Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Oktober 1918 an in Deutschland l£k. 4.50, in Oesterreich-Ungarn Kr. 8.— , im Ausland Mk, 6.50. Vertag der ״jüdUdscn Rundschau“. Wilna — polnisch? Nach Mitteilungen, die uns aus pariamenlarischen Kreisen zugehen. wird im Schofle der deutschen Rciclisregierung ernsthaft der Plan erwogen, die Stadt Wilna (und damit selbslverständlieh das ganze Gebiet Grodno-Bialystok) in den neuen polnischen Staat einzubeziehen. Dieses Zugeständnis solle den Polen den Verzicht auf die austi'o-polnische Lösung leicht machen. Hier ist nicht der Platz, um zu untersuchen, inwieweit diese Vergröberung des polnischen Gebietes geeignet ist, das gute Verhältnis zwischen Deutschland und Polen sicherzustelicn. Glaubt man wirklich, daß eine Ausdehnung der polnischen Grenzen nach Norden oder Osten mit den polnisciicii Aspirationen ״Schluß machen“ wird? Mit allem Nachdruck muß aber hier darauf liingewiescu werden, daß die Auslieferung Wilnas an die Polen von den Juden der ganzen Welt als schwerste Beeinträchtigung der nationalen und sozialen Ex.isteuzmögliclikciten der litauischen Juden betrachtet wird. Durch die Lutwicklung im Osten ist der Kern und wesentliche Inhalt des jüdischen Volkstums zcrsplittm worden. Man mag zu dem Frieden von Brest- Litowsk und seinen Ergänzungen stehen wie man will, vom jüdischen Standpunkt aus stellt er die schwerste Bedrohung des ostjüdischen Volkstums dar, die sich denken läßt. Die Ukraine von Ruß- D:id abgetrennt, Bcßarabicn den Rumänen ausgcliefert, Polen von Rußland getrennt, Litauen und Kurland von Rußland getrennt, ein jüdischer Volksteil nach dem anderen aus dem russisch-jüdischen Volksganzen losgelöst, statt eines russisch-jüdischen Volkes von sieben Millionen fünf, sechs Volksspliiter kleinen und kleinsten!Umfangs. Das schlimmste Los hierbei, wenn wir von den beßarabischen Juden absehen, haben die polnischen Juden gezogen. Dieselbe Gewalt, die letzten Endes die Juden Rußlands von der Barbarei dcrlzarisiisclicti Herrschaft befreite, hat mehr als z.wei Millionen von ihnen unter die Unerträglichkeit des polnischen Joches gebracht. Was aber die Gestaltung der Beziehungen zwischen Polen und Juden anlangt, sa hat die deutsche Rcgicrungspolitik eine schwere Schuld auf sich geladen. Es mußte keineswegs so in Polen kommen, wie cs bereits gekommen ist. Audi in Litauen ist gewiß vieles zu bemängeln, mH wir haben nie ein Hehl daraus gemacht, daß vir gegen sehr vieles, was in Ober-Ost geschah und was nicht geschah, stärksten Widerspruch erbtfoen müssen. Allmählich aber hatte sich hinsichtlich Litauens bei der deutschen Verwaltung dne Tendenz licrausgcbiklet, die auf die Rcspektkrung der jüdisch-nationalen Forderungen hinaus- 'id. Diese Politik beruhte auf der richtigen Ueber- Zeugung, daß wenn überhaupt ein selbständiges *-'tauen geschaffen und!lebenskräftig gemacht ,׳verden soll, cs ein Nationalitätenstaat sein muß. Bast sicht cs so aus, als ob heute nicht mehr die Rede von dieser Lösung ist. Grodno und Bjalyst°k sind, wie es scheint, den Polen bereits fest versprochen, das größere national gegliederte Litauen würde damit aus der Diskussion ausschciden. ßie Erfahrungen, die wir mit den Polen gemacht haben, können es uns nicht ab citt Glück betrachten Dssen, daß nunmehr auch die Juden von Groduo u,|d Biaiystok der Segnungen der polnischen Herrs^aft teilhaft werden sollen, und wir müssen aus diesem Zuwachs des polnischen Staates erst recht die Notwendigkeit herleiten und entschlossen ver- *echten, daß die nationale Zukunft der polnischen ״Der Zloiilsmos c?;fvc*D <1גי J". " die Sc!1e״ct3ä «I.ic.7 CfG.’-LItli-roc!.l"-’\ ,״ HelrnsKUie in FaUSjL'r.a.