Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Mendele Mocher Sforini Kur/, vor Schluß der Reduktion trifft aus Stock- ״Der Zionismus cr.5;'־״c*jt C2r c"5!׳ jCb'.'-.c!1!» Voüf eile Schaffung cEicr CTc:/!4icl1-recE:.«ch f.csldserte» Heinuifiiia ln PaKtc&sa/* De*, ■:ler Programm. holm die telegraphische Nachric’it ein, d;1ti Mendcle Mocher Sforim (Schaloin Jakob Abra•* movvit/.) am 8, Dezember iro Alter von 81 Jahren in Odessa nach längerem schweren Leiden gestorben ist. Mendele Der ״Seide“ ist gestorben. Wir alle, die wir uns /ur Entfaltung des im Ghetto ziisainnieiigesdmiinpfleii Sinns für Well und Farbe, für Natur und Schönheit, aber auch zur e'gencn Fiiriitg-b 11g 11 id eigenen Aiisdritcksktiltur bekennen, hatten kein ehrwürdigeres Haupt, zu dem wir e1u|10rsehaue11 komik'ii, 1111 Jahrhundert der jüdischen Welllieh• keil gab und gibt cs bei uns keinen gröberen zugleich jüdischen mul europäischen Künstler, und sicher keinen ebenbürtigen Wortkiinstlcr. Demi unsere Urgroßväter, vor und teilweise zur Zeit Men• deles, waren kaum Künstler, selbst als sie bereits von Kunst sprachen und träumten. Unsere lite.arischen und künstlerischen Väter und deren N;c'1folge! aber stellen alle in seinem Schatten, Wenn jemand unter den Zeitgenossen an die Größe Mendeles heranreicht oder sie übertrifft, so ist cs hur, weil, wie Binlik sagt, .,Mendele und ein Mehr mehr als Mendele ist“. Ein Zeitgenosse Mapus, überlebte Men.lc'e die ganze Hamldsepoclie,um erst als Bejahrter das zu werden, was ihn wahrhaft!unsterblich macht: Klassiker der neuen jüdischen Wortkunst. Er war der erste, der den seidenen Faden genialer jüdisch ■!׳ Erzählungskunsl, der «eit Jahrtausenden vernachkissigt d,11:1g, weiterspann. Er war der erste, der weder alles Hebräisch unorganisch übernahm, noch neues Hebräisch künstlich!!erstellte, sondern ein A 1 tn c ulieb rä iscli schuf, das zum Wahrzeichen unserer jungen Literatur und aufstrebenden Kultur ward. Er war auch der erste, der den vom Volk gesprochenen ״Jargon“ zu Meisterwerken verweildete, der die jidische Literatur aus dein Nichts erschuf, Fs gelang ihm, weil er der erste war, der, mit entsprechendem Können nusgestattet, mitten durch das jüdische Leben von anno dazumal einen Quer schnitt legte. Nicht auf der Linie des Vätermul Sölmekampfcs sollte das damalige Ghetto literarieh bewältigt werden, wie cs alle, int i’sncu au.11 der jung!־ Abj.m1.nvit/, künstle risch eriolgl >s versuchten. Sondern das Gcsamtlib. ii soll:« ers.11’ >s* scii, das Mcnsdi'iclie im Juden blollgclcgt wer.!ca. Gleich den Maskilin mul den nailif.׳Igendcn N to naljtiden *las abgesonderte well fremde Wesen des Ghetto veiiieinen.l, empfand c doch da׳ Bildba'tc und Schildernswcrtc jener guten allen Zeit. Und da er so tief in jener Welt verankert war wie keiner nach ihm, so war er in seinen Werken und persönlich die lebendige Verkörperung der zwei Welten, deren eine nur noch in Trümmern vorhanden ist, deren andere erst als Baugerüst dastcht. Wie eine hohe Zeder stand Meinlek dazwischen, sowohl die Trümmer als das Gerüst überragend, und als die Enkel Rückblick und Aus chaii suchten, so fanden sie beides vom Gipfel dieser Zider :ms. Nun ist sie gefällt. Njjn gibt es niemanden in ganz Israel, der so plastisch Bescheid erteilen kann, wenn man danach fragt, wie unsere llreltcru