Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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> * I f*! V ■'j / , N וע.\\ . |ל_ ™ - -b\ ץ־־^יי«3ך״ף• Im!!30!ר Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Erj scheint wöchcntl. an! Freitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern I viertelj&Iirl, Mk. 2,25 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,— j) A\ 1 Telephon: Amt Uhland 845. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich : 1 K. IC. Postsparkassenamt Schedekonto Nr. 156030. Anzeigen die sechsgespaltene Pct.t- | *eile oder deren Raum 40 Pf. Teucrungszuschlag 15%. Rcdnktionsschluß Dienstag nachm. Nummer 9 | Berlin, den 2. März 1917 | LILA 1 8. Adar 5677 1 XXI1. Jahrgang fi t J ■I I t '} : « I ו I L 1■ r .:־! ו ,־> I; 1 ׳ ׳t J f yj Ein Jubiläum ln diesen Tage•» sind es fiint/dui Jahre ge•- worden, daß der jüdische Nationalfond gegründet wurde. Iin Verlaufe dieser Aera seines an schöpferischer Arbeit reichen Bestehens entfaltete sich der Nationalfond und wurde zu der bedeutendsten nationalen Institution, über die das jüdische Volk heute verfügt. Hei seiner Errichtung füllte der Nationalfond nur auf dem einen Grundgedanken der Aus lösung der Erde. Als aber Herzl die Taschen der reichen Juden, die von jedem nationalen Eriieiieriingsgedanken weit entfernt waren, versehlossen toiid und zu der untrüglichen Ueberzeiigung kam. dall diese Auslösung nur durch das Volk in seinen breiten Massen kommen wird, da IS jede jüdische Seele, die das. Schmerzliche unseres Daseins fühlt und unsere Erlösung herbeifleht, mit ihrem Pfennig an der Erlösung des Landes mithclfeu muH und dall nur so, Ziegel an Ziegel, das Gebäude des in seine Heimat zurückkehrenden Volkes errichtet werden kann trat dem ersten Grundgedanken des Fonds ein neuer hinzu. Die Idee, dall der Nationalfond durch die Pfennige der grollen Volksmasscu angesammelt werden solle, verpflichtete zur Nationalisier r u n r d e s B o d e n s. י־* I Jen 11 das, was durch das ganze Volk geschafien wird, muH auch Besitz des ganzen Volkes sein. Das ganze Vermögen des Nationalfonds ist also eins Vermögen des jüdischen Volkes, Sein Besitz kann weder Einzelnen erblich übergeben, noch irgvmhveni für ewig verkauft werden. Der National- Mndlioden ist dem Volke heilig. Die neue soziale Idee gx>li ihren Zauber über die Volksinstitution und eroberte aller Herzen. Eine eigenartige natiouale Heiligkeit schwebt über ihr seit dem Tage ihrer < münlung. Der der zionistischen Bewegung eingeborene 'Volksgeist, der lange Zeit frei in der Luft schwebte, fand im Nationalfond seinen Krystallisationspunkt. Hier verkörperlicbte er sich zu greifbarer Gestalt und gelangte zu seiner wahrhaften Offenbarung. Und als der Nationalfond in Palästina selbst seine Tätigkeit zu entfalten begann, wurde seine hohe und vielfältige Aufgabe immer klarer und tiefer, Zu den zwei alten Grundgedanken gesellte stell noch ein neuer, der jenen erst Bestand gibt: die A ti s I ö s 11 n g d e r Arbeit. Der Versuch der neuen jüdischen Ansiedlung lehrte, dall die Erde nicht durch (ield allein aus- ״einst werden kann. Die bäuerliche Bevölkerung um! alle Arbeitenden und mit der Kraft ihrer Anne Schaffenden sind die wirklichen Aufbaucr der Heimat. Der Arbeiter ist mit seinem Wohnsitz eng verknüpft. Die Arbeit braucht Arbeiter und erweitert den Jisclmw und wird so von selbst zur Grundlage eines nationalen jüdischen Kolonisatious- Werkes. Die arbeitenden Massen sind die tiefe .Bodenschicht, die mit ihrem Saft alles nationale Wachstum nährt. Sie sind die wahren