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Jüdische Rundschau · 1917-03-23 · Heft 12 (23.3.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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da di-!im toi- - tiel Hin GO, .20!so i— .1-1 iii .36 .77 IUI, im, eint , (1. 'uii *rg cns r. f* ן§5*־יי־יי***ן< =E־J '״׳7־־■' N׳ Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, Siidir.ische Straße 8. ErichrJnt wöclicnll. am Freitag. Alionncment hei der Expedition und ßri allen Postämtern vierteljülirl. Mk. 2,25 in Deutschland, in Ocstcrreich-Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,— Nummer 12 Berlin, den 23. März 1917 ■ Telephon: Amt Ulilnml M5. 816. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: eicpr K. K. Postspurknssenamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeigen die scdir.gespaltene Petit- Zeile oder deren Raum 40Pf. Teuerungszuschlag 15%. Rednktionsschluü Dienstag nachm. 29. Adar 5677 I XXI1. Jahrgang 1. -—- Ketten fallen [)er letzte Hort des Mittelalters bricht zusammen. Das geknechtete Kuliland, das unter der Knute des regierenden Frevels jahrhiindertelang der Korruption preisgegeben war, reißt jetzt mit einer heroischen Bewegung die Herrschaft an sicii und bricht sein Joch entzwei. Noch vermag zwar niemand den Ausgang des Freiheitskämpfer in seiner ganzen Tragweite zu übersehen. Selbst die ersten Umrisse sind aus dem Dunkel noch nicht hervorgetreten. Die Nachrichten sind verstümmelt, überraschend, widerspruchsvoll und schließen neue unverhoffte Wendungen nicht aus. <kschiehtliehe Ereignisse besitzen aller die Eigenschaft, niemals sinnlos rückgängig gemacht werden zu können. Und was bis jetzt schon geschall, sind weltgeschichtliche Ereignisse, die auch liiiMins Juden tief einschneidende Folgen haben 1 müssen. Die Regierung, die den Judenhaß zu einer ihrer heiligsten Traditionen erhöhen und eine Seelismillionenjudenheit bis zur äußersten Verzweiflung gehetzt hatte, liegt in Trümmern; die Minister, die jüdisches Blut und jüdische Schmach als einziges Heilmittel gegen alle Mißstände und alles Unglück ihres Staates amvendeteil, sind ihrer Macht beraubt und hinter Schloß und Riegel. Himdertsieb/ig Millionen versklavte Untertanen, darunter fast die Hälfte unseres Vol• kes, die Knechte unter Knechten waren, erklären sich über Nacht als freie Bürger eines freien Staates. Und Freiheitskämpfer, die gestern noch als Staatsverbrecher verpönt und verfolgt waren, verkünden, zur Macht gelangt, die langersehnte Freiheit von Mensch und Bürger und die Aufhellung ׳'*Her Beschränkungen, die auf nationaler oder religiöser Zugejhörigkcit beruhen. Ueberrascheiul schnell wurden die (ii'undlagen für die Emanzipation der Juden jn Rußland geschaffen! Wohl kennt (las schwer geprüfte jüdische Herz keine Ruhe. Es kann nicht vergessen, daß einst dem 17. ein IS. Oktober folgte; cs will die Judenbeireiung gesetzlich festgelegt und nicht bloß unter der allgemeinen Formel der Abschaffung von Besehr.iukimgen imtcrgebraclit sehen. Es fragt auch ängstlich nach den nationalen üarantien und sehnt sieh nach den Taten, die die Verheißung besiegeln und sie zu Fleisch und Blut werden lassen. Aber cs will Vertrauen haben. Unter allen Abgeordneten der russischen Duma wären kaum andere Männer zu finden gewesen, deren Judenfrcundsclmft sicherer und ausgesprochener wäre als die, die jetzt die Geschicke des Staates in die Hände genommen haben. Selbst die äußerste Rechte der gegenwartigen Regierung hatte die Aufhebung der Judenbeschränkungen in ihr Parteiprogramm nufgenommen und die neuen Minister Kerenski und Roditschcw, Nekrassow und Schiiigarew waren von jeher die treuesten Fürsprecher der