Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 56 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 432 die. jüdisch« KonßreßbcwegTmg selbst ist keinesfalls I bereit» zu Ende» sondern steht vielmehr {.׳,'«radc erst an ihrem eigentlichen Aufmsfjf. Bekanntlich hat selbst in Amerika tiiui Rußland der jiulisclie Kongreß noch nicht stattfgcfunden, und in den anderen Ländern beginnt erst die Bewegung, •so in Polen und Litauen und den Ländern des früheren Oesterreich. Die nächsten Monate werden erst die faktische Verwirklichung des Kongreßgedankens in den verschiedenen Ländern bringen und erst wenn die Oren/en, die der Kriegszustand geschaffen hat, gefallen sind, wenn die einheitliche Verbindung der Judentiimer aller Länder wieder restlos aufgenominell sein wird, wird die Krönung der Kongreßbewegung durch den Zusammentritt des aliweltliehen jüdischen Kongresses möglich sein. Erhebt jetzt der deutsche Zionismus für das deutsche Judentum die Forderung des Kongresses, so tut er damit nichts anderes, als daß er sich einreiht in die große Bewegung des jüdischen Volkskougresses, tut damit nichts anderes als daß er den Anschluß findet an das jüdische Leben aller Länder. Dieser allweltliche Gesichtspunkt scheint mir der entscheidende Gesichtspunkt für das Vcrstündnis und für die Begründung des jüdischen Kongreßgcdaiikens in Deutschland zu sein. Lr ist cs selbstverständlich für die Zionisten, deren Gesarntpolitik und Betätigung immer von der Idee der Geschlossenheit des Judentums und' der jüdischen Solidarität getragen wurde. Er muß es aber auch sein für das gesamte deutsche Judentum, das wir zur Teilnahme an dein jüdischen Kongrell aufrufen, denn unter diesem Gesichtspunkt nmß es jedem deutschen Juden klar werden, was der jüdische Kongreß in Deutschland für die deutsche Judenlieit bedeutet: ihre Einfügung in den Organismus des Gcsatntjudeiitums, ihre Soli• darisicrung mit dem Judentum aller Lander. Das deutsche Judentum hat im Kriege den Anschluß an das üesaiiitjudcntuin nahezu verloren. Das Judentum der Welt hat sich nationalisiert, das deutsche Judentum hat es noch nicht getan. Das Judentum der Welt hat seine Politik und seine Entschlossenheit bekundet, gleich allen anderen Völkern der Welt bestimmte Forderungen für seine Zukunft zu erheben und selbständig nationale [Politik zu treiben. Das deutsche Judentum hat es, abgesehen von der Gründung der Viod, die aber nur ein leiser Anfang war, noch nicht getan. Dies ist also die momentane Situation der deutschen Judenlieit: daß sie den Anschluß an die Entwickelung des Gesaintjudeniums in diesem Kriege verloren hat, und dies ist die ungeheuere Gefahr dieser Situation, daß sic diesen Anschluß nicht wiedergewinnt.. Es ist klar, daß cs für jeden Juden, der sich als Glied der jüdischen Gesamtheit fühlt und überhaupt noch den Willen hat an der jüdischen Zukunft mitzuarbeiten und das jüdische Leben mit• zu leben, heute nichts Dringenderes gibt, als dahin zu wirken, daß das deutsche Judentum mögliclist »schnell den Anschluß an das Gesamtjudentmn gewinnt. Das kann es durch den Kongreß tu״ und nur durch den Kongreß. Rufen wir die deutschen Juden zum jüdischen Kongreß auf, so rufen wir sie damit auf, sich einzufügen in das Judentum der Welt, rufen sie damit auf, mitzuwirken an der neuen großen jüdischen Zukunft, deren Grundlage jetzt gefegt werden soll. Begreift das deutsche Judentum, was der jüdische Kongreß für cs bedeutet? Nicht ein« parteipolitische Frage steht zur Entscheidung, nicht einmal die Frage für und wider den Zionismus. Nicht interne Fragen des deutschen Judentums und das Problem seiner inneren Umgestaltung steht dabei in erster Reihe zur