Quellen des Lelx’ns, die nie versiegen werden. Der Nationalfond erkannte den grollen Wert jüdischcT Arbeiter und richtete seine Tätigkeit auf das grolle Ziel: den jüdischen Arbeitern Erde und der jüdischen Erde Arbeiter zü geben. Nur der Nationalfond, der nicht materiellen Vorteil und augenblicklichen Gewinn im Auge hat, sondem bei der Kolonisatiousarhcil von hoher Warte aus nationalen Gewinn erstrebt, nur er vormag die Vorbereitungsarbeit zu leisten, die die jüdiselie Ansiedlung in Palästina so nötig hat. Der Nationalfond ist das bedeutendste und grundlegendste Mittel der jüdischen Kolonisation in Lre/ Israel und in erster Reihe ist er dazu herufen, Grolles und Schöpferisches zu wirken. Feldgcrueh und der frische, fruchtbare Geist des Siihens ■und der Belebung, der seit zweitausend Jabn11־ aus unserer Mitte geflohen war, entströmen den Werken dieses nationalen Instituts im Lande. Im Jüdischen Nationalfond haben \vir das Organ gefunden, das seine Kraft aus dem ganzen Volke zieht und sie dem ganz e n Volke weiht. Er ist die grolle nationale Schöpfung, die das üaluth für die Heimat schuf, die den Heimkehrenden den Weg weist und ebnet. ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer 6ffenülch>rcchtUch gesicherten Heimstätte in Palästina.'' Baseler Programm. Die Polnischen und Franz Blei*) (Ein Exempcl) Von Martin Bubcr ״Sagen was man weil!, und nichts mehr." Charles Pegny, zitiert von Franz Blei (Menschliche Betrachtungen zur Politik, S, 319) 1. 1111 eisten lieft dieser Zeitschrift war für die Argumente jener, die beweisen wollen, dall die polnischeti Juden nichts taugen, das Beispiel eines bekannten Schriftstellers angeführt worden, der die ,,Polnisehen“ für eine niedere Menschenart erklärte, denn sie lebten in eitel Furcht, sonderlich vor Gott. Der . Exkurs Franz Bleis, auf den sich diese Worte bezogen, ist seither von ihm in erweiterter Fassung in ein Buch aufgeuonunen worden, das den Titel ,,Menschliehe Betrachtungen z.ur Politik" führt. Gestrichen I1.1t der Autor keinen seiner Sätze, er scheint sie ulsu immer noch für die Aeiillerung des legitimen Beselimlwisscns zu halten, immer noch kennt er keinen;indem ostjikliseheu sozialen Typus als den ״vermittelnden Händler“, keine andere ostjüdische soziale Funktion als das ״Schachern". Für ihn haben wir umsonst in dieser Zeitschrift (S. 234, auch schon S. ISf.) die nicht umdeutbaren Zahlen reden lassen, umsonst darauf hingewieseu, dall nach der russischen Volkszählung vom Jahre 1897 mehr als 53 Prozent aller selbständigen Juden zu den arbeitenden Elcmetiteil gebürten, wogegen nur 31 Prozent Handel und Vermittlung trieben. Umsonst haben wir des weiteren gezeigt, wie wenig tief eingewurzelt, wie offenbar aufgezwmigen der ״Zug" zum ״Schachern" Int Ostjmlen ist, indem wir wieder in unnindeutharen Zahlen mitteilten, was mis ihm unter freien Lebensbedingungen wird; nach dem Zensus von 1900 waren 38,04 Prozent der gesamten iniiunliclteu erwachsenen beschäftigten Bevölkerung New-Yorks in Handwerk und Fabrikation tätig, aber 01,08 Prozent der eingewanderten ostjüiliseiien; 30,07 der gesamten weiblichen, aber 71,30 der eingewanderten ostjüdischen. An welche Säulen sollen wir diese Zahlen schlagen, von welchen Dächern sie hcrahftiiikeln lassen, damit die deutschen Literaten, die über das Ostjudentum schreiben, sie zur Kenntnis nehmen und (in der Vcrschwiegenheit ihrer Herzen) einseheii, dall ihr Bescheid wissen das Gegenteil des Wissens und ihre Betraeliuiiigeu ein Vermitteln von Redensarten von sehr geringem Wahrheitsgehalt, also doch wohl