Juden, die die verbrecherische judenfeindliche Politik der alten Regicrung mit soviel Begabung und inbrünstigem Zorn enthüllten und brandmarkten, daß es manchmal kaum ein Jude besser hätte machen können. Aber mehr noch als die Namen der neuen Männer der Regierung barg, der Sinn der Zeit. Wo Ketten gesprengt werden, wo der Geist der Freiheit und des Rechtes über Willkür und Knechtung seinen Sieg feien, dort muß die Grundlage geschmiedet werden, auf der auch unsere Befreiung fußt. So nähert sich die russische Judcnhcit ihrer Emanzipation. Den Segen, den einst die innere Befreiung Frankreichs und Deutschlands den französischen und deutschen Juden brachte, wird jetzt die innere Befreiung Rußlands den russischen bringen. Aber die Gefahr, die einst diese Erna!!- zipation für unsere nationale Entfaltung bedeutete, verlor inzwischen ihre verhängnisvolle Schärfe. Von außen verlangt jetzt niemand die Aufgabe der nationalen Individualität als Voraussetzung der bürgerlichen Gleichberechtigung wie einst im Westen und im Inneren hat das Judentum in dieser Zeitspanne neue Kräfte gewonnen, die cs vor den Gefahren der Emanzipation bewahren. Gerade in dem Zeitraum, den die russische Judcnhcit!anger als alle Judenhciten der Welt in Rechtlosigkeit gefesselt war, hat sich das Judentum neue und sichere Waffen für seine Existenz geschaffen, die eine nationale Erhaltung stärker verbürgen, als es ״Der Zionismus erstrebt für dai jüdische Volk die Schaffung einer fiffcniUch-rechillch gesicherten Heimstätte in Palästina," Baseler Programm. einst das Ghetto vermochte, und gerade die russisehe Juden heit war es, die am erfolgreichsten diese Waffen geschmiedet, umgescbmolz.cn und vcrvoll• kommnet hat. Nicht Bollwerke des nationalen Seins sind es, deren Sprengung wir jetzt in der Abschaffung des Ansiedlungsrayons erleben werden. Welche Verketmung! Fesseln sind cs, die dieses Sein um• krallten und ihm jede Möglichkeit freier Entfaltung raubten. Nicht der Knute bedarf das neue Juden* tum, um sein nationales Sein zu sichern und zu formen. Das nationale Sein ist ilnn inneres Gebot. Was ihm aber vor allem und unbedingt, nottut, ist freie Balm und Menschenwürde. Es ist verankeil in einer verweltlichten nationalen Kultur, ausgestattet mit einem ausgesprochenen schöpferischen nationalen Willen, gefestigt in ziclbewußtem nationalpolitischan Denken, beseelt von einem Glauben an eine jüdische Zukunft, gesegnet durch den Zionismus. Gerüstet ist die frei werdende russische Judenheit, ihres Freiwerdens würdig. S. Kriegsbeltrag Der Krieg, der uns Allen, und 1111 besonderen uns deutselien Zionisten, so schwere Wunden geschlagen hat, der so manch einen jungen Gesinnungsgenossen von uns gefordert hat, der bereit war, sein zukünftiges!.eben in den Dienst unserer Blee zu stellen, er hat in gcwisser Hinsicht auch ein Gutes für uns gezeitigt: er hat uns (liirclieinandergcwirhelt und uns mit gar vielen deutschen Juden in Berührung gebracht, an die bisher unsere Propaganda nicht hcrnngekoinnten war. Ich, will nicht sagen, daß wir früher viel gesündigt!iahen,' denn unserer Wirksamkeit wtiren durch den Mangel an gro- Heu l,ropa1'.׳׳mlafo'1ds und durch die Notwemh tk־.