des Volksgedankens iurci die Orthodoxie, ln vielen Resolutiolen und Erklärungen, in Reden und literarischen »abikationen anertcannter Wortführer der jüdiich« Orthodoxie hat sich* diese vollkommen tif den Boden des jüdischen Volksgediankens geteilt; ja, so sehr hat sie sich diesen Gedanken icreits angeeighet, daß sie es nicht gern hört, venn man ihr sagt, daß sie etwas neues damit •etam hat Vielmehr erklärten die Wortführer der »rthodoxie, daß diese immer auf dem jüdischen 1 olksgedanken basiert habe, und es für sie keiner Entwicklung bedurft hätte, um diesen Opanken ׳u akzeptieren. Die hat gewiß seine unbestreitbare öehiigkeit, »fern es für das traditionelle Judentum gilt, das natürlich immer sich als Volk empfunden tat und sich dessen bewußt war. Hingegen kann licht bestritten werden, daß die Orthodoxie in Jeutschlwd durch lange Jahre und Jahrzehnte hinmrch in dieser Hinsicht eben nicht innerlich wirkch dem Wesen der ungebrocbnen jüdischen raditrcn entsprochen, sondern, westeuropäisch simuliert, den Volksgedanken abgelehnt hat. Vir könnten genügend Aeußerangen führen-!er Männer und Zeitungen der deutscb-j üdischen Orthodoxie aus früheren Jahren zitieren, in denen liese Ablehnung zu unzweideutigem sAlusdrudc gecommen ist. Wir wollen es nicht tun, weil dieser Jtrert über das Gewesene nur historische Bedeuung hat, aktuell ata־ unwichtig ist. Für jetzt aiügt uns die Tatsache, daß die Orthodoxie den Volksgedamken akzeptiert und sich als ein Teil er.jidisebefi Volkes ' In 4 ־er Ramsen 'Welt «Wirt. Tätliche "ist, wi ist,• von NiefaiiafcHfft von natftaiMte'fed ztonisi! «ife die Wichtigkeit und ,der' innert י Wert des rthodoxen Judentums veritaant worden; und Im- 1er• Iuf־-d» nationale Judentum a׳uf der Suche hdesgenossej! .und ‘ Helfern in erster Reihe uf die״orthodoxen 'Kreise gerechnet. ׳Es war ihm in Schmerz gewesen, daß es Jahre hindurcb in lepieMdiaft, zum Teil im Kampf gegen die Orthoende stehen mußte. Nun,' da die Orthodoxie sffch!uf den Boden des jüdischen Nätionalisitas gehellt hat, begrüßen ■es alle national-jirdischen Kreise it lebhafter Freude tmd heißen diese Bundesgeassen willkommen. * Um was es sich für die Orthodoxie nunmehr andelt, das ist, aus dieser U «*Orientierung dieKonequenze« zu ziehen. Die Orthodoxie in den!deren Ländern hat di« bereits getan, was sich erster 'Reihe darin gezeigt hat, daß sie Hand Hand *mit den nationalen, vor allem den zionistihen Kreisen auf tritt. Für die deutsch-jüdische rthodoxje wird es darauf ankommen, gerade in en praktischen und politischen Folgerungen, die e aus der Bejahung des Volksgedankens ziehen ׳ird, 4t 'fegen, inwieweit sie das Bekenntnis zum Volkstum־ ernst nimmt. ״De» ZionUmwi erstrebt für du jfidiiche Volk die idMtfvnl einer IffentUcb-rechlUch gesicherten HefratlSUe tat Palästina." Baseler Programm. Die jüdische Orthodoxie in den anderen Laudem, in denen die jüdische Kongreßbewegung im Gange ist, hat sich dann auch ohne Zögern ihr angeschlossen. Sowohl in Amerika wie in der Ukraine wie in Rußland hat die Orthodoxie an den jüdischen Kongressen bzw. an den Wahlen sich beteiligt, und gerade das Beispiel des ukrainisehen und russischen Judentums!, dessen Orthodoxie doch die namhaftesten und bedeutsamsten Autoritäten des traditionellen Judentums in ihrer Mitte zählt, sollte jeden Zweifel in orthodoxen Kreis«* an der Notwendigkeit der Teilnahme an der Kongreßbewegung beseitigen. Dennoch schein®*1 innerhalb der deutsch-jüdisehen Orthodoxie noch solche Zweifel zu bestehen. Das Argument, mit dem die reservierte Haltung der orthodoxen Kreise zum Kongreßgedanken in erster Rahe begründet wird, betrifft den Charakter •und die spezifische Eigenart des Volksgedankens, wie ihn die Orthodoxie vertritt. Nicht als Volk gleich allen anderen Völkern, nicht als Nation unter den Nationen der Erde faßt die Orthodoxie die jüdische Gemeinschaft auf, sondern als einzigartiges und spezifisches