Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jabrgang England und י der Zionismus! ln der Zeitschrift ״Deutsch c Politik“ vom (>■ September finden wir einen Artikel ״Der jüdische P a 1 ii s t i n;1 s t;1 a t, England und der Vatikan" von Professor Dr. Paul Hcrrc. Der Artikel ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwicrig es für außenstehende Betrachter ist, die jüdisch-politischen Vorgänge während des Krieges richte,r nt werten. Professor Heere hat die Zeitiiiigsiiacliriehteii und sonstige Veröffentlichungen über den Zionismus sicherlich mit Aufmerksam• keit und Interesse verfolgt, und dennoch geht er bei dem Versuch, auf sechs Druckseiten das Verliälbiis Englands ־/um Zionismus und die künftige Bedeutung des Zionismus im Rahmen der allgemeinen Weltpolitik zu erfassen, völlig in die Irre. Er beginnt seine Darlegungen mit folgender Pesstelhmg: ״Mitte Juli empfing der englische Arbeitsminister Barneseine zionistische Militärabteihmg und eine ärztliche Kommission, die sich nach Palästina begeben wollten. Er erklärte ihnen, dati die Idee, der zufolge die Zionisten eine Art von Monopol in Palästina;uisiiben sollten, von ihm nicht geteilt werde. Es solle vielmehr ein Zustand geschaffen werden, nach dem die Juden und die anderen Völker in Palästina in Frieden und Eintracht mit einander leben könnten. Es ist auffällig, welche Zurückhaltung hier gegenüber dem zionistischen Programm beobachtet wird, ja man möchte so etwas wie halbe Absage aus den mahnenden Worten herausliürcn. Sind sie wirklieh so aufzufassen? Und wenn ja, was steht dahinter? Der Sinn der Erklärung wird uns dcutlieh, wenn wir der englischen Paläsiinapolitik wührend der letzten Monate nachgelicn.“ Hcrrc verweist zunächst auf die Erklärung Balfours vom 2. November (deren Text nicht ga״z rditig zitiert wird) und auf di•: Rede Ceeils in einer Londoner Massenversammlung. Diese Kundgebungen nennt er ״ein volles Bekenntnis zum zionistischen Staatsprogranun.“ Seit der Eroberung Jerusalems aber sei wenig genug zugunsten des Judenstaates geschehen. Zwar hätten die Zeitungen Meldungen über die Zionistische Kommission und sonstige Einzelheiten gebracht, aber der entscheidende Schritt, nämlich die Proklamation des zionistischen Pnliist'm.׳!Staates, sei unterblieben. Damit rücke die Erklärung des Ministers Barnes in das rechte Licht, und der Eindruck sei nicht von der Hand zu weisen, daß die englische Politik in der Frage des Zionisten- Staates eine Schwenkung vollzogen habe. Die Gründe für diese Schwenkung sieht Hcrrc einmal darin, daß die Juden der Mittelmachte sich nicht den Zielen des britischen huperiaiisinus angepaßt, sondern auf ihrem ״sozusagen internationalen Standpunkt“ verharrt hätten, wcleher die Zustimmung aller Mächte und volle Loyalität gegenüber der Türkei erfordere, Diese Haitung der deutschen Zionisten entspreche dem dcutsehen wie dem türkischen Interesse. ״Damit aber drohte die ganze Angelegenheit in eine Richtung zu geraten, die mit den egoistischen Interessen Englands wenig in Einklang stand.“ Hcrrc vermutet hier also, daß das Festhalte« der Zionisten außerhalb Englands an dem rein jüdischen Sinn der zionistisehen Bewegung England abgeschreckt habe, auf dem Wege zur Schaffung des Judenstaates weiter zu gehen. Ebenso hat England nach Herres Mci- «ung erkannt, daß. cs auf die• moli am cd an i - sehe« Interessen Rücksicht nehmen müsse, 'velche durch Unterstützung der zionistischen Pläne beeinträchtigt würden, und schließlich glaubt Hcrrc in der Haltung des Papsttums einen ganz besonders bedeutungsvollen Grund für die vermutete Schwenkung Englands erblicken zu dürfen. Die preisenden Worte Benedikts XV. anläßlieh der Besetzung Jerusalems durch die Truppen der Entente haben nach Herre der englische« Diplomatie die Gelegenheit gegeben, einen Versuch zu unternehmen, um' das Haupt der katholischen Christenheit für die Sache der Entente zu ge- Winnen und so eine moralische Eroberung von poUüsdier Bedeutung zu machen. Dazu aber gehörte «in Entgegenkommen in der Palästinafrage. ״Der Zlie.w'irn«» c21t:cl,k .34• <la ו J.".