׳it, die vorhandenen Kräfte in leidenschaftlichen Kämpfen׳ mil Gegnern zu zersplittern, die die einzig mögliche Art jüdischer Betätigung in der Bekämpfung der positivsteil jüdischen Strömung erblickten, enge Grenzen gczogen. Aber verabsäumt haben wir gewaltig viel, lind die Kreise, an die wir nicht hcraukuincii, deren Ohr wir nicht erreichten, deren Aufmerksamkeit im rasenden Konkurrenzkampf des modernen Lehens auch nur auf Stunden wir nicht zu fesseln vermochten, waren nicht die schlechtesten, Nicht das linjüdisehsie Menschenmaterial war es, und nicht das, dem es im Grunde der Seele an jüdischem Stolz und geheimem Zukuiüts• sehnen fehlte, das abseits von den jüdischen Tages• kämpfen stand. Der gar zu schnelle Rhythmus des Lebens vor dem Kriege ließ dem Einzelnen wenig Zeit zum Aufblicken und Ausruhen und gestattete den We• nigsten den kostspieligen Luxus, in die über den Alllag hinausgelu!ulen Dinge, m die Fragen der Welt• Uml Lcbensnnsclummg sich gründlich und ״mit heißem Be• mühen" zu vertiefen. Daher die überraschend seichte Kenntnis moderner geistiger Strömungen und Kämpfe auch unter den ״gebildeten" Kreisen vor «lern Kriege, daher die Geltung der schnell und obcrflächl cli in Stadt• baSm/ügen und Trantbalmcn aufge^o;euer» Zcitungsnaiirisn,: des Geistes, d!her die Herrschaft der Plinse e ans.egtb ne1־ h'h'cti. Schl igworto. d •her die des Geistes, d 111er die u-.d der von der BotTcvardrrc•v w t .-,:ich oft ״geistreichen" schiefen Urteile, die man bei gutwilligen, aber lucker halt informierten .Meeschen immer wieder und wird er übei die uns junge Joden am meisten beschäftigende Gcistesstrüimmg, den Zionismus, fand. Der Krieg hat viel daran geändert. Ich will von persöiiliclicn Erfahrungen reden. Ich bin in mannigfachen Situationen mit jungen deutschen Juden aller Stände und Bildungsstufen für kürzere und für lingerc Zeit zusnmiiiciigcworfcn worden, fast stets mit Nicht-Zionisten, aber oft mit solchen der Art, die in Fricdenszei4 nicht die Möglichkeit und vielleicht auch ui. 11t die Energie gehabt hatten, einmal für einige Zeit stillzusidicn, zu verschnaufen und zu versuchen, der jüdischen Pflicht nachziikomnien, Stellung zu der Lebensfrage des jiidisc-hen Volkes zu nehme״. Nun, draußen, wo jedes geistige Problem, das den Soldaten vor augeregte Kopf•' arbeit stell», und das ihn mit neuen lebendige״ Inter• essen zu erfüllen vermag, als eine Erlösung betrachtet wird, war fast immer die Zeit vorhanden. Es be• durfte mir des äußeren Anstoßes, einiger guter Schriften und Bücher, um ein Interesse zu entfachen, das zumeist zur Folge hatte, daß der Andere nunmehr mit großem Ernst und oft leidenschaftlicher Hingäbe an das Thema sich bemühte, zur Klarheit zu kommen. Immer wieder sah ich, daß cs bei denkenden und nach innerer Harmonie und Gleichgewicht stre• bcndcn Menschen nur eben dieses äußeren Anstolles bedurfte. Die Weiterverarbeitung mußte uml sollte absolut selbsttätig erfolgen. Es hat mich manchmal bis ins Innerste erschüttert, wenn ich erlebte, wie ein Kamerad, der angefangen hatte, sich mit dem Zionismus zu beschäftigen, mit sich kämpfte und rang. Wie er immer wieder mit neuen Bedenken oder auch mit Widerlegungen eigener Skrupel kam, (um mit mir in Gedankenaustausch zai treten. Wenn er nachts noch auf seinem largcr sann und Diskussionen vom Abend verarbeitete. Und mit freudigem Stolz hat es mich erfüllt, daß ich es mehr als einmal erleben durlte, daß nach längerer Zeit, oft nach Monaten, mir erklärt wurde: ״Ich bin Zionist geworden, restlos und für alle Zeit!“ Noch mehr aber freuten mdi später, wenn uns Kricgsschicksale auseinanderrissen, Bicfe, die mir sagten, daß der zionistische Gedanke dem neuen Gesinnungsgciiosscn so viel gegeben habe, daß er dun in dem aufreibenden und oft trostlos־ein3amen Frontlcbcn eine wahre Stütze und ein starker innerer Halt geworden sei. An der Front ist cs zumeist das enge Zusammenleben mit den niclitjiwJischen Kameraden, und dabei die Unmöglichkeit des restlosen Aufgchcns in ihrer Geistesweit, das Gefühl der persönlichen Vereinsamung, wenn nicht gröbere äußere Einwirkungen, die dem jungen Juden draußen in dem engen uml unlöslichen Zusammengesdmiiedetsein