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Jüdische Rundschau · 1917-03-30 · Heft 13 (30.3.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 13 (30.3.1917)
Date
1917-03-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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cii! .1,1 Trn Pr, 1 51) 60 20 % 8S 65;1•■ in, nr tr r>. .1• ro n 8• IC t rnv־ זז Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W, 15, Sächsische Straße 8. Er• idieint wöchcntl. am hreitajj, Abonnement bei der Expedition und hei allen Postämtern vierteljährl. Mk. 2,25 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn Mk, 2,50, im Ausland Mk. 3, Nummer ]3 Berlin, den 30, Mörz 1917 elcphoi K. K, Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeigen die sechsgespaltene Petit• *eil* oder deren Raum 40 Pf. Teucrungsxuachlag 15°/״. Redaktionssdduß Dienstag nachm. 7. Nissan 5677 XXII. Jahrgang Wir bitten unsere Bezieher, das Abonne• ment auf die ״Jüdische Rundschau" für das 2. Quartal umgehend zu erneuern, damit ln der Zustellung der Zeitung keine Unterbrechung eintritt. ״Der Zioniamui erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer üffcnillch-rechillch gesicherten Heiimtähc In Palhtlna," Baseler Programm, Im Namen der Tora Seit einigen Wochen gellt in der jüdiscli-natiottalen Presse Warschaus die Empörung über di.* Taten einer politischen Clique, die unter dein Mantel der Organisierung aller ״torat reuen“ Elemente in Polen eine eigenartige politische Agitation in Wort und Schrift betreibt. Beginnend mit den zionistischen Wochenschriften .,HaaMirah‘ und ״Das Jüdische Volk״, über den ,,Haint“ und ״Moment“ bis zum ״Lodzer Volksblatt“ und dem ״Volk“, gibt es nur eine Stimme der Entrüstung über das (iebaliren dieser (irtippe, die das innerpolitische Leben der polnischen Juden vergiftet. Was liegt vor? Was ist geschehen, daß plötzlich die gesamte natioualjüdischc!1resse Polens voll ist von Aufsätzen und Artikelserien, die alle auf die grolle innere Gefahr hinweisen, die dan polnischen Judentum droht, und alles aufbieten, aitn vor dein verderblichen Einfluli dieser sögenannten ״Toratreucn“ zu warnen? Vor etwa einem Jahre ging durch die gesamte Üidische Presse die Nachricht, dall die beiden deutschen Rabbiner Dr. Kolm (Ansbach) und i)r. Carle hach (Cöln) von der ״Freien Vereinigung zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums“ in Frankfurt a/Main zwecks Wahrnehmung der orthodoxen Interessen nach Polen entsandt worden sind. Die beiden Scndlingc begannen bald nach ihrer Ankunft in Warschau eine rege Tätigkeit. Sic riefen mit Unterstützung einiger chassidischcr Rebben eine Organisation chassidischcr Elemente ins Lehen, die sich den Namen ״Agudath haortho- <loxün“ beilegte. So sehr an sich dm Oig.inisierung auch des strenggläubigen Teiles der polnischen Juden erwünscht ist, so hätte diese Organisation aus dem inneren Bedürfnis «ier strenggläubigen jüdischeu Kreise Polens selbst entstehen und von der polnischen Jiidculicit selbst dureligeführt werden müssen. Die ״Agmlath haorthodoxim“ aber, die im Aufträge der deutschen Orthodoxie und von deutsehen Rabbinern gegründet und geleitet wurde, ist der Gefahr unterlegen, dem polnischen Judentum religiöse Begriffe und Auffassungen zu oktroyieren, die in Frankfurt am Main eine Wirklichkeit sein mögen, die aber eine unerträgliche Beschneidüng des »!gewachsenen religiösen Empfindens der jüdischen Massen und eine Vergewaltigung ihres volijiklisclien Lcbcnsgcfühlcs darstellen. Der gläubige Jude Polens, für den es keine Trennung seiner religiösen und nationalen Lebensätillernnge״ gibt, soll nach dem Willen dieser Rabbiner — sein Judentum auf die Beobachtung der jüdischen Religionsgesetze beschränken ׳und so sein jüdisches Wesen zur bloßen Konfession nach dem Muster der Frankfurter Trennungs-Orthodoxie einengen. Im Namen der auf diese Weise verstümmelten jüdischen Religion sind alle anderen jüdischen Bestrebungen, sei es auf kulturellem, sei es auf nationalem Gebiete, heftig zu bekämpfen. Dieser von der deutsch-orthodoxen Assimilntion inspirierten Eittnatioiialisienmgstlicork entsprach vollauf die Praxis. Die ״Agudath haortho• doxim“ begann ihre nach aullen hin sichtbare politischc Tätigkeit •damit, dall sie dem provisoriselten polnischen Staatsrat eine Adresse überreichte, in der sie in einer mit der Würde des polnischen Judentums unvereinbaren