״ Dncclr.r L Juden sichergestellt und von den Mächten garantiert wird. Wir haben vom ersten Augenblick an die Errichtung des polnischen Staates sympalhisch begrüßt und haben uns darin eins gefühlt mit den Juden Polens ebenso wie mit denen der ganzen Welt. Die kurze Geschichte des neuen Polens hat uns aber bereits gelehrt, daß wir in Polen nicht auf Anerkennung unserer nationalen und kulturellen Notwendigkeiten, ja viel weniger als dies, nicht einmal auf politische und soziale Gleichberechligung mit Sicherheit!rechnen können, daß die Polen mit brutaler Gewalt jede Möglichkeit eines brüderlichen Zusammenlebens der beiden Völker zu ersticken suchen. Wir wissen darum, daß! nur die dem Schutze der Völker Unterstelite Anerkennung unserer Forderungen den Juden in Polen eine gedeililichc Entwicklung inr neuen polnischen Staate gewährleistet. Und wir sehen daher mit großer Besorgnis auf jede neue Eingliederung von Juden in das polnische Gebiet, so lange nicht diese Garantien gegeben sind. Damm berührt cs uns auf das tiefste, daß nunmehr auch Wilna — Wilna, das mindestens so sehr jüdisch ist wie es polnisch ist — den Polen ausgeliefert werden soll. Das litauisclie Jerusalem, die Perle des jüdischen Volkstuins, der Schatz jüdischer Ucbcrliefcrung, der Hort jüdischer Kultur und aufwärts strebender jiidischcr Entwicklung, soll in die Gewalt des polnischen Reiches kommen, dessen judenvernichten* des Programm eben erst der Generalsekretär des polnischen Regentschnftsrnfes in deutschen ,Zeitungen stabilisiert hat. Ali unser jüdisches Einpfinden sträubt sich gegen diesen Gedanken, und wir wissen, daß das ganze jüdische Volk einig ist im entschlossenen Ablehncn dieser Möglichkeit — draußen in der Welt ebenso •wie in Litauen selbst. Die Juden Wilnas sind nicht gewöhnt, unterdrückt zu werden. Sogar die russische Autokratie mußte das litauische'Judentum׳ schonend behandeln. Und mit dem litauischen Volke sind die Juden immer ausgezeichnet atisgckommen. Zum Beweise dessen brauchen wir nur an ihr gemeinsames Vorgehen bei den Dumawahlen zu erinnern. Sogar die Be- Ziehungen zwischen Polen und Juden waren in Wilna immer auf einen ganz anderen Ton gestimmt als in Warschau. Wird dieser Zustand noch bleiben, wenn die Warschauer Machthaber mit dem ganzen Gewicht ihres Judenhasses beherrschenden Einfluß auch in Wilna bekommen werden? So wie wir die Errichtung des neuen polnischen Staates begrüßt haben, so haben wir uns sympathisch zu der Verwirklichung der litauischen Unabhängigkcitswünsche geäußert, die in dem gcplanten neuen litauischen Reiche ihren Ausdruck finden sollte. Dies umso mehr, als gerade hier die beste Möglichkeit für das auf der Grundlage der Anerkennung der autonomen Rechte jeder Laudesnatkm beruhende gute Verhältnis des jüdischeu Volkes zu anderen Völkern gegeben schien. Wenn heute der Staat Litauen in einer Form errichtet werden soll, die ihn fast ohne Juden läßt, d. 11. wenn Wilna ebenso wie Grodno und Biaiystok nicht mehr zu Litauen gehören sollen, so haben wir nur die eine Forderung nufzustcllcn, daß! diese Gebiete, insbesondere aber Wilna, wieder zu Rußland zurückkommcn, zu Rußland und zu dem großen russischen Judentum. Denn wir zweifeln nicht daran, daß sich die Forderung der Anerkennung unserer nationalen Rechte in Rußland durchsetzen wird. Wenn es nicht möglich ist, den litauischen Juden in einem litauischen Nationalitätenstaat den Schutz ihrer nationalen Forderangen zu sichern, so soll ihnen die Möglichkeit gegeben werden, zusammen mit ihren Brudefn in Rußland, in gemeinsamer Einheit sic schützend und von ihnen geschützt, sich diese ihre Forderungen in Rußland erkämpfen zu können. Die amtlichen deutselien Stellen haben cs an Erklärungen nicht fehlen las.־cn, in denen sic zum Ausdruck brachten, daß sic ,geneigt sind, den poliiischen Postulatcn des jlitlk cucn Volkes entgegenzukommen. Der Fall Wilna l;cr!ntc eir.cn”Prüfstein dafür bilden, ob da;? jüdische Volk zu diesen Zusagen Vertrauen haben . kann.;3 Vcl'4 .«rlca Die Krise im Jüdischen Nationalrat in Rußland Der Jüdische Nationalrat, der berufen war, vor• übergehend den Jüdischen Kongreß, der infolge der Zerstückelung Rußland; nicht zustande kommen konnte, zu ersetzen, war vom ersten Tag seines Entstehens an auf innere Hemmungen gestoßen, die nnüberwind bar zu werden drohten. Der Nationalrat war bekanntlieh nach einem Modus zusaninicngesCtzt, der allen Parteien eine Vertretung der gleichen Stärke zuge• stand, die sic auf dem Kongresse gehabt halten. Die Einberufung des Kotigre-s. s hatte s׳ch nämlich erst dann als unmöglich erwiesen, als bereits die Wahlen über all slattgefuiulen hatten und die Wahlergebnisse ver• Öffcntlicht worden waren. Das