Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«״>,.<• ..״ sie bereit ist, alle sic betreffenden Fragen mit ihrem :;{etr, bcwiiiirlcm Wohlwollen m b.liandein, ich ermächlige Sie /fern, wenn Kie /flanbeii, daß ■iiuinc Erklärungen zur Oeruhigmiff der öi'fcntliehen Meinung beitragen können, s'e in Ihrer Zei* tungf zu veröffentlichen.“ Der Großwesir fügte ,noch einige freundliche persönliche Worte bei Und ich verabschiedete Irnich, indem ich meinen Dank ausaprath und die Hoffnung, daß die Erklärungen, die ich erhalten hatte, ihren Zweck erfüllen würden. Die Bedeutung der türkischen Erklärung in der gesamten zionistischen ()Öffentlichkeit werden die Erklärungen des türkischen Großwc• sirs zur Frage der jüdischen Einwanderung und Niederlassung in Palästina lebhaften Widerhall und entschiedene Genugtuung erwecken. Es ist das erste Mal, daß die türkische Regierung sich veranlasst sieht, vor der breitesten ()Öffentlichkeit ilirq Meinungen über die zionistische Frage dar/ulcgcn, und die Art, in der dies geschehen ist, eröffnet die besten Aussichten für die künftige Gestaltung der Lage der Juden in der Türkei und vor allem in Palästina, Der Großwcsir Talaat Pascha hat mit Recht fiervorgehoheu, daß die Türkei von jeher eine freundliche Haltung gegenüber d'ea׳ Juden eiligenomine» hat, und die türkische Regierung kann versichert sein, daß die Gastfreundschaft, welche das türkische Reich seit Jahrhunderten, insbesondere denjenigen Juden gewährt hat, die in Europa vom Glaubens- und Stammeshass verfolgt wurden, in den Herzen der» Juden Gefühle der Dankbarkeit erweckt hat, die bis heute nicht geschwunden sind. Die Erklärungen vl’.cs Großwesirs lassen uns hoffen, daß das durch Jahrhunderte bewährte freundscliaftliche Entgegenkommen der Türkei gegenüber den Juden auch in Zukunft geübt werden wird und daß gewisse Strömungen und Maßnahmen anderer Art, die sich in den letzten Jahren bemerkbar machten, nur als eine vorübergehende Erscheinung betrachtet zu werden brauchen, die sich aus besonderen Zcituniständcn und der mangelnden Einsicht einzelner Personen erklärt. Hierzu rechnen wir in allererster Linie die Be- Schränkungen, welche die freie Entfaltung des jüdisdien Kokmisationswerkcs in den letzten Jahren gehemmt haben. Zwar hatte die türkische ■Regierung sich schon vor dem Kriege veranlaßt gesehen, den sogenannten ״roten Zettel“ abzusdiaffen, web, dien die Juden bei ihrer Einwanderung :i11 Palästina anstelle ihres Passes erhielten und welcher sic nur zu einem Aufenthalt von drei Monaten in Palästina berechtigte. Aber dieser Aufhebung waren dann während des Krieges Maßnahmen gefolgt, die auf eine grundsätzliche Abneigung der Türkei gegen, eine weitere jüdische Einwanderung in Palästina sdilicßcn ließen. Insbesondere handelt cs sich!um .Verordnungen, die während des Krieges erlassen wurden, und nach denen den Juden aller Staaten das Betreten Palästinas verboten und sowohl den ottomanischen wie den ausländischen Juden dm׳ Erwerb von Grund und Boden in Palästina untersagt wurde. Diese für das Judentum der ganzen Welt demütigenden Beschränkungen sollen nach den Worten des üroßwesirs jetzt fallen. Die Einwanderung und Niederlassung der Juden soll in demselben Umfang gewährt werden, wje sie allen anderen Staatsbürgern der verschiedenen Nationen auf Grund der bestellenden Gesetze gestattet ist. Der Großwesir hat ausdrücklich erklärt, daß die freie Einwanderung der Juden nach Palästina nur i!1. den natürlichen Vcrlältnissen des Landes ihre Grenzen