Entscheidung; um etwas viel Größeres, Hie). Entscheidenderes handelt es sich, um den An- Schluß des deutschen Judentums an das Gesamtjudentum, um die Bereitschaft des deutschen Jude״- tu ms rnit dem judentum aller Länder Träger der neuen jüdischen Zukunft zu sein, kurzum, wirklieh um die Zukunftsfrage des deutschen Judentums. Man versteht endlich noch ein Anderes, wenn man den Gedanken des jüdischen Kongresses in Deutschland unter dem angedeuteten Aspekt betrachtet: die Notwendigkeit und Klarheit der Basis, die ihm durch den Beschluß des deutschen Zionismus gegeben.wurde; teilnchmcn soll jeder an dem Kongreß, der ״im Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Volk an der Entwickelung eines lebendigen Judentums mitarbeiten will.“ Der jüdische Volks ge dan kc, das ist der Kernpunkt des Kongresses. Keine Eittzcifordertingen haben wir gestellt, auf die Voranstelliuig aller parteipolitischen Propaganda haben wir vcrachtet, nichts anderes verlangen wir als das Bekenntnis zum jüdischen Volkstum. Kömidn wir wenige# verlangen? Dies ist ja eben der »Sinn und. dl« eigentliche Bedeutung des Kongreßgc- 11: - tt . li 1:, des ge.1 Auf welch.T Juden״;.» d . üvS JU e sieht ia <r i i 0 1 Jtl! Ai'l- 1!:!",..Ute r Gwainüvclt ü־',d;e11 Volks* a ja gar nicht mehr ic Wirklichkeit hui Judentum hat sich (lauken:'., daß ׳er die I: iutuk liL'ibeii'öarcn . »>! sich aber haue d;״ einigen, als auf der tums? Aber die Fra... zur Entscheidung, die ji'u sie bereits beantwortet, 1 in (diesem Kriege «ationalisiert,!tat dich .als Volk deklariert und .auf dem Beden des jüdischen Volks!•• tums geeinigt. Wie könnte also ein jüdischer Kongreß in Deutschland »stnttfindcn, der nicht, diese Basis akzeptieren würde? Ist der Sinn des jü* JIschen Kongresses in DeuUchland die Einreihung des deutschen Judentums in das Gesamt judentum, dann kann cs doch nur durch einen solchen Kongreß geschehen, der auf der Basis dnbcnifeii wird, auf der das Judentum heute .geeinigt ist, auf der die jüdischen K011gres.se in allen Ländern beruhen. Ein jüdischer Kongreß in Deutschland ohne die Basis des jüdischen Volkstums wäre | eine interne dentsdi-judrtdie Angelegenheit von Bedeutung für das deutsche Judentum aber ohne den großen historischen Sinn, den der wirkliche jüdische Kongreßgedanke hat und ohne jede Bedeuhing für das׳ gesamte jüdische Leben. Den jüdischen Kongreß verlangen und ihn auf den Boden des Bekenntnisses zum jüdischen Volkstum verlangen, ist im Grunde durchaus identisch, jede andere Zusammenfassung der deutschen Judcnheit hat nicht das Recht, die große Idee des jüdischen Kongresses für sich zu mißbrauchen. Ich glaube, wenn man unter diesem gesamtjüdischen Aspekt die Kongreßfrage betrachtet, dann wird e.s klar, daß der deutsche Zionismus keine dringendere Aufgabe hat, als den Kongreß zu organisicren, daß das deutsche Judentum keine dringendere Aufgabe hat, als an ihm teilzunelnneii und die Basis keine andere sein kann, als die, die ihm von uns gegeben worden ist. Denn, wie gesagt, nichts »speziell deutsch-jüdisches unterneiimen wir in der Kongreßfrage; was wir tun, ist nichts anderes, als die Verwirklichung dessen, was das Judentum aller Länder tut, als die Verwirklichung der Parole des jüdischen Kongresses für Deutschland. Als Mandatare des gesamten Zionistmi»«, als Beauftragte der jüdischen Gesamtheit fordern wir den jüdischen Kongreß in Deutschland auf der Basis des Bekenntnisses zum jüdisclicu Volk. Im Namen des Gc.samtjudcntum»s fordern wir das deutsch« Judentum auf, sich in diesem Kongreß selbst zu einigen und zugleich mit dem Gesaintjudcimim sich zu vereinigen. Kann ein Zionist nun noch bezweifeln, daß wir diese Pflicht haben, das