Volk, dessen nationates Grundgesetz ihm in der Thora gegeben ist, als ״Volk Gottes“; und es scheint nun in manchen orthodoxen Kreisen die Auffassung vorzuherrschen, als ob die Reinhaltung dieser besonderen Art des jüdisch«! Voflssgedankens die Scheidung von den anderen Juden, die auf dem Beden des jüdischen Volkstums stehen, verlange und damit die Anteilnähme an der Kongreßbewegung unmöglich mache. Gegen diese Auffassung gilt es, von vornherein mit aller* Energie Front zu machten, und wir halten es für unsere Pflicht, die jüdische Orthodoxie davor zu warnen, sich auf diese Bahn zu begeben. ES'.wiie. .geradezu absurd, wenn die Alaeptiening Ke Gelegenheit, bei der sich dies in der nach- ■en Zeit zeigen muß, ist.cfie jüdische .Konre ß be w egung. Es müßteds selbstverstÄdldi ׳scheine«, daß die Orthodoxie an dieser^jBewe- «ng. .fallt alte Kraft teilnehmm wird. NtchÄ am-?res-bildet «Me Basis und das Kriterium.der Teil- Arne «u der Kongreßbewegung, •als das Bsfceunts zum jfdteehen Volkstum. Welche große l|jstori« :he ftefe1.ti1t1g der AvÄche jüdische Kbäjgreffe *danke'und der jüdische KjDpgw»ge-! d«e ...in DentsÄfe im besonderen hat,' ist beics .h&u£jg genug >.*« dieser Sferite gesagt waren. Mul. «Mit. als .ganz. ^bstv^ÄpÄh .•scheine«,, ׳ ■#1׳«Ie dfe.t8c&«jWi9ÄK Chttndaxii, ג dodi d«1'jiäi§€he Volkstum bejaht, in diese Be- ׳:gütigfatf de»; Ihr •aAmtfeide» *Elnft»! lh'r׳ÄpCfl|an^n;.««l in• der kommoden Konatiante des jüdischen Volkes, <dic #t jüdisdhe.Weib $sf. vertrete» *u, Vota'wlMpta und m bejahen, süÄlern sie Ä verleugnen und' eine neue tfeiflung irmerhatlb der jüdischen Gesamtheit vorzunehmen. Wenn jüdi■*' saies Volkstum mehr als ein teeres? Wart• sei« .f©fi, wenn « praktische und’ politische Bedeutung haben soll, so bedeutet es docli in. erster Reihe die unzerstörbare Einheit der ganzen Volksgemeinschaft. Der Volksgedanke als Mittel der Separation, das wäre in der Tat de«? Gipfel der Verkehrtheit und eine Verzerrung dieies Gedankens, wie sie•,, schlimmer 1Ucht gedacht werden kam. Gewiß, wir geben zu, daß es eine ganz besondere Auffassung des jüdischen Volksgedankens ■ist, die' dem orthodoxen Judentum m Grunde liegt. Ata glaubt denn %ie Orthodoxie, daß sie allein eine besondere Auffassung des Volksgedankens hat? Es ist ein Irrtum •in orthodoxen Kreisen, wenn man glaubt, der Zionisfams habe als solcier eine bestimmte andere Auffassung des jüdischen Vofcsgedanfaro oder vorpflichtet, gar seine Mitglieder zu einer bestimmten Auffässimg desselben. Es gibt innerhalb des Zionismtis ebenfalls die verschiedensten Fornmlierungen 'des jüdischen VoHcsgeriauleeas und erhebliche Kreise, besonders der ■atonjstlscbett Jugend und der zionistischen Intellektuellen, 'hassen diesleft Gedanken prinzipiell in einer ätoichen Weise auf wie es die Orthodoxie tat; für weite Kreise des Zioolsmus Ist das jüdische Volk auch eine Gemeinschaft ganz be»ndener Art, dar Ä%«fti^;vVoir, auf das sich'die Tbeorie des westeSiopijhlta Naiio- 0.81««% ja die Idee der we8te*®pii«lie«. Nfeoa fc<ti»eifaÄs ohne weiteres übertragen läßt. Ata all dies s«!4fijgifassunge«, #e vertrete»! wende« und •es *wäre doch׳' wahrttcb 'absurd, ,wenn die vwv, ad#«*®0*«. 'Arjen des jüchfeim^ V^spdankens"’ 35wfcd»»: ihre« ״Vertretern ״zu •Trö1ma1^n*(»n1e«ten wiWte, «daß am lf«de ebwoviefe ,1»« jfidis!d1e Volta «tetdton wtota», als es Afc#a!g0i1gfw«4s«1 6es jftdkchen Voteg#art»ns gibt. Ueta ail dl« •in der Konzept!