Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1917)
- Date
- 1917-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vf .V i k ן i r i 1 \ I f \ : i* k '• \ t ון li / /) /'} Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, Slkl.sisdie StraCe 8. Erscheint wäaientl. am Freitag, Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern ricrtaljanrl. Mk• 2,75 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn K r, 5,— im Ausland Mk. 4,*־״ Nummer 47 Berlin, den 23. November 1917 J ך• ״׳״־ ר־־* Telephon: Am' ,'!!land 8׳iS. 846, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392, Für Oesterreich! K. I*. Postr,pan1«3׳cnr.mt Sche&konto Nr, 1S6030. Anzeigen die sedugespaltea• Petit•• siilo oder deren Raum 40 Pf. Teuerungszuschlag 15°/״. RedaktionttcIduB Dienstag nachou XXII. Iahr״an2 Die Erklärung der englischen Regierung Die in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau" veröffentlichte Erklärung der englischen Regierung für den Zionismus hat überall das größte Aufsehen hervorgerufen. Dali die Zionisten in allen Ländern höchste Befriedigung über diese amt* liehe Anerkennung ihrer Bestrebungen durch eine Großmacht empfinden, ist nur natürlich. Auch die!Tagespreise hat überall von der Erklärung der eng* lischcn Regierung Notiz genommen und es liegen bereits aus dem neutralen Ausland zahlreiche Presse* äußcruiigcu vor, die fast durchweg ־/ustimmend ge>* halten sind. Es kann ja auch nicht dein geringsten Zweifel unterliegen, daß dieser Schritt der englischen Rejgicrnng ein Ereignis von sehr großer Tragweite ist, ן dessen Wirkungen sich in der Zukunft sowohl für die Geschichte des jüdischen Volkes wie auch darüber hinaus für das gesamte künftige politische Weltbild als sehr bedeutsam herausstellen werden. Es wäre daher töricht und kleinlich, wollte man diesen Vorgang aus irgendwelchen Motiven — sei cs aus Abneigung gegen den Zionismus, sei cs aus politischen Rücksichten des Augenblicks — herabsetzen oder wollte man an dem 'Ernst der englischen Zusicherung zweifeln. Gerade weil die militärischen •Vorgänge klar erweisen, daß England gewillt ist, seine Herrschaft über das Gebiet Palästinas atis/ustrecken, darf die englische Zusicherung nicht als ein Bluff betrachtet werden. Denn wenn es Eng-!and gelingen sollte, Palästina zu besetzen, so würde es unmittelbar genötigt sein, die Versprechungen einzulösen, die es in seiner Erklärung gegeben hat. Die englische Regierung würde sich nicht dem Sturm «Ut Entrüstung aussetzen, der sicherlich ‘überall hervorbrechen würde, wenn eine solche leierliehe Zusage nicht eingehalten werden sollte. Es. muß daher in allen ernsten jüdischen Krei* seil innerhalb und außerhalb Deutschlands wirkliehe Befriedigung erwecken, daß England sich in so klarer mul unzweideutiger Welse zur Auerkenmiiig der jüdischen Ansprüche in Palästina entschlossen hat. Von nun au ist kein Jude und kein Nichtjude mehr berechtigt, zu behaupten, daß dci Zionismus politisch nicht ernst genommen ,werden •dürfe; von nun an hat auch keine Jude — und sei er der schärfste Gegner der zionistischen Bc- Wogung — die Möglichkeit, einen Gegensatz zwischeu dem Bekenntnis zum Zionismus und der staatsbürgerlichen Verpflichtung der Juden zu 'konstruieren. Demi ausdrücklich wird in der engfischen Regierungserklärung festgesteltt, daß die Erfüllung des Zionismus nicht im geringsten au die Rechte und die politische Stellung der Juden in l 'gend einem Lande rühren solle, und die englisdic Regierung erklärt damit nach ihrer eigenen Ansicht die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pfliditon mit der Verwirklichung des Baseler Programms . für durchaus vereinbar. ,Wir wollen hoffen, daß die Juden selbst aus dieser Erklärung eine Lehre ziehen werden und nicht, wie dies leider bisher so häufig der Fall war, in blinder Ghetto-Augst vor dem Zionismus zurücksdircckcn, weil sic durch ihn ihre Stellung als Staatsbürger für gefährdet hielten. Gibt so die moralische und politische Wiirdigung des Zionismus durch eine Großmacht einem jeden Juden das Gefühl der Befriedigung und,sdieiden überlebte Zweitel und Bedenken nunmehr ans, so bleibt doch noch die Frage zu beantworten, wie der Schritt der englischen Regierung vom rein po- Jiiisclicn Standpunkt aufzufassen ist und welche Hai- •tung insbesondere das deutsche Judentum angesidits dieser Erklärung einnelinicn soll. Seit längerer