vor einem Jahrhundert als Juden und als Menschen lebten. Kaum gibt cs jemanden in ganz Israel, der so nulorilativ entscheiden darf; das ist Hebräisch, das ist Baibarisiiius. Wenn cs einen gibt, so ist er bei Mendele in die Soli ule gegangen. Unsere junge literatur isl zw trnuern gewöhnt. Allein i in Kriege verlor sie solche unersetzliche Größen wie Perez und Schalom-Alejchem, beide viel jünger als Mendele. In seiner nächsten Nähe sali Mendele den Tod van Lewinski, dem u!jüdischen Feiiiiletonisten, von LiÜenbiuin, dem größten Maskil und extremsten Zionisten in einer Person, und von Jeliuda Steinberg, dem Novellisten des Chassidismiis — alle jünger als Mendele. Und. bei jedem dieser Verluste war das Herz beklommen beim Anblick eines Großvaters, der seine eigenen Kinder überlebt und sie zusammen mit den Enkeln beweint. Jetzt stehen sie, die Enkel, verwaist und beweinen auch den Großvater. Die Enkel das sind alle, die hebräische Buchstaben lesen und sch reihen. Weniger alsvjedcr andere jüdische Schrift-Teller war Mendele Parteimann. Nie begriff er, um was es sich eigentlich heim Spraclicnstrcit handelt. AU man ihn auf die extremen Anlihebi'aislen aufmerksam machte', wollte er nicht glauben, daß cs solche Anschauungen im Judentum gibt, wie ein alter . naivfroimncr Rahhiner nicht jjlaubl, daß ein Jude wirklich am Sab• batli raucht. Dem Zions.ntis diente er d.ircli seine iniusteihafte UcbcTsetmng der Pinskcrschcn ״Autoeiiiamipalion!“ Ansonsten hielt er viel von Herzt, nicht aber von seinen siiclrussiseheii Gegnern im Zionismus; (cr war intimer Freund sowohl von Achad-Hanm als von Duhnow. Das jüdische Volk in seinen breiten Massen mul seinen geistigen Führern empfand Mendele als Besitz der gesamten Nation und zollte ihm ungeteilte Verehrung. Als er 1‘HO den jüdischen Rayon als Triunipliator durcluog, wurde er gefeiert sowohl von Hcbraistcnvcreincn als von Arbcitergewcrkschaften, er, der Litauer, der Wolhynien entdeckt hatte, der Satiriker und Apologet, der Europäer, der die Jndenstailt im Altncuhcbräischcii verewigle, der die Gegensätze in der Kunst synthetisch verband. S. J. Abramovvitz ist tot. Mendele Mocher Sforim lebt. B. Krupnick. Georg Brandes und der Zionismus 111 Kopenhagen sprach Georg Brandes anläßlich eines Banketts der Pnmnnrktoge am 10, De- /eiiihef mit Begeisterung für die Errichtung eines jüdiseh-nntioitaleu kulturellen Zentrums in Palästina. Brauilcs erzählte, dall Theodor Herz! vor 20 Jahren versucht hatte, ihn für den Zionismus zu interessieren, daII er aber damals infolge unzureichender Kenntnis der I.age der grollen jüdischen Massen den zionistisehen Gedanken als nicht hinrcielieiKl fundiert hetrachtet habe. Jetzt dagegen, begrüße er die Mögliehkeit der Schaffung einer nationalen .Heimstätte für das jüdische Volk mit Freude. Er erklärte, daß er dieses als einen der wenigen Lichtpunkte diescs Krieges halte, und daß er nicht bezweifle, daß das jüdisdie Volk, wenn es autonom in seiner alten Heimat leben würde, sieb wieder zu einer Kulturm.icht entwickeln werde. Zum Palüstlnaproblcm Neue Protest Immen Die Behandlung der Palästiiiafrage in der deutschen Presse nimmt ihren tunuiterbrochenen Fortgang. Die Be- M׳f/u11g Jerusalems durch die Ihigldiidcr hat das Interesse tiir das Paliistiiiaprobk'in neu belebt. Die gesamte Presse stimmt darin überein, daß die politische Seite dieses Ereignisses die größte Aufmerksamkeit verlangt. IU׳i der Besprechung der politischen Bedeutung des Fal- 11■.