Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tcbcth 5678 XXII. Jahrgang Der Zionismus •ratrobt f(lr da« jätdlaeii• Volk ctlo Sc!»arf1uj2 claesr Sf.'eulBch-rescbtUcl» c«1Blclserton IleleastStt* ixi PsclSstints. ״Baaalor Procr*Mm' 0 Aff ö C* .3 , 1’יי " Doui- :mb•; tu S, peil; ä'anz 74. rsser, ׳,20 1) . .10;11 /. T.: - 00. 6. ■ 20. 13 10. 20 n .11»׳ *20. 26. ׳ 130. 10. ׳; 5. - 20. I r> t b». ( i io. - סו!15 -; Alk. % A. ׳,05 15c - Die Eröffnungsrede Dr. Hanttes »m. w Resolutionen ח 1 Am 23. und 24. Dezember 1917 fand in Berlin eine Plenarsitzung des deutschen Z i o 11 i - •«tischen Z e n t r a I k o m i t e c s statt. An der Sitzung, die sehr stark besucht war, nahmen ungefähr 70 stin1m11erc1hli;;te Personen teil. Vertreten waren unter anderen fol;׳;emle Ortsgruppen: Berlin, Bentlien, Breslau, Ciliemnit/, C ö 111, Danzig, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Erfurt, Frankfurt a. M., Ci 0 11 u b, Malle, 11 a m b n r g , K a 11 o w i t /, l< ö 11 i g s b e r g, L e i p z i g, L ii b e c k , München, Posen, Stettin, Tarnowitz, tmd Zwickau. Der Vor-it/cmle der Zioni.,tischen Vcrcinigmig fiir Dciilselilaiid, Dr. Arthur Mantkc, eröffnete die Sitzung mit der folgenden A 11 s p r a c 11 c: Dr. ISanlkes Rede In seliicksalsrcicher Zeit haben wir Sic zusammengcnifai, 11111 pan einsam über die Lage des-Zionismtts in I )Lt1tschl.mil zu beraten und unsere 11:11• hing gegenüber der Gesamtorgauisatioii und auch gegenüber dem deutschen Judentum fcstzuslellen. Palästina, drei Kriegsjalire hindurch von den Wirklingen des Krieges unmittelbar nicht betroffen, ist zum Kiiogsgebict geworden. Jerusalem, für die ganze Welt das Symbol des historischen Paliistina, hat den Besitzer gewechselt. Beide Machte« gruppen erheben Anspruch auf den zukünftigen Besitz des Landes. In diesem historischen Moment, in dein seit Jahrhunderten wieder einmal die uralte Heimat des jüdischen Volkes Gegenstand Völkerivchtlichc'i Traktate we.Jen 30'.!, ist es das gute Hecht und die heilige Pflicht der Zionistischen Organisatinn als der Vertreterin der nationalen und palästinensischen Tendenzen im Judentum, frei vor aller Welt die unauflösliche Verbundenheit des jiidischon Volkes mit Palästina, den tmverjiihrbarcn Ansprncli unseres Stammes auf freie und ungehinderte kulturelle und wirtschaftliche Betätigung in derlleimal der Almen und unseren unauslöschlichen Willen zu betonen, in Palästina von neuem einen Mitteipunkt jüdischen Lehens zu schaffen. Was wir Wollen, ist die Verwirklichung eines Gebotes der 1 Imuanitiit und der Gerechtigkeit. Kühe־ los irrt das jüdische Volk seit Jahrhunderten über die Erde. Stets lebte cs in Gedanken an seine Heimat, an das Land, in dem es seine Großtaten getan, seinen Namen sich geschaffen hat. Nie vcrgali cs die Verheißungen, die ihm die glorreiche Rückkehr in Aussicht stellten. Wohl haben die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts dal Juden allmählich die Teilnahme an der europäischen Gel-־־ steswelt ermöglicht und das Judentum wird sieh der innigen Verknüpfung mit den Schöpfungen der modernen Kuituniationen stets bewußt bleiben. Aber zugleich ]iahen diese Errungenschaften ihm die Kraft gegeben, unter Ucberwindung oberfläeh- ]jeher Auflösungstendcnzcn die Arbeit für die Erltal• tmig ilcs eigenen Wesens aufzunehmen. Ein bewullior jüdisch-nationaler Wille erwuchs und als sein stärkster organisatorischer Ausdruck die Zioni- Mische Organisation. Vom ersten Tage ihres Be- Stehens ab sah die zionistische Bewegung ihre Aufgäbe in der Wiederbelebung eines palästinensischen Judentums, in der Neuschaffung des alten Zentrums des jüdischen Volkes, um die Ruhelosigkeit ries jüdischen ( leiste!; zu überwinden, um dem jiidi:,dien Volke wieder ein normales Volksdasein zu eruiüg- JiclicU; Der Zionist will so seiner Pflicht gegenüber dem jüdischen Volke genügen. Er ist sich aber bewulit, damit auch der Menschheit zu dienen. Alle Völker haben ein Interesse daran, daß eines der ältesten Glieder der