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Jüdische Rundschau · 1918-03-15 · Heft 11 (15.3.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIII (1918)
Issue
Heft 11 (15.3.1918)
Date
1918-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Fü« Oeüterreid.1 K, iE P08t׳,panc11;;3cn8mt Scheddionto Nr, 156030. An*eifccn die »r.d1!5״crpaUei1• Pelitr zcila oder deren Raum 40 Pf.Teuerunjptzusdilaj״,/"20 ׳ Rerl.״:iion?sd11uü Dienstag uad.08. 13n 507C y XSlil.jaln’Ii’ang M'.׳ *■r v•. t >n ' r!Ä«a»»..x־.!Ä«‘asac' Zur politischen Lage des Zionismus Die Loser der ״jüdischen Rundschau“ sind über die Erklärung׳ der französischen Regierung unterrichtet, die durcli Herrn Picbon kür/.iicli abgegeben wurde. Durch diese Erklärung schließt sieh Frankreich dem Standpunkt Englands in der zionistischen Frage an. Da bereits• früher die italienische Regierung zu erkennen gegeben hatte, daß sie die englischen Absichten itn näheren Orient unterstützen werde, so darf man sagen, daß innerhalb der europäischen Entcnleländer gmudsätzlk'he Uebcrcinstimiming darüber herrscht, daß in Palästina eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk geschaffen werden soll. ln welcher Form dies nach den Absichten der Entente-Staatsmänner geschehen soll, ist bisher nicht mitgeteilt worden und man kann diese Zurückhaltnng als einen Beweis der politischen Klugheit Englands betrachten. England hielt es für ratsam, die von der gesamten öffentlichen Meinung mit wachsender Sympathie verfolgte zionistische Bewegung moralisch zu stärken, tim dadurch die Freundschaft der Juden zu gewinnen, hat aber bisher nichts darüber verlauten lassen, daß es Palästina zu einem englischen Gebiet machen wolle. So vermied es eine vorzeitige Festlegung und hielt sich die Möglichkeit offen, auch an andersartigen Lösungen des Problems mitzuwirken. Freilich ist aiizunchmen, daß cs England am erwünschtesten wäre, wenn Palästina unter englisches Protektorat käme. Sollten die Mächte bei den künftigen Friedensverhamllungen sich mit diesem Gegenstand hesehäftigen, so wird England seine Ansprüche darauf stüten, daß die Interessen der arabischen und jüdischen Bevölkerung Palästinas unter englischem Protektorat am besten wahrgenommen werden könnten, •und daß insbesondere die Schaffung eine! jüdischen Heimstätte in Palästina in großem Stil von England gefördert werden würde. Ob aber Frankreich einer solchen Lösung bedingungslos /:nstiinnien würde, ist nicht bekannt. Die oben erwähnte Erklärung der französischen Regierung kann dahin gedeutet werden, daß Frankreich sich angesichts des diplomatischen Uebergewichts Englands genötigt sieht, in den vorderasiatischen Fragen der englischen Politik׳ zu folgen. Sie kann aber auch dahin gedeutet werden, ׳:laß Frankreich sich zwecks Durchsetzung seiner eigenen Ansprüche auf syrisches Gebiet und für jede in Frage kommende Lösung des Palästina- Problems, bei der Frankreich jedenfalls beteiligt sein will, diplomatisch vorz.ubercHcn wünscht. Es ist der französischen Diplomatie sicherlich klar geworden, daß die immer mächtiger sich ausbreitende zionistische Bewegung in erster Linie berücksichtigt werden muß, wenn die Zukunft Palästinas bestimmt wird, und die französischen Staatsmänner wollen vielleicht ihre eigenen, auf eine nicht ganz im englischen Sinne liegende Lösung hinzieleiiden Absichten dadurch erleichtern, daß sie, nach dem Vorbild Englands, auch ihrerseits dem Zionismus weitgehende Unterstützung Zusagen. .Was Italien anlangt, so ist es an Palästina weniger interessiert als die anderen Ententemächte und daher kann die bereits vor längerer Zeit er-' folgte Zustimmung Italiens zu der englischen Erklärung dahin aufgefaßt werden, daß Italien, dessen Politik seit langem sehr stark im englischen Fahrwnsscr segelt, vorkommendcnfalls den rein engfischen Standpunkt in der Palästina-Frage unterstützen wird. Noch aber ist ein sehr wichtiger Faktor vor- handen, der von ausschlaggebender Bedeutung worden kann: Amerika. An anderer Stelle dieses Blattes veröffentlichen wir einen Artikel des ״American Jewish Chronicle“, der unter Hinweis auf die letzte Botschaft des Präsidenten Wilson das Verbleiben Palästinas beim türkischen Reich ins Auge faßt. Daß in einem mit der europäischen Entente verbündeten Lande solche Stimmen laut werden können, ist doch recht bemerkenswert, und. in der Tat ist der Wortlaut der