Zeit sind zwischen den Entente- Staaten Verhandlungen über die Palästinafrngc geführt worden und cs ist kein Zweifel darüber mög- Udi, daß die Zustimmung der mit England verbündeten Mädite zu den zionistisdien Wünschen vorliegt, da anderenfalls England eine soldie Erklärung nicht abgegeben haben würde. Insbesondere dürfte die aitierikanisdic Regierung bereit sein, sich nach« drücklidi für die Erfüllung der jüdischen Wünsche ciimiset/en. Aber ebenso wie in dem Text der Erklärung selbst, so ist audi in diesen Verband- Jungen die Frage der staatsrechtlidicn Zugehörig- ״Der Ztoaloxmis cvJ.'ebi fäv tl'.s 1ch3 Velii die Schaffung einer CM-mifc-i-rcchlgsh 'catcharfca HcimsiSfle In Pa!״s*«na." Df.aclcr Programm• keit Palästinas nicht geklärt worden. Wir Wiesen sclion in unserem Leitartikel in der vorigen Nummer dieses Blattes darauf hin, daß die staatsreditlidie Zugehörigkeit des nach wie vor zur Türkei gehörigen Gebietes nur auf der Friedenskonferenz endgültig bestimmt werden kann. Wir sagten auch bereits, daß es im Wesen der zionistisdien Bewegung liege, bei einer Diskussion über diese Machifrage in keiner Weise für oder gegen die eine oder andere Lösung Stellung zu nehmen. Eines aber stellt für uns fest und soll audi heute mit Nadidruck betont werden: eben weil der Zionisimis sich nidit in das Rädergetriebe der Großmachtpolitik begeben will, ist er zur strengsten Loyalität gegenüber der Macht verpflichtet, welche Palästina belierrsdit. Und so sehr wir überzeugt sind, daß England, wenn Palästina ihm gehören würde, sein Versprechen, das cs dem jüdischen Volk gegeben hat, cinhaltcn wird und daß die Juden unter englisdicr Oberhoheit keinen Grund zur Klage haben, sondern sidierlich frei und ungehindert ihr Kolonisationswcrk in Palästina ent* wickeln würden ־— ebenso müssen wir nadidrück• lieh darauf hin weisen, daß es unverändert die Aufgäbe der zionistischen Politik sein muß, die Zu- .Stimmung der Türkei und der Zentralmächte zur Verwirklichung des Zionismus zu erlange״. Denn nach wie vor ist Palästina türkisches Gebiet und die sidi überstürzenden Ereignisse des Weltkrieges können uns nicht von der politischen Linie, abdrängen, die wir seit dem ersten Kongreß eingeh.dien haben: unsere Wünsche und unsere T,ätigkeit so dn/iistclieil, daß sie im Rahmen des türkischen Reiehsverbaiules erfüllbar sind. Wir freuen uns der cugli.schcn Regierungserklärung, deren Bedeutung wir für außerordentlich groß halten, und wir hoffen im Sinne der von uns immer befolgten Politik, daß der Inhalt dieser Erklärung die Billigung und Zustimmung sämtlicher Mächte, insbesondere audi der Türkei finden ,wird. Wer das deutsche Judentum kennt, weiß freilieh, daß der Schritt der englischen Regierung für manche deutsche Juden Veranlassung zu abfälliger Kritik sein wird. Diese Kreise möchten wir nachdiiicklidi darauf hiinvciscn, daß cs nicht nur, wie wir sclion sagten, töricht und kleinlich wäre, die Bedeutung der Erklärung jiernb/nseizen, sondern daß es auch politisch gesprochen gerade vom Standpunkt des deutschen Judentums außerordentlich verfehlt wäre, wenn die deutschen Juden sich in erheblicher Zahl im jetzigen Zeitpunkt ablehnend oder feindselig zum Zionismus verhalten sollten. Die Folge könnte nur sein, daß das deutsche Juden* tun! sieh selbst von der Teilnahme an dem künf־ tigen Kolonisationswcrk in Palästina aussclialiet. Aber auch die Stellung der Regierungen der Zentralmiiehte würde in dieser Frage schwierig werden, wenn die Juden der Zenlralmäcltte den Fehler begehen wollten, aus Abneigung gegen den Zionis- 11 ms oder gegen eine von England ausgehende Förderung des Zionismus sich teilnahmslos im Hintergründe zu halten oder gar aktiv gegen den Zionismus auf zutret cn. Es ist bei dem jetzigen Stadium der Angelegenheit!:ein Zweifel mehr dar* über, daß die jüdische Palästina-Forderung vor dem Rat der Großmächte geprüft und entschieden Werden wird. Die Regierungen der Zentral!