Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1918-08-23 · Heft 34 (23.8.1918) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIII (1918)
Issue
Heft 34 (23.8.1918)
Date
1918-08-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2652077-2652110--11702-2669254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

jhj Vv,./., l e- *■.—«*»»,'?־״ne׳• % 4 "V\ : A; ,1? t i 1 ׳׳ j I,! /V! V 5*׳־׳v/ ס, \ / j זז.* tי־ *־• ~?1“־ד*3£»לד*3: די. ־4 ״דדי ftrdiktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin VV, :5״ Säditi-.Ae Straß8 ״, Er- I (tfciat wöcheotl. am Freitag. Abonnement beider Eipeditior und bei allen F'iitnmtern & 7<t׳t«ljähfl. Mk.3.2:> in D״utsr)1tnn<i, in Oesterrcich-Ungare kr S/'O im And».״•» Mk. 5.— f, Nummer 34 Berlin, 6en 23. August 1^13! msmsxntiM«. 1. .,,c.. *•*»•««' mff t f; ״ /;■jU . ־»״-' elcjjiion : Ar״*■ Uhland 845. 846. PostsAcckkonto .׳ Berlin Nr. 17302. für üeaterreitt•?t F»־.t1!iar«r.5-.e״amt SAerlkonto Nr. 156030. Anzeige» die seehs?e*palUa• retii׳• ib oder deren Raum 40 Pf. TeuerunRSiusdiUj 20" ,,. Rerlaktiotnsarlud Dienstag nadrxe. 15. Eiul 5078 t. XXU1. Jahrgang Verhinderung der jüdischen Rückwanderung Unser Artikel in Nr. 30 der ״Jüdischen Rundschau“ über den gegen ostjiidische Arbeiter cingeführten Grenzschluß hat in der jüdischen Oeffentlichkeit die gebiihrende Beachtung gefunden. Das ״Israelitische Fani i 1 ic 11 bl att“ in Hamburg kommt auf Grund dieser und anderer!Vorfälle zu der Fordei'tmg, daß auch die deutsche Judcnheit sich zu einem energischen Protest gegen die Protektion auf* zuraffeu habe, deren sich die antisemitischen Tai* deuzcii bei verschiedenen hohen Behörden >in Deutschland zu erfreuen scheinen, wie dies im analogen Fall die österreichischen Juden bereits geian haben. Audi die ״Allgemeine!Zc i tu n g des Juden tu ms“ sicht sich veranlaßt, Unseren Artikel ״völlig zu unterschreiben“ und eine ErkHiruiig für ״dieses unbegreifliche Vorgehen“ zu fordern. ' ן Es kann nur begrüßt werden, wenn die deutsche Judcnheit sich endlich zu einem Vorgehen gegen die immer steigende Judenfeindschaft entschließt. Jetzt zeigt sich, wie recht wir hatten, wenn wir immer wieder auf das Versagen der offiziellen deutschen Judcnheit in 1der Ostjudenfrage himvicseii. Die unentschiedene und schwächliche Haltung der großen deutsch-jüdischen Organisationen hat, wie wir authentisch versichern können, bei den deutschen Behörden!den Eindruck erweckt, daß die deutschen Juden an der Ostjuden־ frage nur ein negatives Interesse haben und in ihrem Herzen selbst den Grenzschluß befürworten. In deutschen offiziellen Kreisen wird behauptet, daß Führer der deutschen Judcnheit diese Anschauung sogar offiziell zum Ausdruck gebracht hätten. Wir Inbvn keinen Grumj,_ r׳.n diese Verdächtigung zu glauben. Allerdings liegt die besdüituende Tatsache vor, daß einzelne Juden, die sieii 111 maßgebenden Amtsstcllungcn befinden, sich für den ürenzschluß eingesetzt haben, und man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, daß diejenigen jüdischen Stellen, die offiziell mit der IJe- Iiandlung der jüdischen Fragen in Polen betraut sind, sich bisher nicht mit derjenigen Entschiedenheit gegen die moralische und politische Ungeheuerlichkeit des Grenzschlusses gegen Juden gewandt 'naben, die wir von ihnen hätten erwarten müssen. Umso