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Jüdische Rundschau · 1917-03-16 · Heft 11 (16.3.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 11 (16.3.1917)
Date
1917-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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-I» ן * \ 1t 1- 4« »• •tyy* t . t «r־~? ־־c נ i״..״.at׳ Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W, 15, Siichsisclie Straße 8. Er- »chciat wochentl. am 1• rcitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern vieitnljährl. Mk. 2,25 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,— Nummer 11 Berlin, den 16. Mürz 1917 BTt. 1־' ־r~-— Telephon: Amt UHland 845. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: K, K, Pottsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeigen die *echsgeipaltene Petitteile oder deren Raum 40 Pf. Teuerungsruschlag 15°/n. RcdnktionsscliluQ Dienstag nachm. 22. Adar 5677 XXII. Jahrgang Ein Zeuge ״ln allen führenden Zeitschriften wird die Jutleiifrage nur vom jüdisch-nationalen Standpiuikt aus behandelt. Draußen kennt inan mir das Nationaljiiilentuiii.“ An diese jüngst erschollenen Klagenufe der deutsch-jüdischen Assimilation wird man ׳unwillkürlich hei der Lektüre einer Broschüre erinnert, die aus tler Feder des Schweden Frcdrik Böök unter dem Titel ״Deutschland und Polen“ soeben in deutscher Uebcrsetzung ersehieneu ist. Frcdrik Büük, der durch sein vor einiger Zeit erschienenes Buch ״Im französischen Kampfgebiet“ die Aufmerksamkeit weiter Kreise erweckt hat, da cs (wie sein deutscher Uebersetz.er von ihm rühmt) ״zu den ganz, wenigen Schriften der neutralen Welt gehört, die nirgends das sachliche Wert- ׳urteil vergessen“, hat im Frühjahr 1910 eine Reise durch Polen unternommen und seine Eindrücke in einzelnen Aufsätzen in ״Svenska Dagbladct“ veröffentliclit, die dann zu einem Buche vereinigt in einem schwedischen Verlag erschienen und nunmehr ins Deutsche übertragen wurden, in der Einleitung zur schwedischen Ausgabe betont dar Verfasser, daß er seine unmittelbaren Eindrücke und Erlebnisse mit Studien der einschlägigen Literatur verbunden hat. Ein ansehnlicher Teil dieser Aufsätze befallt sich mit dein Leben der polnischen Juden und der jüdischen Frage in Polen mul hier zeigt es sich, daß Böök in der Tat seine persönlichen Beobachtuugen ergänzt hat durch ein eifriges Studium der jüdisch-nationalen Literatur der letzten Jahre. Böök scheint, nach seiner Broschüre zu schließen, nicht nur ein aufmerksamer Leser der Zeitschrift ״Der Jude“ zu sein, auch Martin Bubers ״Jüdische Bewegung“ und manche andere national-jüdische Publikation ist ihm z.u lebendigem Besitz, geworden. Hugo Bergmann, A. f). Gordon, Bialik und andere j'imgjiidiscbe Schriftsteller «in׳J sein«•!« scharf.,!1 Blick nicht entgangen, und wenn das Gelesene auch nicht immer glücklich und richtig von ihm wiedergegehen wird, so offenhart sieh in seiner Schrift doch ein starker Wille nach tiefgehender Orientierung in allen Fragen, die das Leben und die Zukunft der polnischen Juden betreffen. Und gerade von diesem Gesichtspunkt aus ist Bööks Broschüre, die ein wahrhaft seltenes Ineinander von Verständnisinniger Beobachtung und wahrheitssu- ■chcndein Studium .larstellt, ein neuer Beweis für das allmähliche Sichdurehsetzcn der Wahrheit des 11ational-jiidisclien Gedankens. Die jüdische Assimi- L'ifion irrt, wenn sie glaubt, es bedürfe nur einer gewissen literarischen Betriebsamkeit