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Jüdische Rundschau · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I f ) <J י! sA ü' 77 \\ .״aSS- רז* \ ) ״x :.Ä Reduktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, bädisisrito .Straße 8. Krscheint wBchcntl. am!■*rcitnjf. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern vierteljiihrJ. Mk. 2,25 in Deutschland, in Oesterreich-Ungar» Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,— Nummer 4 Berlin, den 26. Januar 1917 Telephon; Amt Uhlaiid 845, 8 16. l’ostscilickkniito: Berlin Nr. 17392. Kür Oesterreich» K. K. Postsparkassenamt Scheckkonto N'r. 156030. Anzeigen die scchsgespaltcne Petit-?.eile oder deren Raum 40 Pf. Teticrungszuschlag 15״/״. Redaktionsschhiß Dienstag nachm. 3. Sch’bat 5677 XXII Jahrgang Drei Ta£ung:en Diu letzte 11 Wucltun brachtun uns drei zionistisehe Tagungen, von denen jede eine Art Markstein in der Entwicklung der zionistischen Arbeit ihrer Einherufer darstellt und die - trotz der Verschiedenheit der allgemeinen und jüdischen Voraussetzungen, unter denen jede der drei zionistisehen Organisationen ihre Tätigkeit wahrend des Krieges entfaltete, und trotz der zum Teil huträchtlichcn Divergenz der Meinungen, die in den Konferenzdebatten zum Ausdruck kam, — in ihrer Gesamtwirkung die starke Kundgebung einer eindeutigen, unteilbaren, in sich gefestigten jüdischen Willensriclitung bedeuten. Jede der tagenden zionistischen Organisationen behandelte in erster Linie die Probleme, die sie für sich herangereift und zu deren Lösung I sie sich tief verpflichtet fühlte. Jede fällte die 1 Beschlüsse, die ihr aus ihrer besonderen Lage und Entwicklung heraus als lebensfähig und lebensnotwendig erschienen und für deren tatsächliche Dttrchfültrutig sie die Verantwortung zu tragen .sich stark genug fühlte, lind trotz dieser individuellen Behandlung der jeweils und jcorts spruchreif ge• wordenen Fragen war jede der Tagungen von dem großen Einheitsstreben getragen, das die Zionistisehe Organisation und ihre Glieder seit jeher auszeichnet. im Mittelpunkt der Jahresversammlung des N i c d e r 1 ii n d i s 0 h e n Z i o n i s t e n b u »des stand eng mit allgemeinen theoretischen Erör• terungen über die Berechtigung zionistischer Golusarbeit verknüpft - das jüdische Erziehungsproblem im Golus, oder konkreter: die Frage der jüdischen Schule im Golus. Die jüdische Schulfrugc hat durch die kürzlich erfolgte Abänderung der nicderläudi• sclien Verfassung, durch die die Einrichtung beliebiger privater, religiöser bezsv, Sekten-Sclmlen er• möglicht wird, für die niederländischen Zionisten eine grolle Bedeutung erlangt. Die um die Frage geführten Debatten zeigten, dal) im Gegensatz zu früheren Jahren die Mitglieder des Niederländischen Zionistenbundes sich allmählich der Ucbcrzcugimg zuwenilen, daß Goiusarbcit dem Zionismus nicht widerspreche, sondern im Gegenteil eine der Voraussetzungen einer großen extensiven tuid inten• •sivcu Palästinabewegimg sei. ״Unser Zionismus ist ein Widerstand gegen den Golus und somit ist auch aller Widerstand gegen den Golus zionistische Arbeit“ so hat ein Redner auf der Haager Jahresversammlung das Problem formuliert. Weiter ging ein anderer, indem er seiner Uehcrzeugung Ausdruck gab, daß die Konsequenz einer absoluten Verneinung der Goiusarbcit eine Verneinung ries Zionismus bedeute. In einem ganz anderen Stadium der Entwichhing finden wir die gleiche Frage der jüdischen Erziehung auf dem De 1 e gie r t e n t a g der dcufsc h e