zwingender ist die Notwendigkeit, daß nunmehr die offiziellen Stellen' der deutschen Judcnheit auf das entschiedenste zum Ausdruck bringen, daß sie den Grenzschluß gegen Juden, ebenso wie jede andere Sondcrbehnndlung von Menschen jüdischer Herkunft als eine schwere Beleidigung der jüdischen Würde und als eine unerträgliche Beeinträchtigung der jüdischen und der deutschen Interessen betrachten und dagegen die entschiedenste Vcrwahrung einlegen. Wir erwarten auf das bestimmteste, daß die ״Viod‘ der deutschen Oeffentlichkeit klarmacht, daß die deutschen Juden gewillt sind, den allersch-ärfsten Kampf gegen diese und ähnliche Maßnahmen zu führen. Dies scheint umso notwendiger, als sich die Grenzsperre gegen Juden, wie jetzt bekannt wird, keineswegs nur auf das Gebiet des Deutschen Reidies erstreckt. Es ist die!Tatsache zu verzeichnen, daß Juden, die unter dem Zwang des Krieges aus Polen nach Rußland flüchten mußten, an ihrer Rückkehr in die Heimat verhindert werden. Man steht fassungslos vor einer derartigen Unbcgreiflichkeit. Bisher war der deutsche Antisemitismus eine Erfindung für den Hausgebrauch. Soll er jetzt zu einem Exportartikel gemacht werden? Genau so wie in der Frage der Grenzsperre gegen die jüdisch-polnischen Arbeiter ist auch bei dem tatsächlich ausgeübten Grenzschluß gegen jiidische Rückwanderer aus Rußland in das besetzte Gebiet im Osten irgendeine amtliche Kundgebung in der Oeffentlichkit bisher nicht erfolgt. Wb können uns auch hier nur an die Tatsachen halten und feststellen, daß nach• Berichten, an deren Richtigkeit nicht zu zweifeln ist, jüdische Rückwanderer nicht mehr nach' Litauen und Polen hineingelassen werden. Wir haben Grund zu der Annahme, daß ganz bestimmte An- Ordnungen bestehen, nach'denen — es fällt schwer, ״Der Zionismus erstrebt für «lei Jüdische Volk die Schaffung einer 6ffcntllch-rcchillch gesicherten Hcimsi&iic in Palästina." Baseler Programm, cs iiicderzuschreibcn — ״Juden, Vcihrcchcr und Prostituierte“ von der Rückkehr in ihre alte Heimat ausgeschlossen sind. Wir zweifeln׳ nicht daran, daß bürokratische Weisheit auch für diese Ungeheuerlichkeit einen plausiblen Vorwand gefunden hat. Wie cs scheint, stellt man sich auf den Standpunkt, daß nur produzierende Stände zurückgclasscn, werden dürfen und daß die Juden als in erster Linie dem Handelsstande zugehörig deshalb von der Rückkehr auszuschließcu seien. Es liegt jiuf der Hand, daß man auch die Ernährungsschwierigkciten damit in Zusammenhang bringt. Allen solchen Begründungen gegenüber sei darum jetzt schon festgestellt, daß sie unwahr sind. Es ist uns bekannt, daß bei der Verwaltung Oberost in ihrer früheren Zusammensetzung die Meinung offiziell zum Ausdruck gebracht wurde, daß die 1Juden ein unprod'uktivcs und dem Staatswohl abträgliches Element darstellen und deshalb möglichst zur Auswanderung zu treiben seien. Wir haben bisher den Eindruck gehabt, daß die neue Verwaltung Oberost von dieser bedauerlichen Auffassung abgekommen ist. Wir glauben auch jetzt noch, daß die zentralen Verwaltungen nach wie vor auf dem Standpunkt einer Anerkennung der Existenz des jüdischen Volkes im Osten und seiner Bedürfnisse stehen. Es scheint aber, als ob ihr Einfluß gegenüber den antisemitischeu Tendenzen nicht ausreicht, die in immer krasserer Form zu tage treten. Man