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Jüdische Rundschau · 1918-04-23 · Heft 17 (23.4.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIII (1918)
Issue
Heft 17 (23.4.1918)
Date
1918-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V rf׳ n ד 9“f *?« י *4^•^ *11< 111 iizicii getfon seit Monaten — seit dem Brest-Litowskcr fficdcusscliluß — hat er sich in den Städten Ga- Üzien» «» wilden Ausschreitungen und Exzessen schamtos ans Tageslicht gewagt — und nun ist er in Krakau, der 1 tauptstadt Galiziens, in seiner rolle» Scheußlichkeit zum Ausbruch gekommen: i:t Ju'lenpogrom! Alle Notschreie der galizischen Juden über die Schrecknisse, die die letzten Monate über sie brachten all ihre Mahnrufe, der immer bedrohlicher werdenden Gefahr durch energisches Einschreiten vorzubeugcn, alle Proteste der gesamten jüdischen Presse Oesterreichs und aller arideren Länder, alle Interpellationen und Eingaben österreichischer Parhuuentarier an den Reichstag und die Delegationen, alle Appelle an das Ehrgefühl der polnischen in- K'iligetiz und an die Menschlichkeit des ganzen pol- 61if,eh־׳n Volkes haben nichts genützt —• cs muhte kommen, was mir durch die Hand eines ernsthaften istaailidicii Schutzes oder durch eine aufrichtige Regung des polnischen Gewissens hätte vermieden wealea können: der Judenpogrom! Der Krakauer Mob — Straßenjungen, Studenteu •und Legionäre — hat seine Arbeit gründlich gemacht. Es war nicht nur, wie in den anderen galizischen Städten, Demolierung der jüdischen Geschäfte und Läden, Raub des jüdischen Hau und Guts, Bedrohung des jüdischen Lebens durch Stein und Knüppel, nicht nur, wie in den anderen Städten, leichte und schwere Verwundung hilfloser Männer und Frauen — es kam auch zum Totschlag! Nicht genug seines Blutes hat der galiz.Nche Jude auf den Schlachtfeldern des Krieges verspritzt? Die Zeiintausendc unversorgter Kriegswaisenkinder in Galizien gehen Zeugnis davon. Nicht genug מי, י Vcun■'.\1v11, <Vs1״!d(11־/t mul l <•!>011 hat er unter den Schrecknissen eines Krieges «»!gebüßt, der ihm Haus und Hof vernichtete? Die Friedfaüfe Cml'/icns und die Ruinen der zertriiminerte« Städte und Flecken geben Kunde davon, Nicht genug Eiend und Krankheit hat er an eich erfahren müssen in den schmutzigen, gesundfcuiswkirigeii B,•racken, in die mau ihn gleich einem Verbrecher pferchte, als Ost- und Mittel-Galizien okkupiert und der Rest des Landes bedroht war? Die Slerbelistcn der Barackenveiwnltungeu geben Auskunft, Und wo er in die Städte Oesterreichs end Imgarns flüchtete, war die Vorcntlialimig der priiniticßten Bürgerrechte zu wenig der Verletzung und Entehrung seiner Menschenwürde? Oder ist 1LiC5 i‘.\ V.»!aira. »chon vergessen, daß ihm in Prag die Straßenbahn, in Wien das Wohnrecht, in Wcstgalizien sein An- und im ganz.cn Lande seine Sprache ge- Traltsbenu sperrt wurde? Für all dieses Leiden und all diese Schmach hat ns an den Krieg und seine ״unvermeidlichen Härten“ verantwortlich gemacht. Welche Beschönigung für die uaiesie Piiasc der galizischen Judenverfolgung wird man nun erdenken, da die ״unvcnucidli- «lien Härten“ ctoch wohl kaum mehr zur Erklärung Biisrcichen werden? Selbst den Polen, denen vor kurzem noch die ״Chohnfragc“ eine so bequeme Gelegenheit gab,!um unbestraft ihrer Judenfeimlsdinft Luft zu machen,, wird es schwer fallen, die Verantwortung für den Krakauer Pogrom und die übrigen Ausschreitungen der letzten Zeit von eich abzuwäiz.en. Wie aber wird die österreich-ungarisclic Staa ts regier ung sieb zur Frage der Verantwortung stellen? Wie wird sie cs rechtfertigen, daß iiire Organe in allen Städten die jaden den grausamen Instinkten verwilderter Hörden nicht ,nur schutzlos preisgeben, 'sondern durch öffentlich zur Schau getragene Untätigkeit oder Offensichtliche Sclicinmanövcr den Ausschreitun ge a und Exzessen sogar Vorschub leisten? Schon ist eine polnische Deputation nach Wien unterwegs, die cs als ihre Aufgabe betrachtet, den Krakauer Pogrom als — ״Himgerkrawall“ hinzustellen! Die geraubten jüdischen Uhren und Kleider!und die u nberührten nichtjüdischen Lcbcnsmittellädcn werden beweisen, Um welchen ״Hunger“ es sich dabei handelte. ״Ich weiß nicht“, so schreibt unser Augenzeuge, dessen Bericht wir im folgenden veröffentlichen, ״ob cs' in der Stadt noch viele undcmoliertc jüdische Läden gibt.