n Z i o n i s t c 11, auf dem sie bekannt• lieh auch im Mittelpunkt der Erörterungen stand. War sie im Haag der Gegenstand prinzipieller Auseinandersetzungen und Bedenken, so bedurft«׳ sie in Berlin kaum einer theoretisehen Begründung ihrer Berechtigung an sich. Hier ging die Frage nur um den Intensitätsgrad ihrer ״Der Zionismus erstrebt für da* Jüdische Volk die Schaffung einer öffenlllch-rechfllch gesicherten Heimstätte in Palästina." Baieier Programm. Betonung und ihre Verknüpfung mit dem Paliistinismus zu einem organischen Ganzen. Während im Haag die Debatten um die Kulturfrage noch zu keinen praktischen Beschlüssen führten, ent- •schied sieh der Berliner Delegiertentag für die solortigc Durchführung wichtiger Arbeiten auf kulturpolitischem Gebiete. In Holland stieß ■die Forderung der Er/.ieluingsfrage im Golus auf den Widerstand derer, die darin eine Veruaclilässi- .giing der i'ciii/.hnistischcti Arbeiten sehen, in Beilin dagegen fand sie den Widerspruch einiger, die angesichts der besonderen Zeitumsliinde eine Vernachlässigung anderer wichtiger Golusurbeitcn befürchten zu müssen glauben. Eine unter völlig anderen Verhältnissen tagende Jahresversammlung der Warschauer Zionisten, die ebenfalls in diesen Tagen stattfand, zeigte ein ganz qnderes Bild zionistischen Lebens und Kampfes, ln Polen haben die politischen Vorgänge der letzten Monate dem jüdischen Leben ganz, neue, bisher nicht bcschrittcne und nicht be- ׳.H’hrcitbare Wege des &elbst8clu1i*zes und der Verteidigung der jüdischen nationalen Interessen gewiesen, in den Mittelpunkt dieses Kampfes haben sich die polnischen Zionisten gestellt, die sich der Verantwortung in dieser für die zukünftige Regelung der polnischen Verhältnisse so wichtigen Stunde den jüdischen Massen gegenüber vollbewullt sind. So stand denn auch die Warschauer Zionistentagung unter dem Banne der politischen Ereignisse im Laude, Trotzdem fehlte unter den Resolutionen, die gefallt wurden, nicht die Forderung nach Er- Weiterung und Befestigung der rcinz.kmi.stischen Tätigkeit, nicht der Beschluß einer gesteigerten Tätigkeit zur Förderung der hebräischen Sprache und nationalen Kultur, Marksteine in der Entwicklung der zionistischen Arbeit der jeweiligen Landesgruppe stellen die drei Tagungen der Zionisten dar. Es ist ein schöner Zufall, daß gerade in diesen Tagen Max Brod in Hurdcns ״Zukunft“ (vom 20. Januar er.) unter dem Titel ״Die dritte Phase des Zionismus“ eine größere Abhandlung veröffentlicht hat, in der er naclizuweiscii versuchte, daß auf die erste Epoche des nurpolitischen Herzischen Zionismus eine Periodo folgte, in der dieser ״politische“ Zionismus durch die Wirksamkeit der Lehre Achad Haams nach׳ der kulturellen Seite hin vorteilhaft ergänzt worden sei und daß nunmehr der Zionismus in eine neue Phase seiner Entwicklung trete, die durch die energische Aufnahme zionistischer Goiusarbcit deutlich׳ gekennzeichnet sei, Die drei Tagungen der Zionisten geben diesen theoretischen Ausfüllrungen Max Brods eine überzeugende Bestätigung innerhalb der Entwicklung der zionistischen Landsmanuschaften. In Holland hat die Förderung zioiiistisclier Goiusarbcit zum ersten Mal auf dieser Jahresversammlung einen mächtigen Impuls erhalten, ln Deutschland beginnt, durch den Delegicrtentag sanktioniert, eine systematische und reale jüdische Kulturai beit. Die polnischen Zionisten haben mit der Warschauer Tagung den Weg einer neuen realen Landespolitik beschritten. Der Führer der Warschauer Zionisten hat es auf