Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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_ , . J 1/ 1 .. . _ . ...— "יי—. Redaktion und Verlag Judiadie Rundschau, Berlin W. 15, Siid.si-.Ae Straße 8 Er- ‘dieuit w״cl״״H. ״,״ FmUjj. Abonnement bei der Expedition und bei nllo P״.st״mt«rn nerteljalirl. Mk, 2,25 in Deutschland, in Oesterreicl -Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk 3 - Nummer 18 Berlin, den 4. Mai 1917 \A / yy c 's**״ V Telephon: Amt Uhland 845. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich( K. K. Postsparkassenamt Scheckkonto Nr, 156030. Anzeigen die sechsgejpalteno Petitzeilo oder deren Raum 40 Pf. Teucrung»zuschl*g 15°/n. Rcdnktionischluß Dienstag nachm. 12. Ijar 5677 XXII. Jahrgang Zur Emanzipation der russischen Juden Als die ersten Z(\veife! an der Richtigkeit der Nachrichten über .die russische Revolution gesehwitiiden waren, als es feststand, daß wirklich ein so lange geknechtetes Volk von I7U Millionen Seelen sich mit einem Schlage und fast ohne Blutvergießen die Freiheit errungen halte, da miseh'.e sieh in die Freude der deutschen Juden über die Gleichberechtigung, der ihre russischen Brüder nunmehr tciljtaftig geworden waren, die bange Frage, ob sich hier nicht im großen ein Prozeß wiederholen werde, wie er im kleinen eine Folge der Emanzipatiou der Wcstjudenheit gewesen war. Hier hatte die gesetzliche Gleichltercchtiguitg, die die Völker den Juden gegeben hatten, und die Möglichkeit, sich in die Kultur und das geistige Schaffen der Umwelt zu vertiefen, die Folge gehabt, daß mit Bewußtheit das Aufgebot! jeder nationalen Eigenart zur herrschenden Tendenz im jüdischen Leben wurde. Die Sprache der Umwelt wurde angcnoinmen, das jüdische Leben seiner nationalen Forrnen und Inhalte beraubt und der deutsche Jude wurde zum Staatsbürger mosaischer Konfession. Sollte das auch der Weg sein, der dem russi- •eben Judentum bcvorstcht? Mit Recht ist vor den falschen Analogien ge- ■warnt worden, die uns ständig dadurch zu schicfen Urteilen führen, daß wir Terminologien, die aus einem andern Ideenkreis und Zeitgeist stammal und auf andere Verhältnisse passen, kritiklos und mechanisch übernehmen. Der Begriff ,,״Enianzipation“ ist nicht etwas so Feststehendes, so Eindcutiges, daß man dieses Wort, geprägt vor über 100 Jahren für die Verhältnisse des jüdischen Westens, jetzt in demselben Sinuc für das Ost- Judentum anvvendcii und dieselben Folgen aus diesein Prozeß erwarten darf. Die Emanzipation in Frankreich nud Deutschland war die Aufhebung der Beschränkungen, die die jüdischen Untertanen in ihrer Eigenschaft als Juden trafen. Bis dahin konnte der Jude bestimmte Berufe nicht ergreifen, an bestiinmleu Orten nicht wohnen, gewißc Rechte nicht ausübeii: jetzt erklärte der Staat, das religiöse ■ Bekenntnis sei gleichgültig bei der Ausübung Staatlieber Rechte und Pflichten. Und dies geschah, Insbesondere in Preußen, nicht aus den Doktrinen der französischen Revolution heraus, nicht weil nun einmal bei Durchführung des Grundsatzes der Freiheit und Gleichheit vor den Juden nicht Halt gemacht werden konnte, .sondern weii man - > dies ist ja oft genug ausgesprochen worden — die Hoffnung hatte, durch Emanzipicrung der jüdischen Ei nze I p e r sö n I i c 11 - k e i t die ׳Auflösung der jüdischen G c 111 ein- Schaft beschleunigen zu können. Der Jude, dem der volle Genuß aller bürgerlichen und staatlichen Rechte