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Jüdische Rundschau · 1917-01-19 · Heft 3 (19.1.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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310 /׳, זיי / \ c / *ד' i V' ס ״j er \i r ן \ ך— »״ .1J| y**־ ■■■"■■""«lg <.״ י׳ V Redaktion und Verlast Jüdische Rundschnu, Berlin W. 15, Süchsiidro Si.K-.0a 8. Erfo scheint wödientl. am Freitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Por.tämtcra R Vierteljahr!. Mk. 2,25 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,— ff A |jTekphon: Amt Uhland 845, 8‘16, Postscheckkonto: Berlin Kr. 17392, Für Oesterreich: I K. K. Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeige» die *echsyespaltene Petit- |j Zeile oder deren Raum 40 Pf. Teuerun jjszuschlag■ 15%. Redakt ionischluß Dienstag nachm. Nummer 3 | Berlin, den 19. Januar 1917 jj 1 25. Tebeth 5677 | XXII. Jahrgang I. ( L I i i י r , I ׳' }. Ein Urteil Vor ungefähr einem Jahr erschien ein Buch ״Die Türkei, Bilder und Skizzen von Land und Volk“’*') von Franz Carl End res. Endres, ein bayrischer Generalstabsolfizier, war mehrere Jahre als Gcncralstahsoffizier in der Türkei gewesen und faßte nun in einem außerordentlich lebendig ge• schricbenen Buche seine Eindrücke und Er• fahrungen zusammen, denen er auch einen gründlichen historischen Untergrund zu geben versuchte. Das Buch׳ zeichnet sich unter anderem durch die großzügige und vorurteilslose Auffassung türkischer Verhältnisse aus, die sieh von dem in numdieii Kreisen zur Gewohnheit gewordenen kri• tildowii Optimismus Icrnh'ilt, aber andereiaelu durch Ulf Olu'i'll'iclte mancher betriibsamer Ersehe!• nungen hindurch /um bleibenden, besam׳ Eutwick• lungsinoglidikeiteii verheißenden Kern ducclidriiigt. 1 In diesem Buche steht auch ein Kapitel über die Juden, Es enthält manches Unrichtige und Unzu• längliche, insbesondere soweit der Versuch gemacht ist, die geistigen Kräfte im Judentum auf Formeln zu bringen. Hier zeigt sich natürlich die Wirkung davon, daß bis in die letzte Zeit der größte 'Feil der Informationen über jüdische Dinge aus der alten Rüstkammer der assimilatorischen Ideologie und der von ihr beeinflußten nichtjüdischen Literatur bezogen wurde. Aber diese M;ingel inuliten vollkommen in den Hintergrund treten gegenüber der klugen und gerechten Einschätzung, die Carl Franz Endres der Bedeutung des jüdischen Elements für die Türkei und insbesondere den zionistisclien Bestrebungen entgegenbringt. Endres fand in seinem Buch Worte warmer Anerkennung für die kulturellen und kolonisatorischen Leistungen der jüdischen Siedler in Palästina? Im Anschluß an einen Aufsatz von Viktor Weißmann, der 1915 in der Zeitschrift ״Ost und West“ erschienen ist, besprach Endres auch die Stellung der Juden in Palästina während des Krieges und das Verhalten der türkischen Regierung. Er knüpfte daran die Folgerung, daß die Frage, wie die wachsende Kuitur des palästinensischen Judentums und das damit Hand' in Hand gellende Wachsen des Wohlstandes breiterer Massen für das osmanisehc Heidt zu ver-' werten sind, nicht schwierig sei. Das ergebe sicli ganz von selbst. Lediglicli die Auswalvl der Be• amten für Palästina müsse mit großer Sorgfalt vor sielt gellen, damit die guten Absichten der Zentralrcgicrung bis an den Ort, wo sie in Wirkung umgesetzt werden sollen, durchdringen können. Seit Franz Endres dies