Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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סת. C lEP-m״'-yrj| X * J \ Krclfiklion und Verlag־ Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, Smlmische ■Straße 8. Er- I »dn mt wödicntL am Freitag־. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern 1 vierteljahrl. Mk. 2,25 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,“ ח Nummer 8 I Berlin, den 23. Februar 1917 I! Telephon! Amt Uliland 845. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreichs K. K. Postsparkassenamt Scheckkonto Nr, 156030. Anzeigen die sedisgespaltene Petitteile oder deren Raum 40 Pf. Tenerungszusclilag 15%. Redaktionsschluß Dienstag nachm. 1. Adar 5677 XXII. Jahrgang Nationale Hilfe Die Zionistische ()!־^anis.ition, als die Ropni- M'iitanx des Judentums, eins sich über;1111׳ ZerspliltiTiinfjeii hinweg als organische Einheit fühlt und in dieser Idee der Einheit die Gesundung seines Daseitis durchsetzen still, hat sich die Arbeit an der Lösung derjenigen Fragen zur Aulgälte gestellt, die allen Teilen der Judenlieit aufgegeben sind und der Mitwirkung aller Teile l>edürfen: die Zentralisierung der nationalen Kräfte /m Schaffung einer organisch anfgehaiiteu jiidisehen Siedlung in Palästina und die Erweckung und Förderung der nationalen Energien in allen Ländern dei Diaspora. Beide Aufgaben ragen weit über die Grenzen der ־einzelnen Teile der zerstreuten Judenlieit hinaus. Denn auch die Stärkung der nta.i- ' niginchcn nationalen Positionen des Volkes bewirkt eine Intensivierung des einheitlichen Volkswilion für die allen Teilen gemeinsamen Ziele. Beide Aufgaben wenden sieh an die Seele des gesamten Volkskn1|R־rs und können nur durch solidarische Zusumme narheit des ganzen Volkes verwirklicht werden. Lines der ülicdcr des jüdischen Volksganzen die polnische Judenlieit, steht heute an einem entscheidenden Wendepunkt ihres nationalen Werdegaugs. Als eine ansehnliche Minorität im Lande stellt sie auf der Wacht, um ihre materiellen und geistigen Entwickluugsniöglichkeiteu im Laude zu schützen und sicherzustellen. Zu schützen gegen ungcrediete Hebelgriffe der polnischen Majorität, die noch nicht gewillt ist, die Juden Polens als Nationalität mit allen den Rechten, die eine nationale Minderheit in einem modernen Kulturstaate beanspruchen darf, anzuerkennen; und sichcrzustellen durch die Schaffung einer ihrer Zahl entspie eilenden nationalen Vertretung in allen verwnlteiidcu und gesetzgebenden Körperschaften des. Landes. Nur eine rechtmäßig gewählte nationale Vertretung kann eien Juden Polens die Rechte skhern, die den natürlichen Fortbestand und die gesunde Entwicklung ihres nationalen Daseins gewiihrleistcn. Nur sie wird ihnen die nationale Gleichberechtiguug, das Recht auf ein natioiinlkulturellcs Eigenleben, d. h. vor allem das Recht auf die eigene Sprache und ein eigenes Schulwesen gegen alle volkszerstörende״ Tendenzen der jüdischen Assimilation und gegen alle Uiiterdriickungsversuche der polnischen Antisemiten sichern. Diesen Kampf tun das nationale Sein wirksam und aussichtsreich zu führen, ist der innige Wunsch aller nationalen Kräfte im polnischen Judentum. Lud in der Tat hat sich der nationale Wille der Juden!,olens in matiehen Gefahren nicht blüh wahrend des Krieges bewährt. Die Juden Polers haben nicht nur den wirtschaftlichen Boykott, tie'.'i die Polen vor dem Kriege über sie verhängten, aus eigener Kraft erfolgreich bekämpft, sie haben auch während des Krieges durch ein besonnenes, nur für die eigenen Interessen eintreteiides Verhüten gezeigt, daß sie politische Reife hesitzen. Es zeugt von grolle!׳ Zähigkeit des nationalen Geistes, dal) die polnischen Juden trotz unendlicher Leiden mul Entbehrungen die ihnen der Krieg auferlegt hat, trotz grober Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich ihrem nationalcn Wollen in den Weg stellten, im ganzen Lande den Kampf um ihre bürgerliche Gleichsiellurp und 11m ihre nationalkiilturelle Selbständigkeit mit Tatkraft und Umsicht führen. Aber noch sind an die nationale Wehr und Behauptung des polnischen Judentums die hochsten Anforderungen nicht gestellt worden, noch ist d״! Kampf um die nationale Gleichstellung nicht Cm. chicdeii.. In diesem schweren zukunftsbestiminenden Augenblick hat das polnische Judentum ein Recht auf die Unterstützung des gesamten jüdischcu Volkes und die national-jüdischen KorpersiTiaften halten es ihrerseits