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Jüdische Rundschau · 1917-04-06 · Heft 14-15 (6.4.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 14-15 (6.4.1917)
Date
1917-04-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Aber die historischen Motive dieses Festes sind nicht die ruhmvollen Tage der kriegerischen 'Eroberung des gelobten Landes, sondern die ersten schweren Tage des Aus• zugs aus dem Lande der Pharaonen, Nicht ihm, der das Volk in das Lar ' seiner Verheißung führte, sondern dem, ״der uns herausgeführt aus Acgypte״, dem I lause der Knechtschaft״, j»iit das Triumphlied, dessen jauchzende Strophen die grolle Be• freiimg künden. Nicht die Zeit der letzten Erfüllung, sondern die Tage des Aufbruchs haben dem Fest die bestimmenden Umrisse gegeben. Das Symbol der ersten hastigen Loslösung von fremder Erde und Frolin beherrscht die Erinnerung an die Zeit der jüdischen Befreiung. Daruin ist uns, den vom Pythom- und Ramses• dienste sich Lösenden des jungen jüdischen (ic* schlechts die liagadah des Pessach, das Buch des erwachenden (iolus, so nahe und teuer. In den klaren Worten ihrer Erzählung lebt der Rythmus unseres neuen Wollcns. Sic erweist die Kontimiitat unserer jüdischen Tat mit der jenes ägypti- ,-eiten Sklavengeschlechts. Auch wir brachen auf, die entbehruugsvoile, aber an Wundern reiche Wüste I zu durchschreiten. Das unfertige Brot des hastigen Aufbruchs ist auch« unserem Gcschlechtc heilig. Und wenn wir ״Ausziehenden״ cs nicht mehr sein soll• ten, die das ״Land״ betreten, und erst einem kraftvolleren Geschlecht die Erfüllung vergönnt ist, so bleibt uns der Ruhm des Aufbruchs. Pessach vorbürgt es uih,. ׳ .. , Nach der Revolution in Rußland I >;ts Zionistische Aktionskomitee erhielt auf Anfrage die telegraphische Antwort lies Herrn Dr. Tschlenow aus Moskau, daß die Juden volles Vertränen zu der Erklärung der neuen Regierung haben, daß die Durchführung der Gleichberechtigung demnächst erwartet wird und daß die öffentliche Meinung (iir die;üdische Sache günstig ist. I >e! bekannte Professor W i 11 o g r a d o w , der nach den Rcvoliitionstagen aus Rußland nach Stockholm kam, antwortete auf die trage eines Journalisten, ob die Jmknbocliranhiingcn wirklich aufgehoben werden, daß es die feste Absicht der neuen Regierung sei, alle Aus• unliiiifgeo't/e gegen die Juden fallen zu lassen. I r bestätigte auch die in der vorigen Nummer der ״Jü• disrlicn Kiiiulseliair‘ iiiilgctciile Nachricht von der 11■ nciiiiiing der I lenen Rechtsanwalt (i 111 ׳ s r n b e 1־ g und Winnwcr zu Senatoren. Wiitawer wurde für die Zi\iluhtcdiiug und Grmeiihcrg für die Kriniinalahteilung des Senates bestimmt. Aus zuverlässiger piivatcr Umllc wird 1ms imtgctcilt, »laß »ler Kadett T.schcrnoswitow, der vom Ministerium /um Leiter des Postmul TelegraplienWesens für »las russische Reich bestimmt wurde, den Ingenieur I) 11 b o s s a 1׳ s k i /u .einem (iehilfen ernannt hat. Dttbossarski ist /ionist. Ferner i>t /. artulny, »ler eifrige Judenfreund, Vertci- »liger im Heilis-Pio/cß und Organisator der jüdischen Verteidigung in Pogrompro/essen, zum IJuterstnatssekretar 1111 Jiisli/ministerium emauiit wonlen. I me Depesehe aus Stockholm bringt die Nachricht, daß der Kriegsminister tiutschkow einen Erlaß veröffentlicht lud, in dem alle Einschränkungen hinsichtlich der Nationalitäten und Religionen i 11 »lei Armee au!'gehoben werden. Die in/wiselten ein• getrödenen russischen Tageszeitungen nus den ersten lagen der Revolution teilen mit, daß »ler Ministern!