©» des Jüdisch« Volks» ft•», hinwegbesteht-'<faÄ die u-mscMtteiiiie tti,d'11»tatachithe• Enteit des jüd'iichtei Vota•. Ö, 'seine', Sfeie, zu eptscheita», '• welcher. Art m def ■!idiwie .es als die Einheit aller Juden, die sichals Glieder des jüdischen Volkes empfinden. Es ist so aus diesem Grunde schon inkonsequent und unberechtigt, wenn die jüdische Ortho* doxie, nachdem sie den Volksgedanken akzeptiert hat, sich gegen den Anschluß an den Zionismus sträubt, der. keinesfalls, wie von orthodoxer Seite zur Begründung dieser Haltung immer wieder gesagt wird, eine besondere Art des jüdischen Volksgedankens vertritt. All diese Behauptungen von orthodoxer Seite stellen, wir können •es nicht genug wiederholen, wilkürlicht* Interpretationen des Zionismus dar, zu denen wir Nichtzionisten keinesfalls als berechtigt anzuerkennen vermögen. Ke allgemeine Grundlage der zionistischen Idee besteht ausschließlich in der Auffassung des Judentums als Nation und der Forderung Palästinas als des natio« nalen Zentrums’für diese Nation. Einzig dies macht den Zionismus aus, nichts anderes! liegt in «teer Ideologie und seiner Politik begründet. Und es besteht » nicht der geringste Grund für einen orthodoxen Juden, der das jüdische Vo’kstum bejaht, sich gegen den Anschluß an den Zionismus zu wehren. Welcher Grtuid aber könnte nun gar die Orthodoxen davon abhalten, sich an der jüdischen Kongreßbewegung zu beteiligen? Diese Bewegung ist keine Partei, ist keine' Organisation, sofldern ist ein Zusammenschluß all derer, die sich zum jüdischen Volke bekennen, um eine Vertretung des jüdischen Volksinteresses in Deutschland und schließlich eine Repräsentanz des gesamten jüdisehen Volkes in der ganzen Welt zu schaffen. Wird die Orthodoxie behaupten, auch die jüdische Kongreßbewegung basiere auf einer bestimmten Auffassung des jüdischen Volksgedamtoens, die nicht die ihre ist? Und was wird sie zu dem Beispiel der Orthodoxie in Rußafnd, in der Ukraine und in Amerika sagen, die ohne weiteres sich an den dortig«! jüdischen Kongreßbewegung«! beteiligt hat? Es gibt wahrlich keinen berechtigten Grund für ein etwaiges Abseitssf^hen der Orthodoxie in $!£״ Ko« jsrcßbo•*״® x »geh jetzt, ■nachdem sie dm Vkrfksgedanben bejaht, noch immer nicht eine wahrhaft großzügig« und gesunde national-jüdische Politik treiben will. All« wir glauben nicht, daß sie abseits Stehen könnte, wir glauben nicht, «daß sie nicht erkennen »ite, v«! welch historischer Bedeutung die Kongteßbewegung ist, und daß sie aus irgendwelctai eigenbrödlerischen Motiven von sich weisen softe, an dieser großen, historischen Bewegung teüztatehmen. Begreift die deutsch-jüdische Orthodoxie, nicht, was die Orthodoxie in anderen Ländern in den letzten Jahren allerdings schon begriffen hat, daß 'es Mir dauernder Fehler im letzten Jahrhauidert War, bei all® großen Be Wiegungen innerhalb des Judentums abseits gestanden zu haben? (Wir!erinnern an die Jiaskalah, den Zionismus 11. a.). Nur so ist cs gekommen, daß sie in all diesen Bewegungen ihren Einfluß verloren hat und diese datier eine Entwicklung genommen haben, die sie nachträglich mit Schrecken ■erfüllt bat. Diesen Fehler darf die Orthodoxie nicht wieder begeben, wenn sie wirklich positiv jüdische Politik machen will. Sie ist hi der Lage, bedeutsam«! Einfluß auszuüben untifes ist ihre Pflicht, auf die jüdische 'Gesamtbeit eimzuviriken. Es ist' die Auffassung der , jüdischen Tradition,. daß jeder Jude für den anderen verantwortlich ist, und es ist alles andere als jüdisch, wenn ein traditioneller Jude sich damit begnüge« wollte für sich traditionell zu sein, ata» sich im übrigen um die anderen zu kümmem. Aus den»■ Odft und Wesen der jüdischen Tradition heraus Ist die jüdische Orthodoxie \ppMcbtet, an allen positiven und großen Bewegun» gm innerhalb des jüdischen Volkes mit alleil Kräften Anteil, zu nehfanen. lAbseitsstehen ist Sünde, Sunde nicht nur vom Standpunkt der nationalen- Pofttik gesehen, »«lern betrachtet tanter dem Gesidrtspimkt der jüdischen Tradition. Oder befürchtet <Üe Orthodoxie Irgendweld«: Majörfeteung oder Vergewaltigung durch den Kobgroß? Brauchen •wir ihr erst auärüddidi zu viersfchera, daß■ solche Möglichkeiten von vornherein ausgeschlossen sind? Sdbstvetständ&db wird de! Kongreß über nichts entscheiden, was mit retigiösen Dingen irgendwie zu. tarn hat und wir Ztetjsten wiren die fetzten, die unsere Hand dam her*