ihrerseits, um dein unbefangenen Beurteiler der Judenfrage die assimilatorische ״Weltanschauung“ näher zu bringen. Die Schrift Bööks zeigt, daß ein objektiver vvirkliclikcitsfixdier Betrachter eines Stücks pulsicrenden jüdischen Lebens von selbst sich von der Literatur orientieren und beraten läßt, die mit der Wahrheit des Bestehenden das Ideal einer machtvollen, von inneren Faktoren bestimmten Ent- Wicklung in der Zukunft verbindet. Böök hat das ganze große erschütternde Elend der jüdischen Massen in Warschau mit eigenen Augen gesehen, er hat zugleich aber auch unter der Decke all des Schrecklichen den alles übersichenden jüdischen Geist gefunden. ״Der Un- «ingeweihte — sagt er - der die materielle Notläge der Juden betrachtet und über ihre niedrige Stellung erstaunt, bildet sich leicht ein, daß diese Menschen in dumpfer Gleichgültigkeit leben und durch Hunger und Schmutz geistig gelähmt sind. Das ist ein großer Irrtum. Das geistige Leben ist so intensiv im Ghetto, wie kaum irgendwo anders. Diese Juden, die nicht fest im Boden wurzeln, strecken ihre Aeste nach allen Seiten hin aus und fiebern in Begriffen, Dialektik, Träumen und Pliinen, Studien und Gelehrsamkeit.“ Wer wie Böök verstanden hat, hinter den äußeren, oft schmerzliehen Erscheinungen der jüdischen Wirklichkeit das Echte, Triebhafte des jüdischen Wesens z,u erken• nen, den wird keine Welt assimilatorischer Entstclhingsversuche von der Wahrheit, die sein inneres Auge sah, ablenken. Er wird Böök zustiinmen in dem1 einfachen aber grundrichtigen Urteil: 1111״ Qhctto Warschaus versteht man mehr von Judentunt und den Juden, als was alle Bücher einem ״Der Zionlimu* erstrebt für da• Jödltche Volk die Schaffung einer fiffenüich-rcchtlich geiieherien HctmiUitte ln Paliiflna.“ Batclcr Programm. lehren konnten; die einzelnen Individuen werden erst begreiflich, wenn man das ganze Volk geseheil hat sic sind doch nur losgerissenes Laub von dem großen Baum.“ Böök hat fast allen Institutionen der Juden seine Aufmerksamkeit gewidmet. Er hat aus dem Glieder, dem jüdischen Kranken- und Flüchtlingsheim, den Studierstuben der Chassidim die tiefsten Eindrücke empfangen. Und fast überall wehte ihm derselbe 'Geist des nach einer lichtvolleren Zukunft sich sehnenden Volkes entgegen. ״Nie bckommen die Worte bei ihren Schriftstellern und Denkern einen so tiefen und schönen Klang, als wenn sie von dem Land sprechen, von der eigenen Erde mit Tan und Sonnenschein, mit Gewächsen, Tieren •und Himmel.!111 Ghetto schluchzen die jungen Schwärmer, die verstoßenen und verirrten Seelen mit den dunklen, unergründlichen Augen, sie träumen von Rosen und Seligkeit, von Turteltauben und Zedern im gelobten Land, von tler neuen Sonne über einer neuen Welt.“ Ein besonders tiefes Erlebnis war Böök das jüdische Theater, dein er einen besonderen Abschnitt widmet. Er schildert seine Eindrücke aus einer Vorstellung von Tomaszewskis Ausstattungsoperette ,,Die Seele meines Volkes“. ״Nationaljüdische Acsthctcn meint er würden mich ohne Zweifel mit Verachtung strafen, wenn es ihnen bekannt würde, daß ich dem Stücke Tomaszcwskis, dem sie kaum den Rang eines repräsentativen Kunstwerkes /!!erkennen dürften, irgendwelche größere Aufmerksamkeit gewidmet habe. Aber der Fremde sucht nicht das Vortreffliche,, das aristokratisch Vollkommene, das Tiefsinnige, er ist zufrieden wenn er gerade dem Mittelmäßigen und nicht Origiließen begegnet; und ich muß bekennen, daß ich den Abend zu meinen großen, denkwürdigen Er lcLmssen rechne. Er verschaffte mir neue Kenntnis über das jüdische Wesen und erinnerte mich wieder ganz, überzeugend an die wichtige Wahrheit, daß die M Millionen Juden ein Volk sind.