Organisationskomitec, das zusammen mit den in P ct c. r s b u r g cingctroffencn Delegierten des Kongresses die Gründung des Provisorischcn Nationalen Rates von 70 Mitgliedern bc• schlossen hatte, gestand den Zentralkomitees der einzelnen am Wahlkampfe beteiligten Parteien das Recht zu, den Nationalrat in dein Verhältnis mit Mitgliedern zu beschicken, in dem sie Delegierte zum Kongreß durdigcfülirt hatten. Die Stärke der zionistischen Fraktion innerhalb des Nationalratcs - dabei hatten die Zionisten bekanntlich aut manche der ihnen?!!kommenden Sitze 1m Inter esse des Zusammenschlusses der Parteien zugunsten der schwächeren Parteien verzichtet — war von Anfang an für die nich/ionistisdien Parteien ein Stein des Anstoßes. Die Ofensivc gegen den Nationalrat erüflnetcn die sozialistischen Parteien. Die Bundisten erklärten, die gegenwärtigen Verhältnisse ge■ statteten keim׳ gemeinsame politische Tätigkeit aller Parteien, solange nicht der vom Volke gewählte Kon■ grell selber zustande gekommen sei. Die S. S. und Poalc-Zion blichen ebenfalls mit dem Modus der Zusammensetzung unzufrieden. Die ‘ Poalc-Zion hatten die Einberufung der Provinzmitglieder des Kongresses, die noch zur Zeit erreichbar waren, verlangt und wollten ihnen den Beschluß über die Schaffung der provisorischen politischen Repräsentanz überlassen scheu. Das Re• sultat war, daß die zwanzig Sitze der sozialistischen Parteien unbesetzt blieben. Die 50 Delegierten, Vertreter der Zentralkomitees der 5 bürgerlichen Parteien — Zionisten, Orthodoxe, Volkspartci, Volksgruppe und demokratische Gruppe — erklärten sich als Nationalrat. Zum Vorsitzenden des Präsidiums wurde der zionistische Vertreter M. S. Aleinnikow gewählt. Aber auch die Volkspartei, die innerhalb des Nationalratcs geblieben war, die aber dort eine kleine , י v* .יי־ v* ' v״vj *י« tionalratcs unbefriedigt. Einige der bedeutenden älterer jüdischen Persönlichkeiten, die während der Wahlen zui Konstituante und zum Kongreß, als eine Partei flaggt unentbehrlich war, sich der Volkspartci angeschlossei hatten, hatten inzwischen, nach der englischen Dekla ration, das neue Lager verlassen und sich den Zionisten an geschlossen (Sch. R o s c n f c 1 d, Pr, C o r a 1 n i k, Dr. Ch D. H u r w i t z, B. B r u z k u s) oder waren zu der Parteilosen zurückgekehrt (O. O. Gruscnbcrg, M N. K rein in), ln der Partei gewannen dit jüngeren Elemente die Oberhand, die den national ׳ sozialistischen Kreisen entstammen, und die di! Beteiligung an einer Körperschaft, die von den so/ialisti sehen Parteien boykottiert wird, nicht recht guthcißei konnten, trotz ihrer Ucberzcugung von der Notwen digkeit einer ״geschlossenen nationalen Front“ Sb suchten einher während der ganzen Zeit des Bestehen des Nationalrales vergebens eine Gelegenheit aus diese für sie schwierigen Situation hcrauszukomttien. Di!!־tage wurde auch eingehend auf der Konferenz de ״Volkspartci", freilich rcrallatlos, besprochen. Endlid kam die Konferenz der jüdischen Gemein den in Moskau, auf der dies Zentrale Büro de Ocme'mdcvcrbandes gewählt wurde. Jetzt schlieren di Vertreter der Volkspartei vor, das Zentrale Brno de Gemeinden als die wahre politische Repräsentanz de gesamten russischen Judentums zu betrachten, ihm di! Funktionen des Nationalratcs zu übertragen und de; Nationalrat aufzulösen. Dazu kam noch, daß S M Dubnow, der eigentliche Begründer der Volkspai to, der aber gegenwärtig nicht die entscheidende Wi, kung auf die Tätigkeit der von ihm ins Leben rufenen Partei ausübt und selbst an der Konferen der Volkspartci nicht teilgcnommcn hatte, von jehc die Ansicht vertrat, daß der Schwerpunkt der iüd sdm״ Autonom,c in keiner anderen jüdischen |״£ als 111 der Gemeinde zu suchen ist, die die national pol "£ fiir def £*, VollcVח־״־״ו ״!«»^ ruau isr. Aut der Sitzung des National rat es vom 19, Juli wurde offiziell der Vor schlag der Volkspartci ׳unterbreitet, die Tatigkei des Nationalratcs zu Hquidfclcn A S s M״ S,!?“? "׳*״־"“" ״ P» 1« & M. Dubnow auf. ״Die Gemeinde“ führt Redner aus, ״ist ein politisches Institut und d der \r!י , Jj w"‘ |A/m1*cacs Institut und «r*ד״*!״»״ ״*> * ■״-«,־ pusentanz, die keiner weiteren bedarf. Der Natioi