deutsche Judentum dam aufzurufen und kann das deutsche Judentum noch Zweifel daran tragen, daß es die heilige Pflicht hat, in seiner Gesamtheit diesem Ruf Folge zu leisten? Nach um Goldrnaiiti, Auswanderung ,Wii w ׳nveran׳' und Kolonis Tag für Tag treffen Nachrichten ein, aus denen her• vorgellt, daß in ganz Osteuropa, vor allem in Polen und Galizien eine gewaltige Bewegung zur Auswanderung nach Palästina eingesetzt hat. Die Gründe dieses Dran• ges der jüdischen Masse«, aus ihren jetzigen Wohn• ländern lierauszukommen, liegen auf der Hand. Die furchtbaren Verwüstungen des Krieges, das Elend, .das über die ganze Weit ui״J ganz besonders über Ost• europn gekommen ist, die Judenverfolgungen, der ver• zweifelte Wunsch, dem furchtbaren Druck endlich zu entrinnen und eine friedliche Heimat zu finden — dies alles mußte in den jüdischen Massen den Wunsch wecken, sich der jetzt unter so günstigen politischen Aussichten arbeitenden jüdischen Palästina-Bewegung an- /״schließen. So sehr wir es begrüßen, daß in den jüdischen Massen das Palästina-Ideal in unverminderter Kraft wirkt, ja sich immer tiefer in die Herzen eingriibt, 60 intlteen wir den 110dl, um eine Katastrophe zu vermeiden, laut und deutlich erklären, 1. daß ein sofortiger Aufbruch aus den bisherigen Wohnstätten völlig zweckwidrig, ja sinnlos ist, da es gegenwärtig noch gar keine geregelten Verbindungen nach' Palästina gibt und vor dem Pricdeusserdutt auch nicht daran zu denken ist, daß Juden ans. den Lisher mit der iüiiefitö kriegführenden Landern in größerer Zahl hach Palästina einwandern können; 2. d,1ß auch unter den bergen politischen und will• schädlichen Voraussetzungen, d. ft. wenn die künftige Verwaltung Palästinas die jüdische Einwanderung aus allen Ländern mit größter Energie fördert, und wenn sehr große (birtier ::och nie.';{ Ireckfäe) Mittel zur Verfügung siehe״, die Auf nah mefähigkeit Palästinas natürliche Grenze.! hat, die nicht überschritten werden U״«;!, ehr..' t״״i auf, ganze Koloiiisatioiiswcr» gc;;..!»־cLt \.h\l. Päüstiaa hat in! gan. zci! vd00») qzm, d, .!,$ es ,»re;״»:dl v/lc ׳das* Königreich Belgien oder wie die I5‘. Poren. D.1 in P, '* größere Industrien N.־teilt künstlich 0־ die Einwanderung in den ersten ,Jahren keine allzu Umfangreiche sein. Die ersten Jahre d! s miiniichr liollrsitlidi mit voller Kraft ciusetze«den KoloniRahnne Werkes müssen da/.« dienen, die Mittel zu beschaffen, welche zur Kolonisation notwendig sind, die Landif.ige (d, 11.* den für die Kolonisation nötigen Erwerb großer Lämlerstreckcn) zu lösen, die nationalen oder privatwirt• schaftliclien institutionell zu ,schaffen, die für die |:r- Schließung des Landes erforderlich sind. Im Zusammen hang rnit all diesen Arbeiten wirrt selbstverständlich schon jetzt eine Einwanderung von Juden in erheblich grö ISerem Umfang, als es vor dem Kriege der Fall war, stattfincleii. Die Zahlen aber, um die es sich dabei handeln kann, sind nicht allzu hoch, bestenfalls kann es sich in den ersten Jahren um einige Zehntausend handeln. Sobald die ersten Vorarbeiten nbgeschlo-sen sind, muß unser Bemühe« darauf gerichtet sein, die Zahl der Einwanderer schon jetzt zu steigern, uml es. ist auch durchaus möglich, daß bei den ersten Erseliheßuiigsarbciten (Anlage von Straßen, Wegen, Bauten, Bali neu, Kraftwerken usw.) Tausende von jüdischen Arbv;ts■ ktriften Beschäftigung finden. Trotz allem aber muß gesagt werden, daß eine sofortige Masscneinwanderung von vielen Zehntauscmleii oder gar Hundcrttauscndcn ganz und gar unmöglich ist. Wenn im Osten in den nächsten Jahren der Drang zur Auswanderung weiter anhält, so muß diese nach dem Friedensschluß zum größten Teil nach