der Versammlung erklärt, daß nach dem Scheitern der Vcrstiimligungsversuche mit den Polen eine neue Taktik der zionistiselieri Landesarbeit in Polen anhebe. Diese Erklänuig war der Höhepunkt der Warschauer Jahres- Versammlung.. Sic kündet einen neuen Abschnitt in der jüdisch-nationalen Laiulespolitik der Zionisten Polens. So ist jede der drei Konferenzen aus den Bediüinisscti der jeweiligen Verhältnisse und Lntwieklungen hervorgegangen und hat jede innerhalb dieser Verhältnisse und Entwicklungen ihre besondere einsebneidende Bedeutung. Aber neben dieser individuellen Wichtigkeit, die jeder der Tagu 11 ge 11 lokal zukommt, haben sie noch eine ganz andere, nicht auf die Grenzen des Landes, in dem sie stattfaudeu, beschränkte׳ Bedeutung. Aus ihnen spricht die allen zionistischen Tagungen gemeinsame Sprache der jüdischen Sclbstwüidc und der jüdischen Eigenkraft, die zu dien Zeiten und überall die Wahrzeichen zionistischer Arbeit waren. Mari in all die Berichte dieser Tagungen Zeile für Zeile durchgehen und beobachten, welch hohes Pathos der jüdischen Selbstachtung und des Vertrauens auf die eigene Kraft in den Worten der Hauptrcdiier der Konferenzen mitsehwingt, um zu verstellen, daß mir die läuternde Kraft des Zionismus es vermocht hat, Menschen, die unter den verschiedcnstcn Umgebungen und Zeitverhältnissen leben, einen so gleichartigen Rythmus des Erlebens und Arbeitsgeistes einzuhauchen. Es ist kein Zufall, daß die Zionistische ürganisation die einzige allweltlicbe ist, an deren einheitlichen Aufbau durch die Zeitverbältnisse in keiner Weise getastet wurde, Sic darf sich rühmen, alle ihre Teile in der ganzen Welt sich in e.ncr Zeit treu erhalten zu haben, in der alle anderen allvvdtliclien Organisationen in die Brüche gegangen sind. Das ist ein charakteristischer Beweis für das Außerordentliche der zionistischen Menschen verkniipfurig, - M. M. Dritte Phase? Die ,,Zukunft“ vom 20. November bringt einen großen Aufsatz von Dr. Max Brod ״Die dritte Phase lies Zionismus“. Brod geht von einer schönen Zusammenfassung des Zionismus aas: ״Zionis- Jnus ist die aktive Einstellung des jüdischen Volkes als eines sein Schicksal selbst bestimmenden Faktors in die Weltgeschichte.“ Es ist eine Formel, die sowohl den diplomatisch-politischen Zug der Hcrzlschen Pliasc, als die /.weite aufbauende, die Grundlage aller Politik aus eigener Kraft schaffende Phase der zionistischen Eutwicklung (seit I lerzl) umschließe. Alur auch die dritte Phase, in die Browl unseren heutigen Zionismus liineinsteuern sieht, glaubt er mit dieser allgemeinen Definition charakteristisch fassen zu können. Die erste Phase des Zionismus rechnet Brod vom Auftreten Theodor Mer/Is bis 1003. Es sei der politische Zionismus, charakterisiert durch den Aufruf zur Selbstbesinnung, durch organisatorische und diploniatische Arbeit. Die zweite Epoche (UKI8 bis in die jüngste Zeit) lasse neben politischen Bemühungen die ״Gegenwartsarbeit“, praktische Kleinko'.onisation in Palästina treten. Die dritte Phase, die in unseren Tagen beginnt, stelle neben die älteren Ideale die Forderung rascher sozialer und kultureller Vo'.ksarbeit im Galuth. Ganz bezeichnender Weise• findet Brod, daß das Programm dieser dritten Phase von Martin Bubcr durch einige jetzt in seinem Buch ״Die• jüdische Bewcgimg“ aufgenommene Essays aus den Jahren 1001 und 1002 kiimi und klar vorausgenommen worden sei. Und gerade auf diese Aufsätze, die Brod in seinem schon vor Monaten geschriebenen Aufsätze hervorhebt, wies