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Jüdische Rundschau · 1917-04-27 · Heft 17 (27.4.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 17 (27.4.1917)
Date
1917-04-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Er- *cheintwochcntl. am Freitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern Vierteljahr!. Mk. 2,25 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,— Nummer 17 | Berlin, den 27. April 1917 —— ■w —111 ד .. liiTm—in—irmp*— in״! ■»!•rr Telephon: Amt Uhland 845.846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich 1 K. K. Poatsparkasscnamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeigen die sechssrespaltene Petit- Zeile oder deren Raum 40 Pf. Teiierungszuschlag 15%. Rcdaktion*schluü Dienstag nachm. 5. IJar 5077 XXII. Jahrgang Das Zionistische Aktionskomitee zur russischen Revolution Gesinnungsgenossen! ״Der Zloniimu* eritrcbt für da» jüdliche Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich (*elidierten Hciniitätle in l’ulasfina." llatclcr Programm. Paragraphen, Bemerkungen, administrativen Erlassen und Verordnungen aus der Welt geschafft, die sich im Verlauf von Jahrhunderten angehäuft hatten und das ganze Sein des Juden von seinem ersten Lebenstag bis zum letzten Atemzug umschwirrten. Die russische Revolution hat den Juden Rußlands die Freiheit gegeben. Die Fesseln, welche den größten Teil unseres Volkes gebunden hielten, sind gefallen. 111 tiefer Bewegung grüßen wir unsere befreiten Brüder. Wir alle haben ihre Schnicr/cn!nitempfunden, ihre Enttäuschungen mitgefühlt. Ihr Kampf war unser Kampf. Ihr Ringen tun Freiheit entfachte zur Flamme den Freiheitsdrang des jüdischen Volkes, der seinen leuchtenden Ausdruck in der zionistischcn Bewegung gefunden hat. Starker Hoffnung voll sehen wir der Zukunft entgegen, in der es unseren Brüdern in Rußland möglich sein wird, in Freiheit an der nationalen Erneuerung des jüdischen Volkes mitzuarbeiten. Hierfür ist uns Bürgschaft die Haltung des russischen Judentums in den letzten Jahrzehnten und die Entwicklung, die die jüdische Freiheitsbewegung jetzt schon in Rußland genommen hat. In den Freiheitsschrei der unterdrückten Völker Rußlands klang heil und freudig der Ruf der russischen Juden. Es war kein Zögern und kein Bedenken. Die Juden Rußlands haben ihre nationalen Forderungen aufgestellt in vollem Bewußtsein der hohen Bedeutung der Stunde. Die russischen Juden waren stets die treuesten, die tätigsten, die hingehendsten Zionisten. Unserc Bewegung verdankt ihnen Unschätzbares. Ein von seinen Fesseln befreites, seiner nationaien Aufgaben bewußtes russisches Judentum gibt unserer Bewegung neue und ungeahnte Kraft zur Verwirklichung unseres uralten Zionsideals. Das Aktionskomitee der Zionistischen Organisation W arliurt׳. Das Emanzipationsedikt in Rußland Die Provisorische Regierung Rußlands hat am 21. März/3. April nachstehendes Edikt erlassen: ״Ausgehend von der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß in einem freien Lande alle Bürger vor dem Gesetz gleich sein müssen und daß keines einzigen Bürgers Gewissen sich bei der Bcschräukung der Rechte der einzelnen Bürger auf Grund ihrer Religion oder Abstammung beruhigen kann, beschloß die Provisorische Regierung: Alle bestehenden gesetzlichen Beschränkungen der Rechte der rußläiidischen Bürger, die durch die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Religion, Konfession