sein Buch veröffentlicht hat, ist eine Reibe von Monaten vergangen, in denen die Orientfragen und ihre voraussichtliche Entwickelung in der weiteren Zukunft an Interesse . sicherlich nicht eingebüßt haben. Endres hat sicli inzwischen, wie es scheint, besonders bemüht, die mit def zionistischen Arbeit und ihrer Bedeutung für den Orient zusammenhängenden Probleme aufs Gründlichste zu studieren. Soeben erscheint in der Januarnummer der ״Europäischen Staats• und W i rtsch a fts zeitu n g“ aus seiner Fe- ■der ein Aufsatz ״Die Ziele des Zionismus und die Türkei“, der sicherlich in weitesten Kreisen Aufmerksamkeit wecken wird. Endres leitet ■seinen Aufsatz folgendermaßen ein: ״Der Zionismus ist, wie das in der Regel so der Fall ist, von denjenigen am meisten verlacht und verhöhnt worden, die von seinen Motiven und Zielen am wenigsten wußten. Wer kennt von all ‘ den wütenden Antisemiten die Geschichte des jü• dischen Volkes? Derjenige aber, der sich mich׳ mir etwas in ihr umgesehen und der die Entwicklung des zio• nistisclien Gedankens nur etwa von Hcrzl bis Martin Buber kritisch verfolgt hat, wird die große Be• .rcclitigung der Idee gar nicht mehr leugnen können, und wer dann noch Gelegenheit hatte, die Fülle ernster und schönster Kulturarbeit zu sehen, die heute schon in Palästina von den Zionisten ge• leistet ist, der muß, wenn ״er nicht alle Fälligkeit sachlich zu denken verloren hat, der Entwickelung der zionistischen Idee Gedeihen und Erfolg wün• sehen.“ *) Franz Carl Endres ״Die Türkei“. C. H. Bccksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck-München 1916. ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk «Ile Schaffung einer C.'.'cr.illch-rechtllch gesicherten Heimstätte ln Palästina.״ Baseler Programm. Und dann stellt Major Carl Franz Endres dar, daß die Entwickelung zionistischer Pläne auch für das deutsche Wirtschaftsleben eine recht erhebliche Bedeutung hat, eine Bedeutung, die jedenfalls er• lieblicher sei, als die iiberscliäumenden Phantasien, die den näheren Orient schon als einen vollgültigen Ersatz verlorener Weltmärkte feiern und an denen sich das deutsche Volk wieder einmal berauscht, bis der Gegensatz, von Wunsch und Wirklichkeit zu einer der in den letzten zwanzig Jahren seiner Geschichte «1 beliebten Enttäuschungen wird. Diese Warle eines Manne», der »Dirken Wirk* ilelikeiisslnn besitzt, »rillten allen zu denken ge* hen, denen der Zionismus schon vom Standpunkte des jüdischen Volkes aus eine unscheinbare kleine Sache erscheint, über die man, wo es sicli um große Ziele handelt, notwendigerweise zur Tagesordnung übergehen müsse. Sie werden aus einer solchen Einschätzung ersehen, daß es durchaus am Platz ist, selbst vom allgemeinen weltpolitischen Ge• sichtspunkte aus die Entwiekciungskrait der zionistisehen Idee recht hoch einzuschätzen. Endres, der Offizier ist und den Orient gut kennt, dürfte daran denken, daß oft Ströme Blutes vergossen und un* endliche Kulturwerte vernichtet werden, um imaginäre Ziele zu erreichen, während in der zionistisehen Arbeit die Wirkung schaffender und fried• lieber Arbeit zu Tage tritt, die dem jüdischen Volk zur Erneuerung verhelfen, aber auch der allgemeinen Kultur und Wirtschaft Wertvolles zu schenken ver* mag. Man kann nicht ohne Freude gerade aus dem Munde eines politiscli geschulten Offiziers sol• che Anschauungen vernehmen. Endres wirft einen