( mit der Ausarbeitung eines Erlasses über »Sie Aufhebung a 11 e 1 llescit r ä 11 k u 11 g e n der Nationaüliiten, Stände mul Religionen beschäftigt ist. Da noch keine jüdischen /citimgeu aus der Re- »oliitmuszeit eingetrolfeu sind, liegen noch keine he• stimmten Nachrichten über die nationalen Au- Sprüche der russischen Juden vor. Die Frage der nationalen Minoritäten wurde aber bereits auf die Tages• ordnung der inneren Poudk gestellt. E itr Litauen wurde ein S o 1t d e r r a t gebildet, der die politischen, uii'Ochaftlicheii und kulturellen Fragen des Landes zu regeln und einen litauischen Landtag in Petersburg ein• zuberufeu lut. Welche nationalen Minoritäten in Litauen und in welcher Proportion sie von der neuen Regierung anerkannt wurden, zeigt die Zusammensetzung dieses Rater, der aus zwölf Litauern, sieben Russen (darunter 6 V, eiBni'sett), drei Juden und zwei Polen besteht. ״Der Ztonlnnu» crjtrcbs für da* JQdiiehe Volk die Schaffung einer Gffenillch-rechilich ftetlcherien Helmiltiüe ln PaUitHna," Baseler Programm. Auf eine Nachricht ans Moskau, daß in diesen Tagen eine Konferenz, des Zentralkomitee* der russis eiten Zionisten in Moskau statt• finden wird seit Jahren die erste öffentliche zio• nistischc Konferenz, in Rußland —, hat das Kopcnhngeuer Büro d e r Zionistischen O r g a n i s asation folgendes Begrüßungstelegramin — in dem auch wieder zum ersten Male im Verkehr mit Rußland der Zionismus offen genannt wird — nbgesandt, I )r. T s c 111 e 11 o w , Zionistisches Zentralkomitee,' Moskau, ״Wir begrüßen namens des Zionistischen Aktions- Komitees unsere Freunde an der Schwelle einer neuen Acra. Die Morgenröte eines neuen freien Lebens strahlt über Millionen der russischen Jiidcnheit, Es ist unser fester (ilaube, daß die neuen Verhältnisse eine sichere (irtmdlage für die nationale Wicdcrgehurt unseres Volkes bilden und daß cs mit unwider- Steilheiten! Llmi vorwärts schreiten wird auf dem Wege zur Erreichung der überlieferten Ideale, die das jüdischc Volk unzertrennlich mit Zion verbinden,•' K o p e tt h a g e t! e r Büro der Z i o 11 i s t i s c h c n O r g n 11 i s a t i 0 ח Jacobsohn. Gesinnung und Kenntnis Ein Beitrag zur zionistischen Erilchungsfraßc Von Julius Berger Was immer die Meinung über die geistigen und sittliehen Folgen des Krieges sein mag, das eine steht jetzt schon fest, «lall im Mittelpunkt der kulturellen Erörtcriingen der Jahre nach dein Kriege das Erzichungspro* blem stellt. Wir Zionisten erleben den Auftakt schon jetzt. Die KiilUirdebattcn beherrschen heute schon unsere Veröffentlichungen und bilden den Mittelpunkt unserer T.tg.mgcn in Deutschland ebenso wie in Hollaad, in den Broschüren unserer Freunde in England genau so wie in den Manifestationen des neuen Judentums in Palastiua, Die Kulturilebattou, das sind immer wieder Erzieliungsdebattdt, Diskussionen über den Weg, den wir uns, den wir vor allem aber unseren Kindern zu weisen haben. Eins lut beit all diese Debatten gemeinsam. In allen bandelt es sich um die moralische Seite der Erziehung», um die Erziehung zu einer (i e s i 1111 u 11g. Die Natiouali- 'lerung der Jugend ist der Angelpunkt der Diskttssi- »men, die Erziehung zum Zionismus, zum Judentum, zu Palästina ist es, was gewollt wird. Die Forderung ist klar und einfach: der jüdische Vollmensclt, der ganze, sozusagen »ler absolute Jude, Die Seele unserer Kinder reif zu machen für die nationale Forderung, ihren Willen bereit zu mailten für den Ruf tles Judentums und Palästluns, das ist das gemeinsame Programm, au dem wir alle arbeiten, die studentischen Verbindungen und die I lerzlkluhs, die Kurse