solchen Ländern geleitet werden, wo rasche Verdienst möglichkeit für größere Menschenmengen besteht. Sicherlich wird Amerika, das die durch den Krieg seit •I Jahren unterbrochene Zuwanderung von Arbeitskräften bereits schmerzlich vermißt, in der Lage sein, einige Millionen frischer Arbeitskräfte auf/unchmcn, und so werden sich wohl auch mehrere hunderttausend Juden in den ersten Jahren wiederum nach Amerika wenden müssen, wmn die Lcbcnsvcrhültnissc im Osten ihr Verbleiben dort nicht gestatten. Je mehr das Koloiiisationswerk in Palästina fort- , schreitet, um so mehr wird die Aufnahmefähigkeit Palästinas wachsen., Es kann sein, daß nach einem Zeit• raum von etwa 10 Jahren, wenn inzwischen die landwirtschaftliche, verkchrstechnischc und industrielle Ent• Wicklung in Palästina kräftig vorwärts geschritten ist, auch dort Hiiiulcrttaiiscndc in verhältnismäßig kurzer Zeit eitiwandcrn können. Es muß aber mit aller Ent• scliiedc'iihcit erklärt werden, daß wir heute noch nicht so weit sind. Es wäre ein Verbrechen sowohl an dein jüdischen Volk wie an dem jüdischen Lande, wenn diese Wahrheit unausgesprochen bliebe und dadurch einer regellosen Massenauswanderung nach Palästina Vorschub geleistet würde. Enttäuschungen, Hungersnot und wirtschaftlicher Zusammenbruch des Palästinawerkes wären die Folgen einer solchen Schwei• getaktik. Den zionistischen Führern in allen Ländern, den Landesverbänden und Ortsgruppen liegt die drin* gende Pflicht ob, die Zionisten und darüber hinaus die breitest« jüdische ()Öffentlichkeit darüber zu unterrichteil, daß Palästina heute nicht imstande ist, als Asyl für Hunderttausende von auswandernden Juden zu dienen» Es ist ganz falsch, wenn behauptet wird, daß die Verbreitung dieser Erkenntnis den Abfall vom Zionismus zur Folge haben müßte. Die wirklichen Zionisten sind sich über die Verhältnisse mehr oder weniger klar. Die Zionisten kämpfen seit Jahrzehnten unter den schwic• rigstci! Verhältnissen für ihr Ideal. Sic haben dieses Ideal nicht aufgegeben, als die kulturwidrigc und kok)■ nisationsfeindliche türkische Regierung uns tmaufbörlieh Schwierigkeiten zu bereiten suchte und jede groß zügige Kolonjsationsarbcit verhinderte. Sie werden es ganz gewiß nicht aufgeben in einem Augenblick, da nie mächtigsten Regierungen der Erde sich anschicken, die Forderung des jüdischen Volkes auf Palästina an/ucrkennen und dem Koloiiisationswerk hilfreiche Hand zu bieten. Es ist ganz natürlich ur.d erfüllt uns mit Stolz und Freude, daß angesichts des großen politi• sehen Sieges der zionistischen Idee die jüdischen Massen von der Hoffnung bewegt sind, das Erstehen de« iü• disclicu Palästina noch mit eigenen Augen zu erblicken. Aber was in jahrzehntelanger mühsamer Pionierarbeit begonnen wurde und was nun in ganz anderem־ Ausmaß, mit ganz anderen politischen und wirtschaftlichen Aussichten geschaffen werden soll, darf nicht vom Wirbel der Zeitereignisse zerknickt und verwüstet werden. Das jüdische Volk, das Palästina wahrhaft liebt und üie Zionsidee im Herzen trägt, muß und wird verstehen, daß das neue Palästina ein gesundes, blühendes (ic 1t vcr* ir.ffen stma und nicht über werden können, so kann •*SSä ,sei! In kurzem beginnt ein neuer Jahrgang der ״Jüdischen Rundsdtau". Trotz der gtoßert Schwierigkeiten erscheint die ,Jüdische Rundschau" nunmehr zweimal wöchentlich und zwar zunächst ohne Erhöhung des Äboimementspreises. Wir bitten unsere Bezieher, das Abonnement auf die jüdische Rundschau* rechtzeitig zu erneuern, damit in der Zustellung der Zeitung keine Unterbrechung eintritt. Das Vierteljahrsabonnement beträgt in Deutschland Mk. 4.S0, int Ausland Mk. 6S0. Verlag der ,Jüdischen Rundschau“'