Weise ihre Huldigung darbrachtc. Während die übrige polnische Judcnheit dieser Körperschaft gegenüber eine selbstbewußte abwartende Haltung «innahm, gab diese Organisation eine Erklärung ab, in der von den national-kulturellen Minoritiitsforderungen der Juden mit keinem Wort die Rede ist. Die Adresse, die nichts weiter als bürgerliehe Gleichberechtigung und religiöse Toleranz fordert und stillschweigend auf alle anderen clementaren jüdischen Rechte verzichtet, stellt einen Verrat an den kulturellen, nationalen und wirtschaftlichcn Interessen der polnischen Zweimillionenjudcnheit dar. In einer Zeit, da das gesamte polnische Judentum von den Polen tagtäglich unerhörte Beleidigungen erleidet und um seine natioiialeu Minoritätsrechte einen schweren Kampf zu bestehen hat, kann sich die ״Agudah“ dem polnischcn Staatsrat gegenüber nicht genug tun in der wiederholten Versicherung ihrer allcruntertänigsten Ergebenheit. Das jüdisch-politische Leben Warschaus steht unter dein Zeichen der bevorstehenden jüdischen (iemciiulcwahleu. Die national-jüdischen Parteien eröffnen eine rege Agitation, um durch die Durch- Setzung jüdisch-nationaler Kandidaten den verlötteilen Zuständen in der Warschauer üemeindeverwaltmig ein Ende zu machen. Auch die ״Agudatli haorthodoxim“ beteiligt sieh an der Wahlkampague. Sie hält unter dem Vorsitz, der deutschen Rabbiner öffentliche Versammlungen ab, auf denen sic ihr ״Programm“ entwickelt. Im Mittelpunkt dieses ״Programms“ steht die Forderung der Fürsorge für die Kaschruth. Alle anderen Aufgaben der jüdischen Gemeinde Warschaus existieren für die ״Agudah“ entweder gar nicht oder stehen weit im Hintergrund. Politische, nationale, kulturelle Arbeit der Gemeindeverwaltung kennt dieses Programm nicht nur nicht, es sieht in ihrer Bekämpfung eine seiner Aufgaben. Der systematischen Durchführung dieses Kampfes gegen die national-kulturellen Bcstrcbungen der polnischen Juden dient in erster Linie die jidische Tageszeitung, die die beiden deutsehen Rabbiner als Organ der ״Agudath haortho* doxim“ in Warschau ins Leben gerufen haben: ״Das Jüdische Wort“. lieber die Entstehung die« ses Blattes, die mit der Einstellung des frühe« reu ״Warschauer Tageblatts“ in einem nicht gcletigncten unmittelbaren Zusammenhang steht, gibt eine amtliche Bekanntmachung der Frankfurter Zeitung (vom 27. Februar 1017) Auskunft, über die wir schon in (Nr. 11, Seite <)f>) der ״Jüdischen Rundschau“ berichtet haben. Nach dieser Bckanntma« chiing ist im Handelsregister des Amtsgerichts Frankfurt a/Main unter dein 23.׳ Februar 1017 die Firma ״Jüdischer Zeitungsverlag G. m. b, H.“ eingetragen worden. Als Gegenstand des Unternehmens ist dort der Erwerb, die Pachtung und der Vertrieb jüdischer Zeitungen und Zeitschriften angegeben. ״Die Gesellschaft wird — nach degi Wortlaut der Bekanntmachung — die von ihr zu pachtende Zeitung ״Warschauer Tageblatt“ iin Geiste des orthodoxen Judentums redigieren lassen und zwecks Wahrung der staatlichen Interessen für die Dauer der Okkupation Polens in §tcter Fühlung mit den deutschen Verwaltungsbehörden!)leihen.‘* Das Unternehmen hat also nicht aus« schließlich die Wahrung der jüdischen orthodoxen Interessen in Polen zum Ziel. Auffälligerweise sucht ״Das Jüdische Wort“ dies systematisch ab* ziileugneii. Ein Warschauer Journalist erinnert daran, daß vor fünf Jahren, umnittclbnr vor den letzten jiidisclicn Oemeindcwalilen in Warschau, von ebenderselben Gruppe, die heute um dje beiden deutsehen Rabbiner und ihr Blatt ist, für kurze Zeit eine n^ünijalprisclic Zeitung herausgegeben wurde, die den extremen Assimilanten Dickstein-Nathan• solin während de,־ Wahlkampagne Handlangerdienste tat. ״Das Jüdische Wort“ wird von allen polnisch-jüdischen Politikern, Journalisten und Schriftstellern boykottiert. Es hat außer einigen unbekannten chassklisclicn Schreibern nicht einen polnisch-jüdischen Mitarbeiter. Dafür aber vvimmclt es von Artikeln und Mahnreden deutsch-jüdischcr Rabbiner, die alle im Stil der Sabbat-Predigten des ״Israelit“ und der ״Laubhütte1' geliaiten sind. Auch an warmen Begrüßungsschreiben seitens deutscher orthodoxer Rabbiner und ״prominentcr“ dcutsch-jüdischcr Orthodoxer hat es nicht gefehlt. An die ״stete Fühlung mit den deutschen Verwaltungsbehörden“, die in der Eintragung der׳ Frankfurter G. m, b. H. figuriert, wird man un• willkürlich erinnert, wenn man die