“ Und der schwedische Schriftsteller scheint in der Tat das Tiefste des jüdischen Wesens begriffen zu haben, wenn er am Schluß dieses Kapitels auf seine Frage, ״Was ist für die Juden das Vaterland?“ die Aut wort gibt: ״Die geschichtlichen Erinnerungen und die fern dämmernde Zukunft. Mitten aus der ameriklinischen Operette erhob sich wie eine Flamme der nationale Traum: Wir sind ein Volk, ein großes Volk und wenn wir uns zusammenschlicßen und einig sind, so haben wir eine Zukunft . . . Beifallsgemnnnel ging durch das Theater und man fühlte, daß dieses Volk, dem die Wurzeln in der Gegen wart fehlen, sein ziilics, geheimnisvolles und trotz, allein starkes Leben in der Erinnerung und der Hoffnung, in der Vergangenheit und in der Zu kunft lebt.“ Es ist von hohem Interesse, daß sich ein so stark und richtig empfindender Nichtjude über die Zukunft der Ostjuden, über die er sich in einem besonderen Abschnitt ausspricht, aus eigener An* schaumig eine Meinung gebildet hat, die es ihm wünschenswert erscheinen läßt, daß den Juden die national-kulturelle Autonomie gewährt wird. Die Frage, ob die polnischen Juden sich ihrer nicht• jüdischen Umgebung assimilieren können, verneint der Verfasser. ״Es gibt allerdings eine dünne Schicht polonisicrtcr Juden — sic sollen 50/״ ausmachen — aber &ie sind eine isolierte Obcrklassc, ohne jede Beziehung, ohne alle Sympathie bei der Hauptmasse der Ostjuden. Es ist mir schwer, in ihnen etwas anderes als Verräter zu erblicken.“ Die einzige Kettwig der Juden erblickt der Verfasser darin, daß sie wieder danach streben, ein Volk zu werden. ״Man muß sich nämlich klarmachen, daß die Ostjuden in all ihrem Elend . . . doch etwas besitzen, was den Westjuden bitter fehlt: eine iiationale Kultur, so nrin und verkümmert sic sich auch ausnehmen mag, «ine Sprache und einen Glauben; und man darf nicht vergessen, daß sich in dem!unglücklichen Volke tiefe, unbewußte Kräfte regen, daß etwas ׳unbeschreiblich Ergreifendes in dem brennenden Idealismus liegt, dem man mitten in den schmutzigsten, kleinen Judennestem begeg* net . . . Gas Ghetto der Ostjuden ist für die Nationalistcn ■nicht ärmer, sondern reicher als die Viertel tler vermögenden jüdischen Emporköminlingc in Berlin W.“ Böök weiß aber auch von dem neuen Ideal der eigenen Arbeit, die allein die vollkommene Gcstiiulung des jüdischen Daseins verbürgt, und er lält dieses Streben für den einen und einzigen Weg zu einer Erneuerung des jüdischen Volkstums, an die er glaubt. Das Buch des Schweden ist eine scharfe Ab• sage an die jüdische Assimilation. Trotz mancher Schwächen und lrrtümer ist es in seinem Grundzug die Aeullcnmg eines nach der Wahrheit ringenden, jeder Vertuschung und Beschönigung fremden Oeistes. Es ist ein neues Dokument dafür, daß man ״draußen nur das Nationaljudcntuni kennt.