Rückblick auf die Entwickclung des Zionismus. Er sieht, daß die Ideen Herzh: heute auf den Boden des praktisch Ausführbaren gestellt •sind. Aber er ermißt auch die Größe der Tat Herzls, dessen Bedeutung um nichts geringer geworden sei, ״Wer einen Schritt Neuland gewinneu kann, muß den Himmel stürmen wollen“, lin übrigen erklärt Endres, daß das Baseler Programm durchaus in den Grenzen des Erreichbaren bleibe. Die türkische Regierung sei, sowohl aus der Tradition der Toleranz, heraus, als auch praktischen, wirfschaftlichcn Motiven folgend, bisher bereit gewesen, dem Judentum eine große Freiheit kultureller Ent• Wickelung auf völkischer Basis in Palästina /,tizugestellen. ״Wenn der augenblicklich mächtig auf• flackernde Puntürkismus - der auch für Entwickc• lung unserer deutschen Fragen noch seine Rolle spielen wird die Geister nicht allzu sehr verwirrt, stellt zu hoffen, daß die Entwickelung der jüdischen Kultur in Palästina nach dem Kriege in ruiiigen und relativ ־ungestörten Bahnen sicli wird vollziehen können.“ Endres weist, wie zu betonen ist, mit allem Recht darauf hin, daß es nicht mir für den Zionismus darauf ankommt, welche Allgefmeinstimmung sich in der Türkei gegenüber den Versuchen herausbilde» wird, die aufbauende Arbeit im osmanischen Reiche zu unterstützen und zu beschleii• nlgcn. Es gibt gerade in Deutschland manche Kreisc, die von den Schwierigkeiten wenig Ahnung haben und glauben, sic wären durch volltönende Leitartikel und schön abgerundete Resolutionen zu lösen. Die Aufschließungsarbeit im Orient bedarf der volle״ Einsicht in ganz verwinkelte Fragen und einer Ausdauer und Geduld, die sicli gerade in aufgeregter Zeit nicht beirren läßt. Leute, die die Zukunft einer Bewegung von der Konstellation des Tages 011er gar von dem Einfall der Stunde abliiingig machen möchten, können imtmer nur Schaden stilten. Dali eine ruhige Betrachtung aller im Zionisinus ruhenden Kräfte auch alle die Faktoren, auf die es ankommt, doch zu der Einsicht führen wird, was der Zionismus bedeutet, das darf man. gerade dann mit Sicherheit erhoffen, wenn man sieht, zu welchem Schlüsse Endres gekommen ist, nachdem! er sich gründlich in das Problem vertieft iiat. Er spricht unter anderem davon, daß es sehr töricht wäre, wenn die türkische Regierung der Einwanderung von Juden Erschwerungen auferlegen würde. ״Denn der Vorteil, den die Türkei durch ein bevölkertes, aufstrebendes und allmählich« reichwerdendos Palästina־ gewinnen kann, ist ganz enorm.“ Es gibt in der Türkei schon politische Kreise genag, die sich dieser Einsicht nicht verschließen. Wenn die Zeiten ruhiger werden, wird man sicher• lieh Gelegenheit haben, derartige liir die Türkei außerordentlich wichtige Fragen in einem Sinne zu erledigen, der der Anschauung von Franz Carl En• dres entspricht. Man wird dann auch verstehen, daß es sicli nur darum liamlcln kann, die ganze im Zionismus ruhende Kralt nutzbar zu machen, die natürlich niemals anders zur Auswirkung kommen kann, als wenn die aulbauende jüdische Arbeit in Palästina einset/en kann. Die Leute, die mit sich handeln lassen und gern bereit sind, den ganzen Orient glücklich zu machen als wenn sie übe! die Kraft und das Sehnen großer Massen mir zu gebieten hätten gehören auch zu den Plianfasten, die au» »einer deutschen Erfahrung Endres kennt. Im zweiten Teil seines Aufsatzes stellt Endres fest: ״Das Maßgebende in der Beurteilung der zionistischen Idee ist die Tatsache, daß diese idee keinen Traum darstcllt, sondern'in einem, im Verhältnis zur Schwierigkeit des Problems schon recht beträchtlichen Lintang zur Wirklichkeit geworden ist.