finden soll. Dieser Standpunkt ist durchaus bagreiflich; denn man wird 'keinem Staat zumuten» können, eine Einwanderung atifzu״,dunen, die den; wirtschaftlichen Bedingungen das Landes nicht ent! ivpricht und dadurch ökonomische Schwierigkeiten schafft. Der Zionismus selbst ist im höchsten Maße daran interessiert, daß die) jüdische Einwanderung sich in Formen vollzieht,, welche der Wirtschaftliehen Aufnahmefähigkeit Palästinasund den ökonomischen Landcsbediiiguiigeu entsprechen. Wenn die Türkei tatsächlich in Zukunft der jüdischen Einwanderung keine andere Schranke entgegensetzen will als die natürlichen Landcsverhäitnisse eine solche aufrichten, wenn sic im Sinne der Zusicherungen des Großwesirs den Juden in Palästina •völlige Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung, der Rcligionsausübung, der kulturellen (Entwicklung, Insbesondere im Schulwesen, iin Gebrauch der hebräischen Sprache, in der Verbreitung der Literatur und Presse gevvälirt, und wenn, was ja schließlich die Hauptsache ist, alle Verwaltungsorgane im Sinne dieser von Talaat Pascha ve.LünA׳'״ •־׳ ,. י; ־ •׳» ■•׳. ■■';<» wären damit hü eh .1 V,.re,'..lk’ ■1 ■”׳ für die Erfüllung der M'-C ,1;נ»,/ ^.־• geben. Was nun die äußerst v/icidigc Lra;;r Verwaltung lietrifi't, so hat ’» alnnt Pr.r; aa <>:u׳am hingewicsen, daß schon heule in <101• I1;r!:ei u!2 einzelnen Gemeinden;׳und Viiajel.־• ]eine ן>wisse Selbstverwaltung besitzen und daß die Absicht ba- .steht, diese Selbstverwaltung noch weiter auszudelmen. Wir wissen nichts darüber, i 11 welcher Art diese Ausdehnung erfolgen r.0',1. Die Hauptsache in dieser wie in allen anderen kragen des nationalen Seib..tbe,stim1!nsugsrec.iis r.t «licht Kino Gesetz selbst, sondern schic Auslegung ״״!!;* Handhabung durch dlie Verwaltungsorgane. Wenn m einem Gebiet der Türkei, wo es.!;eine türkisdhe Pcvölkernng, sondern nur eine u׳hw.׳c!־.c arabbehc und eine durch Zuwanderung allmählich wachsende jüdische Bevölkerung, gibt, den Dörfern und Städten, den Kommimalverbäiidcn und sdiließlicli der ganzen Provinz, eine Form der Selbstverwaltung verlieben wird, die dem einzelnen Bürger die ungestörte Aus- Übung .seiner Rechte als Staatsbürger und als Angehöriger .seiner Nation und den größeren mul kleineren Verbänden die gütige Seit ständig* keit verbürgt, um den iwiriscliafilichca luuf kulturellen Fortschritt des Landes kräftig zu fürdern, so bedarf es keiner Aur.miluncgesetzc zu Gun.•.(eu der jüdischen Einwanderer, um der jü* disdien Nation in Palästina ihr Dasein und ihren Aufstieg im Sinuc des zionistischen Program nies zu sichern. Wir sind überzeugt, daß eine so überragende Persönlichkeit .wie Talaat Pascha sich der Erkenntnis nicht verschließen kann, daß die tiirkischc Herrschaft über nichttürkische Gebiete nicht auf Gewalttat und Unterdrückung gegründet werden darf, sondern daß die Türkei, um ihren Besitzstand für die Dauer zu behaupten und daraus für das Gesamtreich Früchte zu ziehen, den nichtiürki.schcn Nationalitäten im Geiste unserer Zeit, im Geiste eines gesunden Fortschrittes soviel Spjclraum gewähren muß, daß diese Nationalitäten sich׳ unter der türkischen Herrschaft״ ,wohl fühlen, weil sie ihr Lebensrecht unter dieser Herrschaft für gesichert halten. Nicht alle Fragen des Zionbinus konnten in der oben ׳wiedergegebenen Unterredung zwischen dem .