“ Und braucht es uns — nach allem, was bisher von dieser Seite geschah — Wunder zu nehmen, daß unter denen, die den 1״ iungcrkrawail“ in Wien ,,bezeugen“ wo!- len, sich auch ״Polen mosaischer Konfession“ befiuden? Hat doch vor kurzem der Präsident der Krakauer Jüdischen Gemeinde, l)r. S. Ti 11 cs, die Stirn gehabt, die judenfcindlich.cn Ausschreituugen in Galizien glattweg abz.ulcugncn! Und schon erfahren wir aus der ״Wiener Morgcnzeihing“, daß dieser Herr auch den Krakauer Pogrom bereits abstrejtet! Er nennt ihn ״nur Unruhen“. Nur Unruhen — und also kein Grund zur. Beunruhigung! Für den Fall, daß die Legende vom ״Hungerkrawall“ in Wien nicht den erwarteten Glauben findet, •mul für die anderen Fälle der rollen Aussclireituugeii der jiolnischeu Bevölkerung gegen die Juden haben die Polen im neutralen Ausland bereits ״vorgearbeitet.“ Wie uns aus Stockholm mitgeteilt wird, haben schwedische Blätter in diesen Tagen die Meldung gebracht, daß die Aufrufe und Hct/.blätlcr, die in den galizischen Ortschaften unter der Bevölkerung verteilt werden, und in denen z.u J11denhelz.cn aufgefordert wird, in Berlin hergestellt worden seien. Die Tendenz dieser Meldung liegt klar zutage. Der Wunsch der Polen, die Verannvorhmg für ihre eigenen Schämllichkeiten von sich abznwälzen, läßt sie vor nichts zurückschrecken. Zwei Fragen erheben sieli angesichts dieser neuesten galizischen Judenverfolgungen. Weiden der Krakauer Pogrom und alle anderen Unmenschliehen Ausschreitungen der polnischen Bevölkerung gegen, die Juden den Polen ejullich die Augen darüber f.ffr.c:;, wohin sie ih״•׳ Jud׳ npoHtik treiben wird, wenn sie nicht noch bei- 1 Zeiten selbst dafür sorgen werden, daß j die judcnfeiudlichc Agitation im Lande eingestellt j wird? Werden sie ciiiselien, daß die unerhörten und himmelschreienden Scheußlichkeiten, die die aufgerei/.te polnische Masse an den Juden verübt, ebenso viele unüberwindliche Hindernisse darstellcn auf ihrem Weg zur eigenen Freiheit? Wie kann ein Volk für sich ein!{echt beanspruchen, das es selbst tagtäglich mit Füßen tritt? Was wir von den Polen verlangen, ist, daß sie die Vcrantwortung für ihr Tun auf sich nehmen und das Schicksal der unter ihnen wohnenden Juden nicht den wilden Instinkten eines aufgewiegeStcn Mobs ausliefern; daß sie endlich ihr eisiges Schweigen angesichts der traurigen Ereignisse brechen und, statt Tatsachen zu dementieren, alle Mittel auweuden, um eine Wiederholung der tierischen lieberfälle zu verhindern. Wir erlangen von den Polen, daß sie selbst mit Hand nnlegen, um die Juden vor den Greueltaten eines entmenschten Pöbels zu beschützen. Und die österreichisch-ungarische Staatsrcgier ung? Wo bleibt die Hilfe, die noch vor kurzem offiziell 7.11 gesagt wurde? Haben die Juden Galiziens keinen Anspruch auf Schutz ihres Vermögens und ihres nackten Lebens? Sie sind wirklich vogelfrei? Welcher Wert soll den jüngsten Versprechungcn der Regierung hinsichtlich der Auerkenmiiig der jüdischen Nationalität in Oesterreich beigemessen werden, wenn die Regierung nicht einmal imstande und Willens ist, derartigen An- Schlägen auf das nackte Leben ihrer Bürger wirksam entgegenzutreten? Will die österreichische Re* gicrung sich mit dem Ruhmestitel einer Erbin der zaristischen Judenverfolgungen schmücken und verstehen die ihr verbündeten Regierungen nicht, daß cs auch ihre wohlbedachte Pflicht wäre, ihren, ganzen Einfluß geltend zu machen, um den unschuldig Verfolgten das Leben zu retten? Gedenket dm ik\& Gedenket der Evakuierten I Der Krckancr Po^reai Eigene Berichte Vergehens suchten wir in eien ji'ulrtchen und poluischeu Zeitungen Galiziens nähere Nachrichten über die Ereignisse vom 17. und 18. April, über die der ״Berlincr bokalanzciger“ vor einigen Tagen in einer kurzeji nher genug sagenden Notiz. Mitteilung!nachte. Nur die hebräische Wochenschrift ״Hainizpe“ in Krakau zeigte durch ein großes, aber fast leeres schwarzu!