«ächte würden dabei in eine äußerst schwierige Lage kommen, wenn sie erklären müßten, daß ihre eigenen jiidisdicn Bürger sich 211111 großen Teil dem Zionismus widcrsetzcu. Dies würde zur Folge haben, daß die jüdische Forderung einseitig nur von den Vertretern der Entente unterstützt wird, daß das Judentum in zwei Lager zerrissen wird, die sich heftig befehden und daß Bei der Verwirklichung des Zionismus, die ja unter allen Uimstümlai ,kommen wird, die Zentralmächte, gelähmt durch die Haltung ihrer Judciisdiaften, nicht in der Weise mitwirken könnten, wie dies ihrem eigenen weltpolitischen Interesse entsprechen Wurde. Man muß daher den den Indien Juden, Ule bisher wenig gewöhnt waren, eich diese politischen Zusammenlüüige klarzumachen, in diesem ernsten Augenblick die Mahnung zurufen, nicht kleiner zu sein, als die Zeit es verlangt. Sonst werden die Räder der jüdischen Geschichte über diesen Teil der Judenlieit hinweg gehen, er wird seinen bisher stets festgehaltenen Einfluß im internationalen Judentum verlieren und er wird der eigenen Regierung und den Regierungen der mit Deutschland verbündeten Staaten einen sehr schlechten Dienst erwiesen haben. Eine ähnliche Meinung möchte man gegenvviirtig an die Vertreter der öffentlichen Meinung In den Zenlralinäcliten richten. Es ist nicht klug, wenn einige deutsche Zeitungen von der englischen Erklärung überhaupt keine Notiz nehmen, wie dies z. ü. das ״Berliner Tageblatt" tut, oder wenn sie diese Erklärung mit hämischen Randbemerkungea begleiten. Daß die Erklärung ernst gemeint ist, kann ja keinem Zweifel unterliegen und politische Einsicht müßte die Leiter der deutsehen Presse und alle anderen Stimmführer der deutschen ()Öffentlichkeit veranlassen, zu dem nicht mehr zu umgehenden Palästina-Problem in einer Weise Stellung zu nehmen, die der Wichtigkeit der Angelegenheit entspricht. Es ist von Seiten der Zionistisdien Organisation seit Jahren alles getan worden, um gerade in Deutschland und den mit Deutschland verbündeten Ländern das Interesse für den Zionismus Wachzurufen. Die Regierungen der Zcntralinädite sind über die Frage unter- . riditet worden. Sie müssen heute wissen, daß hinter dein Zionismus die gewaltige Mehrheit des Judentums steht, daß das Kolonisationswerk künf* tig mit sehr großen Mitteln wird fortgeführt werden können und die nunmehr erfolgte Stellungnähme der Entente unter Führung Englands muß die Bedeutung der Bewegung, ihre Macht und Ihre Anhängerschaft noch erheblich vermehren. Bei dieser Sachlage muß jeder deutsche Jude dringend wünschen, daß audi die deutsche Regierung und die deutsche Presse und ebenso die Regierungen und Presse der mit Deutschland verbündeten Länder sich für die Erfüllung der jüdischen Palästina- Forderungen rasch und entschlossen, offen und nachdrücklich einsetzen. Geschieht dies nicht, so wird etwas für die Mittelmächte sehr Wichtiges ver» säumt. Es würden Sympathien verloren gehen, die zu gewinnen doch nidit eine allzuschwere und gewill lohnende Aufgabe darstcllt, und die jiidisdicn Bestrebungen könnten dadurch einer! einseitigen Charakter erhalten, der ihrem tiefsten .Wesen fremd ist. Denn die Logik der Tatsachen wird sich in diesem Falle als zwingend erweisen. Herrscht auf einer Seite Verständnis, Entgegenkommen, gppßzügige Förderung des Zionismus, auf der anderen Seite aber Unverständnis, Mißtrauen, kleinliche Behindcrung, so wird das Judentum zu einer Wahl gedrängt, die cs nidit wünsdien kann. Die Zio-p. nistisdic Organisation hat in diesen schweren Zeiten eine zielbewußte und unzweideutige Politik getrieben. Sic hat alle Großmächte ,und in erster Linie die Türkei von dem Wert der zionistisdien Bestrebungen zu überzeugen gesucht. Die Regierangen Englands und seiner Verbündeten treten für.den Zionismus ein. Für die Zentralmächte ist jetzt die Zeit des offenen Wortes und der Tat gekommen. Die Juden Deutschlands und seiner Verbündeten sollten das Gebot der Stunde erkennen und ihren Regierungen dieses Wort und diese Tat erleiditcrn. » Nachstehend geben wir nochmals den genauen Text der Erklärung In englischer Sprache nebst Uebcrsetzung, die gegenüber der« zuerst veröffentlichten Text geringe Abweichungen zeigt. Foreign Office November 2nd. 1917. My dcar Lord Rothschild, 1 have nitich plcasurc in convcying to you, on bchalf of H. M. Government, the following dcclaration of sympathy witli Jcwisli Zionist asphations wliidi ha* bcen submitted to and approved by the Cabinct: H. M. Government view with favour the cstablishment in Palcstine of a national home for the Jcwish people, and will usc their best ciidcavour* to facilltäte the acliicvcment of tliis object, it being clcarly understood that nothing sliall be donc wiiich may prejudicc the civil and rcligious rights of existing non- Jcwish comniuniiie• ln Palcstine, or the right* and ־