für eine ihrer wichtigsten Aufgaben, den Forderungen der polnischen Juiicn Resonanz zu geben. Die polnische Judenlieit im nationalen Bewußtsein zu stärken und ihr in dieser Zeit großer Entschcidimgcn dort zur Seite zu stehen, wo sie die Hilfe von außen nicht entbehren kann, ist die verant- ״Der ZlonUinui enhrebt für dat jüdische Volk die Schaffung einer Sffcnilich-rcchtHch gesicherten IielimUiiie In Palliifina." Baseler Programm. wortinigsvollc Aufgabe der Zionistischen Organisation. Wie notwendig diese Hilfe ist, zeigt sich am deutlichsten in der Arbeit, die für die Aufklärung der jüdischen mul nichtjüdisdien ,()effcntlichkeit über die Berechtigung der nationalen Forderungen des polnischen Judentums geleistet wird und noch zu leisten ist. Immer von neuem muß gezeigt werden, dal) die Juden Polens auf ihren Anspruch, als nationaler Organismus ein kulturell selbständiges nationales Leben zu führen, ein wohlbegründetes Recht haben. Schon dringt dieser Gedanke in weite mallgehende politische Kreise. Nichts darf zu seiner Befestigung verabsäumt werden. Diese Aufklärungsarbeit ist nicht nur außerhalb Polens, sondern auch im Lande selbst von höchster Wichtigkeit, Hier stößt die Forderung der nationalen Gleichstellung au( große Widerstände, die durch die politische Arbeit der Juden des Landes gebrochen werden müssen, Die polnische Gesellschaft ist von der politischen Erkenntnis noch weit entfernt, daß eine ijntionalkuiiurcllc Gleich- Stellung der Juden ihrem eigenen politischen und kulturellen Lehen nicht nur keinen Abbruch tut, sondern ihnen bei der Gestaltung der Zukunft des Landes schon aus dem Grunde sehr zu gute kommen wird, weil Polen eine ruhige innere Entwigklung bitter nötig hat, um sich von den Wunden, die ihm der Krieg geschlagen hat, zu erholen. Zum anderen aber wird eine friedliche Verständigung mit den Juden ihnen die Sympathien der öffentlichen Meinung sichern׳, die sie zu einer günstigen Wendung ihres nationalen Schicksals doch wohl brauchen. Der ,politischen Aufkläningiiedürfügsind aber auch weite Schichten der polnischen Judenlieit selbst. Noch ist der jüdischen Masse die große Bedeutung der gegenwärtigen Entwicklung für ihr ganzes zukiinftiges Lehen nicht klar genug. Ihr nationales Bewußtscin kann nur durch eine .ständige atifklätendc Tätigkeit in Wort und Schrift geweckt werden. Diese Aufklärungsarbeiten innerhalb des Laudes werden mbeu der mündlichen Propaganda am besten durch eine zielbevvußte jüdische Presse iu hebräischer, jidischer und polnischer Sprache durcligefiihrt. Auf der Warschauer Konferenz, der polnischen Zionisten wurde die unbedingte Notvvemligkeil einer periodischen zionistischen Zeitselirift iu jidischer Sprache testgcstellt und die letzte •Jahresversammlung der Warschauer Zionisten he■ schloß, die inzwischen eingestellte hebräische ״Hazel'ira“ zu erneuern. Beide Beschlüsse stehen im Stadium ihrer Verwirklichung. Mit dieser rein politischen Tätigkeit sind die großen Aufgaben der polnischen Judenlieit keinesw egs erschöpft. Der Stärkung ihrer politischen Sielhing innerhalb dos Landes können auch gewisse Einrichtungen und Maßnahmen wirtschaftlicher Natur dienen. Abgesehen von den günstigen Folgen rein materieller Art, die eine großzügige jüdische Wirtschaftspolitik in Polen nach sich zieht, ist der politische Wert einer wirtschaftlichen Erstarkung der jüdischen Massen von kaum übersehätzharer Bedeutimg. Die Organisierung eines weitverzweigten Kredit- und Genossenschaftswesens etwa ist neben der segensreichen wirtschaftlichen Wirkung, die sie mit sich bringt, ein erfolgreiches Mittel, um den polnischen Versuchen einer Nationalisierung des Kapitals die Härte zu nehmen. Eine Einwirkung auf die von der jüdischen Jugend zu ergreifenden Berufe im Sinne einer gesunden Berufsgliederung wird in Polen einen fruchtbareren Boden vorfinden als;ihnliehe Versuche iu Deutschland. Die Ucbcrfiilmmg großer Massen polnischer Juden in die produktiven Berufe des ITaiulworks und der Landarbeit wird zur Befestigung der jüdischen wirtschaftlichen Positionen mul damit indirekt wieder zu einer Stcigerung des politischen Einflusses führen. Durch die Einrichtung von Handwerksstätten und Organisienmg der landwirtschaftlichen Ausbildung könneu auf diesem Gebiete große Erfolge erzielt werden. Diese Arbeiten• politischer und Wirtschaftlieber Art finden in einer gesteigerten kulturellen Tätigkeit ihre notwendige Ergänzung. Es ist ein längst