׳Großwcsir ־und Dr, Becker eingehend erörtert werden. Aber die ,wichtigsten Fragen sind berührt worden und die freundliche Art, in der der Großwesir sich über «die Juden im1 allgemeinen ausrprach, imd das verständnisvolle Entgegenkommen, das er bei der Diskussion aller Eingelfragim des Zionismus an den Tag legte, zeigen nicht nur, daß die Möglielikeil besteht, mit der türkischen Regiert!,fig über die zionistische Frjigc zur Verständigung zu ge* langen, sondern daß ein sehr großer Teil dieser Verständigung bereits erreicht ist. Den hohen •wirtschaftlichen Nutzen, den des־ Zionismus der Türkei bringen kann, hat der Großwesir ausdrücklich anerkannt. Aber er weiß sicher auch, daß es sich nicht nur um die materiellen Vorteile handelt, die sich aus der kolonisatorischen Tätigkeit der Juden in «Palästina unmittelbar ergeben werden, sondern daß größere und für die Zukunft der ■Türkei ׳noch bedeutsamere Vorteile erwachsen können, wenn die Türkei dein Zionisttnus entgegenkomint und ihn willkommen heißt. Wir sind sicher, daß schon, die Erklärungen, die der Großwcsir jetzt abgegeben hat, in der ganzen Welt starken Eindruck paclicn und die Gefühle der Sympathie aufs neue überall beleben Werden, die sich die Türkei in vergangener Zeit erworben hat. Man war in den letzten Kriegsjahrcn leider 1m Auslände gewöhnt, nur Schlechtes über die Türkei zu hören. Die׳ Haltung der türkischen Regierung zu den Juden in Palästina war stets eines der vvielitig.üen Argumente, mit denen die der Türkei feindliche Pr-cöse ä:־beitete, und jede Nachrieht, die sich hierfür verwerten ließ, Würde, oft mit starken Uebertreibimgeii, benutzt, um die Türkei den ׳schärfsten Angriffen auszusetzen. Die Er- Märnngen Talaat Paschas, werden sicherlich geägnet sei«, diese!ungünstigen; Eindrücke großenteils zu verwischen und iwir begrüßen eie auch aus diesem Gründe; denn nur ■mit Bedauern konnte man sehen, wie ein reiches Kapital von Vertrauen und Syirtpatliie für die Türkei׳in Zeit tsersiürt wurde. •Ein Punkt in den Erklärungen Talar.t Paschas gibt uns Anlaß zu g'atiz bwouilerer Befriedigung■. Es ist dies die Wendung, i:1 der er von der Loyal(• Bit der Zionisten spricht und damit den Dckauptungea ein Ende!macht, elr.3 die iÜ;'.;lr.i;e Regierung den Zionisten lr.it Mißtraue־,! gsgaAierstckc. Wir haben trotz aller Zwk.ehcnfülie und Pehv/icrigkeiten der letzten Zeit 11״c.״wögt an dam Staadt I11;.־׳!:t L״.׳.tgel1aiü׳n, daß cs unr,׳.re׳n ehrihhen An-; irpmgeii gelingen werde, die Türkei dav«2 וו׳» ü;eiYeiigiii, daß der Zionismus nicht nur mit dem;■־Eat.'.ged.'mken der Türkei vereinbar und für die wul.iehaitliclie Entwicklung des türkischen Reiches■ von . großem Nutzen ist, sondern auch, daß die Regierung slcts auf die Treue und Zuverlässigkeit ihrer jüdischen Untertanen in Palästina wird baue« können, wenn sie in verständnisvoller und giollzügiger Weise der jtidi.,eilen;;Einwanderung die Lore öSfnet und dem Zionismus den Spielraum gevvänrt, den er braucht, den er aber niemals mißbrauchen wird. Es gibt ja auch keinen einzigen ,Grund für eine von der Türkei geförderte und brschid/te jüdische Nationalität in Palästina, frei«- den politischem Einflüssen nacli/.ugeben oder gar die l.o.ueißuiig von der 'Iiirkei zu wünschen. Nichts kann dem Zionismus willkommener sein, als wenn er ausschließlich mit der Landesregierung zu rechnen, hat, die ihm wohlgesinnt ist und ihn fördert. Wenn Talaat Pascha auf die Bemerkung, die Form der englischen Palästina-Erklärung scheine von den Zionisten dahin beeinflußt zu sein, daß darin kein Wort gegen die türkische Regierung enthalten ist, ausdrücklich erwiderte, daß er dies der Loyalität der Zionisten zuselircibc, so