und die •Seminare, Man darf es!teilte ohne Ueherltelumg sagen, daß wir auf diesem Wege ein gut Stück vorwärts gekommen sind, und auch das, daß uns diese Lniwieklimg erst eigentlich stark gemacht hal. Jetzt erst fühlen wir uns ■sozusagen auf (imnd, jetzt hat unsere Intuition ihren festen Ptiukt erhalten. Wem von uns stände nicht die Entwicklung vor Augen, die die ״Kultiirfrage״ nahm. Wie sie von der Kongresslrilmnc ausgeschlossen wurde und wie sie sich ihre eigenen Tribünen schuf und sich die Merzen und die Kopfe eroberte, und der letzte Delegiertentag »ler iletitsehen Zionisten mag in gewisser Hinsicht eleu vorläufigeu Höhepunkt »ler Enlwiikeltmg bedeuten. Das Feld ist ollen ,»las Ziel ist sichtbar. Ein Weg ist erkannt und be.cliritteu worden und es ist nicht zu befürchten, daß man ihn je wieder verläßt. Aber eine Armee mar• schiert nicht mir auf einem Wege.es ist notwendig, ihr auch die Pfade zu eröffnen, die noch nicht gebahnt sind. Jetzt, »la wir uns im Tiefsten bewußt sind, was die 'Erziehung zur (1 e s i'n 1t un g sagt tmtl uns bedeutet, ist es Zeit, auch die Erziehung zur Kenntnis zu fordern. Ich will nicht damit rechten, daß einseitiger lieber• schwang mul unreifer Enthusiasmus mit der Ethik des zionistischen Problems alle Fragen des Zionismus gelöst zu haben glaubte, etwa so: man lese die Bibel, lerne Hebräisch und gehe nach Palästina, alles andere ergibt sich daun von selbst. Aber, so merkwürdig das klingt, es ist nötig, unseren jungen Leuten eindringlich zu sagen, daß keine Ethik mul keine Weltanschauung», nicht die Kenntnis des hebräischen Schrifttums tmtl nicht der Wille zum jüdischen Leben ausieicheu, .um uns die Möglichkeit zu geben, in Palästina zu leben und zu bleiben, zu schaf• feit und /u ernten. Von der Gesinnung wird es abhängen, ob es unsere Sicdelung sein wird, aber von der Kenntnis, ob cs eine Sicdelung sein wird. Eigentlich gibt es mir eine Seite unseres Problems, die außer der ethischen und moralischen von uns einiger• maßen behandelt wird, die soziale und ökonomische. Und doch, obgleich »110 Kenntnis der geographislicii, ökonomischen, politischen und administrativen Bedingungen Palästinas schon jetzt zum notwendigen Rüstzeug tles jun• gen Zionisten gehören, dessen Beherrschung von ihm verlangt wird, wie wenig sind wir doch mit »Jer Gesamtheit der Fragen vertraut, die hier auf uns warten. Es ist nicht ohne Bedeutung daß die Palästinakurse, wie sic einmal in Cöthcn im Gange waren, nicht wiederholt wur* den und daß die Zeitschrift ״Palästina“ nicht wieder aus ihrer Versenkung aufgetaucht ist. IX־r ״Haehaklai“ Vermag diesem Mangel mellt ab/ubelfen und die verdienst• vollen Monographien, die »ler Jüdische Nationalfonds jetzt herausgibt, können ebenso wie seine Zeitschrift ״Erez lsrael“ mir bestimmten, im Rahmen des J. N. F. liegenden Tcilproblcincu gerecht werden. Und wenn auch in diesein Augenblicke äußere Bedingungen dem Wiedcrerscheinen unserer Palästina-Zeitschrift entgegenstehen, 80 ändert das nichts an der Tatsache, daß wir heute weniger über die ökonomische Entwicklung Palästinas, über die Kurven seiner landwirtschaftlichen Erträgnisse und deren Ursachen, über seine imtulstriel cn Ziffern, über seine Bevölkerungsstatistik und seine Hygiene informiert sind als vor 10 Jahren. Wenn wir nicht das Buch von Naw• ratzki und neuerdings das von Kuppin und »lazu «lie Kon• *ailarberichte und den tmcrnuhllichcn l >avis Trictsch hätten, tappten wir wieder fast ganz im Dunkeln. Das Palästina- Amt hat gewisse Ziffern über die Wirtsehaftsmöglichkeiten in Palästina zusanum• »gestellt