kann leicht begreifen, daß Vorkommnisse, wie die hier geschilderten, bei (den Gegnern des jüdischen Volkes im Osten, vor allem also bei den Polen, ein dankbares Echo finden und sie ermutigen, in ihrer Judenfeindschaft immer weiter zu gehen. Wir brauchen nur die offizielle Auskunft des polnischen Ministers des Innern anführen, laut der die Erlaubnis zur Rückkehr der jüdischen Auswanderer nach Polen an die Kenntnis der polnischen Sprache und die dauernde Ansässigkeit in Polen geknüpft jst. Mit anderen Worten: die große Mehrheit der jüdischen Rückwanderer wird nach Polen nicht mehr hineingelassen, weil sic bekanntlich nicht polnisch, sondern jidisch sprechen und weil es ihnen unmöglich sein dürfte, nachzuweisen, daß sic immer in Polen gewohnt haben. Wir verweisen ferner auf die Beschimpfung, die sich der Generalsekretär des polnischen Regentschaftsrates, der Prälat Chm e 1 - nicki, einem deutschen Journalisten gegenüber hinsichtlich der Juden geleistet hat, die offen ersehen läßt, wohin der Kurs geht (siche den nachsten Artikel). Es wird hohe Zelt, daß Klarheit geschaffen wird. Verfolgt man in Deutschland eine judenfeindliche Richtung oder nicht? Soli im Osten der ’Judenhaß weiter gezüchtet werden oder nicht? Was bedeuten die offiziellen Erklärungen, in denen uns versichert wird, daß Deutschland die Rechte des jüdischen Volkes anerkennt und zu schützen bestrebt ist? In dem einen Fall, wo dieses Bestreben zum tatsächlichen Ausdruck gelangt ist, im Falle der rumänischen Juden, ist das Ergebnis nicht so beweiskräftiger Natur, wie wir es gewünscht hätten, so sehr wir die erzielten Erfolge anerkennen. Was Polen und Litauen anlangt, so sprechen die!Tatsachen vorläufig eine ganz eindeutige Sprache. Sie beweisen, daß überall im besetzten Gebiete die Tendenz gegen die Juden stärker ist als alle noch so gut gemeinten Erklärungen irgendwelcher Zentralinstanz.en. Sie beweisen ferner, daß, seitdem infolge der deutschen Besetzung und der deutschen Ostpolitik die Polen wiederzu einem Staatswesen gekommen sind, dieser Staat ungestört eine immer wütender werdende Politik gegen die Juden betreibt. Es wird Zeit, daß die deutschen Juden eine klare Antwort auf die Frage verlangen, was dies eigentlich zu bedeuten hat. Zum GretizscliluB l/ntcr dem Titel ״Müssen auch wir Protest er- י heben?“ befallt sich das Hamburger ״Israelitische F a m i 1 i c n b 1 at t“ mit der Frage, ob cs nicht an der Zeit sei, analog dem Vorgehen des östcrrcichischen Judentums gegen den sich immer breiter machenden Antisemitismus in Deutschland öffentlich Stellung zu nehmen, bekanntlich hat das österreichische Judentum in über 400 Städten durch seine Kultusgeincinden einen offiziellen Protest gegen die Auswüchse der antisemitischen Agitation und Aufhetzung erhoben. Das Hamburger Iilatt bezweifelt, daß die Verhältnisse im deutschen Reich viel anders und besser liegen als in Oesterreich und meint, daß die rcichsdeutschen jüdischen Organisationen vielleicht in die Erwägung eines ahnliehe» offiziellen Schrittes cintrcten sollten. Es stellt dabei fest, daß die Antisemiten diesseits und jenseits der deutsch-österreichischen Grenze in enger Fühlung miteinander palnmüßig vorgehen. Die Zeitung fährt dann fort: ״Die größte Gefahr liegt aber hier in der Protektion, deren sich die antisemitischen Tendenzen