Völkerfamilie, ein Volk hoher Moral und starker Intelligenz, wieder die Möglich- Reit erhält, seine Geistesgaben in freier kultureller Tätigkeit zu entwickeln, seine Kräfte auf eigene nationale Aufgaben zu konzentrieren. Diese Auffassung vom Zionismus haben wir auch j 111 Weltkriege ohne Schwanken aufrechterhalten. Der einzelne Jude dient seinem Vatcrlande jnit allen seinen Kräften, das jüdische ,Volk als solches hat au dem Weltkriege keinen Anteil. Es hat daher das Recht, vor allen Völkern und vor allen Regierungen sein Programm aufzustellen und seine Forderungen zu erheben. Auch der deutsche Zionist begrüßt deshalb mit Befriedigung die Erklänmg der englischen Regierung und konstatiert mit Genugtuung, daß zum erstenmal e ine Großmacht das Recht der Juden auf nationale Ent- Wicklung in Palästina amtlich anerkannt hat. Die Ratgeber der englischen Regierung haben es auch verstanden, ihrer Erklärung eine Form zu geben, die dem neutralen Charakter der jüdischen Volksbewcgung Rechnung trägt. Um so mehr zählen wir darauf, daß mimnchr auch alle übrigen Großmächte die Berechtigung unserer friedlichen Arbeit in Paliistina anerkennen und der jüdischen Einwanderung freien Raum schaffen werden. Als einen bedeutsameu Schritt auf diesem Wege dürfen wir die Erklärung ücsMinistcrs d c s A u s w׳ ä r t i ־ gen der österreichisch-ungarischen Mon a rchic begrüßen, daß die ösferreich-ungarisehe Regierung dem Zionismus sympathisch gegenüberstellt und bereit ist, die zionistischen Bcinüluingen bei der türkis dien Regierung zu unterstützen. Die deutsche R e g׳i e r u 11 g hat während der gesatnteil Kricgsdnucr die jüdische Siedlung in Palästina zu schützen getrachtet. Ihrem Eingreifen verdanken wir es, wenn in ernsten und besorgnisreichen Mo- ׳menten das jüdische Kolonisationswerk in seiner Grundlage imersduitlerl geblieben ist. Wir hoffen fest, daß dieses so tatkräftig bewiesene Wohlwollen uns für die Dauer erhalten bleiben und zu einer der grundsätzlichen Anerkennung und Förderung jüdischen Bestrebungen führen wird. Die palästinensische Judcnhcit hat sofort nach Ausbruch des Weltkrieges unter der Führung zionistischer Elemente durch die Tat ilire Loyalität gegenüber der Landesregierung bewiesen und ihre Entschlossenheit dokumentiert, ihr Schicksal endgültig mit der Zukunft Palästinas zu vcrbinden. Die Entwicklung der jüdischen Siedlung wird Palästina zu einer blühenden Provinz machen, die erfüllt von Loyalität gegenüber der Regierung mul dankbar für gewährte innere Freiheit im Rahmen des Reich-sganzen nur Aufgaben höchster Menschhcitskultur ihre Kräfte widmen wird. Wir rechnen datier mit größter Bestimmtheit darauf, daß auch die türkische Regierung der Bedeutung jüdisch-zionistischer Arbeit für die Entwicklung Palästbin.s sieh nicht verschließen, die augenblicklich bestehenden Hindernisse für die jüdische Einwandcruiig beseitigen und die national-kulturelle Ent- Wicklung des palästinensischen Judentums sicherstellen wird. Wie sich bei den Regierungen ein wadisendes Eingehen auf die zionistischen Lkstrebungen Zeigt, so können wir Much hei den Völkern selbst beobachten, daII die Judenfrage nunmehr als eine nationale aufgefnßt und Palästina als der Schlußpunkt jüdischer Entwicklung begriffen wird. Die Pr esse sämtlicher Länder zeigt das schnelle Anwachsen dieser Erkenntnis. Als etwas bisher ganz Neues möchte ich hervorheben, daß auch unter den sozialistischen Parteien Dank der Auf- Märiuig.saibclt der PonU'-Ziou (Ec Anerkennung der jüdischen Nation durchgeset/.t und Verständnis für das PaHuslinapiogramm des jüdischen Volkes geschaffen werden konnte. Nur eine volle Aufklähing der öffentlichen Meinung, nur die allgemeine Anerkennung des nationalen und palästinensiselieu Charakters der jüdischen Frage durch die Völker selbst kann dem Zionismus die Atmosphäre wahren Gedeihens schaffen. Wir begrüßen daher freudig diese Entwicklung, welche unter dem Einfluü gesteigerter Politisierung der Welt auch das jüdische Problem in das