gibt 1ms dies die Gewißheit, daß die Vcrieumdtiiipeti, die innerhalb wie außerhalb der Türkei gegen den Zionismus ausgestrent wurden, vor der höheren Einsicht der türkischen Regierung weichen mußten. Audi für manche jüdische Kreise enthalten diese Worte des Großwesirs eine Lehre. Wir haben immer auf dem Standpunkt gestanden und haben■ es oft öffentlich ausgesprochen, daß cs ־zwecklos und verfehlt sei, gegenüber der türkischen Regierung zu behaupten, daß ein Untcr.sdiicd?.wischen zionistischer und niclitzionistischer Einwanderung, zwischen zionistischer und nichtzionistischer Kolonisation bestehe. Diese Methode ist von manchen jüdischen Kreisen angewandt worden, die sieh cinbikictcn, die türkischc Regierung für jüdische Kolonisationsplänc gewinnen zu können, wenn sie selbst ausdrücklich . jede Verwandtschaft mit dem Zionismus nblctigneten. ' Aber der klaren Einsicht der türkisdien Staatsmänner konnte cs nidit entgehen, daß jüdisdie ׳Einwanderung und Kolonisation in Palästina mit der Verwirklichung ׳des Zionismus ziemlich identisch sind. Wenn in einem diinu besiedelten Lande, wo keine Türken wohnen, allmählich Jtiden cinwaiidern, sich in Stadt und Land niederlassgn, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft treiben, ihre eigenen Schulen und Zeitungen in lie* briiischcr Sprache haben, ,und Wenn eine solche Einwanderungs- und Kolonisationsbcwegung von einer weitsichtigen Regierung im Sinne der Erkfärtingen Talaat Paschas freundlich gefördert wird, so entsteht eben mit Naturnotwendigkeit fine jüdischc Nation in Palästina, und alle vom Zionismus erstrebten Formen örtlicher Selbstverwaltung sind nichts anderes als der notwendige Ausdruck der Freiheit, die jede nationale Gruppe besitzen muß, wenn sie nicht verkümmern, sondern sich kräftig entwickeln will. So begrüßen wir denn hoffnungsvoll die Erkfärungen des türkischen Großwesirs, welche den ersten entscheidenden Schritt der türkischen Regierung zur Anerkennung!und Verwirklichung des zionistischen Programms darstellcn. von Rabbiner Ein Memorandum Dr. Pinchas Kolm über die jüdisch-polnische Frage Von den zur Wahrung der religiösen Interessen der polnischen Juden durch die •Frankfurter ״Freie Vereinigung“ nach Polen entsandten Rabbinern hat der eine, Rabbiner Dr. Pinchas Ko 1111 aus Ansbach, kürzlich eine Reise nach Skandinavien gemacht. Ucbci* Ziel und Zweck dieser Reise gibt uns ein Schritt- «tück Auskunft, das Rabbiner Kolm zwecks A u f*» k i ii r 1111 g der neutralen Oeffcntlichlccit über die p o 1 ni 8 c h ־ j ü d i s c 11 c Frage verfallt bat und das durch das Jüdische Prcßburcau in Stockholm nunmehr der Presse zugänglich gemacht wird Schriftstück ist in Politik der beiden kennzeichnend, daß werden muß. Das ״Zur Kenntnis Das fast jedem! seiner Sätze für che deutschen Rabbiner in Polen so es hier ohne Kürzung niitgcteilt Dokument hat folgenden Wortlaut ל der polnischen Judcnfragc gehört folgende Voraussetzung: . . I. Die Parteien innerhalb der polnischen Juucniici!. a) Assimilatoren, ausgesprochen P01'1'”״־ orientiert, religiös indifferent jvolitisch meist den söge־ nannten Progeßpartcicn angehörig, selbst dem, revoiutionüren Rußland gegenüber nichtrussopbil, Träger aer polnischen Traditionen aus der polnischen Revolutions* zeit von 1863 (ca. 5<y« ,der Bevölkerung). b) Die konservative Masse bisher unpolitisch, nun durch mich politisiert, und zwar *J« F®■ polnischen Sinne. Ihr erster Motiv ist immer die reugiöse Frage. Sie ist der deutschen Verwaltung gegen-