־.Ksc«;a VcKi die SdUnfhiuü einer ßö'cntllcti-rech׳*״:;» f;eiüc!;crfs» Hetnixiudc In 1'e.UiiUia.“ Dajclcr l’ro;: Die kirchlich-katholischen Kreise seien dem zionistischen Programm mit Schärfe cntgegengctrctcn, und am 2S. Dezember 1917 hätte die ״Neuen Züricher Nachrichten“ einen römischen Bericht gebracht, in dem das Befremden vier vatikanischen Kreise wegen der Begünstigung der jüdischen Pläne zum Ausdruck gekommen sei. In dem Berieht würde angedroht, daß der Heilige Vater in nächster Zeit seine Meinung hierüber öffentlich bekannt geben werde. Herre vermutet, daß die englische Politik in diesem Stadium den katholisehen Wünschen enlgcgenkommcn wollte, um die Kurie ganz für sich zu gewinnen: ״Zwar ist der Außenwelt nichts darüber bekannt geworden, daß Verhandlungen zwischen Rom und London über die Zukunft Palästinas geführt worden sind, doch läßt sich aus dem׳ Verlauf der Entwicklung, wie er früher skizziert worden ist, einiges in dieser Hinsicht schließen. Sicher ist, daß man zunächst an dein ursprünglichen Programm der Fördening des Zionismus fcstgehaiten hat. Darauf weisen die Erklärungen der französischen und italienischcu Regierungen in den ersten Monaten dieses Jahres hin. Wenn cs aber seit dem März bcziiglich der Verwirklichung des Judenstaates still geworden ist, uifd wenn man bisher auf den längst fälligen Schritt der formellen Proklamation verzüchtet hat, so dürfte das in engem Zusammenhang mit der Haltung der Kurie stehen.“ Allerdings glaubt Hcrrc, daß die so gesponneuen Fäden /.wischen dem Papst und der englischeu Diplomatie zum Teil wieder zerrissen wur« den, weil England dem Papst gerade in der Palästinafrage nicht genügend entgegenkommen wollte. Er vermutet, daß der Papst sich nicht mit einer Intcmationalisicrung Palästinas begnügen wollte, sondern einen palästinensischen Kirchenstaat, ein ״christliches Mekka“ forderte. Diesem Ansinnen konnte England nach Herres Meinung nicht stattgeben, zumal liier wieder englisch-protestantische Gegeneinflüsse wirksam waren. So kommt Herre zu dem Endergebnis, daß sich' im wesentlichen in der Palästinafrage zwei Univcrsalmäclvte, nämlieh das Papsttum und die politisch-religiöse angelsächsische Macht, gegenüberstehen und daß angcsichis dieser Nebenbuhlerschaft die zionistische Frage ganz zurücktritt. Es ist lehrreich, den Kombinationen Herre zu folgen, die ein klassisches Beispiel dafür sind, daß eine irrige Zcitungsmcldung zu seitenlangen politischen Betrachtungen führen kann, denen jede tatsächliche Unterlage fehlt. Herre hätte seinen Artikel vermutlich nicht geschrieben, wenn nicht vor einigen Wochen durch die ganze deutsche Presse eine angebliche Reutcrmddung gegangen wäre, wonach der englische Minister Barnes vom Zionäsmus abgcrückt sei. Von dieser Meldung geht Herre bei seiner Betrachtung aus, und im ganzen Verlauf seiner Erörterungen findet sidi keine andere Tatsache, auf die er seine Kombinationen stützen könnte. Unglücklicherweise ist diese Tatsache aber gar keine Tatsache. Bei dam Empfang der amerikäiiisch-zionistischen Anordnung haben die Minister Barnes und Mond allerdings־ Reden gehalten, sie sind jedoch nicht vom Zionismus abgerückt, sondern haben den. Zionismus gegen diejenigen Gegner der Bewegung zu verteidigen gesucht, welche ihr angebliche Monopol- und Herrschaftsgelüste vorwarfen. Mit dieser Feststellung entfällt eigentlich die Notwendigkeit zur weiteren Erörterung der HemEschcn Gcdankengänge. Nur wäre noch richtigzustcllen, daß Herre sich gleichfalls irrt, wenn er in der nicht erfolgten Proklamation des zionistischen Palästinastaates eine Bestätigung für die von ihm' vermutete Schwenkung der englischen Politik sicht, in den, von ihm׳ zitierten Kundgebungen BaUoursi ur.d Gcdls, die er ganz willkürlich' ein ״vollci Bekenntnis zum zionistisehen Staatsprogramm“ nennt, war nichts; enthajten, was die baldige Proklamation eines zionistisehen Staates au&drückfe, auch Ist eine solche Proklamation weder in England, noch aißcrhcJb Englands jemals in zioiiistfcglüa Kreisen erwartet worden, \ Die Haltung der deutschen Zionisten