Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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< ■*•־£ .-״»11» ■?zsZ' X ץ ,•י־'׳ \\ 1 ׳i\"״״׳,'0 f, k n! i Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, S.#<״i1r.bcihc Sir.vHc 8, |£“ *übelst wödicntl. um Freitag. Abenn«n«»t bei <L״r Expedition «ml bei nl!*11 Pu•.:1׳',■ ־״■ vi«1tcl}!11rt, Mk. 4,50 in DcutsfMand, in Üeatnreicl%-Utv,;arn Kt. 8.—, im Ausland Mit, 6,5 j0gggffBm,\ ... . ד--_ Nummer 46 » Berlin, den 15. Novcn.ber 1913 Ami Ullr-.d CD, Ci5, Pc;*-’/-el:;:ento: Ikriri Nr. 17i>2. 15 5ו.ז״י:-.| Sri ף,!,':c 9«*,־ Mr. 155050. Astm:'7er» dio ־״- ekren ri־־.*r,t GO Ff. Yc־,:-ru״;~:r: ־r:\5aס/•20 «׳■ Kcd..V1Sr.a•:.־ •d.'..ri», 11. •rt - ,7 5u/9 A. Zil11• 3־—י.::" Cc:l-1rCÜt• — m-r.0 Petita j'ßcdia••.•׳.«,;■.. aagtfi״.n- ■ -•.:..'zmai ff•׳'־ ׳׳!>r ■^pnjmMwgtsL. ,׳!aw Die ״Jüdisdie Ruadsd1auu erscheint bis auf weiteres! ו 0 zweimal wöchentlich und 2war jeden Dienstag und Freitag. Redaktion imd Verlag. Revolution ln ungeheurem Umsturz hat in Wenige:! Stundet! und Tagen die Revolution in Deutschland cm System hiuweggcfc-gt, das in jahrhundertelanger Tradition, in starrer Gewalt und itn Denkc.1, Fühlen und Wollen mächtiger Volkskrei.se verankirl schien. Wie ein gewaltiges Erdbeben hat die Revolution in Deutschland vernichtet, was bisher Stiil/e der Gewalt war, und hat so den Durchbruch einer neuen Zeit vollfiihrl, in der so viele ״Renlpoliliker‘' bisher immer noch eine Utopie und das Uoie tmierle Ideal wirklichkeitsfremder Menschheitsbeglücket• sahen. Schwer ■11.11־ auch das jüdische Volk unter diesem System und seinen Wirkungen zu leiden gehabt. Es war nicht nur der politische und gcscllschaftliehe Antisemitismus, der in ihm seinen Hort und sein Boliwerk fand. Hs war das Wesen dieses System.'•, daß es ganze Gruppen und Schichten von Staatsbürgern zu entrechten .suchte und zu entrechten wußte und so auch die Juden zu einem Kampf um die Gleichberechtigung zwang, der den wählen Sinn ihre.; politischen und gesellschalt■ liehen Lebens verfälschen mußt.‘. Es ,bestand ein innerer Zusammenhang zwischen Idem Wesen dieses nun zertrümmerten Systems und dem Unrecht und der dauernden Vergewaltigung, die von seiten des offiziellen Deutschlands und seiner ,Vcrtretcr dem jüdischen Volk immer wieder angetan wurde. Der Kampf, der im Osten, in dem Deutsch-. lands Einfiuß besonders im Kriege maßgebend, geworden war, gegen die Unterdrückung d.r Eorderungen des jüdischen Volkes geführt werden mußte, ist hierfür eines der sprechendsten. Beispiele. Wir stellen noch mitten in der Revolution und können nicht absehen, in welcher Form sie ihre Erfolge befestigen und ihre Weiterartwickelung durchführen wird. Aber wir wissen und vortrauen, ׳daß ihr bleibendes Resultat ist, daß wiederum Ketten gefaben sind, die tlie Menschheit und auch das jüdische Volk schwer gedrückt haben. Diese Ketten sind für immer zerbrochen. Wir stehen in Beginn einer neuen Zeit, von der wir auch eine Erfüllung der Hoffnungen des jüdischen Volkes erwarten. Die Revolution hat in Rußland begonnen und dort den Zarismus zertrümüicrt. Damals begann der erste Akt der Bcfrehrng des jüdischen Volkes in Osteuropa. Da- Wals meldeten unsere russischen Brüder ihre nationaien Forderungen ,an und wir waren niit ihnen glücklich über die gewaltige Kraft des einheitlichen nationalen Wollcns, das sich im Judentum kundtat. Seither hat der Bolschewismus im Einvernehmen mit dem deutschen lmpcralismus, der Rußland zerschlagen hat, das russische Judentum schwer getroffen. Die Revolution in Deutschland leitet hoffentlich auch die Aufrichtung und Vercinheitlidumg des Judentums in Rußland ein. Uns Juden in Deutschland gibt die Revolution Aussicht und Hoffnung, daß wir von einem neuen dstnokratischen System, das im politischen und geistigen ,Wollen des deutschen Volkes Wurzel faßt und seine Stütze findet, Anerkennung und Sicherstellung unserer Forderungen erreichen werden. Die Demokratie und die Gercchtigkeit, in deren Zeichen .das deutsche Volk in die neue Zeit eintritt, sind uns starke, unüberkindliche Helfer. ,Wir begrüßen die Revolution1. ■Wir sind uns im Klaren darüber, daß noch «and® Kämpfe zu bestehen sein werden. Aber f« Kämpfe gehen unter ungleich günstigeren Bedingungen vor sich als jemals in der ,Vergangen- ר Vc!