gewährt wurde, sollte als Entgelt alle Hoffinnigen seines Judentums für die Zukunft aufgeben, er sollte vorbehaltlos treuer Preuße, Franzose und nichts als das werden. Und die Juden kamen diesem Wunsche bereitwillig nach. Die westliche Judeneinaiizipation erstrebte die bewußte Assimilation und erreichte in der Tat die fast gänzliche Auflösung der nationalen Bande des Judentums. Inzwischen ist die Welt um hundert Jahre fortgeschritten. Die Anerkennung des Nationalitäten- Prinzips hat sich immer mehr diirchgcsctzt. Der Gedanke des Nationalitätenstaates gellt seiner Verwirklicluing entgegen. Gemeinsames Streben für den Staat, dem jede Nationalität treu ergeben ist, geht Hand in Hand mit der freien Möglichkeit, der eigenen nationalen Kultur zu leben, in eigener Sprache eigene Schulen zu haben und als Nation eine entsprechende politische Vertretung zu er• halten. Die bisherigen Nachrichten aus Rußland beweisen, daß die Führer der Revolution, gleichgültig auf welchem politischen Standpunkte sie stehen, das Nationalitätenprinzip nicht nur theorctisch anerkennen, sondern auch praktisch zu lösen geneigt sind. Die nationale Autonomie der Fremd- Völker im allgemeinen und der Juden im besonderen: das ringt in Befreiern und Befreiten nach Gestaltung. Die Verwandlung aller Untertanen des Landes zu freien Söhnen eines Volkes war der Pinn der alten Emanzipation. Die Verwandlung ״Der ZlonUinut erstrebt für da* Jüdtiche Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich (*cilchertcn Hchmtüitc In Palästina.“ Baseler Programm. der geknechteten Nationalitäten zu freien Gliedern eines Staates ist die Losung der Revolution von heute. Aber noch weit . wesentlicher ist der Un• terschied im geistigen Habitus der jüdischem I Emanzipierten von einst und heute. Die alte Emanzipation war ein Geschenk des Staates an die Juden, zu dessen Erlangung die Juden nicht nur wenig getan haben, sondern bei dessen Annahme sie sogar manchmal recht sehr zögerten. Das russische Judentum hat für seine Freiheit gekämpft; seit den Tagen der Ignatiewschen Gesetze, besonders aber seit der unglücklichen Rcvolution von 1905 haben viele Hunderte jüdischer Männer und Frauen in den vordersten Reihen derer gestanden, die das alte Zarenregime zu stürzen .suchten und die jetzt den vollen Sieg davongetragen haben. Das russische Judentum hat sich seine Freiheit selbsttätig erkämpft und es tritt unter die befreiten Völker Rußlands als ein geachteter Mitkämpfer für die Freiheit. Und das russische Judentum von 1917 ist nicht das deutsche von 1812. Es hat aus der Geschichte gelernt. Es ist nicht richtig, wie oft behauptet wird, daß hier Millionen im Ghetto, fern aller europäischen Kultur, in einem nur durch Talmud' Studium und religiöse Formen bestimmten Leben dahiiKlänimcrten, Das russische Judentum schuf jüdische Kultur, pflegte die jüdische und hebräisehe Sprache und hat die Erstarrung zu vermeiden gewußt, in der sich das deutsche Judentum des beginnenden 19. Jahrhunderts befand. Und cs geht in das befreite Rußland mit seinen nationalen Forderungen. Es begnügt sich nicht mit der bürgerlichen Gleichberechtigung, sondern hat mit fester Entschlossenheit schon in den ersten Tagen der Revolution die Forderungen des jüdischen Volkes gestellt. In Moskau wurde auf Initiative der Juden eine Konferenz der nationalen Minderheiten eiubcrufcn und die Anerkennung ihrer nationalen Rechte gefordert. Mit berechtigtem Stolz