Wilsonsdien Erklärung so gehalten, daß man daraus den Schluß zielten muß, der Präsident sei einer solchen Lösung zum mindesten nicht abgeneigt. Seine Formel, daß den nichttürkischen Nationalitäten völlige Ent- Wicklungsfreiheit zugesichert werden müsse, bezieht sieh selbstverständlich auch auf die Jude* Palästinas, ״Der ortÄrchi i'Zr dot JG”?cao Volk Sic Sch«einer tlfDcglcVrcckiüc!» Hcinui.'Bic ln PaKUilaa." mcjc.1«? PrcgriiEaai. und daß Präsident Wilson für den Zionismus' große Sympathien besitzt, hat er durch Worte und Taten vielfach bewiesen.' So kann man ymsammenfassend sagen, daß sämtliche Ententemächte bereit sind, den Zionismus zu fördern, die Errichtung der jüdischnationalen Heimstätte in Palästina zu unterstützen, daß aber über die Frage, welche Macht oder welche Machte in Zukunft in Palästina herrschen sollen, innerhalb der Entente selbst noch keine volle Klarheit besteht. Nichts charakterisiert besser den von allen politischen Konstellationen und Kriegsereignissen unabhängigen Charakter der zionistischen Bewegung. Der Zionismus kann unter den verschiedenartigsten politischen Bedingungen zum Ziele gelangen. Mag Palästina unter englisches Protektorat kommen, mag eine Iiileniationalisierung erfolgen, mag cs bei der Türkei bleiben: immer ist für die Macht, die Palästiua beherrscht, und ebenso für alle anderen Mächte die Möglichkeit gegeben, das Werk der nationalen Wiedergeburt cies jüdischen Volkes in Palästina zu fördern. Mehr als einmal wurde an dieser Stelle gesagt, daß es Aufgabe der Türkei und ihrer Vcrbünde ton sein müsse, ihrerseits zum Zionismus Stellung zu nehmen und der Bedeutung der Frage entsprechend das Problem in großzügiger Weise zu lösen. Die vorstehenden Ausführungen über die Haltung der Ententemächte zeigen, worin allein diese Lösung bestehen kann: in klarer und entschlossener Förderung der. Zionismus. Erfreulicherweise ist diese Erkenntnis' bei den Zcntralmäcliten mehr ■und mehr duicligcdrimgen, und die Erklärangen des stellvertretenden 'Staatssekretärs Freiiierrn v.d. Bus sehe, des Mini.Ua's des Acußem Grafen Czernin und ähnlich gehaltene Zu- Sicherungen des bulgarischen Ministerpräsidenten Radoslawow zeigen, daß die Zentralmächtc die Bedeutung der F'rage zu würdigen wissen. Freilieh sind Deutschland, Oesterreich und Bulgarien in schwierigerer Lage als die Länder der Entente. Sie sollen sich’ über die Zukunft eines Gebietes ausspredien, das einem ihrer Verbündeten gehört, während die Entente über das Gebiet eines feindliehen Staates verhandelt. Rücksichtnahme auf den türkischen Verbündeten ist selbstverständliche Pflicht der deutschen, österreichisch-ungarischen und bulgariseben Politik. Aber diese Rücksichtnahme würde einen für die Türkei selbst schädlichen Charakter annehmen, wenn sie zu einer Vogel Strauß-Politik führen sollte. Die Palästina-Frage besteht und. der Zionismus marschiert unaufhaltsam. Ungünstige politische Situationen können ihn zeitweise hemmen, aber niemals vernichten. Er wird immer wieder zur Stelle sein und die Gegnerschaft einzelner Personen kann ihn nicht auf halten. Hinter der zionislivehen Forderung steht die ungeheure Mehrheit der Juden, ja die gesamte zivilisierte Welt. Die Türkei würde sich selbst isolieren, ihre diplomalische Situation bei kommenden Friedcnsvcrhandlmigen verschlechtern und für die Zukunft auf einen guten Teil der für sie höchst wichtigen mateteriellen und moralischen Hilfe Europas und Arnerikas verzichten, wenn sie sich dauernd und hartnackig gegen die Erkenntnis verschließen sollte, ן daß eine moderne Regierung die zionistische Arbeit in Palästina nicht hemmen darf. Es muß ausgesprochen werden, daß Palästina Zwar türkisches Gebiet, aber nicht von Türken, sondern nur von Arabern und Juden bewohnt ist; und cs muß ferner ausgesprochen werden, daß die Türkei weder zur Zeit dev Sultane noch zur Zeit der jungtürkischen Herrschaft imstande war, der Bevölkerung Palästinas dasjenige zu leisten, was jede aufstrebende Bevölkerung von ihrer Regierung verlangen kann: geordnete Verwaltung, zuverlässige Rechtsprechung, Berücksichtigung der berechtigten Ansprüche der Bevölkerung auf nationale Selbstbestimmung. Die Türkei kann nur dann einer Gesundung entgegongefülirt werden, wenn sic selbst erkennt, was ihr not tut, und wenn ihre Bimdesgenossen, bei aller Rücksichtnahme auf die türkischen Staatsnolwendigkcitcn darauf