-• von Jerusalem ergreifen viele Zeitungen die Gelegenlu-it, /u der llrkliinnig Ballours mul /um Zionismus selbst Stellung zu nclmicn. So bespricht die in Berlin, erscheinende Halbmoiiatsschrift für das politische, wirtschaftliche und geistige Leben im gesamten Osten ״Der Neue Grient“ vom 8. Dezember in ihrer politischeu Rundschau unter der Uchcrselirift ״Hie Syrer und d e 1׳ J1111 e 11 s t a 111“ die Palästiiiafrage, wobei anerkannt wird, dall die gegenwärtige I.age in Palästina die /ionisliselien Bestrebungen wieder in den Vordergruml gerückt hat. Die Zeitschrift glaubt, daß cs noch zu früh ״zum Hissen dieses neuen Banners“ sei und dall ״hei der geplanten Errichtung des Jmlenslaats (in iiinnciier IJc/ielimig) die t Reelimmg ohne den Wirt gemacht wurde,“ Die ״I)ent sehe l. c vu 111c/.ei111 ng“ bespricht die Erklärung der englischen Regierung in einem Leitarlikel ״Palästina“ in ihrer Nummer vom I. De- /ember. Der Arlikel befaßt sich Sinter anderem mit der Haltung der Zionisten zur englischen Regierung sowie der Stellung der Türkei zum Zionismus. ״Ohne Zweifel", sagt die Zeitschrift, ״hat das jüdische Koloni- $,ilionswerk in Palästina mit großen .Schwierigkeiten zu kämpfen, deren größte Anzahl zu beseitigen in der Macht der Landesregierung läge.“ Bezüglich der englisehen Pnläsliiiapliinc fordert der Aufsatz, daß ״nichts unversucht ,bleiben darf, die Möglichkeit englischer Machenschaften ln Palästina auszuschalten, Warm« »Ute man den Juden die Erfüllung eines durch eine alte Verheißung durch Jahrtausende genährten Traumes nicht gönnen? Es kann aber nur soweit geschehen, als daliirrcli nieht Lebensinteressen der Türkei ׳und damit der Mittelmächte zu Schaden kommen können.“ Sehr beachtenswert sind die Ausführungen einer Zuschrift, die der ״Fränkische Kurier" vom 13. November unter der Uchcrselirift ״Die jüdisehe Kolonisation in Pa t äst in a“ veröffentlicht. Nach einer kurzen Würdigung des jüdischen Koloni«atio118wcrkes m Palästina wird konstatiert, daß ״die Staatsmänner der Entente die Bedeutung der zionistischen Bestrebungen richtig erkannt und ihre Folgerungen daraus gezogen haben.“ Der Darstellung des Lutenteplaues, ״in Palästina einen jüdischen Staat unter internationaler Garantie zu errichten“, folgt die dringende Aufforderung, ״dal! auch in Deutschland die weltpolitische Bedeutung der zionistischen Frage rechtzeitig erkannt wird" Am Schluß des Artikels heißt es: ״Es wäre bedauerlich, wenn D, utsehl.ind die innc« reu Kräfte der vor allem n-, Amerika und Rußland immer mehr an Bedeutung gcwimicmlcii zionistischen Bewegung unterschätzte mul England dadurch wieder einulal mühelos moralische I roiurimgcn m.ieiun könnte.“ Eine ähnliche Stellung ■;imint die Berliner ״Welt am Mo 11 tag" vom 10 Dezember ein, die der Kundgcbimg der englischen Regierung, ״die sich ohne Vorbehalt und Umschweife für die Herstellung eines jüdisrhni Gemeinwesens in Palästina ausspriclit“, die größte Bedeutung zuspricht. ״TürkischeStaatsmänner", heißt e« liier, ״haben ihre Sympathie für den Plan schon früher ausgedriiekt. Die Regierungen Deutschlands und Oesterrcieli-Ung.irns täten wollt daran, mit ihrer Zustimmung nicht noch länger