wies der Aufruf des Zentralkomitees der russischen Zionisten auf das Programm von Helsingfors hin, das schon zur Zeit der ersten Revolution die Änerkeninnig des jüdischen Volkstums in Rußland forderte. Wie hätte das westliche Judentum ain Tage seiner Emanzipation auch nur annähernd ähnliche Forde* rungen aufstcllen können? Die Gleichberechtigung der Juden Rußlands wird endlich die volle Möglichkeit nationa- 1er Propaganda geben. Der Weg, den das russische Judentum zur europäischen Kultur — soweit es ihn nicht schon gegangen ist — jetzt in beschleunigtem Tempo fortsetzt, wird nicht die zentrifugalen Tendenzen des jüdischen Westens haben. Es wird ihn gellen als eigene, anerkannte jüdische Nationalität, die in immer stärkerem Maße erkennt, daß das jüdische Volk unlöslich mit Zion verbunden ist, Vertrauen wir der Macht ■unseres nationalen Gedankens, die dem russischen Judentum den Weg ersparen wird, auf dein das westliche Judeiituni fast verloren gegangen wäre. Dr. Fritz Löwenstein. Vor dem Delcgiertentag der russischen Zionisten Vom 15./28. bis I8./31. März tagte in Moskau linier dem Vorsitz von Dr. E. Tschlcnow eine Beratung der Mitglieder des Zionistischen Zentralkomitecs für Rußland, an der auch die russischeu Mitglieder des Großen Aktion skomit e e s , die Vertreter der Organisationen ״Hechawer" und ״Ze'irc Zion“, Delegierte des Moskauer, Jekatcriuoslawer und Sibirischen Rayonkomitccs und einiger größerer Stadtkoinitccs, insgesamt ca. 50 Personen, tcilnahmcn. ' Wie aus dein zweiten Zirkular des Zionistischen Zentralkomitees, das wir in den ״Veröffentlichungen des Vereinigten Komitees der Organisationen der zionistisciicn Jugend Zcire Zion und Hcchawer“ vor uns haben, hervorgeht, befaßte sich die Beratung mit einer Reihe von Fragen, die die politischen Aufgaben der zionistischen Organisation im Zusammenhang mit den Kricgsaussielitcn, die Organisierung der zionistisehen Kräfte Rußlands, die Hilfsarbeit für Palästina und die Vorbereitung einer großzügigen Arbeit in Patiistina nach Beendigung des Krieges, die Organisierung und Vereinigung des russischen Judentums und die Formulierung seiner bürgerlichen, politischen und nationalen Forderungen hetrcftcu. Die Beratung beschloß, anfangs Mai einen Zionistischen Delegiertentag in Rußland cinzubcrufcn. Unter anderem faßte die Beratung folgende Re• Solutionen: 1. Das 11.11 i o n a I p o I i t i » c h c Programmder zionistischen Partei. In Anbetracht, daß die Grundlagen des auf dem dritten Kongreß der russisehen Zionisten zu Helsingtors aufgcstelltcn Pro» gramms der jüdischen nationalpolitischen Forderungen in Rußland gegenwärtig, angesichts der Neugestaltung des russischen Reiches, eine besonders aktuelle Bedeutung gewinnen und den Bedürfnissen des Judentums und der zionistischen Auffassung entsprechen, bcschließt die Beratung, unverzüglich eine Reihe von Schritten innerhalb und außerhalb des Judentums zwecks Proklamiening und Popularisierung dieser programmalischen Forderungen zu unternehmen. Dabei findet die Beratung es für wünschenswert, einige Punkte des Mclsingforser Progratpms auf dem künftigen Zionistisehen Dclegiertentag einer Revision zu unterziehen und beauftragt das Zentralkomitee, einen entsprechenden Vorschlag über diese Frage dem Ikclcgicrtentag zu unterbreiten. 