Kommentare liest, die einer der beiden deutschen Rabbiner über das Religionsgesetz vom 1. November 1916 in einer endlosen Reihe von Nummern, Paragraph für Pa« ragraph, fortsetzt. Diese Verordnung wird von ihm mit Unbcirrtheit als das große Ideal gefeiert, über das hinaus noch etwas zu erstreben und zu fordern frevelhafte Unbescheidenheit wäre. Mit Recht urteilt ein polnischer Rabbiner im ״Lodzer Volksblatt (Nr. 102): ״Das ״Jüdische Wort“ druckt taglieh mit großen Buchstaben: Lernt die jüdische Lage kennen! Schützt Euer Recht! Verteidigt Eure Interessen I Wie erstaunt bleiben wir aber, wenn die Ausrufe von uns nicht weniger und nicht mehr verlangen, als die Nummern zu sammeln, mit den Erklärungen zu der Verordnung vom 1. November. Die Orthodoxen des ״Jüdischen Worts“ kennen nur die Tora und — die Verordnung vom 1. November! Das ist fii׳ sie das Alpha und Omega.“ Daß das ״Jüdische Wort“ kein jüdisches Volk, sondern nur eine jüdische Religionsgemeinschaft kennt, bedarf nach dem Gesagten kaum der Erwähming. Wie steht cs aller mit den religiösen Tendenzen, die cs propagiert? Man hätte erwar* teil sollen, daß wenigstens auf rein religiösem Gebi et das polnische Judentum selbst zur Aussprache kommen würde. Aber auch hier begegnen wir ausschließlich dem deutsch - orthodox - assimilatorisehen Import. ״Das Jüdische Wort“ verficht die in Deutschland sattsam bekannte Missionsidec des Judentums, die weder ein jüdisches Volk, n ich ein jüdisches Land kennt, und in Wirklichkeit die bequeme Formel der Assimilation ist. Die polnischcn Juden haben bald erkannt, daß diese Tendenz nur einen Weg vor sieb hat, den der Entjudting. Während die Zionisten in Warschau Volksschulen mit Hebräisch und Jidisch und die Jidischisten solche mit Jidisch als Unterrichtsspräche begründet haben, kündigt die ,,Agudah“-Or* thodoxie die Errichtung von Schulen mit aisscliließlieber polnischer Unterrichtssprache an! Eines schlagenderen Beweises für die assinilatorisclie Tendenz der ״Agudah“ und ihres Or« gatis bedarf es nicht. Aller cs muß noch hinrugefügt werden, daß sich diesem Programm — ganz wie in Deutschland! — noch ein anderes gesellt: der Kampf gegen eien Zionismus. Die Ideologie dieses Kampfes geht so weit, daß man sich nicht gescheut hat, in der Oeficntlichkeit auszuspredien, daß gewisse Stellen der alltäglichen liebräi« sehen Gebete, die sich auf Zion mul das jüdische Land beziehen, nicht allzu andächtig gebetet werden brauchen! Der Antizionismus der ״Agudah“-Rabbincr kennt keine Grenze, und das von Herzl geprägte Wort ״Protestrabbiner“ hat in Warschau wieder seine Auferstehung erlebt. Lange Zeit verstanden die beiden orthodoxen Scndlingc ihre wahren Absichten hinter offiziellen Aufträgen zu verbergen. Seit sie ihre Zeitung herausgeben, haben siel! alle Zweifel, die über ihre Tendenzen noch bestehen konnten, gelöst. Die polnischen Juden wissen heute, woran sie sind. Viele, die in der Meinung, daß cs sich wirklich ura die Wahrung religiöser Interessen handle, in die ״Agudath haorthodoxim“ ciugctretcn sind, fallen allmählich ab. Die Einheit des polnischen Judentums istd irch die Intriguen eines bis dahin nicht gekannten Klcrikalisinus gefährdet. Es hat sich gezeigt, wohin es führt, wenn die Assimilation unter der Maske der ״Toratreue“ sich in das Leben der jüdischen Masse cinznischleicben sucht. M, M. Die ersten Frficlite der Judenemanzipation in Rußland Einer telegraphischen Mitteilung vom 27. März zufolge wurden M. M. W i 11 a w c r und O.O. O r u s e n - berg in den russischen Senat berufen. M, M. Wina'vtr war Abgeordneter der ersten russischen IXima und Vorsitzender des Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung der Juden. Lieber die jüdisch-nationalen Anschauungen dieses hervorragen־ den jüdischen Politikers finden sich an einer ,anderen Stelle der heutigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ interessante Mitteilungen. Oskar Ossipowitsch Oruscnberg hat sich durch seine stolze Verteidigung im Bcills-I’rozelt um das Judentum grolle Verdienste erworben. Er war Mitarbeiter der zionistischen Zeitschrift ״Jcwrcjskaja Shisn“ und wurde von den Zionisten wiederholt in Wilna als Kandidat für die Rcichsduma aufgestellt. Diese beiden Rechtsanwälte gehören zu den hervorragendsten Männern der russischen Advokatur und der jüdi sehen Oeffentllchkeit.

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