oder Nationalität bedingt sind, Werden hiermit aufgehoben. In Ucbereinstimmung damit werden abgcschafft: alle Gesetze und Erlässe, die im ganzen russischen Reich ebenso wie in seinen einzelnen Provinzen bestehen und auf Grund der Zugehörigkeit der rußländischen Bürger zu der einen oder anderen Religion, Konfession oder Nationalität irgendwelche Beschränkungen fcststellcn bezüglich: 1. des Wohn- und Bewegungsrechtes, 2. der Erwerbung von Eigentum und Besitz aller Art mobiler und immobiler Güter, ebenso (wie ihres Besitzes, Genusses und ihrer Vcrwaltung, ihrer Verpfändung und Inpfandnahme, 3. aller Art Beschäftigung mit Handwerk, Handcl und Industrie, inkl. der Bergindustrie und der Beteiligung an den staatlichen Unternehmungen, Lieferungen und öffentlichen Auktionen, 4. der Beteiligung an Aktien- und anderen Arten von Gesellschaften und Genossenschaften für Handel und Industrie und der Bekleidung von allen besoldeten und unbesoldeten Acmtern in diesen Gesellschaften und Genossenschaften, 5. der Anstellung von Dienstpersonal, Handels- Angestellten, Gehilfen, Arbeitern und Lehrlingen, 6. der Bekleidung von Staatsämtern, sei cs Zivilen, sei es militärischen, der Ordnung und Bedinpung für die Beförderung, der Beteiligung an den Wahlen zu den Einrichtungen der lokalen Selbst- Verwaltung und aller Arten anderer öffentlicher Institutionen, der Bekleidung aller Arten von Acmtern gemäß allen staatlichen und öffentlichen Gesetzen und der Erfüllung aller mit diesen Aemtern verbündelten Verpflichtungen, 7. des Eintritts in alle Schulen, in staatliche* öffentliche und private, der Absolvierung und des Genusses von Stipendien, ebenso wie der Beschäftigimg mit Unterricht und Erziehung, 8. der Ausübung der Vormundschaft, der Kuratel und des Amtes eines Geschworenen, 9. der Benutzung einer anderen, nichtrussischen Sprache resp, eines Dialektes in der Korrespondenz der privaten Betriebe, beim Unterricht in allen pri• vaten Lehranstalten und in der geschäftlichen Buchführung.“ (Es folgt die Aufzählung von ca. 365 Gesetzen, Erlässen und Verordnungen, die auf Grund des Ediktes annulliert werden.) ״Die Kraft aller bis zur Veröffentlichung dieses Ediktes von zivilen oder militärischen Behörden ergangenen administrativen Erlässe, auf Grund deren die Ausübung irgendwelcher Rechte infolge der Zugehörigkeit zu einer Religion, Konfession oder Nationalität beschränkt wurde, erlischt. Die Kraft dieses Ediktes dehnt sich auf die entsprechenden Beschränkungen aus, die für die Ausländer der nicht gegen Rußland kriegführenden Staaten im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Religion, Konfession oder Nationalität bestehen. Dieser Erlaß tritt am Tage seiner Veröffentlichung in Kraft.“ Ministerpräsident Fürst Lwow Justizministcr A. Kerenski. Die Verkündung der Emanzipation Wohl wußte jeder, daß der Sturz des Zarismus und der Sieg der Revolution unbedingt die Aufhebung aller Judeiibescliriiiikuiigeu nach sich ziehen muß. So war cs in allen Staaten Europas, in denen die politische Umwälzmig sich vollzogen hatte, so waren auch die Hoffnutigeii der russischen Juden seit jeher. Die Tatsache, daß die Provisorische Regierung die Emanzipation der unterdrückten Nationalitäten und Konfessionen als einen der ersten Punkte ihres Programmes aufgcstcllt hatte, wurde daher von der gesamten nicht jüdischen und jüdischeu Oeffentlichkcit Rußlands als eine Sclbstverständlichkeit