lind hat auf Verlangen Informationen gegeben, die genügen mochten, um das äußerste Risiko zu vermeiden. Oettingcr hat jetzt die Bedingungen der landwirtschaftlichen Sicdelung dargelegt, wi? wir überhaupt in puncto Agrikultur jetzt, aber auch erst jetzt, einigermaßen Bescheid wissen. Aber wer informiert uns laulend über die Handels- und Erwerbsmöglichkeiten i« Palästina? Wer berät den Kaufmann, der sielt in Palästina ansässig machen will, über die Aussichten der einzelnen Branchen, und wer zeigt unseren jungen Harulelsbeflisscnen den Lehrgang, der sie befähigt, einst dem Lande als Exporteur oder Im• porteur von Nutzen sein? Wie steht es um die Handwcrkcrausbildung für die Bedürfnisse und Möglicnkeiten Palästinas? Ist hier wirklich der Bezalel uiul das Wissen von ihm das letzte, was gegeben werden kann? Wer von unseren jungen Nationalökonomcn hat die Frage der Gartenstadt oder der Kleinsiedelung oder der Plantagen- Wirtschaft zum Gegenstand seines Studiums oder seiner Dissertation gemacht, um später einmal seine Kenntnisse in und für Palästina verwerten zu könne«? Ich selbst erlebte jedesmal mit'einem gewissen Humor das Ent• setzen unserer jungen Her/Ibiindlcr, wenn sic kamen und aul die Frage, was sie tun sollten, um sielt für die Uchersiedelung als Kattfleute oder Industrielle nach Pa• lästina vor/ubereiten, von mir die Antwort erhielten: ״Lernen Sie zunächst lliellerul Französisch!“ Ich er• schien ihnen jedesmal als ein Verräter an unserem na• tionalen Programm. Aber nicht mir 1111׳ die Vorbereitung für Handel mul Gewerbe in Palästina trifft »las hier (iesngte zu. Die ausschließliche Konzentration auf »las Gei■ stige hat uns auch in manch anderer Hinsicht rückständig gemacht. An und für sieh sollte es selbstvcrstündlich sein, daß die Erforschung und Kenntnis Palästinas, der Türkei und des Orients das nobile officium der zionistischen Forscher und Denker sein müßte. Nun, wir wissen genau, daß »lern nicht so ist. Die Türkei, der vordere Grient, Palästina mul Syrien stehen augenblicklich im Brennpunkt des Interesses. Schriften mul Abhandhin• gen erscheinen in reicher Fidle, mit dem ganzen Schatze seines Wissens stellt sich der deutsche Forscher der sich jetzt bildenden neuen Türkei zur Verfügung. Eint Reihe deutsche» Gelehrter sind auf Grund »ler Kenntnisse, die sie sieh vom Orient, von der Türkei erworben 11:1• heil, bereits in wichtige, höchst einflußreiche Aemter in der Türkei berufen. Wo sind die Zionisten, die »lafür qualifiziert gewesen wären? Das türkische Recht wird reformiert, die türkische Landwirtschaft soll auf moderne Grundlagen gestellt werden, das türkische Verkehrswesen steht vor einer neuen Flntwiekliing, die Finanzen und das Bankwesen werden!ungestaltet, für all das bezieht die Türkei ihre Berater und Eaciileute aus Deutschland: was hätte erreicht werden können, wenn die kompetenten Männer, wenn die am meisten in Betracht kommenden Kenner der Materie, Juden und Zionisten gewesen vv.iren? Hier ist wahrhaftig viel nachzuholen. Ich kamt nicht stark genug betonen, daß ich weder klagen noch anklagcn will. Vieles soll geschehen, aber man kann nicht sagen, daß etwas versäumt worden ist. Unsere Bewegung ist jung und geht ihren Entvvcklungsgang und wie es gckonum11׳ ist, ist es gut und notwendig gewesen. Aber eben darum soll gesagt und muß jetzt gezeigt werden, wie wir in Zukunft auf allen Gebieten unicrcn Aufgaben gerecht werden müssen. Eine ist hier schon angedeutet worden, eine zweite sei noch behandelt: das Politische.

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