*1 i&AoO1 <613 k heit, Nunmehr s;>II auch im dcuirrclien Volk der I Demokratie die Herrschaft gehören und in Zu-! kutift will auch das den (.■־.che Volk von keiner Vergewaltigung wissen. Darum haben wir das Recht, auf die Zukunft zu vertrauen. Sie wird auch 1ms, dem jüdischen Volk, die Sicherung seiner Rechte, nicht etwa nur der bürgerlichen, sondern auch der nationalen, bringen müssen. Augenblicklich ruht alle politische Gewalt in den 1 landen der sozialdemokratischen Parteien Deutschlands, Wie die sozialdemokratischen Parteieu aller Länder ihre Stellungnahme zu den Forderungen des jüdischen Volkes und des Zionismus, besonders im Verlauf des Krieges, so geändert haben, daß inan mit wenigen Ausnahmen eine Unterstützung dieser Forderungen Von Seiten der Sozialdemokraten erwarten kann, so haben sieb, au eh unter den Sozialdemokraten Deutschlands immer mehr Männer gefunden, die Verständnis und Sympathie für den nationalen Befreiungskampf des jüdischen Volkes kundgetan haben. Auf solche Erscheinungen vertrauen wir, warn wir auch nicht vergessen, daß gerade in den sozialdemokratischen Parteien Deutschlands bisher die Ideologie der Assimilation herrschte. Die Sozialdemokraten der neuen 1 Internationale werden nicht mehr den Standpunkt eimielunen, daß das Bingen kleiner Völker tun ihre Freiheit׳ belanglos ist. Sie werden auch den Willen des jüdischen Volkes mit seinen 11 Millionen zu achten wissen. Stark ist auch unsere Hoffnung, daß die Revolution, die das Wesen der ganzen Gesellschaft und des ganzen Staates umgestaltet, auch das jüdische Leben revolutionieren wird. Die jüdischen Kräfte, die auch im Inneren des deutschen Judentums revolutionierend am Wcike waren, erfahren durch den Sieg der Freiheit und Demokratie eine uncrhörte und ungeahnte Stärkung. Wir wissen, daß die Bastionen nicht mehr zu halten sind, die gegen den Sieg des nationalen, demokratische Grundsiitzc verfechtenden Judentums aufgerichtet waren. Und wir wissen dies nicht allein. Die Revolution, die das deutsche Volk befreit und ihm den Weg zur Verbrüderung mit den freien Völkern der Erde öffnet, gibt auch den Juden in Deutschland die Möglichkeit und das Recht, von der NDemokratie des deutschen Volkes die Anerkennung und Unterstützung der 11 eiligen jüdischen Forderungen zu verlangen, die der Zionismus vertritt. Die Aufgaben der Juden in Deutschland, die sie angesichts des ganzen Umsturzes auf sich zu nehmen haben, sind außerordentlich. Das d.niokrntischc Ideal findet in ihnen feurige Vorkämpfer. Sie werden seiner Verwirklichung ihre aufbaue,iden" und organisatorischen Kräfte zur Verfügung stellen. Sie werden aber ^gleichzeitig darüber zu wachen und dafür zu kämpfen haben, daß nichts* ähnliches eintritt, wie nach den Revolutionen der Vergangenheit: der irre Taumel, in welchem die Juden ihre Eigenart zu verleugnen, ihr nationales Leben ׳zu vernichten suchen, um sich mir ja der ersehnten Gleichberechtigung würdig 7.1 erweisen, und darnach die furchtbare Ernüchterung und Reaktion, die immer auf das Scheitern dieser vergeblichen Versuche folgen mußte. Das jüdische Volk weiß, daß cs den. Anspruch auf seine vollen Rechte nicht mit der Aufgabe seines Volkstums zu erkaufen hat. Als freie Männer und als freies Volk nehmen wir unser Recht in An- Spruch itnu feiern mit denn befreiten Ucutsclien i Volk die neue Zeit. CI Hfia 1 fl־׳! a1■־ Abfn & i4 CLP C#4־’״ Xvk 14 44 rome in Westgaiizien ln ganz Wcstgalizien ist es zu entsetzlichen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung gekommen. An den Ausschreitungen nehmen auch die polnischen Legionäre teil. Jüdische Häuser und Läden