empfunden. Jeder war überzeugt, daß die künftige Konstituante, hei einem natürlichen üangC der Ereignisse, die Gleichberechtigung der Juden zum Oesetz erheben wird. Trotzdem war cs für die jüdischen Politiker ein durch die bisherige Erfahrung bedingtes Bedürfnis, die Befreiung der Judcnhcit noch vor Einberufung der Konstituante als Erlaß der provisorischen Regierung verwirklicht zu sehen. Die heißen Tage der Revolution!mißten sofort für diesen Zweck verwertet werden, damit keine Eventualitäten ciutrctcn, die bezüglich einer Jmlenbefrciuiig niemals gänzlich unmöglich sind. Die politischen Ketten, die die Juden fesselten, mußten von selbst beim ersten Sicgcsmarscli der Rcvolution gesprengt werden und ebenso mechanisch verschwinden, wie etwa die politische Ochrana, die Todesstrafe und die Unterdrückung der Finnen. Dies mußte schon deswegen geschehen, damit die jüdische Ocffcnt- ן lichkeit vor der Konstituante mit anderen Forderungen, die die Regelung der nationalen Selbstbestimmung der Juden betreffen, auftreten könnte. ״Möge der Jude befreit von dem Schandfleck der Rechtlosigkeit die Konstituantc betreten'‘, wurde daher die Losung, die das Zionistische Zentralkomitee in Rußland noch am 3./16. März in seiner Proklamation an (gestellt hatte und die von den verschiedensten Kreisen der jüdischen Ocffcntlichkeit wiederholt betont wurde. Solange die Gleich* bcrcchtigung nur auf administrativem Wege, durch ein* zclne Erlässe der Minister und Stadtvcrwalter durchgc* führt wurde, konnten die Führer der jüdischen Politik sich nicht zufrieden geben. Vielleicht läßt sich auch die Ablehmmg einiger angesehenen jüdischen Persönlichkeiten, höhere Regicrungsänitcr zu bekleiden, darauf zurückführen. Am 21. März a. St. (3. April) wurde diese Fordenmg zur Wirklichkeit. Durch ein Edikt der Provlsorisehen Regierung, das vom Ministerpräsident Und vom Justizministcr gezeichnet ist, wurden mit einem Schlage alle 365 Gesetze zusammen mit all den unzähligen Zusammen mit dem jüdischen Volke begrüßte auch die gesamte progressive russische Presse das Befrei- . ungsedikt als einen erlösenden Akt, der die letzte und wuchtigste Säule des gestürzten Regimes vernichtet und dadurch das russische Volk selbst seiner Befreiung würdig inacht. ״Heute ist fürwnlir der Festtag der Revolution“ — lautet der Leitartikel im ״Djcn“ vom 21. JVVfz — ״heute wurde eine ihrer bedeutendsten Errungensehaften formuliert und staatsrechtlich festgclcgt. Zu diesem bedeutendsten Sieg der Freiheit beglückwünschen wir das revolutionäre Volk und die Provisorische Regieruug,“ ״Ihirch dieses Edikt wurde dem alten Regime der giftigste Zalm gezogen, von heute an wird die üleiclibereehtigimg der Völker Rußlands zum grundlegenden Prinzip der weiteren Entwicklung des demokratischen Rußlands“, schrieb am selben Tage die ״A r b c i t c r z c i - tung“ in ihrem Leitartikel. ״Nicht nur das jüdische Volk“, sagte darüber der Leitartikel der ״Rjetsch“, des Organs der Kadettenpartei, ״der gesamte russische Staat atmet heute frei auf im Bewußtsein der Befreiung von den Ucbcrhleibseln des Mittelalters, die auf das ganze Staatswesen Rußlands ihren zersetzenden Einfluß ausübtcit . . . Das jüdische Volk seufzte unter dein Druck dieser unerhörten Verfolgungen, brach aber nie zusammen . . . Anstelle der alten, geduckten und feigen Masse stellt heute eine Nation vor uns mit einem fein ausgeprägten Gefühl der