“ Es bleibt immer wichtig, diese Tat• Sache festzustellen, denn darin liegt das stärkste Moment für die politische Beurteilung der zionisti• sehen Arbeit und des zionistischen Woliens. 111 Palästina sind jüdische Werte geschaffen, die für die Abschätzung der weiteren Entwickelungsmög• lichkeiten sichere Gruntlaige bieten. Wir müssen nicht erst theoretisch beweisen, daß wir praktisch zu schaffen vermögen. Die Wirklichkeit spricht für uns. Endres erzählt von den blühenden landwirt• schaftlichcn Kolonien, er rühmt den geradezu erstaunlichcn Gemcinsinn der Juden in Palästina, den er aus eigener Anschauung kennt. ״Wer mir die . Juden in den armseligen Judcnvicrtcl. Jerusalems gesellen hat, kann jüdische Verhältnisse in Palästina nicht beurteilen. Da leben in der Stadt noch die Clialukaempfäiiger, eigentlich von Europa aus subventionierte Bettler, in einem alle Begriffe übersteigenden Schmutz. Aber die städtischen Ansiedelungen, Einrichtungen, Schulen, Bibliotheken, Kouzcrtsiilc, Kindergärten, Kranken• hüuser usw. der Zionisten Jerusalems und in den Küstenstädten geben das wahre Bild. Da ist Reinlichkcit, Ordnung, Fürsorge, Kultur in s-0 hohem Maße vorhanden, daß die türkische Regierung in diesen zionsitischcn Leistungen ein gutes Vorbild hat für ihre eigenen Kulturbestreblingen.“ Endres faßt zusammen: ״Es ist also mit einem Worte lächerlich, über die Bedeutung des vom Zionismus schon Erreichten hinvvcgschcn zu wollen.“ Von dieser Voraussetzung ausgehend, betrachtet er, wie es natürlich ist, vom Standpunkt des deutschen Politikers aus, die durch den Zionismus geschaltenen Entwickeiungsmöglichkeitcn, wobei er als selbstverständlich varaussetzf, daß die Verbindung Deutschlands mit der Türkei bestehen bleibt. ״Die Entwickelung Palästinas als jüdische Kolonie kann unserem deutschen Wirtschaftsleben von Bedeutung werden. Die laiuhvirlsciialtlielic Produktion, beute schon in den Ziouisteukoloniei! qualitativ weit höher stellend als alle Produkte türkischer Landwirlschait, kann sich bei steigender Einwanderung und nicht allzu störendem Verhalten der türkischen Regierung auch quantitativ so liehen, daß ein geregelter Han• dclsvcrkehr •sicli lohnen wird. Das Deutsche Reich arbeitet daher in seinem eigenen Interesse, wenn cs sicli endlich mehr für die Verwirklichung zio• nistisclicr Kulturpläne interessiert, als es bis heute der Fall ist.“ Es muH wohl nicht gesagt wciUen, daß neben Endres auch andere Männer, die die ürientprobleme studieren, notwendigerweise zu der Einsicht kommen, welche weiteren Perspektiven an eine durch den Zionismus geschaffene Hebung des Landes geknüpft werden können. Diese Perspgktiven ergeben sich natürlich in allererster Reihe für die Türkei selbst und die mit ihr in gewisser j Interessengemeinschaft lebenden Staaten. ■ Von diesem Standpunkte aus ist es übrigens j nicht unwesentlich, daß Endres ganz energisch jeden! Gedanken der Ansiedelung de utsche r Bauern in| •Palästina oder Anatolien zurückweist. Deutsche! Bauern als türkische Staatsangehörige seien nur inj der Phantasie eines Ideologen möglich, in PraxiJ 1

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