gefühltes Bedürfnis des!Klinischen Judentums, für die Erziehung der Jugend eine nationale Lehrerschaft heranzubilden. Auch diese Frage stand auf der letzten Konferenz der pol- « nisclien Zionisten zur Debatte und wurde eingehend behandelt. Die Gründung eines jüdischen Lehrerseminars wurde besciilos'seii. Die nationale Schule ist heute die Hauptforderung und das Hauptbedürfnis des polnischen Juden. Ihr Schicksal ist eng geknüpft;111 die Erfolge der politische«! Arbeit. Denn nur ein aus den allgemeinen Steuern erhaltenes jüdisches Schulwesen kann die nationale Schule schaffen. An der Durchführung aller dieser großen Aufgaben, die dem polnischen Judentum gestellt sind, hat die gesamte nationale Judenlieit ein unmittelbares Lebensintercsse. Die Zionisten aller Länder gewähren diesem Daseinskampf ihrer polnisclien Volksgenossen jede Art der moralisclien Unterstützung. Gleich dem amerikanischen Zionismus, der das gesamte amerikanische Judentum für ein großzügiges Programm der Wiederaufbauungs׳- arbeit gewann, hat auch die Zionistische Vcrcinigung für Deutschland dieser Frage längst ihre Aufmerksurnkeit zugewendet. In einer Beratung des deutschen Zionistischen Zentralkomitees hat die Leitung nunmehr diese Frage ihrer Lösung näher gebracht. Zum systematischen Ausbau der Arbeiten hat das Zentralkomitee in Ausführung des Be- Schlusses des letzten Delegiertentages, für 11cstimmte zionistische Arbeiten besondere Arbeitekreise einzufiiliren, eine Anzahl geeigneter Kräfte zu einer Kommission zusamniengesclilossen, die diese Frage ausführlich behandeln soll. Der gegenwärtige nationale Kampf der polnisclien Juden ist eine Phase im Kampf der jüdischen Nation tun ihre Anerkennung und Gleich- Stellung unter den Vöikeru. Daher ist die national1 1 kulturelle Selbständigkeit der polnischen Juden eine vitale Forderung des ganzen jüdischen Volkes. M. M. Der Fall Sclunoller Alle paar Monate, mitunter (lanerts etwas länger, erlebt die deutsche Judenlieit von neuem den ״Fall“, da fl wieder einmal ein großer (Kutscher Geist sich mehr oder minder offenherzig antisemitisch äußert oder betätigt. Handelt cs sich um Leute wie Herrn Gustav v. Sch 111 oll er, den der neuest e Fall betrifft, und den die Judenlieit und die ihr nahestehenden Parteien bislang stets mit der Ehrfurcht zu behandeln pflegten, die sie nun einmal ״großen Gelehrten“ traditionell darbringt, so ist der Fall natürlich überaus 1peinlich und wird mit Vorliebe von dem jüdischen auf 11,!s allgemein-politische Gkis gescholten. Womit man wenigstens die äußerliehe Unbefangenheit wiedcrgcwiunt. 1111 Falle Sclunoller 1var_ diese Erleichterung der Peinlichkeit um so eher möglich, als der Streit, der zur Enthüllung der antiscmitischcM Regungen des Herrn v. •Schmoller gefühlt hat, in seinem Wesen aut inncrpolitischcm Gebiete liegt und im Grunde mit Juden und Judentum nichts zu tun hat - oder vielmehr, um ganz korrekt zu sein, erst in einem letzten Zusammenhänge damit zu tun hat, bis zu dem die Tageserörterung gar nicht Vordringen kann und nicht vorzudringen brauch!, wenn sie eben nicht mit den billigen antisemilisehen Redensarten arbeiten will. Für uns ist natürlich mit dieser Verschiebung der Diskussion nichts getan, wenn wir auch objektiv anerken-- neu müssen, daß sie eben in diesem Falle sachlich nicht unberechtigt war, da sie dortlii# zurückfiilirtc, wohin die ganze Erörterung gehörte und von wo sie ja nur durch die antisemitischen Exkurse Sclunollcrs entgleist war. Uns interessieren hier natürlich mir die seltsamen Öffcnbartingcn über Juden und Judentum, die ein Gelehrter von dein Weltruf Sclunollcrs an der Schwelle des Grcisenalfcrs von sich zu geben für richtig fand. Für diese anscheinend merkwürdige Tatsache muß die Erklärung gesucht werden und sie liegt i'ikr jeden, der Selimollers Wirken kennt, nahe genug. Die Auslassungen selbst sind keineswegs derart neu oder beweiskräftig, daß wir hier eine besondere Veranlassung hätten, uns mehr als registrierend damit zu beschäftigen. Was liegt vor? 1111 vierten Heft des 40. Jahrganges von Schmollers ״Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwalhing und Volkswirtschaft im deutschen Reich“ bespricht der Herausgeber in einem Artikel ״Obrigkeitsstaat und Volksstaat, ein mißverständlicher Ocgcnsatz“ zwei Büeher, eins von dem Berliner Staatsrechtsichrer und 90• zialfortschrittlichen Kommunalpolitiker Hugo Preuß ״Das deutsche Volk und die deutsche Politik“, und