kein ganz, löbliches Geschäft waren? lind wenn sie es je tun, wird sie dann nicht ein (ganz lieiinlielier) Zweifel beschleichen, oh jene, die ״sich nur zwischen die von dieser Weit geschaffenen Güter vermittelnd stellen", gar soviel schlimmer sind als jene andern, deren Worte sich /wischen eine Wirklichkeit und den, der sie kennen lernen will, soieliennallen vermittelnd stellen, daß er von dieser Wirklichkeit nur das Niederste, und auch dies nur in einer scheußlichen Verzerrung erfährt? In einer scheußlichen Verzerrung. Demi gewiß, es gibt den Schnellerjuden; er ist zwar, wie wir erwiesen haben, keineswegs der ostjüdische, er ist ׳ nur unter den Ostjuden der vordringlichste, der auffälligste, der sichtbarste Typus; immerhin, es gibt ihn, in zahlreichen Exemplaren, und sein Schachern ist ein regelrechtes Schachern. Nur dal! einem ' menschlichen Betrachtcr nicht das Schachern an ihm das Bemerkenswerteste sein müßte, nicht diese ״Gewohnheit seines Irrsinns", die er, wie wir gezeigt haben, nicht ungern abiegt, wenn er darf: sondern daß das Schachern nicht in seine Seele cingedrimgen ist. Einem andern liiittc• es das . Mark zersetzt. Er aber hat sieben Mauern um seine Seele gebaut, dall kein Anhauch der ״Gewohnheit" zu ihr gelangt. Er hat den Verstand ausgesandt, daß er ihm und eien Seinen die Lebens* notdurft besorge, wie immer sie besorgt werden kann; aber wenn der Verstand seinen Dienst getan hat, muß er Mal um Mal ins reinigende Tauchbad steigen, ehe er wieder in das Gelaß der Seele eintreten darf. Ja, ihr Soldaten des deutschen und des österreichischungarischen Heeres im Osten, ihr habt dem Juden auf die Finger, aber ihr habt ihm nicht in die Augen gesellen, oder schlecht; Ihr habt ihn auf der Gasse, aber Ihr habt ihn nicht in seiner Kammer gesehen, oder ohne Blick. Er schachert mit allen von dieser Welt geschaffenen Gütern, die verlangt werden und die er hcibcibriiigen kann, aber nicht mit den Heiligtüincrn seiner Seele, seines Hauses und seiner Gemeinschaft. Er schachert nicht mit seinem Gott. ״) Vorabdruck aus dem Febniarheft des ״Juden". Verlag R. Löwit, Berlin N 37, Weißenburgerstr. 6. I Jährl. 10 M., baibjährl. 5 M., Einzelheft 1 M. Franz Blei erzählt in seinem Buch von Christen, die . es tun. Die ״die Kirche zu einer nützlichen Institution erniedrigen, den Begriff Nutzen gemessen an dem, was man so heute darunter versteht: Geschäft, vermchrtes Einkommen, besseren Kredit usw." (Menschliehe Betrachtungen zur Politik, S. 196). So weit ist der kleine Schacherjude des Ostens nicht. So weit kann von uns nur der grolle Schacherjude des Westens, dieser armseligste aller Machthaber kommen; w׳enn er die Konsequenz seines sinnlosen und erfolgreichen Daseins zieht und sich der einen oder der andern der nützlichen Kirchen einvcrlcibt. 2. Unter den mit strenger Energie unternommenen Versuchen der Ostjuden, aus der Hölle des Schachers, in der es so schwer ist, die Reinheit der Seele izu bewahren, in das Reich des natürlichen Lehens einzutreten, ist einer durch eine Kühnheit der Absicht und eine Geschlossenheit des Werkes ausgezeichnet, die ihn einst, wie cs scheint, zu weltgeschichtlicher Bedeutung erheben werden. Das ist die Errichtung einer auf den Bodenbau gegründeten, aus ihm zu einer vollkommen gegliederten Gcinciuwirtsclinft erwachsenden Siedlung in Palästina, die immer starker von dem großen, urjiidischcs (iesetz erneuernden Prinzip des gemeinschaftlichen Grundeigentums durchleuchtet wird: aller bisher und fürderhin aus den Mitteln des Jüdischen Nationalfonds erworbene Boden gehört der