mit nicht wesensgleichen Menschen Zweifel und Bedenken an alteingewurzclten uml mechnnisch fortgclebten Anschauungen entstehen lassen und in dem bisher so festgefügt scheinenden Gebäude seiner Denkart Risse und Brüche klaffen lassen. Enger Zusammenschluß unter jüdischen Kameraden, Aufeinandertreffeu gleicher Empfindungen, Ahnungen und Instinkte lassen den Entwicklungsprozeß weiter gedeihen. Tritt dann der ,,äußere Anstoß" hinzu und öffnet dein Ahnen und Denken die Tore zu einer Welt, in der der Eintretemle mit scheuem Staunen seine unbewußten Gcistcsregiuigen ui.׳(!erfindet als Gni id-teine und Fundauicntansatz eines ragenden O b indes, zu dessen Zinneu mul Türmen es sich hinauf/turbeiten gilt, so wird häufig genug aus all dem schattenhaften, dem Unterbewiißtscin entsprungenen Sinnieren allmählich eine blutvolle Lebeiisaiischauung werden. Das Leben an der Front!;ißt viel Aciißcrlxhes und Kleinliches von den Menschen draußen nicht von allen natürlich abfallen. Man wächst vielfach in eine große und überlegene Ruhe gegenüber der Außenwelt hinein. Man verliert die Scheu vor dem Ungewöhnlichen und vor dem siltarfcn, logischen Durchdenken eines Problems, man fühlt sich erhaben über kleinliche Bedenken und Vorurteile. So kommt ein geistiger Zustand zuwege, der dem sich Hincinleben in große Probleme nur günstig und einer eindeutigen, energischen Entscheidung förderlich ist. Aehnlich wie denen an der Front geht es den jüdischen Soldaten 1m Ltap|u׳ngehiet des Ostens. Fs gibt eine Stimme des Blutes . das habe ich nicht 'elte״ empfunden uml beobachtet. Ebenso beobachtet wie die Wahrheit des tler/isdien Wortes von der Judennot, die einen nicht wieder losläßt. Vom Verstehenwollen bis zutn V erstehen und vom Verstehen bis ztim Liebgew innen der in jedem Sinne• guten Elemente der Ostitiden i<t eine grad in ge Entw ckelung, die mancher von uns durehmaclit. Und vom inssinktmäßig und aus verborgenen Tiefen unserer Stele auis'.cg.nden So'ida• ritätsgefühl bis zum nationalen Denken und Fühlen e ne logische Entwicklung, 111t gar manchen von uns bt־• schieden ist Warum seit all du׳-, «adoch keineswegs mu u ul on.neß ist. hier erzähltIhn ci'Ch deutschen Zu״ «i-ten klarzumacheii. daß ihr jetzt eurer Lei.uag da׳ Mittel zum Arbeiten zur Verfügung s'tTcn müf.t. wein ihr ernstlich gesonnen seid, d.e Fruchte die der g.oik Zerstörer, aber midi Aufbauer Kiieg für uns heranreifen läßt, auch zu ernten. Tausende junger Juden sind heute im Heere, die das bin ich scher —, gelange cs uns in Konnex mit ihnen zu treten, für uns gewonnen werden können. Tausende, die uns dankhar wären, wenn wir ihrem Leben Inhalt uml ihrem Zukunftshoffen feste f orm verleihen würden. Herausgerissen aus ihrem Milieu, das ihnen oft genug seine schematische Lebensansdiauung aufzwang und aus Studium und Berufen, die eifersüchtig je de ernTbaffe Regung aus anderen Sphären verbannten und im Keime unterdrückten, stehen sie, oft zum ersten Male nur auf sicii gestellt und auf sich sclb-t angcwiesen, allein, aufnahmefähig wie nie zuvor für Neues und Unbekanntes. Es ist heute modern, vo 1 dem ״!isychologischcn Augenblick" zu sprechen. Nun. so abgedroschen vielleicht schon dieses Wort ist, de psyehologischc Augenblick, wo wir an die, die noen nicht zu uns zählen, herantrefen müssen, ist da. Er ist vorüber in dein Moment, sobald der Friedcns-calu,! die Scharen von draußen in die Heimat zurückstiöin.n lallt und ein mühsames und kampfbcglciictes Nuiau.bauen der wirtschaftlichen Existenz und der berufsmäßigen Geistesdisziplin anbebt. Keine aufdringliche Prop iginda soll unsere Leitung treiben, aber den ״äußeren Ans:o(l“

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