2. Die Wahlen zur Konstituante. In Aubetracht, daß das jüdische Volk, das überall in Rußland eine Minderheit der Bevölkerung niisinacht, der Gefahr ausgesetzt sein kann, in der Konstituante, die auf Grund des allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrechts eiubcrufcn werden wird, nur eine kleine, seiner Zahl nicht entsprechende Vertretung zu erhalten und in Anerkennung, daß das jüdische Volk durch seine von ihm gewählten und ihm vcKintvvortliclicn Deputierten vertreten werden muß, schlägt die Beratung dem Zentrnlkomitce vor, gemeinsam mit d1!׳׳ Vertretern amlerer nationaler Minoritäten und den demokratischest Parteien die nötigen Schritte zu unternehmen, um auf die Rcgierungsorganc und die politischen Faktoren im Lande einzuwirken, daß in die Wahlordnung das Korrektiv, das den Minderheiten die entsprechende Vertretung garantiert, da» proportionale Wahlrecht, aiifgetiomnien wird. 3. Der Rttssisc h-J 11 d i s c 11 c Kongreß. I )je Beratung betrachtet die Organisierung und Vereinigung des russischen Judentums als eine unaufschiebbare Not• Wendigkeit und macht dem Zentralkomitee den Vorschlag, die Initiative zur Einberufung eines aullerordent• liehen Jüdischen Kongresses auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu ergreifen. Der Kongreß soll noch vor der Einberufung der Konstituante abgclialtcn werden zwecks der Organisicrung des Judentums zur Verteidigung seiner bürgerlichen und nationalen Vollbcrcchtigung und der im Zusammenhang mit der bevorstehenden Beendigung des Weltkrieges stehenden Lösung des Problems der Einheit des jüdischen Volkes auf Grund der Verwirklicliung seiner historischen Rechte auf Palästina. Zwecks Vorbereitung dieses Kongresses findet cs die Beratung für nötig, unverzüglich in allen Städten des Reiches vereinigte jüdische politische Komitees unter BetcilK gung der Vertreter aller jüdischen Parteien, öffentliehen Organisationen und Einrichtungen zu gründen und eine vorbereitende Konferenz cinzubcrufcn. Das am 23. März vom Zentralkomitee der zionistischen Organisation in Rußland versandte erste offizielle Zirkular an die zionistischcu Distrikts- und Kreiskomitees schreibt den zio• nistisciicn Komitees und Gruppen folgende Auf• gaben vor: 1. Zionistische Propaganda: Sofortige Organisicrung von Schckclvcr׳Sammlungen, Wahl und Wiedcrwalü von Stadtkomitees, Veranstaltung von populäre» und wissenschaftlichen zionistischen Vorträgen, sofortige Durchführung aller zionistischen Gckisammlungen usw. 2. O r g a n i $ i c r u n g der J u d c n h e i t. Neben der zionistischen Arbeit sind die zionistischen Stadtkomitccs verpflichtet, in jeder größeren Stadt die sofortige Gründung eines allgemeinen jüdisehen politischen Komitees durclizuführcn. In diesem Komitee sollen verschiedene politische Parteien und Strömungen vertreten sein, nötigenfalls sollen auch Vertreter der Gemeinden, der öffentliche״ und professionellen Institutionen usw. gewählt werden. Diese Komitees müssen danach streben, sich zu autoritativen Vertretungen der jüdischen Bevölkerung zu entwickeln. Das Arbeitsprogramm dieser Komitees muß bestehen: a) im Kampfe für die tatsächliche Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung und in der Vcrtretung der jüdischen Interessen bei den höheren Verwaltungsorganeh, Kommunen und Lokal-Behörden; b) in der vorsichtigen und vernünftigen Regulierung des Auftretens der jüdischen Gesellschaft in allgemeinen russisch-politischen Fragen; c) in der Vorbereitung und Besprechung des Programmes der jüdisch-nationalen Forderungen in Rußland; \ V