richtige Licht gebracht hat. Der Zionismus war sich stets bewußt, seine Forderungen imNamendes jüdischen Vo|- kes aufstellen zu können. Niemals konnte ein Ken- 11er der jüdischen Volksseele zweifeln, daß das uralte Paläslinaidcal von den Zukunftshoffnungen des gcsamten Judentums getragen wird. Eine formelle Vollmacht konnten war allerdings nicht aufweisen. Der Weltkrieg hat das jüdische Volk aus seiner Dumpfheit gerissen und es seiner Eigenart bewußt gemacht. Die Befreiung des russischen Judentums vom Joch des Zarismus hat der großen jüdischen Masse auch die äußere Möglichkeit gegeben, ihre Meinung öffentlich zu dokumentieren. Und überall hat die Masse in erster Reihe das tief in ihr wurzelnde Bedürfnis gezeigt, ihr Bekenntnis zum jüdischen Volke zu betonen, ihre Liehe zu Palästina, ihre Entschlossenheit, an den historischen Idealen des Judentums fcsi/.uhalten. Die Wahlen zum jüdisch-amerikanischen Kongreß, die unter dem Druck der öffentlichen Meinung erfolgte Einigung aller bürgerlichen und sozialistischen Parteien der russischen Judcnhcit auf ein jüdisch• vitionalcs und palästinensisches Programm, das Palästinareferendum in Polen, das außerordentliche Anwachsen der Zionistischen Organisation in allen diesen Ländern jüdischer Massensiediung, die amerikanischen Mitlionensanunhmgen für Palästina sind ebenso viele Beweise fiir die Stimmung des jüdischen Volkes. Das Vertrauen, das die jüdische Masse in die Zionistische Bewegung als der zielbewußten organisatorischcn Verkörperung ihrer Zukunftshoffmingen setzt, darf uns mit Zuversicht erfüllen. Es leg* uns aber auch ernste und schwere Pflichten auf. Die täglichen Sorgen der Masse, ihr Kampf ums Dasein, ihre Angst vor der geistigen Entfremdung ihrer Kinder müssen unsere Sorge, unser Kampf, unsere Angst werden. Neben der Arbeit für Palästina müssen mehr als bisher die Probleme der jüdischen Diaspora, die brennenden Fragen der jüdischen Eigenart in den Vordergrund treten. Unsere Aufgabe wird es sein, alle diese Fragen im Hinblick auf das palästinensische Ziel, im Geiste eines wirklieh zionistischen Nationalismus zu lösen. Das d e u t soll e Jude 11t um steht hier vor einer gro ßeu Aufgabe. Denn gerade ilun wird die Zukunft mit Recht die Verantwortung aufbiirden, wenn die jüdische Frage in Polen, in Litauen und in Rumänien einer organischen Lösung nicht zugeführt werden wird. Und wir deutschen Zionisten haben die Pflicht, alles zu versuchen, um diese Aufgabe; die dem deutschen Judentum zugefallen ist, zu lösen. Mancher Anfang ist in den letzten zwei Jahren getan. Vieles bleibt noch durchzuführen. Zu den Widerständen von außen gesellt sich die Abneigung so vieler jüdischer Kreise in Deutsdi-!and, das polnisch-jüdische Problem in seinem nationalen Charakter zu begreifen. Wir bedauern auf das lebhafteste, daß die nationalen Wünsche der Juden in Polen gerade von deutsch-jüdischer Seite immer wieder dnrelikrcuzt werden. Deutsche Orthodoxe und Liberale haben hier ein unnatürliches Bündnis geschlossen und führen — ohne cs zu wollen — die Geschäfte kleiner, dem Judentum entfremdeter jüdischer Kreise in Warschau. In dein Augenblick in dem zum erstenmal im polnischen Volke siel! ein leises Verständnis für die Bedürfnisse der Juden zu regen scheint, muß ernstlich vor dem Versuche gewarnt weiden, dem polmseheii Judentum eine ilun wesensfremde Entwicklung aufzuiiötigen. Das jüdische Leben hat in diesen drei Kriegs- Uhren eine schnelle und radikale Entwicklung durchgemacht. Krieg tmd Revolution haben der jüdisehen Masse das Bewußtsein ihrer Eigenart gegeben und ihre Verbundenheit mit Palästina■ gestärkt. Der Kampf um die bürgerliche Gleiclibereehtiginig ist im entscheidenden Punkt beendet, in waten Kreisen ist die Angst, Erfolge in der Gleichbercchtigungsfrage durch offenes Bekenntms zum jüdischen Volke zu gefährden, gcschwunden. Die Entwicklung der Welt zur Demokratie und zur Anerkennung der Nationalitäten, die schweren Blutopfer, die die Juden überall willig gebracht,