“ Wir möchten es allerdings anders formulieren: daß der mit dem inneren Auge Sehende nur im Nationaljudentum die Rettung sieht. M. M. Der jüdische Nationalismus*) Von Fredrik Böök Die Apostel des Nationalismus und Zionismus sind nicht bloß die mit dem größten Verantwortungsgefühl und Idealismus und die, rein menschlich betrachtet, Bedeutendsten unter den Juden, es sind auch, wie mir scheint, die Einzigen, die dem inneren Problem des Judentums auf den Grund gegangen sind, jenes Problems, das diesem durch verheerende Kräfte hart angegriffcneu Volk höhere moralische Ziele gesteckt hat. Ich glaube nicht, daß die physische und geistige Wiedergehurt der Juden auf anderem Wege zur Wirklichkeit werden kann, als durch ein neu gewecktes und neu gepflegtes völkisches Pathos. Die Nationalisten sind cs, die in Polen gymnastische Vereine und Boyseoiitskompagnien schaffen; einer dieser׳ Vereine für körperliche Erziehung lind militärische Ausbildung hat den Namen angenommen, der am klarsten die kriegerische Ehre der Juden symbolisiert, nämlich: ,,Makkabäer“. Hier will cingescliärft, daß die Ausbildung voa Mut und körperlicher Kraft und die Bekämpfung der für die Juden charakteristischen Nervosität die unvermeidliche Voraussetzung einer glücklichen Zukunft sind. Hand in I fand damit geht das großzügige Streben, die Juden zu körperlicher Arbeit zu erziehen, sie wie einst zu Bauern und Handwerkern zu machen und ihnen ein gesundes und organisches Verhältnis zair Natur und äußeren Wirklichkeit zu schenken; im Zionismus, der Arbeit an der Besiedlung Pnlästinns, hat diese Bewegütig ihren ausgesprochensten und vom agitatorischen Gesichtspunkt aus am leichtesten begreiflichen Ausdruck gefunden. Ein vielversprechendes und bedeutungsvolles Dokument für die Kenntnis von dem inneren Pathos dieser ganzen liewegung ist der Aufsatz, den A. D. Gordon, der Pionier der Arbeit in Palästina, 1011 in dem Organe seiner Partei, ״I lapocl I laznir“ (Der junge Arbeiter), veröffentlicht hat, und der daun in das 1913 in Jaffa lierausgekommene Sammelwerk ״Haare/, wehanboda“ (bas Land und die Arbeit) überging; er wird in Ueberset/iing in Bubers neuer Zeitschrift ״Der Jude“ mitgeteill. Gordon betont, daß das, was den Juden fehlte, die freiwillige, strenge Arbeit ist; ״es gibt bei uns nicht wie bei den lebenden Völkern eine große Mehrzahl von Menschen, für die die Arbeit zur zweiten Natur geworden ist“. Der uralte Spruch: ״Solange Israel Gottes Willen tut, arbeiten andere für Israel“, ist nun Instinktiven Gefühl bei den Juden geworden. Deshalb kann das Judentum aber auch keine positive und einheitliche Kultur hervorbringen, deshalb ist die Dcnkungsweisc der Juden so oft negativer und zersetzender Art. Kann man Rahm 01111c Milch gewinnen, fragt Gordon mit einer für den Landwirt charakteristisehen -Wendung, kann ein Volk Dichtung, Ethik und Religinn schaffen, wenn cs in keinem organischen Verhältnis zu Erde und Acker, zu Himmel und Wald und überhaupt zu den breiten Grundlagen der Arbeit und des Strcbens stellt, auf denen der ganze Organismus der Gesellschaft ruht? Gordon verneint das und formuliert seinen Standpunkt folgendermaßen: ״Wir haben an der Arbeit Schaden genommen (ich sage nicht: wir haben gesündigt, denn cs ist nicht unsere Schuld, daß et so weit kam); an der Arbeit werden wir genesen.“ Bei Bubcr heißt e» mit der gleichen rücksichtslosen Selbsterkcmitiiis: Golusfcssclu verwundeten und lähmten unscre Seelen. Wir wollen uns nicht selbst betrügen — wir sind sehr krank,“ Die Weck- und Mahnwortc der Propheten, Volk»* Züchter und Volkscrzicbcr haben etwas Nebelhaftes an sich, was ober die Ostjuden anbelangt» so muß auch der Kritischste sich fragen, ob cs für sie einen anderen *) Aus Fredrik Böök: ״Deutschland und Polen“. F. Brucktnann, A.*G., München 1917. Geheftet Mk. 2.—.

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