*- nimkrtes Rechteck am Kopf der Zeitung an, daß irgend etwas Unerhörtes, Schreckliches passiert sein mußte. Es war die Anzeige von dem Tod Pctaclija Moellcr• aus Stryj, der am <1. Ijar verschieden ist. Er ist derselbe cinuiKlfiinfzigjährige jüdische Laiidsturinmann, vo■ dem die Notiz im ״Lokalanzeiger“ besagt, daß er a.18 17. April vom Straßenpöbcl aus der Trambahn geschleppt und ermordet worden sei. Ein Freund unseres Blattes aus Krakau, ein Auge*- zeuge der schrecklichen Ereignisse, die sieb dort ahspielten, teilt uns mit: ״Mittwoch, den 17. April. Wir erleben jetzt die neuesten Pogro intage. Die Straßen sind voll vo« halbwüchsigen Burschen, die in der einen Hand eine• Stein, in der anderen einen Knüppel, einen jüdische■ Laden nach dem andern erbrechen und d c m o ־ Heren. Aus der Straßenbahn schleppte man gestern Mittag einen 51-jährigen Kaftanjuden auf den Ring und schlug ihn fast tot. Er wurde in ein jiidisches Hotel gebracht und starb dort noch am Abend. Eine tausendküpfige Menge verteidigte den Leichnam gegen die Polizei, bis cs dieser um Mitternacht doch geling, ihn fortzuschleppen. Die amtliche Sektion ergab eine ״natürliche“ Todesursache (,,herzkrank, verminderte Widerstandsfähigkeit einem in einem Krawall erlittenen Stoß gegenüber“). Der ״GloQ Narodu" bringt eine Notiz, wonach der Betreffende in der Stra- Ikmbalin Streit bekommen hätte. Nach Zeugenaussage» stiegen am Ring Exz.edenten ein und schleppten ih» grundlos heran:;. Ich selbst sah, wie ein jüdischer Laden b o m b a d i e r t, erbrochen und g c p 1 ü n - dort wurde. Die halbwüchsigen Burschen zeigten nachher triumphierend und unbehelligt die gerauhten Pakcle. 'Die Polizei sei: aut zu, ieii habe seihst gesehen, man rührt sicji nicht. Heule Vormittag zog ein johlender und bewaffneter Zug die ifrowodersk» entlang, begleitet von zwei reitenden Polizisten. Diese ritten ruhig weiter, als man sich daran machte, einen jüdischen Laden anzugreifen, Und schließlich kam von der anderen Seite ein Trupp Soldaten, Bajon* nett auf, aussclnvärincnd, Laufschritt, Marsch-Marsch, alles läuft, aber betrachtet cs mehr als Farce. Der Leutnant will zwei Kerle verhaften, Johlen und Steinwürfe sind die Antwort. Da befiehlt er Feuer, hißt schießen — in die Luft anscheinend, denn niemand wurde verletzt — da löst sicii der Knäuel, aber mich ohne Ernst, ■die Straßen bleiben voll und an der nach• sten Straßenecke wiederholt sich das gleiche. Legionäre, obwohl die Legionen aufgelöst sind, tauchen auf einmal in Menge auf, als wäre cs von langer Hand vorbereitet, und spielen die Organisatoren und Rädelsführer. Die Schomrim haben eine Selbstwehr organisiert, revidieren Straßenbahnen nach geraubten Sachen, halten sich recht wacker und da« hat man drüben schon zu spüren bekommen.“ Ein zweiter Brief vom Donnerstag, den 18. April berichtet: ״Jeden Abend wiederholten sich die Plünderungsszenen auf der Karmclinka. Al* alles zu Ende war, kam ein Trupp Wiener Deutschmcistcr in stürmischem Laufschritt die Straße herauf, unter der Führung eines P o 1 i zc iko m ni i«- särs. Der Kommissär führte die Truppe gemütlich durch die Karniclinka, Batorcgo und zurück, die Plünderer machten Willig Platz und schlossen sich zu weit e r e r P1 ü n d c r u n g s a r b c i t am gleichen Platz zusammen, sobalddicSoldatcnnurdrciSchritt entfernt waren. Was für eine Komödie! Zum Schlüsse gaben sich zwei Polizisten den Anschein, einen Mann zu verhaften, ließen ihn aber gleich wieder laufen, was er benutzte, um von der nächsten Straßencckc aus von neuem mit Steinen zu werfe«. Die polnischen Blätter veröffentlichten unter dem Titel ״Das Ende der Legende“ ein Kommunique über den Tod des aus der Straßenbahn liernusgesehkppten Juden. Das ohnedies recht fragwürdige Sek* tionsergebnis wird darin noch weiter gefälscht und Lungentuberkulose als Todesursache hingestcllt. Ich habe selbst heute an Geschäften improvisierte Plakate gelesen ״Sklcp Icatolicki“ (ein katholischer Laden). Auf der Dictlowska war gestern eine jüdische Massenkundgebung, an der etwa 5000 Mensche« tcilnahmcn. Es sprach ein Poalc-Zionist, dann Dr. Feldblum und Dr. Lauer. Gegen Schluß wurde die Ver- Sammlung von Militär aufgelöst. Nachmittag sammelten sich auf das unbestimmte und unwahre Gerücht der Beerdigung des Todesopfers hin etwa 20004 Me■- sihen •n.

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