charakterisiert Herre ganz richtig. Es gibt aber nicht den geringsten Beweis dafür, daß diese Haltung oder die Rücksicht auf arabische Interessen Etig-!and zu einer Aendcrung seiner Palästina-Politik Veranlassung gegeben hat. Ebenso muß alles, was Herre über die Haltung des Papsttums und ihre Rückwirkung auf Englands ZionisicnpoÜtik ausführt, Als reine Gedankenspiderei bezeichnet werden. Herre gibt selbst zu, daß von Verhandlungen zwischen Rom und London über die Zukunft Palästinas nichts bekannt geworden ist, und die Daten, die er anführt, widerlegen ihn eigentlich selbst. Warn, wie er meint, die Besetzung Jerusalems und die bei dieser Gelegenheit vom Papst ein geuornmene Haltung der englischen Diplomatie de« Wunsch nahelegte, den Papst endgültig für die Eiitentesadie zu gewinnen und zu diesem Zwecke in der Zionistenfrage zurückhaltender zu sein, so ist nicht recht zu verstehen, weshalb die englische Diplomatie nicht verhindert hat, daß Frankreich und Italien eine ganze Reihe von Monaten später, nämlich erst im Frühjahr dieses Jahres, Kundgebangen erließen, in denen sie sich der englischen Regierungserklärung zugunsten des Zionismus anschlossen. Und der rein spekulative Charakter der Herrc'scheii Ausführungen wird in diesem Punkte ganz deutlich, wenn er zum Ende seines Artikels aus höchst vagen Pressemeldungen in einer ganz anderen Angelegenheit (nämlich in der russischen Frage) wiederum schließen zu müssen glaubt, daß die Verständigung zwischen London und der Kurie schließlich doch nicht zustande gekommen sei. So ist denn auch Herres Schlußfolgerung irrig, daß der Zionismus gegenüber dein Wettkampf vatiklinischer und angelsächsischer Interessen in den l lintergnuid getreten sei. In Wirklichkeit steht es folgendermaßen: Die englische Regierung hat durch die Erklärung Baifours vom 2. November feierlich vor aller Weit ihren Entschluß bekannt gegeben, die Sache des Zionismus mit allen Kräften zu fördern. Lord Ceeil hat in der erwähnten Massenversammlung und auch bei anderen Gelegenheiten diese Zusicherung wiederholt. In gleichem Sinne haben sich andere englische Staatsmänner geäußert, vor allein — was angesichts des Verhältnisses zwischen England und Amerika von besonderer Wichtigkeit ist — der englische Oberkommissar in den Vereinigten Staaten, Lord Reading. Frankreich und Italien haben sich im Frühjahr dieses Jahres den englischen Erklärungcn angeschlossen, und vor wenigen Tagen ist eine Kundgebung des Präsidenten Wilson erfolgt, der sich zugunsten des Zionismus äußert und ausdrücklich auf die tragische Erklärung Bezug nimmt. Die englische Regierung hat seit der im November erfolgten Erklärung Balfours nichts getan oder unterlassen, was auf eine Aendcrung ihrer Politik Rückschlüsse gestattet. Die Proklamation eines jüdischen Staates war niemals beabsichtigt. •Durch die Entsendung einer zionistischen Kommission und die Unterstützung ihrer Tätigkeit durch die englischen Rcgicrungsorganc hat die englisehe Regierung versucht, gemäß den Wünschen der englischen Zionisten schon im Kriege das in Palästina besetzte Gebiet wirtschaftlich und vcrwaltungstechnisch im Sinne der zionistischen Fordertingen Umzugestaiten. Daß hierbei auf arabische Wünsche und Interessen Rücksicht genommen wird, ist natürlich, und die zionistische Kommission selbst hat sich mit Eifer und Takt bemüht, die arabischen Empfindungen zu schonen. Was die Haltung des Papsttums anbetrifft, so ist nur bekannt geworden, daß der Papst denjenigen zionistischen Führer, der mit der Italien»- sehen Regierung wegen der (später erfolgten) Zu- Stimmung• zur englischen Regierungserklärung untcrliandelte, empfangen und sich zustimmend ceäußert hat. 6 Wir sagten schon, daß Prof. Herre die Haituug der deutschen Zionisten im Wesentlichen rieh- Üg ,beurteilt. Sie waren und sind der Meinung• daß « ,t di' 0״־־״״״£ ״ Welt 1״ *r*p?i£ Sb 1".,fcss'n 8*01 ka״״. und daß der Zionismus imperialistischen Neigungen der einen oder anderen Mächtegruppe nicht dienstbar fPad* werd*n darf. Die deutschen Zionisten haben ihrer großen Befriedigung Ausdruck gegeben