bej verschiedenen hohen Behörden in Deutsch; land zu erfreuen scheinen. Einen schlagenden Beleg hierfür bietet der deutsche Grenzschluß gegen polnische Juden. Diese Angelegenheit ist durch die deutsche Regierung in aller Stille erledigt worden, *indem de facto keine.Juden mehr Pässe zur Einwanderung nach Deutschland erhalten. Selbst die Anwerbung von Arbeitern für Industrie- und Kriegsbetriebe schließt jüdische Arbeiter aus. Nicht einmal denjenigen 111 Deutschland beschäftigt gewesenen jüdischcn Arbeitern, die gegen Hinterlegung einer Kaution von 100—200 Mark nach ihrer Heimat gereist sind, wird die Rückkehr gestattet, obwohl bei Nichtrückkehr die Kaution verfällt. Man hat es nicht einmal für nötig erachtet, die jüdischen Arbeiter bei Hinterlegung ihrer Kaution auf diese Folgen aufmerksam zu machen. W i r tun das hiermit. Wie die englische Presse, die selbstverständlich mit einer gewissen Genugtuung auf diese deutsche Maßnahme himveist, meldet, liegt diesen Bestimmungen ein ausdrücklicher Regie- 4 rungsbefehl zugrunde, der sich auf angeblich׳ vom hygienischen Standpunkt aus unumgängliche Notwendigkeit stützt.“ Und weiter schreibt das Blatt: ״Dem polnisehen Antisemitismus im Okkupationsgebiet, dessen Wogen wahrlich schon hoch genug gehen, wird damit nur Wasser auf seine Mühlen geliefert, denn warum sollten es die Polen denn anders machen als die deutschen Eroberer, die ihnen ein solches Beispiel in der Behandlung der Juden geben? Und auch die ganze deutsche Beamtenschaft, soweit sic im polnischen Okkupationsgebiet gegenwärtig tätig ist, wird dadurch — ob mit Recht oder Unrecht lassen wir einstweilen dahingestellt — zu der Auffassung gebracht, in den deutschen Zentralbehörden herrsche ein judenfeindlicher Geist. Mit dieser Auffassung kehren sie später in ihre deutschen Aemtcr innerhalb des Reichsgebiets zurück.“ * Die ״Allgemeine Zeitung des Judentu ms“ des Herrn Geheimen Rcgicrungsrats Professor Dr. Ludwig Geiger bemerkt zu unserem Leitartikel in Nr. 30 über die Grenzsperre, den sic zum Abdruck bringt: ״So selten wir sonst mit dem zionistischen Blatte übcrcinstimnicn können, so möchten wir den vorsto henden Artikel völlig unterschreiben und fordem in gleicher Weise eine Erklärung für ' dieses 11 n begreifliche Vorgehen, wenn die Berichte wirklich, was wir nicht zu kontrollieren vermögen den Tatsachen entsprechen.“ ’ ׳׳ Mit dem Prälaten C h m e 1 n i c k I, dem General- Sekretär des polnischen Regentschaftsrates, hatte Herr Franz Josef M e i e r-Kempten eine Unterredung welche er In deutschen Blättern veröffentlicht. In diesem Interview wurde auch die Juden frage berührt, und ihc Acußcrung des Prälaten darüber beweist, welche judenfcmdliche Strömung in der höchsten Behörde K,0״'h'rc,G|S Polen zur Herrschaft gelangt ist ״Was halten Euer Gnaden von der Judenfrage in Polen?“ fragte Herr Meier-Kempten ״Eine sehr wichtige Frage ״ antwortete Prälat Chmclnicki, ״von deren glücklichen Losung vieles, ja recht vieles abhängt. Die J ude J sind ein Element der Zersetzung das ich ganz frei und offen. Wenn ich abef das so meine ich vor allem die ungebildeten jJdcn^S gibt auch Juden, die kulturell hoch gebildet sind’und £ fVצ־״״• ts dV fi hdet׳* •׳ dis Lfscheil־ ü׳m״C״,C• mmd״tens *k ProtelctoreS %

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.