wurden von den Polen gcplündert, jüdische Männer und Frauen erschlagen. Die unglaublichen Schreckensnachrichten, die jede Stunde von anderen Ortschaften Ln Galizien einlaufen, sind ein Beweis dafür, daß die polnischen Pogrome auf Juden in Galizien keine Zufaliscrschcinungcn, sondern von starker organisatorischer Hand lange und gründlich vorbereitet sind. Das ganze polnische Volk muß für die blutigen Ausschreitungcn verantwortlich gemacht werden. Die ewigen Versicherungen der Polen, mit den Juden iu Frieden leben zu wollen, müssen als niedrigster Zynismus erklärt werden, wenn in Wirklichkeit Leben und Gut der polnischen Juden vogelfrei ist. Wir geben im folgenden die Nachrichten wieder, die wir über die blutigen Exzesse erhielten; Großer Judenpogrom in Chrzanow. ״N o w y D z i e n n i k“ vom ׳?, November berichtetr Gestern kam es in Chrzanow zu einem furchtbaren Judenpogrom. Seit einiger Zeit bestand schon ,‘in Chrzanow infolge von verschiedenen antijüdischen Exzessen in den benachbarten Städten und Dörfern eine jüdische Selbst weh r., der es bis gestern immer gelungen war, die nach der Stadt strebenden Banden, die aus Bauern und Arbeitern der Nachbardörfer bestanden, zu vertreiben. Gestern Nachmittag wurde die jüdische Miliz von den. polnischen Legionaren, die den Sicherheitsdienst übernommen hatten, mit Gewalt entwaffnet. Sofort vcrstärkten sich die am Ringphlz zucammcnströmenden Banden und cs kam zu cr.icm schrecklichen Pogrom. Die Menge stürzte rieh auf die jüdischen Geschäfte und׳ alles wurde au ege raubt und ausgeplündert. Die PüriHenmgci dauerten von gestern nachmitta!■; 5 d 1־ c g a 11 r c N acht hindurch bis heute raofgcnr». N;:rit vollständiger Ausräumung der Ge sc hätte c: \!'v:r die jüdischen Wohnungen Er;•, von «;knen cf:; r״:I:ten ebenfalls ausgeraubt wir.'יד. Hie Fllinderer waren zumeist bewaffnet, tri'. r:.:?c'.־'׳.:"rrclca, ui; c״* vcranstalteten, wurden ,1 11־,.׳:.״ Pemo:1 c;n getötet zahlreiche Juda!1 wurden י" c!irrer oder minder schwer vc rwanilct. Sit geraubten Sachen wurden von Frauen und Mädchen, Angehörigen der Plünderer, auf Wagen fortgeschafft. Heute vormittags sind nach verläßlichen Berichten die Plünderungen fortgesetzt worden, 1*)ie jüdische Bevölkerung von Chrzanow ist unterdessen fast ausnahmslos geflüchtet. Die Flüchtlinge haben sich nach Krakau, Prag, Mähr.- O s t r a u und Wien begeben. Unter den Getöteten befindet sich auch ein dirist'.ichcr Bürger. Gewähreinänncr versichern, daß er von den Plünderern irrtümlieh erschossen worden.sei, wofür auch der Umstand spricht, daß die jüdische Bevölkerung ganzlieh ohne Waffen war. Bezeichnend ist, daß die jüdischen Geschäfte, die sieh in christlichen Häusern befinden, verschont worden sind. Die Christliehe Intelligenz verhielt sTch den Exzessen gegenüber neutral, auch die Legionäre legten sich nicht ins Mittel. Dieses Verhalten ist ganz rätselhaft, da diese Soldaten doch den ördnungsdienst übernommen hatten. Der Schaden, der. die jüdischen Geschäftsleute erleiden, wird auf m ehre re Millionen geschätzt. Heute reiste eine Deputation jüdischer Bürger nach Krakau und wandte sich hier an die polnischen Mili-׳ tärbehörden um Schutz und Hilfe. * 11 u 11 a 1 r a 1 •' » Mh itU _ v.iiau UildUSgCSCIi Nachrichten über Pogrome in Galizien. S ereigneten sich am "2. und 3. d. M. antisemrtisc! Exzesse in Tr zcbi n ia, Dobra bei Limanowa, Ko buszowa, Rozwadow, Majda-Kolb, Pc gorzycc, Alwcrnia, Skawina und Umgebun, sowie in der Umgebung von Zaborow, Dcmbic: Wieliczka, Brzesko, Brzozow, Gorek ur anderen. inciaet totgendes: Krzcszowice• Anf 4. veranstaltete eine Horde Bauern Frauen einen räuberischen Ucbcrfall rend "des Jahrmarktes auf die jüdischen Stände. Bande plünderte die jüdischen Stände vollkoi und stürzte sich nachher auf die jüdischen den, die gewaltsam erbrochen wurden. Nicpolomke. Seit Sonnabend breiten sich in Nicpolot u.rJ der Umgebung bedrohliche UeberllH Juden aus. Horden, bestehend aus 40—SO Per*