zu zögern. Die intcrnatioialc Bedciitmig dieses Problems bedarf Keiner Erörterung“ Einen über,׳ms interessanten Aufsatz widmet Siegimmd F c I d nt a n 11 in der ״Vossisclte n 7 0tu 11g“ vom 12. Dezember unter dem Titel ״Royal Israel“ den für die Juden so verheißungsvollen Erclgnisscn der letzten Zeit. Feldman» bekennt, daß er die Bedeutung von Herzls ״jmlenst1.it'‘ in den Tagen seines Erscheinens unterschätzt linbc ״Al:; ich ihm (Merzt) damals in Paris mit einer ich gestehe es reuig — unwürdigen Geste des Spo'tes, die er dein Freunde nie ganz verziehen hat, die Aushängebogen seines Buches zurückgab, schien cs mir unmöglich, daö seine Utopie jemals ihren Grundriß auf den grünen Tisch der Diplomaten cin/eichnen würde. Er bat recht behalten und sein Erfolg hat mich wiederum belehrt, daß die erste Phase des Möglichen das Unmögliche und daß die Vision die Mutter aller geschichtlichen Wirklichkeiten ist,“ Fcktmaun berichtet dann, dall diese ״Vision" sich schon vor anderthalb Jahrhundcrten beinahe verwirklicht hätte. Aus den zuerst 1785 gesammelten Reisebriefen des preußischen Hauptmanns J. W. v. Archenliolz gehe hervor, daß im Jahre 1770 einige deutsche Offi/icre mit den Livorncr Juden ein Abkommen getroffen hatten, dem damaligen Eroberer Jerusalems Ali Bcy einen gewissen Preis dafür an/ubietcii, daß er die •Stadt ״der jüdischen Nation überlasse." Der Aufsatz I ehlntaims zeigt ein «׳armes Verständnis für die Bedeutung des Zionismus für die Juden und die . Tatsache, daß Ahasver ״ein Wort vernommen hat, das ihm Erlösung und Rast^ Frieden tun! Heimat bedeutet Jerusalem!“ Die Besetzung Jerusalems nimmt auch die ״Oer« 111 an in“ zum Anlaß, ihre früher geäußerten Befilrchtungeii zii wiederholen, daß eine starke jüdische Einwanderung nach Priliistina und die dadurch bedingte politische und bürgerliche Vormachtstellung der Juden den religiösen Interessen der christlichen Völker Abbruch tun könnte. Die ״Germanin“ hc/.wcifeit aber nicht, daß ״der Zionismus in der sogenannten grollen Presse mächtige Befürworter finden" wird. Noch eine Reihe anderer deutscher Tageszeitungen befaßt sich anläßlich der Bekanntgabe der Besetzung der heiligen Slndt mit den zionistischen Problemen, Der rote ״Tag“ spricht In einem Aufsatz ״Jcrusa- Inn in politischer und militärischer Hin sicht" von den Strömungen in Amerika und England, ״Jerusalem, falls es den englischen Waffen gelingen sollte, Palästina zu erobern Und zu behaupten, zur Hauptstadt eines ״Ncu/ionistischcn Reiches“ unter amerikanisch-englischer Oberaufsicht zu machen.' Er sieht hinter dieser Absicht den politischen Qrunl, ״an der Stelle des Verkehrs /wischen ,Europa, Afrika und Asien einen festen Sitz englisch-amerikanischer Macht zu schaffen.“ Auch de ״Mü 11 chcn-Augsburgcr Abendzeitung“ vom 12. Dezember, die , Kül* nlschc Volkszeit uiir“ und die Bremer ״Weser- Zeitung“ vom 11. Dezember berühren den Plan der Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina. Letztere bring* unter der Aufschrift ״Was geschieht mit Palästina?“ den Aufsatz eines Kenners Palistiiias, der die Sympathieerklärungcn der englischen Regterung für den Zionismus einen ״diplomatischen Schachzug-von unleugbarer Schlauheit“ nennt. Die schlesische ״V 01 ks wacht“ berichtet ihren Lesern unter dein Titel ״Das Reich Israel“ ebenfalls über die zionisti-