Martin Bubcr selbst hin, als er vor kurzem auf dem Berliner Delegicrtentag der Zionistischen Vereintguug für Deutschland im engsten Verein mit den Referenten Kurt Blum enf cid und S. Schocken — und damit auch der diese Referate vollauf billigenden Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland — ,energisch den Versuchen entgegentrat, die von einigen Seiten gemacht wurden, um, von Blumenfelils Ausfüh* rungen veranlaßt, eine mangelnde Kontinuität der zionistisclien Anschauungen oder vielleicht auch eine glückliehe Entwicklung, die aber die Richtigkeit der bisher vertretenen zionistischen Gesamt-Auffassung in Frage stelle, konstatieren zu wollen, Buiier stellte fest, daß das, was Blumetifeid mul seine Richtung mit aller Schärfe fordern, nichts anderes als der Ausdruck des Woilens sei, das die ganze kulturpolitische Arbeitsperiode des Zionismus charakterisiert und dem er selbst in jenen 19Ü1 und 1002 geschriebenen Aufsätzen diente. Es ist nicht gleichgültig, dies festzustellen. Wenn mau dies nicht vergißt, kann man nicht dem Irrtum oberlläehlichcr Anschauung verfallen, welche von der ganzen heißen Arbeit jener nichts weiß, die schon zu Hcr/ls Zeit und zum Teil im Kampf mit ihm die Forderung real schaffender Gegemvarfsarbeit erhoben, ln den Referaten und Reden lies IV. und V. Kongresses kam dies Drängen zum Ausdruck, noch mehr aber in der ganzen Arbeit, die in dem Zionismus mehr sehen wollte, als was die rein politisch-diplomatische Tätigkeit ergeben konnte. Wenn man sich dieser Kontinuität bewußt bleibt, dann wird mau nicht in Versuchung kommen, erst vom Auftreten des Prager Bar Kocliba — dessen Verdienst deswegen nicht geschmälert werden muß - die neue Epoche der Auffassung der Gegenwartsarbeit und Gahith-Arbeit zu datieren. Sondern man wird nicht aus dem Auge verlieren, daß das, was das neue Ideal rascher sozialer und kultureller Volksarbeit im Galuth sein soll, mit in das Arbcitsprograinm jener Auffassung gehört, auf deren Boden sich die heute führende Leitung der Zionistischen Organisation von vornherein gestellt hat und aul der sie auch beule stellt. Es ist das nationale Programm der intensivsten realen Arbeit, die auf die Schaffung des palästiitensi eiten Lebenszentrums und auf die Schwächung der zerstörenden Galutlimädite gerichtet ist mul so die nrnciicmiig des gesamten jüdischen Volkstums zum Ziel hat. Max Brod hat seine Darstellung der zionistischen Entwicklungspliascn an die Besprechung der im Jüdischen Verlag erschienenen A c 11 a 11 11 a a m - Bände und Hubers ,,Jüdischer Bewegung“ angeknüpft und ihre Gedankengänge mit Hcr/ls leilenden Anschauungen gemessen. Und zwischen Hcr/ls Wollen und Achad Haams Kritik setzt Brotl die Frage: ״Verliert der Zionismus nicht allen Grund und Hoden, wenn er auf die in absehbarer Zeit erreichbare ökomimische Erlösung der jüdischen Masse verzichtet und nicht mehr .schaffen kann, als das viel berufene ״geistige nationale Zentrum in Palästina? Hier ist der springende Funkt“. Wer diese Worte liest, wird wohl gespannt atufmerken, um zu vernehmen, wie sich Brod die in absehbarer Zeit erreichbare ökonomische Erlösung der jüdischen Massen vorstillt, bezw.. ob er sic wirklich zur Voraussetzung für die Berechtigung des Zionismus macht. Brod kennt ja alle Argumente, die die Assiinilantcn und die jüdiscluiationalen Autonomisten in Rußland, die Alljuden, die Bundisten usw, gegen den Zionismus ins Treffen führen, der gegen die inallUxe \

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