Selbstachtung, mit einem unwiderstehlichen Streben zur Befreiung und nationalen Selbstbehauptung . . . Mehr aber als das jüdische Volk litt unter diesen nationalen Verfolgungen der russische Staat, der durch sic der Willkür ausgeliefert wurde . . . Wohl soll man es nicht verhehlen, daß mit einem Federstrich all die Traditionen, die das alte Regime aufgehäuft hat, nicht aus der Welt zu schaffen sind. Aber gerade deswegen war es unbedingt nötig, diesen Schritt heute und nicht morgen zu machen . . . Wenn die Zeit für ein ruhiges Zusammenleben kommen wird, wollen wir uns alle anstrengen, den Flaß und das gegenseitige Mißtrauen z.u vergessen, die das alte Reg'me gcsät hat.“ Am Mittwoch, den 22, März, veranstaltete der״Jüdischc Klub“ zu Petersburg eine Vcrsainm- 11mg zu Ehren des Einauzipationsediktcs, unter dem Vorsitz von M. M. Winawer. Auf der Versammhing war auch der Minister des Auswärtigen P, N. Miljukow zugegen. Winawer gab der Freude der Judcnhcit ,und ihrer Bereitwilligkeit, die Provisorische Regierung in ihrer schöpferischen Tätigkeit zu unterstützen, Ausdruck. P. N. Miljukow sagte in seiner Antwortrede u. a,: ״Nicht nur das jüdische Volk, Rußland ist es, das am 21. März seine Gieichbercchtigung erhalten hat . . . Als wir nach dem Ausland kamen und dort von den großen Zielen des Krieges sprachen, von den unterdrückten Nationalitäten und der zu erringenden Freiheit, da fühlten wir, daß unsere Stimme uns nicht frei folgen wollte, irgend etwas hemmte uns daran: konnten wir denn dabei die ungeheure Knechtung und Rechtlosigkeit der Millionen unserer eigenen Bürger innerhalb unseres Vaterlandes vergeßen?! Besonders kraß fühlten unsere Verbündeten diesen Widcrspruch zwischen unseren schönen Reden und unserer traurigen Wirklichkeit. Es wurde uns vorgeworfen: Sie unterstützen die Regierung, die — fürwahr cs lohnte sich, das Leben zu opfern, um nicht den Schluß dieses Satzes hören zu müssen.“ Die Versammlung faßte einstimmig eine von M. M. Winawer vorgeschlagene Resolution, die Miljukow der Provisorischen Regierung überbringen sollte, und in der u. a. gesagt wurde: ״Der ״Jüdische Klub“ begrüßt die Provisor!- sehe Regierung, die aufrichtig und entschlossen die von Ihr verkündeten Grundsätze der Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit ins Leben umsetzt . , . Das jüdisehe Volk, das am schrecklichsten unter dem Regime der Rechtlosigkeit litt und das Schulter an Schulter mit den besten Söhnen des Landes um die glückliche Zukunft Rußlands rang, vernahm mit Begeisterung die freudige Botschaft . . , Seine nationalen und kulturcllen Werte entfaltend und verfestigend, wird das jüdisehe Volk sich mit allen anderen Völkern Rußlands zusammcnschlicßen zum gemeinsamen Dienste für das Vaterland.“ Um den historischen Akt der Judenemanzipation vom 21. März zu verewigen, schlug M. M. Winawer vor, in Petersburg einen ״TcmpeldcrOleichheit“ zu errichten, der In einem grandiosen wissenschädlichen Institut zur Erforschung der nationalen Probteme bestehen soll, das eine Akademie, eine Bibliothek, ein Museum und alle anderen zur Ergründung aller Fragen der unterdrückten Nationalitäten und der Wege zu ihrer Befreiung nötigen Institutionen umfassen soll. Wie Winawer später in einem in der ״Rjetsch“ anläßlich dieses Beschlusses veröffentlichten A u f r u f ״A n das jüdische Volk“ mittcilt, wurde zu diesem

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