dringen, daß die türkische Regierung siel» ־zu denjenigen Reformen der Ver* fasvung und Verwaltung und vor allem km den* jenigen Acndcnmgen in der Behandlung der nichttürkischen Nationalitäten, entschließt, die da* Standpunkt des '20. Jahrhunderts entsprochen. Vor einer Reihe von Wochen konnten wir mitteilen, daß ein nicht unerheblicher Fortschritt in dieser Richtung erzielt worden ist. Die Erklärungen, die der Großwesir T a 1 aa t Pasch a dem vom deutschen Botschafter in Konstantinopel bei ihm angeführten Dr. Becker abgegeben, hat, wurde* von uns als eine erfreuliche Wandlung begrüßt. Gegen diese Auffassung haben sich im Inlande wie im Auslande manche Stimmen erhoben und wjr haben von diesen Stimmen seinerzeit die Aeußcrungen des Herrn Kann im Haag mitgeteilt, der die türkischen Erklärungen keineswegs befriedigend fand. Ein gerechtes Urteil in dieser Frage ist al>cr nur möglich, wenn man die türkischen Verhältnisse kennt und berücksichtigt. Es ist wahr und wir haben dies auch im Anschluß an die Erklärungen des Herrn Kann ausgesprochen, daß die Aeußcrungen Talaat Paschas inhaltlich noch keiueswegs dem entsprechen, was der Zionismus fordort. Noch fehlt die entscheidende Anerkennung von türkischer Seite, daß die Juden ein natürliche» Anrecht haben, in dem halb verwüsteten und menschenarnien Lande ihrer Väter ihr nationales Gemeinwesen wieder nufzubaucn. Daß dies im Rafimen des türkischen Reiches und unter völliger 15crik'ksiditigimg der türkischen Staatsinteressen und Landesgesetze möglich ist, weiß jeder Kenner der Verhältnisse, und niemals hat der Zionismus etwa* anderes erstrebt, als eine in vollster Loyalität gegen die Staatsregierung erfolgende Kolonisationstätigkeit, die iiiren Ausdruck in der unbehinderten An- Siedlung von Juden in Palästina, in der Errichtung jüdischer Schulen und Lehranstalten, in der Pflege der hebräischen Sprache und des nationalen Empfindens, in der Ausübung lokaler Selbstverwaltung . finden soll. Noch vermissen wir in den allgemein geholtenen Erklärungen des Großwesirs die gruudsätzliehe Anerkennung unseres Rechtes und unserer wichtigsten Forderungen. Aber die kritischen Stirninen im ln- und Auslande dürfen uns doch nicht an der Erkenntnis hindern, daß diese Erklärungca einen wesentlichen Fortschritt bedeuten. Dieser Fortschritt ist sozusagen psychologischer Natur. Es kommt nicht so sehr auf den Inhalt dieser ersten türkischen Regierungsäußerung an als vielmehr darauf, daß die Türkei beginnt, das Palästina-Problem als ein Problem zu empfinden, daß sie sicli genötigt sieht, der zionistischen Bewegung Rechnung zu tragen und sei cs zunächst auch nur in der Form allgemeiner Erklärungen, die /.ur Beruhigung der jüdischen Oeffentliclikcit *dienen sollen, und daß sic sich mehr als früher den Rat- Schlägen ihrer Bundesgenossen in dieser Frage geneigt zeigt. Wer die Türkei aus eigener Anschauung kennt und die Psychologie der heute regierenden jungtüi'kischen Staatsmänner erfaßt hat, wird in den Erklärungen Talaat Paschas diesen psychologischen 'Fortschritt finden. Damit aber ist der Bann gebrochen. Bisher hielten die Türken an der Auffassung fest, daß sie sich in der Palästina- Frage um die Juden und die sonstige öffentliche Meinung nicht zu kümmern brauchten. Nunmehr beginnt die im Kriege von allen Staaten etwas hochmütig angewandte Behauptung, daß es sich bei dergleichen Problemen um innere Angelegen• heilen handele, die die Außenwelt nichts angingen, allmählich zu schwinden. Darüber hinaus wissen wir, daß gerade Talaat Pascha und neben ihm andere einflußreiche Mitglieder des jungtürkischen Komitees durchaus judenfreundlich gesinnt sind und daß sic persönlich wohl geneigt wären, dem Zionismus noch weit mehr entgegenziikommen, als dies aus den ersten Erklärungen der türkischen Regierung hervorzugehen seinen. Aber cs sind in der Türkei und auch im jungtürkischen Komitee Gegenkräfte am Werk. Der nationalistische Uebexschwang, der sich im Kriege in der Türkei entwickelt hat, hindert viele türkische Politiker an der klaren Erfassung der Sachlage und ihres eigenen Interesses. Die primitive und in unserem Jahrhundert gänzlich unzulängliche Art der früheren Landcsvervvaltiing und -Beherrschung ist in der Türkei wohl verstandesmäßig, aber noch nicht geffthlsmäßig überwunden. Wir geben uns keinen { ׳ .1 I /

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