Gemein- , schaft ״als ewiger Besitz des jüdischen Volkes“. Man sagt ״Kolonisation“ und glaubt zu wissen, was vorliegt; man weiß es damit noch nicht. Der hier kolonisiert, das ist kein Staat und keine staatsähnliche Macht; in den zersprengten, zerklüfteten, unterw-ühlten Resten eines Volkstums, dem aus der Klasse seiner Reichen mul Mächtigen die meisten nur noch dem Schein nach angeboren, stehen Menschen auf, die willens sind, das Schicksal zu wenden, und ״ko- Ionisieren“. Mcnschcnwcrk, mit allen Mängeln und Kleinlichkeiten des Menschlichen behaftet, aber ihnen allen zum Trotz der Idee getreu, aus der es geboren und die all seine Macht ist. Es ist heiliger, zukunftsheiliger Boden, den die Hände der Siedler bebauen; das Unheilige, das Unheil, der Schacher muß ihm ferngehalten werden. Hier darf er nicht bloß das Innere des Lebens nicht, hier darf er auch seine Oberfläche nicht streifen. Das wissen die Männer, das tun sic; was immer ihnen fehlschlägt, dieses wird nicht fehischlagen. ״Es wird kein Krämer mehr im Hause des Herrn der Heerscharen sein an jenem Tage"; das letzte Wort des großen Sacharja ist ihre Losung. Aber Franz Blei weiß es besser. Er kennt sich aus, er ist informiert, er läßt sicli nichts weisinachcn. Er fügt seiner Glosse einen neuen Abschnitt an. Er eröffnet (S. 341); ״Der Zionismus als Agent des Kapitalismus dürfte ja mir von ein paar Ideologen, die für König David schwärmen, geleugnet werden. Weil sie nicht wissen oder wissen, wollen, «laß in fler Palästina-Kolonie schon lange eine schwunghafte Spe• kulatiqn mit Grund und Boden getrieben wird von den •jüdischen Koloneu, die schon lange nicht mehr ackern, sondern in Jerusalem vorn Bettel, vom Handel oder von der Spekulation leben. Die Türkei hat des letzteren wegen die anfängliche Steuer auf die Grundeinheit tun das Fiiufzigfache erhöhen müssen, um zur Bebauung und so zur ehrlichen Rentabilität zu zwingen.“ Worauf eine neue Warnung vor den Polnischen folgt. ״Sagen, was man weiß, und mchts mehr.“ Was Sie da also niederschriehcn, Franz. Blei, das ״wissen“ Sie, und wir törichten Ideologen wissen es nicht oder Wollen es nicht wissen? Darum ״leugnen" wir, nicht war? Nun denn, ich ״leugne" nicht, denn nicht icli und nicht mein Volk sitzt auf der Anklagebank, sondern Sie. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht wüßten oder nicht wissen wollten, sondern daß Sie fälschlicherweise zu wissen Vorgehen. Ich klage Sie an, daß Sie sicli mit der Miene des Wissenden, mit dem Tonfall des Enthüllenden zum Sprecher einer Lüge machen. Ich weiß nicht, wessen Lüge es ist; aber die Worte, in denen sie gedruckt stellt und verbreitet wird, sind die Ihren. Ich weiß nicht, woraus sie entstanden ist, aus Bosheit oder aus Leichtfertigkeit, aber icli ahne, warum Sie sie niederscliriehen, drucken und verbreiten ließen: aus Hcschcidwissrrci. Aus Bescheidwisserei scheuen Sie sich nicht, Dreck auf eine reine Bache zu werfen י und es macht ihre Schuld nicht geringer, daß es ziisammengeklaubter Dreck ist. Welcher Gattung die Lüge angehört, die in den angeführten drei Sätzen niedergelegt ist, wird offenbar, wenn ich sage - was an ihr wahr ist. Es ist wahr,' daß in Palästina eine schwunghafte Spekulation mit Grund und Boden getrieben wird: aber nicht von den ״jüdischen Kolonen", sondern von den arabischen Großgrundbesitzern, die von jeher ihren Boden als Spekulationsgut betrachteten und insbesondere, seit ihnen der Liebhaberwert palästinensischer Erde aufgegangen ist, d. 11. seit der Entwicklung der!jüdischen Kolonisation mehr mit dem Wertzuwachs als